Björn Höcke am 2. Juni 2018 zu Besuch in Bruchsal – ein Nachbericht

höcke war hier

Ein kleines Schmankerl, das Axel Tüting, der Ortsverbandssprecher von DIE LINKE, verfasst hat. Ein Unbehagen verursachendes Stück über einen, der sich in die Reihen der AfD-Anhänger einreihte und dort mit dem einen oder anderen verbalen aber auch nonverbalen Ausrutscher konfrontiert wurde und diese aufschrieb. Herr Tüting hat seinen Bericht als Pressemitteilung überlassen.

Björn Höcke am 2. Juni 2018 zu Besuch in Bruchsal – ein Nachbericht

Björn Höcke kam in unsere schöne Stadt, um auf einer öffentlichen Kundgebung der AfD zu sprechen. Klar, dass wir ihn mit dem Bündnis für Menschlichkeit empfangen haben. Auch war etwas später die Antifa (OAT) Karlsruhe zugegen, die ebenfalls Björn Höcke begrüßten.

Das Bündnis für Menschlichkeit, vertreten durch alle demokratischen Parteien, Gewerkschaften, soziale Organisationen und den Kirchen, die sich in der Menschenkette einreihten und somit eine klare Position für Menschlichkeit und gegen Rassismus, rechte Hetze und Ausgrenzungen bezog, demonstrierte friedlich. Die Menschenkette, mit Bruchsaler Bürgerinnen und Bürger, mit vielen Festival-Besuchern des Akkordeonspieler-Treffens, das an dem Tag ebenfalls in Bruchsal stattfand, zeigten ein deutliches Signal! Am Ende wurden die Erwartungen des Bündnisses für Menschlichkeit weit übertroffen und 1.200 Menschen demonstrierten friedlich, aber bestimmt!

Einziger unrühmlicher Zwischenfall war das sehr aggressive Verhalten einer AfD-Anhängerin, die uns in der Menschenkette beschimpfte und auch bespuckte. Das besonnene Eingreifen Mitglieder des Bündnisses konnte die Frau zwar nicht beruhigen, aber von der Menschenkette wegbringen, um schlimmeres zu verhindern.

Die Antifa Karlsruhe sorgten für lautstarke Unterhaltung, besonders während der Reden von AfD-Politikern und machten hier auch, ausgesprochen friedlich, deutlich, dass Höcke in Bruchsal eine unerwünschte Person ist.

Interessant war, dass einige Neonazis immer wieder zwischen den Menschen der Antifa durchliefen und die Polizei lange Zeit nicht gesehen war. Erst durch lautstarken Protest wurde die Polizei aufmerksam, ließ sich aber sehr lange Zeit, um einschreitend zu wirken.

Heute weiß man ja, dass der Verfassungsschuss gern „seine“ Nazis ausschickt, um Gewalt zu provozieren. Das mag weit hergeholt sein, aber es fällt halt auf, dass die Polizei erst dann einschreitet, wenn es zu eskalieren droht und letztlich nur durch das besonnene Einschreiten der Antifa Karlsruhe friedlich bleibt, aber an zahlreichen Stellen in Bruchsal Gegendemonstranten polizeiliche Willkür erfahren müssen.

Ich selber beschloss, die Kundgebung der AfD direkt aufzusuchen. Ich wollte die Menschen sehen, die rechter Propaganda zujubeln und ich wollte wissen, wie viele es denn eigentlich sind.

Jedoch war das zunächst gar nicht so einfach, dort überhaupt hinzugelangen. Die erste Absperrung ließ zwar immer wieder Menschen durch, aber mich nicht. Ich wurde als Mitglied einer Gruppe benannt, obwohl ich ganz allein vor dem Polizisten stand. Eine weitere Begründung wurde nicht gegeben. Daraufhin verlangte ich Dienstnummer und Beschwerdestelle, die mir verwehrt wurden, obwohl die Polizei in Baden-Württemberg dazu verpflichtet ist. [1]

Die zweite Absperrung verlangte sofort nach meinem Ausweis oder meinem Mitgliedsbuch der AfD (kein Witz!), obwohl auch hier Menschen ohne Ausweiskontrolle durchgelassen wurden. Mit dem Mitgliedsbuch konnte ich ja nun nicht dienen und meinen Ausweis wollte ich nicht vorzeigen, weil es sich ja um eine öffentliche Kundgebung handelt und ich als mündiger Bürger das Recht habe mich allumfassend zu informieren – die Mündigkeit wurde mir aber abgesprochen. Auch hier wurde mir eine Dienstnummer verweigert und eine Beschwerdestelle nur unzureichend genannt.

Die dritte Absperrung hatte erst gar keinen Durchgang, aber mir wurde mitgeteilt, in welcher Richtung ein Durchgang liegt.

Dieser Durchgang war dann bei der Hauptpost, wo ich komplett ohne Kontrolle hineinkam. Das kam mir komisch vor und ich drehte noch einmal um, um zu fragen, warum man mich nicht kontrolliert hat. Die lapidare und einfache Antwort: ich sehe nicht so aus, als wäre ich ein Gegendemonstrant. Als ich ihnen mitteilte, dass sie da gehörig irren, zog ich von dannen. Auf dem Weg zur AfD-Kundgebung schaute ich mir sehr interessiert den Wasserwerfer an und überlegte noch, ob ich nicht bitten sollte, ihm mal einzusetzen, um die braune Flut davon zu spülen…

Als ich den Friedrichsplatz betrat, fühlte ich mich sofort unwohl. So viele Rechte und ich ganz allein zwischen ihnen. Allerdings verliefen sich die „vielen“ Rechten auf dem großen Platz. Später, bei den Reden, als alle etwas enger zusammenrückte konnte ich eine Schätzung von 200 bis 300 AfD-Anhängern ausmachen. Was mir sofort auffiel, war, dass der Altersdurchschnitt deutlich älter als ich selber, mit meinen wertvollen 60 Jahren, war. Rein theoretisch könnten einige den Krieg noch miterlebt haben, die allermeisten aber wohl nicht mehr.

Auf meinen Weg durch die Reihen sah ich eine Frau, die einen großen Button an der Brust trug: „Schützt die Bevölkerung von Kandel!“ Juchhu, dachte ich, ich bin nicht allein! Noch jemand von uns hatte sich mutig in die Reihen der Rechten gewagt! Natürlich ging ich sofort zu ihr, um meine Solidarität zu bekunden und dass wir aufeinander gegenseitig aufpassen. Ich beglückwünschte sie zu ihrem Mut, hier klar Farbe zu bekennen, dass die Bürger von Kandel vor den Nazischergen der AfD geschützt werden müssen! – allmählich begann ich aber zu begreifen, dass hier eine völlig andere und ziemlich falsche Wahrnehmung der Kandeler Situation vorherrschte. Ich wies die Dame darauf hin, dass sie sich mal informieren sollte bei den Bürgern aus Kandel. Damit sie weiß, wer wen wovor schützen müsse2. Sie versuchte verzweifelt vor mir zu entkommen, während dessen ich das Gespräch noch nicht für beendet ansah. Schließlich streckte sie mir ihre Waffe in Form eines fröhlich Schwarz, Rot, Gold schimmernden Regenschirms (Sonnenschirms?) entgegen, der mich fragend machte, ob die Dame vielleicht glaubte, auf einer Public Viewing Veranstaltung im Vorfeld der Fußball-WM zu sein…

Dann verteilte jemand einen Zettel. Den wollte ich nicht sofort annehmen, da ich ja nicht den ganzen Papiermüll der AfD nach Hause mitnehmen wollte. Also fragte ich, was das ist?

„Das müssen Sie durchlesen!“

„Ja, aber was ist es denn?“

„Das weiß ich auch nicht“ und begann selber zu lesen. „Lesen Sie das durch. Hier ist eine Internetadresse“.

„Ja, aber um was geht es da denn? Sind Sie gegen die Marietta Slomka? Mögen Sie die Sportschau nicht?“

Er las angestrengt den kleinen Zettel, wusste offenbar nicht, wer die Slomka ist, die namentlich auf dem Zettel aufgeführt war und konnte auch die anderen Namen, die da standen, nicht so recht zuordnen – allesamt Moderatoren von ARD und ZDF – und hatte augenscheinlich keine Ahnung, was er da eigentlich verteilte – also bohrte ich weiter nach. Schließlich gab er auf und flüchtete.

Neben mir hatte einer, eindeutig als AfDler gekennzeichnet, diesen Zettel in der Hand, den ich natürlich direkt befragte. Der gab sich mir als Kreissprecher aus Ulm aus, wusste aber auch nicht, um was es da eigentlich geht. Ich hatte inzwischen herausgefunden, das es gegen die GEZ ging, allerdings mit der Begründung, dass die Gehälter der Moderatoren zu hoch sei. Eine politische Auseinandersetzung mit diesem Thema – Fehlanzeige… Schließlich schlug ich dem Kreissprecher aus Ulm vor, dass wir doch auch ein Bündnis machen könnten, denn ich sei auch gegen die GEZ. Das fand er sehr interessant und fragte mich nach meiner Organisation. Also teilte ich ihm mit, dass ich von den Linken sei.

Der Gesichtsausdruck war alles Wert!

Immerhin fand er recht schnell seine Fassung wieder und teilte mir sofort, immer noch interessiert am Bündnis, mit, dass die Frau Wagenknecht manchmal gar nicht so weit weg sei von den AfD-Positionen.

Die arme Sahra… Völlig missverstanden und von der AfD eingespannt…

Dann suchte er aber auch das Weite, weil ich noch ein wenig auf die GEZ eingehen wollte.

Einer mit stolzer Fahne und AfD-Button kam mir vor die Füße. Der erzählte mir was von Islamisten, die hier weg müssen!

„Wie viele Islamisten leben denn in Deutschland?“

„Millionen“

„Ich kann Ihnen das ziemlich genau sagen: Ca. 10%“3

„10% von was?“

„10% der Gesamtbevölkerung von Deutschland. Wobei ich nicht so genau weiß, ob Kinder damit eingerechnet sind.“

„Das kann gar nicht sein!“

„Sind offizielle Zahlen. Können Sie überall nachsehen. Beispielsweise beim Bundesamt für Statistik. Und vor diesen 10% haben Sie so eine panische Angst?!“

„Die Zahlen stimmen nicht! Ich kann viel besser als Sie recherchieren!“ und lief davon.

Etwas später, bei den Reden, wies ein AfDler auf den Messerstecher hin, der natürlich aus dem Muslim komme und deswegen alle Muslims ausgewiesen werden müssen. Den neben mir Stehenden fragte ich daraufhin, ob die deutschen Messerstecher auch aus Deutschland verwiesen werden sollten?

„Ja! Nein! Deutsche stechen nicht. Nur Flüchtlinge stechen.“

„Aber da doch mehr Deutsche hier leben als Ausländer und besonders Flüchtlinge, ist doch die Zahl der Deutschen an den ganzen Gewaltverbrechen logischerweise höher. Die müssten dann doch auch abgeschoben werden?“

„Nein! Deutsche stechen nicht!“ – und ging weg.

Einer erzählte mir, dass die wahren Faschisten auf der anderen Seite der Absperrung standen: „Das sind doch alles gewalttätige Chaoten, Idioten und Nazis!“

„Fühlen Sie sich von mir bedroht?“

„Nein, Sie sind ja anständig angezogen“

„Würden Sie mit mir ein Bier trinken gehen?“

„Ja, natürlich.“

„Aber ich komme von der anderen Seite der Absperrung und die einzige Gewalttätigkeit ging von einer AfD-Anhängerin aus, die uns beschimpfte und bespuckte (siehe weiter oben)“

„Nein! Das kann gar nicht sein!“ – und lief vor mir weg.

Mein ganz persönlicher Höhepunkt war aber schließlich das Auftauchen des Herrn Höcke. Zwei große Limousinen und vor ihnen lief ein Rettungssanitäter (was ich tatsächlich bis heute nicht verstehe), um die Menschen aus der Bahn des Autotrosses wegzubringen (einzige Erklärung ist für mich, dass man befürchtete, dass Höckes Sicherheitsdienst auf Menschenmassen zurast…?). Aber egal. Da ich natürlich für Nazis keinen Platz mache, blieb ich mitten auf der Straße stehen. Höckes Fahrzeuge fuhren um mich geschickt herum und der Rettungssanitäter musste nicht eingreifen.

Höcke stieg aus, flankiert von seinen Sicherheitsleuten, die abermals um mich herumlaufen mussten und Glück hatten, dass ich ein ausgesprochen friedlicher Mensch bin, denn sonst hätte Herr Höcke nicht mehr reden können und seine Sicherheitsleute hätten sich rechtfertigen müssen. So aber trat er mir fast auf den Fuß. Wenn ich etwas schneller reagiert hätte, wäre ich freudig auf ihn zu gerannt und hätte ihm meine Hand entgegen gereicht, um ihn im Namen der Linken Bruchsal aufs herzlichste zu begrüßt und noch mitgeteilt, dass er eine unerwünschte Person in Bruchsal ist. Doch leider fallen einem die wirklich interessanten Dinge ja immer erst dann ein, wenn es schon zu spät ist.

Die Reden: eigentlich nicht weiter der Erwähnung wert. Außer, dass die AfD sehr genau weiß, wie sie ihre Gefolgsleute mit falschen Tatsachen, Halbwahrheiten und Lügen auf „die rechte Spur bringen“. Die Gespräche, die ich mit einigen AfDlern, die sich oft auch als Funktionsträger zu erkennen gaben, führte, zeigt mir, dass die allermeisten nur Mitläufer sind und nicht wirklich begreifen, was in diesem unseren Land geschieht und das sie missbraucht werden für eine rechte und gefährliche Ideologie.


1 Die Ausweispflicht eines Polizisten wird in jedem Bundesland anders geregelt. In Baden-Württemberg gilt, dass die Polizei, auch in Uniform, sich auf Verlangen ausweisen muss: https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/polizei-in-baden-wuerttemberg-hat-neuen-dienstausweis/

3 Da hatte ich mich dann doch auch etwas verschätzt, es sind in Wahrheit nur etwa 5,7%: http://www.deutschlandfunk.de/zahl-der-muslime-in-deutschland-wie-viel-millionen-sind-es.886.de.html?dram:article_id=375505

Unterschieden muss hier aber noch deutlich zwischen Islamisten, die teilweise gewalttätig sind und vom Verfassungsschutz beobachtet werden: https://www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-islamismus-und-islamistischer-terrorismus/zahlen-und-fakten-islamismus/islamistisches-personenpotenzial-2016

und um die 3000 Menschen in Deutschland umfasst und um Anhänger der Weltregion Islam. Unklar ist bei der AfD, worauf sie sich genau beziehen.

 

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