Ich bins leid….

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Die Welt könnte so schön sein, wenn nicht ständig irgendwelche negativen Facebook-Nachrichten zu lesen wären. Gerade setzt man sich hin und geniesst z. B. seinen Kaffee, will vielleicht mal kurz mit Freunden im Netz über einen Scherz lachen, Whatsapp-Nachrichten verschicken, schauen wie der KSC gespielt hat – schon steht sie da, die Schreckensnachricht. Ein …..-Individuum ging in einen deutschen Supermarkt, benimmt sich daneben, begeht einen Diebstahl, die Kassiererin wird bespuckt, die hinzugerufene Polizei wird beleidigt, der Täter muss nach 2 Std. wieder laufen gelassen werden – so sieht er aus, der AfD-Aufreger schlechthin. “Ja, liewa Longebrigger, Du kannsch das jo weida gfalle losse, awa in unsam ‘Deitschlond’ gebts sowas net. – So siehts aus – un net onaschd”….

Regionaler Spitzenreiter mit solchen FB-Einträgen – unser Freund Balzer. Ständig kann er sich tierisch über egal was echauffieren, zumindest bringt er sein Publikum damit in Rage. In den letzen 4 Monaten hat sich die Anzahl seiner Follower gar von 400 auf 800 verdoppelt. Hin-und wieder kriegt er eine auf den Deckel, weil er deutsche Diplomaten beleidigt, sich auf die Krim einladen lässt (oder auch nicht) oder wie jüngst über die sogenannte “links-grün-versiffte Frühsexualisierung” an Kindergärten und Schulen auslässt. In einem Artikel, über das Gerichtsurteil, als in Berlin ein Vater, den mit Handschellen gefesselten Vergewaltiger seiner Tochter mit einem Messer angreifen wollte und dann von der Polizei erschossen wurde regten sich sogar einige seine Anhänger auf, weil er indirekt den Polizisten die Schuld daran gab, dass diese doch offensichtlich in diesem Fall den Falschen erschossen hätten. Da hatte er kurz vergessen, dass er ja etliche Staatsdiener zu seinen Fans zählt und deswegen nichts Schlechtes über Polizeibeamte sagen sollte. Im Falle des Falles die letzte Rettung – wenn es eng wird, schreibt Herr Balzer die Texte nicht selbst, sondern beispielsweise sein persönlicher Sekretär. Problem geklärt – Wählerstimmen (zur Not nimmt man auch auch FB-Likes) gewonnen. Die ‘Filzl und Sauerkraut-Fraktion’ lobt sich den “Rainer” – der ist halt noch einer, der durchgreift und sich den Mund nicht verbieten lässt. Mal sehen, wie lange Frechheit bzw. Unverschämtheit noch siegt, denkt man sich da.

Kaum ist der Koalitonsvertrag unter Dach und Fach heisst es in den Kommentarspalten der AfD, Pegida und Co. “Betrug am Volk” – “Merkelmussweg” – “Wir holen uns unser Deutschland zurück”, was noch harmlos klingt. Manche schreiben ja tatsächlich unverhohlen viel schlimmere Dinge und kommen damit auch noch davon, obwohl wir derzeit in einem Rechtsstaat leben – klar, die Polizei kann nicht überall sein. Allzugroße Internetüberwachung würde bei manchen die Paranoia noch verstärken, die sie ohnehin schon gegen den eigenen Staat in sich tragen. Unser Staat hat ja auch früher an Stammtischen und anderswo dem Bürger seine Meinung gelassen, Verlierer waren immer diejenigen, die bei solchen Zusammenkünften die freiheitliche-demokratische Grundordnung hochgehalten haben. Was früher am Stammtisch passiert ist, spielt sich heute häufiger in so manchen Internet-Kommentarspalten ab  – Schriftlich zum Nachlesen, nun aber  für alle Zeit.

Was in diesem Jahr halt seit Beginn der Flüchtlingskrise immer noch weitestgehend ungeklärt ist – die Motivation Einiger jetzt Rabatz zu machen, wo man z. B. vor vielen Jahren bei der deutschen Wiedervereinigung geschwiegen hat, sich auch die Agenda 2010 und die Hartzgesetzgebung weitestgehend ohne Widerspruch hat bescheren lassen. Kaum hat man gegen Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit demonstriert, aber jetzt sind viele bereit auf die Strassen zu gehen oder zumindest den Mund aufzumachen oder halt zum Kommentieren bereit.  Einigen gehts es ja tatsächlich schlecht, viele Kinder und gerade Alleinerziehende leben sehr häufig an der Armutsgrenze. Einigen Rentnern, gerade solchen, die nicht immer geklebt haben oder konnten – es ist richtig, denen geht es richtig schlecht und es müsste was getan werden.

Viele, die das “Merkel muss weg” rufen sind aber selber gar nicht arm. Sie leben in einem schönen Haus, haben mindestens ein tolles Auto, haben dank guter Vorsorge und gutem Verdienst Ihre Existenz gesichert.

Wird Deutschland jetzt Sozialer? Werden dadurch die Unzufriedenheits-Probleme gelöst werden?

Nee – und warum? Jeder Ansatz dem ärmeren Teil der Bevölkerung mehr zu geben scheitert doch zwangsläufig daran, dass es genau darum geht, Geld und Macht nicht mit denjenigen zu teilen, die wenig bis Nichts haben. Lieber gibt man das Geld selber aus. Es könnte ja sein, dass das Geld zweckentfremdet wird.

Folgerichtig wünschte sich die CSU ein “Baukindergeld” das ja zwangsläufig nur solchen Familien zu gute kommen kann, die überhaupt daran denken können ein Haus zu bauen. Fächendeckende Lösungen, wie eine weitestgehende Befreiung von Kita-Gebühren, die Übernahme von sämtlichen Ausbildungskosten – abgelehnt. – “Wer soll das bezahlen” – sagte mir einer hierzu.

Ein Land, welches halt selbst mit dem Wohlergehen und der Ausbildung der Kinder spielt, könnte viel eher am Abgrund stehen als ein Land, dass die Digitalisierung vernachlässigt.

Wenn wir es nicht in den Griff kriegen, die Schwächsten in unserer Gesellschaft, ob Kinder, Arme, Kranke und Alte unabhängig von der Herkunft mit Grundbedürfnissen zu versorgen, dann bringen uns unserer Erfolge bei der Digitaliserung auf lange Sicht auch nichts. Ich persönlich glaube, die Unzufriedenheit, die bei vielen einfach nur ein eingeredeter Zustand ist, rührt von den verpassten Chancen.

Verpasste Chancen Arbeit als eine Berufung zu verstehen und nicht als pausenloser Wettbewerb um schneller und besser als die “Anderen” zu sein.

Verpasste Chancen Dinge sinnvoll zu teilen, anstatt sie bewusst zu verknappen.

Verpasste Chancen den Bürger mitzunehmen, anstatt ihn bis zur nächsten Wahl auszutricksen.

Verpasste Chancen in seinen Mitmenschen zunächst einen Menschen zu sehen, anstatt einen Konkurrenten u. v. m.

In diesem Sinne bin ich mal gespannt, wie am Mittwoch die Kanzlerinnen-Wahl ausgeht, und was dies für eine “soziale” Signalwirkung auf Deutschland haben wird.

Wenn dann auch noch die von Haß getriebenen Hetzer Ihre Energie z. B. in ein Mit-Anpacken und Mit-Problemlösen stecken würden – Das wäre ein neues Deutschland, wie nicht nur ich es mir wünschen würde.

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3 Responses to Ich bins leid….

  1. Schnappschuetze sagt:

    Vielen Dank! Schöner Artikel, der mir (und wohl vielen anderen) aus der Seele spricht. Und sehr richtig beobachtet: Es ist genau die so nötige Konstruktivität, die einer AfD/Pegida völlig abgeht. Darüber kann auch der Parteiausschluss einiger Extremisten nicht hinwegtäuschen. Das Verhältnis dieser Leute zur Demokratie scheint sich im wesentlichen auf das Gewähltwerden zu beschränken.

  2. Brusler sagt:

    “Das Verhältnis dieser Leute zur Demokratie scheint sich im wesentlichen auf das Gewähltwerden zu beschränken”

    Ach, wie schön, dass das bei den anderen Parlamentariern nicht der Fall ist.

    Nach der Wahl beginnt nicht der Kampf um Posten und Einfluss – nein, um das Wohlergehen der Allgemeinheit.

    Auch und insbesondere der Benachteiligten, deren Zahl immer weiter zurückgeht.
    Und mit viel Erfolg. Immer wieder. Wahlperiode für Wahlperiode.
    Deshalb gibt es bei uns z. B. seit vielen, vielen Jahren die sogenannten “Tafeln” nicht mehr – wer erinnert sich überhaupt noch an dieses Schandmal der sogenannten “sozialen Marktwirtschaft” bzw. des sog. “Sozialstaates”?
    Ein, zwei Jahre nach dem Entstehen derartiger Einrichtungen – einer Schande für die Allgemeinheit – wurden sie durch wirklich grundlegende Verbesserungen der Sozialgesetzgebung weggefegt!
    Ein großartiger Erfolg der damaligen Regierungsparteien, nein, des gesamten Parlamentes!

    • Lieber Langenbrücker, mir scheint, du bist möglicherweise einer der Follower von Balzer, so gut wie du die Texte kennst.
      Im Übrigen scheint Facebook das Medium zu sein, auf dem die meisten Fake-Nachrichten verbreitet und multipliziert werden und vermutlich nicht nur von diesem Herrn Balzer.
      Ich muss zugeben, dass ich Facebook nur öffne, wenn ich direkt angeschrieben werde. Ansonsten verzichte ich auf Nachrichten oder Texte auf Facebook.

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