Synagoge – Feuerwehrhaus – Museum? Vom Umgang mit jüdischem Bauerbe

Ansicht

Frau Dr. Kamila Storz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) am Fachgebiet für Baugeschichte. Nach einem Studium der Kunstgeschichte in Breslau und einem Studienaufenthalt an der Universität Heidelberg promovierte sie am KIT über den ostpreußischen Hausbau. Derzeit arbeitet sie neben ihrer Lehrtätigkeit an einem Forschungsprojekt zum jüdischen Bauerbe im ehemaligen Ostpreußen.

Frau Storz, können Sie mehr zu ihrem Forschungsprojekt sagen?

Schon seit längerer Zeit beschäftigt mich die Thematik des jüdischen Bauerbes im deutschen und polnischen Gebiet. Aus diesem Gedanken ist mein derzeitiges Forschungsprojekt erwachsen, das von Wissenschaftlern an der Forschungsstelle Bet Tfila, das ist hebräisch für „Haus des Gebets“, an der TU Braunschweig unterstützt wird.

Könnten Sie die Organisation Bet Tfila in kurzen Worten vorstellen?

Bet Tfila ist die an der Technischen Universität Braunschweig angesiedelte Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa. Dort werden sakrale und säkulare Architekturen jüdischer Gemeinschaften in Europa erfasst, dokumentiert und systematisch erforscht. Bet Tfila wird geleitet von Prof. Alexander von Kienlin und ist, zusammen mit ihrer Zweigstelle an der Hebrew University in Jerusalem, eine der wichtigsten wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit der jüdischen Architektur befassen.


Welchen Bezug haben Sie zu Bruchsal, wie kommt die hiesige Diskussion zum Synagogengelände ans KIT nach Karlsruhe?

kamilaStorz

Dr. Kamila Storz. Foto: Fachgebiet Baugeschichte am KIT

Ich wohne seit einiger Zeit in Bruchsal, dadurch habe ich von der Diskussion gehört. Da mein wissenschaftlicher Schwerpunkt momentan vor allem der Synagogenbau ist, beschäftigt mich das Geschehen und die Debatte um die Bruchsaler Synagoge besonders stark.

Sie bieten im Wintersemester 2018/19 Ihren Masterstudenten das Seminar „Synagoge – Feuerwehrhaus – Museum? Vom Umgang mit jüdischem Bauerbe“ an. Der Schwerpunkt ist hier Bruchsal. Lassen sich heutzutage überhaupt noch Studenten für so ein Thema begeistern?

Im Wintersemester 2017 bot ich am Fachgebiet für Baugeschichte das Seminar „Unauffällig auffallen – Synagogenbau in Deutschland“ an. Die daran teilnehmenden Studenten erhielten von mir damals nicht nur Unterricht zur Synagogenarchitektur. Es wurden den Studenten auch Kenntnisse der jüdischen Kultur und Religion vermittelt, denn ohne diese beiden Faktoren wäre die Architektur nicht zu verstehen. Ich habe mich darüber gefreut, das steigende Interesse der Studenten im Verlaufe des Seminars beobachten zu dürfen. An dieser Stelle mein Dank an diese jungen Menschen für ihre Offenheit und Neugier. Einer dieser Studenten, Moritz Laros, bot sofort an, einen Beispielentwurf für die Diskussionsveranstaltung der Stadt Bruchsal zu fertigen, als er von dem Projekt hörte.

Auch die Wissenschaftler von Bet Tfila oder der Leiter des Fachgebietes Baugeschichte, Professor Johann Josef Böker, zeigen großes Interesse an dem Projekt und wollen das Seminar unterstützen.

Haben Sie eine persönliche Vorstellung, was mit dem Synagogengrundstück geschehen soll?

Es gibt in Baden ein paar kleine Museen in der einen oder anderen Gemeinde sowie einige Gedenkstätten. Es fehlt jedoch eine zentrale Einrichtung, wo die Geschichte der Juden in Baden auf einem vor allem jungen Menschen entsprechenden modernen Niveau erzählt wird. Diese Einrichtung sollte aber nicht explizit das Judentum als Vergangenheit darstellen. Die Geschichte sollte weiter geschrieben werden, die jungen Menschen, Schüler und Studenten, sollen das Judentum verstehen können und eine Chance haben, sich für diese Kultur zu interessieren.

Ansicht

Entwurf: Moritz Laros

Hinsichtlich der gestalterischen Lösung werde ich meinen Studenten beim Entwerfen völlig freie Hand lassen. Ich selbst bin aber davon überzeugt, dass die beste Lösung wäre, das Feuerwehrgebäude als Mahnmal zu erhalten und entsprechend umzugestalten.

In Bruchsal soll unter Einbeziehung der hiesigen Bürger eine Lösung für das Synagogengrundstück gefunden werden. Kennen Sie solche Ansätze auch von anderen Städten? 

In Wiesbaden beispielsweise wurde 2006 auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung ein städtebaulicher Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des früheren Synagogenareals ausgeschrieben. Hier war die Vorgabe, einen würdevollen Ort zum Gedenken an die jüdischen Holocaust-Opfer zu schaffen. In Bruchsal wird jetzt entschieden, ob dies überhaupt ein Ansatz für diese Stadt sein kann. In der Diskussion ist immer noch die kommerzielle Nutzung des Synagogengeländes. Lobenswert ist, dass die Bruchsaler Bürger aufgerufen sind, ihre eigenen Vorstellungen zur Weiternutzung dieses Areals einzubringen. Diese werden später in den Ideenfindungsprozess eingebunden. Durch das, was jetzt entschieden wird, wird in dieser Stadt entweder ein Kapitel für immer geschlossen oder geöffnet. Wir entscheiden darüber, wie unsere Stadt im In- und Ausland wahrgenommen wird und wir entscheiden, welchen Stellenwert unsere Stadt ihrem geschichtlichen Erbe einräumt.

Frau Dr. Storz, vielen Dank für das Gespräch.

 

Aktuelle Veröffentlichung von Dr.-Ing. Kamila Storz:

Der ländliche Hausbau im südlichen Ostpreußen 1871-1945, Peter Lang Verlag, Berlin u.a. 2018. ISBN 978-3631739426

(Dieser Beitrag erschien am 14. Juni 2018 in DER KURIER, Ausgabe Bruchsal)

FacebooktwittermailFacebooktwittermail