Wawau Adler präsentiert moderne Interpretationen des Gypsy-Swings

Wawau Adler, Jazzclub Bruchsal

Wir schreiben das Jahr 1910. In einem kleinen unscheinbaren Ort mit dem Namen “Liberchies” in Belgien erblickt ein Junge das Licht der Welt. In einer von Schaustellern, Händlern, Musikern und Künstlern, einer Familie, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt und unter Vorurteilen verfolgt wird, wächst der Junge schließlich in einem Vorort von Paris heran. Von Vater zu Sohn wird das musikalische Erbe traditionell weitergegeben und so lernt der Unbekannte neben einer Reihe weiterer Instrumente das Gitarre spielen. Nach einem Unfall erleidet der mittlerweile 18 jährige schwere Verletzungen an seiner linken Hand und muss von da an sein Gitarrenspiel soweit umarrangieren, um dennoch weiterhin mit zwei gelähmten Fingern Gitarre spielen zu können. Alle Kraft und technische Fähigkeit reduziert sich nun auf Zeige -und Mittelfinger und daraus entsteht ein einzigartiger Klang. Bei dem Unbekannten handelt es sich um keinen geringeren als Django Reinhardt, der als Begründer des europäischen Jazz und als stilprägende Figur im Bereich des Gypsy-Swings gilt.
Am 18. November holte der Jazzclub Bruchsal das Trio um Wawau Adler nach Bruchsal auf die Bühne der Koralle. Wawau Adler, der aus einer Sinti Familie in Grötzingen bei Karlsruhe stammt, lernte das Gitarre spielen im Alter von neun Jahren. Auch er entstammt einer Musiker Familie. Da sein Großvater Harfenist war, brachte Wawau Adler sich das Gitarre spielen selbst bei und folgte dem musikalischen Stil Django Reinhardts. Allerdings sollte es beim Jazzclub Bruchsal kein reines Gypsy-Swing Konzert im Manouche-Stil mit perkussiven Selmer Gitarren werden, und Wawau Adler spielte auf einer semiakustischen E-Gitarre zusammen mit dem Stuttgarter Bassisten Joel Locher am Kontrabass und Michael Mischl am Schlagzeug.

Die Bewunderung für Django Reinhardt war dennoch stets erkennbar und das Trio eröffnete das Konzert mit dem Klassiker “Minor Swing”, dem wohl bekanntesten Stück des Gypsy-Swings. Es folgten Klänge und Rhythmen, die an Brasilien und den Karneval in Rio erinnerten. So spielte das Trio das Stück “Black Orpheus”, welches aus dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1959 entstammt. Sehr subtil und mit äußerster Sensibilität entflohen regelrecht die Klänge aus Wawau Adlers Gitarre, um dem Charakter der Ballade die nötige Wirkung und Gestalt zu geben. Über sogenannte Flageoletttöne ließ er seine Gitarre zeitweilig wie eine Harfe erklingen und so interpretierte er die Ballade “Le Soir” von Django Reinhardt. So manchem wurde da die Vorstellung einer Romanze in die Köpfe gezaubert.
Nach einer kurzen Pause, in der die Zuschauer ausreichend Gelegenheit bekommen haben sich an der Bar zu erfrischen und CDs des Künstlers zu erwerben, startete das Trio in eine turbulente zweite Hälfte. Das Tempo wurde bei dem Jazz Standard “Donna Lee” von Charlie Parker stark angezogen, in welchem Solo Gitarre und Kontrabass das bekannte Riff simultan in beachtenswerter Präzision Saite für Saite über das gesamte Griffbrett spielten.

Mit dem Stück “Anouman” wurden wieder leisere Töne angeschlagen. Da der Name dieses Stückes für viele der Zuhörer exotisch klingt und auch in Jazzkreisen für ein Mysterium sorgt, erklärte Wawau Adler, dass der Name wohl nach dem indischen Gott “Hanuman” benannt wurde. Dieser wird in Gestalt eines Affen mit kriegerisch, muskulösem Körperbau dargestellt und stellt im Hinduismus eine Gottheit für Stärke, Durchsetzungskraft und Willensstärke dar.

Nach einer kleinen bwusst irreführenden Geschichte aus Wawau Adlers Kindheit stimmte er als Zugabe eine jazzige Version von Pippi Langstrumpf an, welche wohl, wenn die Zuhörer die Melodien nicht schon mit etwas anderem in Verbindung bringen würden, als ein weiterer Jazz Standard durchaus denkbar gewesen wäre.

Felix E. Gärtner

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