Der Zahnarzt Metz

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Freitag, 16. Juli 2010 - 16:36

Noch in den siebziger Jahren dachten Ärzte, dass Kinder kaum Schmerzen empfinden können, legten somit den Bohrer an die Zähnchen, ohne eine lokale Spritze gegen die Schmerzen zu setzen. Ärzte operierten etwa Frühgeborene ohne Narkose am Herzen. „Inzwischen wissen wir, dass Neugeborene und Kinder auf Schmerzen sogar empfindlicher reagieren als Erwachsene", so ein Arzt der Universitätsklinik Heidelberg.

 

Der Zahnarzt Metz

Au Backe!

Die Sonne konnte noch so schön scheinen, es war ein Regentag, wenn ich zum Zahnarzt Metz musste.

Zahnarztpraxis

Eine Zahnarztpraxis 1971

Herr Metz war ein spaßiger Mittfünfziger, der mich mit „Kleines Fräulein" oder „Junge Dame" anredete. Er sah sehr dem Schlagerkomponisten Peter Igelhoff ähnlich und zeigte eine Reihe Pferdezähne, wenn er mich auslachte. Oft sagte er, "wetten, dass es überhaupt nicht weh tut?" und stellte beim Bohren hundert dumme Fragen, die ich alle nicht beantworten konnte, weil mein Mund weit offen stehen musste.

Natürlich taten i h m meine Zähne nicht weh, und deshalb scherzte er und trieb seine Possen, und meine ängstlichen Blicke amüsierten den älteren Herrn wohl mehr als ein Vorstadt-Varieté.

Er war ganz anders als Zahnarzt Hauser, und was am Schlimmsten war, alle seine „Späße" wurden ernst. Er bewunderte meine prächtigen Hauerchen, fand hie und da ein Löchelchen und nervte meine kleine Kinderseele, wenn er von viel ärgeren Zahnoperationen und chirurgischen Eingriffen sprach.

Zahnarzt Metz war für mich ein weißer Kannibale. Ich misstraute seinem Stirnspiegel, seiner Pinzette, seinem Häkchen, seinen Tupfern, seinem Bohrer und seiner freundlichen Sprechstundenhilfe, die immerfort lächelte. Ob sie über die ewig gleichen Witze oder über mich lächelte, wusste ich nie zu unterscheiden. Jedenfalls reichte sie ihrem Chef das Amalgam mit einem hinreißenden Augenaufschlag. Manchmal zog sie mich auch an den Armen und setzte mich wieder gerade auf den Marterstuhl, und dann erzählte sie mir, es ginge nur noch ein paar Minuten, dann sei ich erlöst. Die paar Minuten waren eine glatte Lüge, aber sie schwindelte gemeinsam mit dem Zahnarzt Metz immer wieder eine neue Zeit.

Das Gebiss
Der Zahnarzt Metz sagte, ich sei ein niedliches kleines Mädchen, und ich solle nicht so viele Bonbons essen, und ich solle doch eine junge hübsche Dame werden, und eine hübsche junge Dame könne man nur werden, wenn man hübsche weiße Kauerchen habe. Ich wollte keine junge Dame werden und ich wollte weiter meine Bonbons kauen und ich hielt meinen Mund wieder weit offen und hielt ihn doch dabei.

Er fragte mich auch, ob ich wisse, was ein steiler Zahn sei, aber ich kannte mich nur in kaputten, morschen Räuberhöhlen aus.

Manchmal lachte der Zahnarzt laut heraus, wenn ich mit den Schultern zuckte, und keine Antwort geben konnte, und dann meinte er: "Das erzählst du mir alles ein anderes Mal" und gab mir einen neuen schrecklichen Termin.

Dass ich ein Kapitel über den netten Dentisten schreibe, hat gewiss einen Grund, denn der freundliche Herr sah wohl auf den Grund einer Kinderseele. Es ist kaum zu glauben und doch wahr. Immer wenn ich mich von ihm verabschiedete mit dem festen Vorsatz, nie wieder in seine Praxis zu kommen, zauberte er mir ein paar süße, bunte Bonbons vor die Nase. Er legte sie mir in meine feuchte Kinderhand und ermahnte mich dabei: "nicht kauen, l u t s c h e n!!"

Ach, da waren Bohrer, Pinzette, Häkchen, Tupfer und Marterstuhl vergessen, ich gab die Hand, bedankte mich mit einem Knickselchen und sprang ungeknickt auf die Straße.

Ja, ja, der Zahnarzt Metz konnte einen Abgang schon versüßen, und darum biss ich auch erneut in den sauren Apfel und ging artig immer wieder zu ihm. Seine Späße, sein Augenzwinkern, seine dummen Fragen, sein Herauslachen, seine komische Uhr, seine Ermahnungen, all das blieb mir im Gedächtnis, aber am allermeisten die Handvoll ungesunde Bonbons. Aber auch in diesem Handwerk muss das Geschäft ja blühen.

© Barbara Mitteis

 

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Kommentare

40 Jahre zurückversetzt

Wieder einmal eine sehr schöne Geschichte, die mich 40 Jahre zurückversetzt hat. Auch ich wurde von Zahnarzt Metz gefoltert. (das war ironisch gemeint). Aber nicht desto trotz ging ich immer wieder zu den neuen Terminen, da es immer nach der Behandlung ein Bonbon gab.  Zahnarzt Metz verdanke ich heute das ich zwei Brücken habe. Backenzähne wurden sinnlos gezogen, da durch die nachwachsenden Weißheitszähne, die so entstandenen Lücken geschlossen werden sollten.

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