Bruchsaler Bruchstück

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Längst schon platzt es aus allen Nähten und wird den Anforderungen des stets wachsenden Mittelzentrums nicht mehr gerecht. Anbauten, jüngst erstellt im ehemaligen Hof des Anwesens, brachten temporäre Erleichterung, konnten aber die Situation nicht nachhaltig verbessern, und so ist man seit geraumer Zeit auf der Suche nach Alternativen um die immer weiter zunehmenden Aufgaben auch künftig erfüllen zu können. Die Rede ist von Bruchsals Freiwilliger Feuerwehr und ihrem Domizil, das nach dem 2. Weltkrieg strategisch zunächst durchaus sinnvoll mitten in der Stadt angesiedelt wurde und seither den Fuhrpark, die Technik und Einsatzräume der Kernstadt-Wehr beherbergt aber eben zunehmend eng wird. Konkrete Pläne zu einem Umzug der Bruchsaler Feuerwehr aus der Innenstadt soll es wohl noch nicht geben, man hört jedoch von Überlegungen in Richtung einer Zusammenlegung mit der SEW-Werksfeuerwehr. Alles ist wohl noch nicht ganz ausgegoren. Eines jedoch scheint sicher: Das bisherige Feuerwehrhaus in der Friedrichstraße wird früher oder später vakant – eine Umwidmung des Geländes ist nicht ausgeschlossen.

Zeit für einen Blick in die Zukunft und – mit der Vergangenheit im Marschgepäck – für ein paar vorsichtige Gedanken darüber, was mit diesem Gelände passieren könnte oder sollte. Damit früh zu beginnen ist ganz sicher kein Fehler, denn mit seiner zentralen Lage hat das Anwesen einen beträchtlichen Wert und dürfte damit leicht Begehrlichkeiten an der einen oder anderen Stelle wecken.

Wertvoll ist das Feuerwehrhaus mindestens in zweierlei Hinsicht: Nach 1945 erbaut stellen seine Bauten zwar an sich eher keine Kostbarkeiten dar und es ist fraglich, ob man sie auf lange Sicht erhalten wird. Anders sieht es mit dem Grundstück selbst aus, das angesichts seiner Größe und der zentralen Lage zwischen Post und Marktplatz bei Investoren leicht zu leuchtenden Augen führen dürfte.

Bruchsal_SynagogeAbseits des monetären Wert der Immobilie lohnt es sich jedoch durchaus einen Blick auf die Historie des Ortes zu richten. Zwischen 1880 und 1881 wurde auf dem Gelände der ursprünglichen, im Laufe des 19. Jahrhunderts angesichts der wachsenden jüdischen Gemeinde zu klein gewordenen, Synagoge von 1802, eine neue Synagoge durch die Bruchsaler jüdische Gemeinde erbaut. Eine Synagoge im Stil der Neorenaissance, die noch in den zwanziger Jahren innen von dem Bruchsaler Künstler Leo Kahn ausgemalt wurde, ehe sie während der Novemberprogrome 1938 von den Nazis und deren Bruchsaler Handlangern zerstört wurde[1]. Neben Fotografien ist lediglich ein Säulenfragment erhalten, das später auf den jüdischen Verbandsfriedhof auf dem Eichelberg ausgelagert wurde.

Dass just hier, auf dem Gelände der Bruchsaler Synagoge in der Friedrichstraße 78, nach dem Krieg ein Feuerwehrhaus (sic!) geplant und gebaut wurde, ist indes an Zynismus kaum zu überbieten, wenn man weiß, dass in Bruchsal wie auch andernorts gerade die Feuerwehr eine mehr als unrühmliche Rolle in der Reichspogromnacht spielte, als sie den Bränden nach Augenzeugenberichten zusah statt einzugreifen. Alles in allem dürfte eine solche pikante Konstellation – Feuerwehrhaus auf dem Gelände einer niedergebrannten Synagoge – deutschlandweit wohl einzigartig sein.Im Vergleich hierzu ist sogar die in den Siebzigern direkt neben dem oben erwähnten jüdischen Verbandsfriedhof errichtete Standortschießanlage der Bundeswehr höchstens ein zweitrangiger Lapsus.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWährend neben peinlichem Berührtsein lediglich Staunen bleibt ob der völlig fehlenden Sensibilität der seinerzeit Planenden, sollte man jetzt bezüglich einer möglichen Nachnutzung klüger sein und keinesfalls die Fehler der Vergangenheit wiederholen, indem man an einem solchen historisch sensiblen Ort gewissermaßen einfach zur Tagesordnung übergeht und eine wie auch immer geartete kommerzielle Nutzung z.B. in Form einer Wohnbebauung zulässt. Um hier gleich vorzubauen: Auch die allfälligen Gedenktafeln oder ein Denkmal wie im Bürgerpark (Gedenksteine an die Opfer von Kriegen, Terror und Gewalt) als wohlgefällige alternative Minimallösung könnten einen solchen Fehler nicht wettmachen. Jede profane, auf Gewinn ausgerichtete Bebauung wäre an diesem Ort pietätslos und nichts anderes als ein weiterer Versuch, just hier geschehenes Unrecht im wahrsten Sinne des Wortes einfach zuzudecken und damit das Andenken daran auszulöschen. Vielmehr sollte dies ein Ort werden, der allen zugänglich ist, der Begegnungen zulässt, der zum Nachdenken anregt. Ein Teil hiervon könnte das alte Bruchstück der Synagoge sein, das auf dem Eichelberg im Exil lagert. Hierher an seinen Ursprung sollte es zurückkehren und seinen neuen alten Platz finden.

Dr. Jochen Wolf
Rolf Schmitt
Christian Kretz

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Synagoge_%28Bruchsal%29

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5 Responses to Bruchsaler Bruchstück

  1. Schnappschuetze sagt:

    Vielleicht noch etwas früh, aber mit konkreten Vorschlägen wird das ganze greifbarer. Auch andere Städte haben an vergleichbaren Stellen Gedenkstätten eingerichtet: http://www.garten-des-gedenkens.de/

  2. Saalbachblick sagt:

    Na ja Schnappschütze, “etwas früh” ist gut… Wer die Verhältnisse in Bruchsal etwas besser kennt, der weiß, dass gerade im Immobilienbereich in dieser Stadt immer wieder “gemauschelt” wurde, insoweit finde ich den Vorstoß der Herausgeber gut, die Sache mal an die Öffentlichkeit zu bringen. Es sollte eigentlich im Interess von uns Bürgern sein, dass man an dieser Stelle nicht einfach wieder alles zugunsten der Investorenrendite zubaut.

  3. Schnappschuetze sagt:

    “(…) die Versteigerung einer historischen Stätte an einen Privatinvestor ist kein gewöhnlicher Vorgang; nichts, was historisches Erbe betrifft, kann ein gewöhnlicher Vorgang sein. Es ist eine grundsätzliche, unumkehrbare Entscheidung darüber, was bewahrt werden muss, und diese Entscheidung darf nicht in den Händen eines privaten Investors liegen.”

    Artikel “Was geht uns ein Bahnhaus in Polen an?”, ZEIT ONLINE, 11.06.2015, http://www.zeit.de/politik/2015-06/vernichtungslager-belzec-versteigerung-kommandantensitz-absage

  4. Emigrant sagt:

    Dieses Grundstück darf nicht ohne Berücksichtigung seiner Geschichte neu bebaut bzw. genutzt werden!
    Man könnte sich im ersten Schritt an der Nutzung von Synagogen orientieren: Ein Ort der Zusammenkunft, der Religionsausübung und der Bildung.

    Lässt sich darüber nichts für Bruchsal Notwendiges identifizieren, wäre für mich aber auch das Schaffen von bezahlbarem(!) Wohnraum, z.B. durch eine sozial orientierte Wohnungsbaugesellschaft, nicht anstößig.

    Nicht dazu gehört das Verhökern an einen Spekulaten mit guten Beziehungen, der dann den maximalen Gewinn abschöpft. Aber so etwas würde in Bruchsal niemals passieren, oder?

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