“Zalando-Mentalität”

BRUCHSAL.ORG

Für einen Aufreger sorgt eine Veröffentlichung des NAV-Virchow-Bundes, der für sich in Anspruch nimmmt, der “einzige freie ärztliche Verband [zu sein], der ausschließlich die Interessen aller niederlassungswilligen, niedergelassenen und ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte aller Fachgebiete vertritt”.
Dessen Bundesvorsitzender, Herr Dr. Heinrich, wirft 60% der Patienten eine “Zalando-Mentalität (Ich will alles und zwar sofort)” vor, aus Faulheit oder Bequemlichkeit unnötig die Notaufnahmen der Krankenhäuser zu behelligen. Das seien gar keine Notfälle, die ohne weiteres beim Bereitschaftsdienst der Ärzte versorgt werden könnten.

Was für ein Bereitschaftdienst?

Hab ich nicht schon in den Abendstunden eines Wochentages eine Touristin mit zugeschwollenem Auge aufgelesen, die man im Krankenhaus mit einer veralteten Adresse eines vermeintlich Bereitschaftsdienst leistenden Arztes wieder weggeschickt hat?
Hab ich nicht neulich eine Beschwerde an die KV darüber verfassen müssen, dass man einem Patienten mit einer sehr schmerzhaften Augenerkrankung nicht ausnahmsweise sofort in der nächstgelegenen Praxis hilft?

Trotz meiner Beschwerde steht bis heute noch immer nicht in der Zeitung, wann welcher Arzt Bereitschaftsdienst tut, was zugegebenermaßen aber eine spezielle nordbadische Besonderheit darzustellen scheint.
Noch dazu scheint man sich von diesem Dienst freikaufen zu können, was viele Ärzte dem Bereitschaftsdienst vorziehen.
Die rudimentäre “Hilfe” die man in der Zollhallenstraße bekommen kann, ersetzt keinen vernünftigen Bereitschaftsarzt, sofern man überhaupt die Möglichkeit hat, dorthin zu kommen.

Hat nicht Herr Gröhe, seines Zeichens Gesundheitsminister, den Versicherten eine Terminservicestelle eingerichtet, die in Fällen, in denen beim niedergelassenen Arzt kein zeitnaher Termin für den Patienten gefunden werden kann, die Patienten in Kliniken schicken?
Schicken nicht niedergelassene Ärzte, die einen “Notfallpatienten” nicht behandeln wollen oder können, diesen zur Behandlung in die Klinik? Interessant in diesem Zusammenhang ist ja, dass man als Kassenpatient mit dem Kopf unterm Arm vorsprechen muss, um als Notfall zu gelten, wogegen beim Privaten eine quersitzende Flatulenz allemal ausreicht.

All diese Leute hocken dort stuuuundenlang in miefigen Wartezimmern vor den Notaufnahmen herum. Es soll schon in Fällen, in denen manche die Nerven verloren haben oder Schmerzen nicht mehr ausgehalten haben, zu Schlägereien gekommen sein.

Und diese Leute müssen sich von Herrn Dr. Heinrich als faule Simulanten darstellen lassen!
Mir zeigt es die vollständig fehlende Empathie eines satten Ärztefunktionärs, der offensichtlich jeden Bezug zur Realität verloren zu haben scheint, wie auch die Überheblichkeit, mit der leider viele Ärzte auf den Patienten herabblicken.

Von vielen niedergelassenen Ärzten wird ein Endzeit-Szenario gezeichnet, das landstrichweise ärztlich unversorgte Bürger darstellt. Ein Frauenarzt schreibt dazu unverhohlen, dass er dem Patienten eine Mitschuld daran gibt. Der Arztberuf sei völlig unattraktiv geworden.
Interessant in diesem Zusammenhang: im Sommersemester 2016 für Medizin kamen auf gut 3000 Studienplätze über 19.000 Bewerber.

http://www.nav-virchowbund.de/uebervolle-notaufnahmen-heinrich-kritisiert-zalando-mentalitaet-der-patienten

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