Zwischen Krasnodar und Südpfalz stellt Bruchsal was dar
Christof Hinte, Leiter des Offerta-Veranstalters HINTE Messe- und Ausstellungs-GMBH, brachte - vermutlich völlig ohne Absicht - ein neues Bruchsaler Marketing-Konzept auf den Punkt, als er bei der Eröffnung des Bruchsal-Standes am Samstag sagte: „Zwischen Krasnodar und
Südpfalz stellt Bruchsal was dar." Und ob Bruchsal was darstellt! „300 Quadratmeter lebendiges Bruchsal". So ließ die Stadt selbst in ihrer Ankündigung erwartungsfroh verlauten und begründete den im Vergleich zu den Vorjahren erweiterten Messeauftritt damit, dass es gelungen
sei, einige Industrie- und Handelsunternehmen für eine Beteiligung auf diesem Stand zu gewinnen. Die Liste der Teilnehmer finden Sie hier. Dazu noch einige Sponsoren wie das Dormotel, die Intec Engineering GmbH, John Deere Deutschland, das Sasch, die Sparkasse Kraichgau, die Stadtwerke Bruchsal und die Triwo AG, ein Mix also an privaten wie öffentlich-rechtlichen Unternehmen, die dem Werbecharme der neuen Verwaltungschefin nicht widerstehen konnten.
Um obige Aussage des Messe-Veranstalters zunächst einmal zu erklären: Der Bruchsaler Stand liegt in der Straße B in Halle 1 genau zwischen den Messeständen der Südpfalz und der Karlsruher Partnerstadt Krasnodar. Im Gesamtkonzept der Messe sicher noch ein passables Umfeld, man hätte im Offerta-Allerwelts-Angebot auch ganz woanders platziert werden können.
Zwischen Krasnodar und Südpfalz umschreibt aber auch einigermaßen treffend das Dilemma der Außendarstellung der Stadt. Barockstadt ist abgewirtschaftet und damit - hoffentlich - out, wenn man über Fassaden-Applikationen in der Stadtmitte einmal großzügig hinwegsieht. Die früheren Auftritte als Tourismusmagnet waren, wie auch bei anderen Messen, mehr als fragwürdig in Darstellung und Erfolg. Was also hat Bruchsal dann wirklich zu bieten, als einen teuren Messeauftritt, auch wenn er zu einem ansehnlichen Teil nicht steuer-finanziert ist, rechtfertigen könnte? Immerhin zeichnen für die „Organisation des Großprojektes" Messeauftritt (Originalton städtische Pressemitteilung) die Stadt Bruchsal, die BTMV und die Regionale Wirtschaftsförderung Bruchsal GmbH mit ihren Personal-Ressourcen verantwortlich. Ein städtischer Querschnitts-Auftritt mit Synergie-Garantie sozusagen, denn in allen drei Organisationen beschäftigt man sich intensiv mit Fragen des städtischen Marketings.
Jetzt solls die neue Innenstadt richten: „EEEEENDLICH!" begrüßt das städtische Marketing mit Hostessen und einem Flyer die - über die Dauer der Messe hoffentlich zahlreiche - Besucherschar: „10.000 qm neues Einkaufsglück in Bruchsals Innenstadt", die sich „hübsch gemacht hat", denn „wir eröffnen die neue Rathaus-Galerie." Das klingt fast wie die weiland „um's Eck swingende Einkaufsstadt", nur nicht ganz so lyrisch.
„Wir eröffnen die neue Rathaus-Galerie". Unter „wir" verbirgt sich ausweislich des verteilten Flyers das Stadtmarketing, das unter der Überschrift „Lassen Sie sich verzaubern von der neuen Bruchsaler Innenstadt" die Marken-Logos all der Firmen vorstellt, die künftig die Käufermassen ins Zentrum von Bruchsal locken sollen. Warum diese Firmen ihren Messeauftritt nicht selbst gestalten und städtische „Entwicklungshilfe" brauchen, ist nur eine der Fragen, die man sich auf der Offerta stellt. Möglicherweise wurden sie wenigstens an den Druckkosten des Flyers beteiligt. Immerhin erklärt das Stadtmarketing dem Bruchsal-Unkundigen, dass „H&M mit seinen Outfits immer im Trend liegt", dass „Ernsting's Family das Einkaufserlebnis für die ganze Familie" bietet, bei „Easy Sports Gesundheit und Fitness groß geschrieben werden", dass s.Oliver in „zwölf Kollektionen trendbewusste Mode für Leute von heute" anbietet, bei REWE „Frisches in den Regalen" liegt (wer hätte das gedacht?), dass Drogerie Müller „ein Sortiment von 116.000 Artikeln" bietet und dass CIGO für „Cigarettes and more" steht. (Siehe Anhang).
Natürlich wird das termingerecht zur Innenstadt-Renovierung fertig gestellte, neue Bruchsaler Parkkonzept angepriesen, im Vergleich zu anderen Städten sicher eine bahnbrechende Großtat und ein Standort- und Wettbewerbsvorteil der Extraklasse, samt Sandy mit all seinen Vorteilen. Das alles unter dem Versprechen: „Einkaufen - Verweilen - Begegnen - Unterhalten". An den letzten drei Versprechen wird man noch arbeiten müssen, zumal die Abteilungen Verweilen, Begegnen und Unterhalten vom Vertragspartner der Rathausgalerie großzügig aus dem Investitionsprogramm gestrichen wurde. Aber da soll ja noch an vielen Stellen der Stadtmitte nachgebessert und entwickelt werden.
Für Bruchsal ist der Messeauftritt in Public-Private-Partnership ein Novum, in Ettlingen (Stand in Halle 2) macht man das anscheinend schon seit einigen Jahren. Der Erfolg dieses Konzepts kann wohl erst nach der Messe richtig bewertet werden, vor allem, was das finanzielle Engagement der Stadt angeht. Es sei, so hört man aus dem Gemeinderat, nach oben abgedeckelt. Ein Erfolg von Messeauftritten lässt sich ohnehin kaum in Euro und Cent messen. In Zeiten völlig leerer Kassen allerdings ist schon zu fragen, ob es Aufgabe einer Stadt und ihrer direkten und indirekten Töchter ist, Teilen des innerstädtischen Einzelhandels einen Messeauftritt zu finanzieren oder auch nur zu organisieren.
Der Gemeinderat wird gut daran tun, hier für die Zukunft saubere Massstäbe zu definieren. Eine Innenstadt wird schließlich nicht jedes Jahr neu erfunden. Wenn nicht viel mehr dabei herausspringt als ein Gruppenfoto mit Dame, wird man das Konzept sicher überdenken müssen. Wenn überall Stellenpläne auf dem Prüfstand stehen, wird man im Software-Bereich Marketing auch genauer hinschauen und nachrechnen (müssen).
Dabei muss man auf Marketing-Massnahmen nicht unbedingt verzichten. In Zeiten knapper Kassen seien Kreativität gefragt, haben wir kürzlich vernommen, und neue Ideen. Hier eine gar nicht so neue Idee, aber eine Aufgabe zum Nachdenken: Was wäre, wenn man alle städtischen Kosten für diesen Messeauftritt samt Hochglanzprospekte, die erfahrungsgemäß zum größten Teil im Papierkorb landen, angereichert natürlich durch den Sponsoren-Topf - da kommt sicher was zusammen - in ein schönes Wochenend-Festival in der neu aufgehübschten Innenstadt einsetzen würde, wie es andere Städte vormachen. Damit könnte man zwar nicht viel hermachen in Krasnodar und in der Südpfalz, aber immerhin den Ruf der Innenstadt zum Verweilen und Unterhalten aufpolieren. Und wenn der Ruf nur zwischen Bad Schönborn, Kraichtal, Gondelsheim, Hambrücken und Weingarten zu vernehmen ist. Nebeneffekt: Die Bruchsaler Bevölkerung würde die Aufenthaltsqualität ihrer Innenstadt direkt erleben (können), statt sich auf der Offerta informieren zu müssen (O-Ton Roland Foos: „Wenn Bruchsaler auf die Offerta kommen, ist es doch gut, wenn sie hier ihre Stadt vorfinden"). Und für ein Gruppenfoto mit Dame wird's auch noch reichen. Für Erbsenzähler: Der Reisekosten-Etat wird auch entlastet.
PS.: Der Brettener Oberbürgermeister, zum Messeauftritt Bruchsals befragt, erklärte, in Bretten habe man, selbst wenn man Beiträge der Wirtschaft einwerbe, nicht annähernd das Geld für einen solchen Messeauftritt. Es gibt anscheinend Kommunen, deren Finanzen noch desaströser sind als die in Bruchsal.
(Fotos: Rolf Schmitt)
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