Welche Wohnquartiere braucht Bruchsal?

DruckversionPer e-Mail versenden
Plädoyer für eine bezahlbare Stadtentwicklung
Freitag, 16. Dezember 2011 - 10:06

Richtig ist, dass Bruchsal unter Wohnraummangel leidet. Es fehlen bezahlbare Wohnungen für Familien und für – prognostizierten – Zuzug aus dem ländlichen Raum, der daraufhin weiter an Bedeutung verlieren wird.

Die Stärkung der Stadt als Mittelzentrum erfordert einen vitalen – innerstädtischen! – Handel, ausreichend Arbeitsplätze und ein attraktives Wohnangebot.

Der innerstädtische Handel ist erst seit diesem Jahr im Vorwärtsgang und benötigt sicher noch zwei Jahre, bis er sich komplett neu positioniert hat – deshalb sind neue Handelsflächen, am Bahnhof, als Ergänzung zur Kerninnenstadt, die richtige Idee.

Arbeitsplätze haben wir - augenblicklich - genug: Bruchsal ist eine Einpendlerstadt.

Das beherrschende Thema in der Stadtpolitik ist: Wohnen.

Bruchsal leidet unter Wohnraummangel im Geschoss- und Mietwohnungsbau, der die Verwaltung zum Handeln motiviert – Bruchsal hinkt in Bezug auf Verdichtung und vor allem innerstädtischer Wohnqualität vergleichbaren Städte weit hinterher. Weite Quartiere der Innenstadt atmen noch den zweifelhaften Charme der 50erJahre. Denn bei aller Liebe zu dieser Nachkriegsarchitektur, dessen hervorragendster Vertreter das Bruchsaler Rathaus war (innen) und überwiegend noch ist (außen): die Häuser sind von überwiegend bescheidener Bauqualität, auch sonst in die Jahre gekommen und verfügen typischerweise über nicht zeitgemäße Wohnungsgrundrisse. Zwar rettet auch Bruchsal nicht das Klima – aber eine bessere Wärmedämmung den jeweiligen Geldbeutel. Auch hier ist die Innenstadt einer Neuordnung verpflichtet.

Leider lassen sich die Ladengeschäfte in der Innenstadt im 50erJahregewand nicht mehr erfolgreich betreiben. Auch hier erzwingt die Moderne eine Umorientierung: Breite Glasfassaden, Eingänge zu Strasse hin, Verzicht auf stufige Eingänge sind keine Kür, sondern Pflicht.

Die schon angesprochenen  Wohnhäuser sind im Standard vielfach so schlecht, dass ein teilweiser Abriss und neu konzipiertes Wohnen im Kern der Stadt keine abseitigen Überlegungen sind. Straßenraummodernisierungen, wie in Ettlingen beispielhaft zu sehen, sind ebenfalls überfällig und gäben Anstoß zur notwendigen baulichen Neuorientierung im Zentrum.

Das leider nur angedachte und nicht angegangene Sanierungsgebiet Nord-West (zwischen Kaiserstraße, Schloss und Zollhallenstraße gelegen) ist für den innerstädtischen Wohnungsbau geradezu prädestiniert. Gleiches gilt für das Areal zwischen Moltke-, Stadtgraben- und Orbinstrasse. Dort befindet sich (noch) das Landratsamt, leerstehende Gebäude und untergenutzte innerstädtische Flächen („Parkplätze“).  Auch im Bereich des JKG ist Wohnungsbau möglich und Geschosswohnungsbau ist auch im Areal Dragonerkaserne eine sinnvolle Option. Übereinstimmung dürfte auch darin bestehen, das Bahnstadt-Areal nördlich des Saalbaches nach Aufgabe der dortigen gewerblichen Nutzung einer Wohnbebauung zuzuführen. Es schließt unmittelbar an die westlich anschließende Wohnbebauung und ist eine organische Entwicklung.

Doch was soll südlich des Saalbach geschehen? Der Gemeinderat hat zwar im Rahmenplan der von der OB vorgeschlagenen Wohnbebauung die Zustimmung erteilt, doch befindet sich auf diesem Areal die OGA und im übrigen ist es von Verkehrswegen und Nicht-Wohnbauten umrahmt. Deshalb hält der Gutachter eine Wohnbebauung dieses Gebietes nur für möglich, wenn der nördliche Teil der sogenannten Bahnstadt ebenfalls „Wohnen“ gewidmet wird. Ohne „Saalbach-Nord“ würde dieses Gebiet zu einer Wohninsel zwischen Verkehrswegen und Gewerbe.

Die Stadt wäre gut beraten gewesen, die Verlagerung der OGA vor der Auslobung der Grundstücke endgültig zu klären. Denn: ein ungedeckter Finanzaufwand von rund 8 Mio Euro für Kauf, Abbruch und Dekontaminierung nach Abzug des geplanten anteiligen Grundstückserlöses ist nach meiner Auffassung (neben der Berücksichtigung der skizzierten Wohnalternativen) nicht verantwortbar. Ein Negativ-Votum des Gemeinderates (die SPD, lehnt diesen Projektteil ab) hätte einen klareren Fokus für die interessierten Investoren ergeben. Umgekehrt gilt dies natürlich auch für ein Positiv-Votum.

Da ein Projekt von dieser Dimension keine Konkurrenz in der Stadt verträgt, verhindert es im Falle seiner Realisierung zudem die Entwicklung in der Nordweststadt und die dringend notwendige Sanierung und Neuaufstellung der Innenstadt. Die Stadt wird ferner Schwierigkeiten haben, das Dragonerkasernen-Areal zu vermarkten, wenn die Bahnstadt zur Gänze realisiert wird.

Das raubt finanziellen Spielraum, den wir zum Abbau des Bruchsaler Sanierungsstaus benötigen.

Ich komme zum Ergebnis, dass die Oga-Verlagerung nicht verantwortbar, die Entwicklung von Saalbach-Nord, Bruchsal-Nord-West, Dragonerkaserne, Orbinstraßenareal und evtl. auch JKG-Areal städtebaulich sinnvoller ist und der Stadtkasse in der Summe fast einen zweistelligen Millionenbetrag erbringt.

Die Entwicklung der Innenstadt muss Vorfahrt haben! Beseitigen wir den Entwicklungsrückstand, verbessern wir dort quantitativ und qualitativ die Wohnbedingungen, statt mit Millionenaufwand einen neuen Stadtteil zu entwickeln .

Nicht vergessen werden darf, dass die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in kleinen Schritten leichter zu berücksichtigen ist und dass die demografische Entwicklung bei allem Standortoptimismus zur Vorsicht zwingt.

Die nach wie vor desolate Haushaltssituation der Stadt lässt finanzielle Risiken nicht zu.

 

Was soll jetzt in Saalbach-Süd geschehen? An der Bundesbahn und an der B 35 ist Wohnbebauung sowieso nicht möglich – dort sind weitere Handelsflächen sinnvoll und das von der OB skizzierte Verwaltungs- und Behördenzentrum gar ein großer Wurf.

Hinter der Oga kann (es gibt hierfür sogar einen alten Bebauungsplanentwurf der Stadt Bruchsal) durchaus auch Wohnen entstehen – doch auch die weitere Entwicklung von Handelsflächen sind eine zu überlegende Option.

Städtebaulich wichtig ist, dass die geplante Bahnquerung gebaut wird, um das westliche Stadtgebiet an die Innenstadt anzuschließen. Ich kann mir vorstellen, dass nach vollzogenem Bahndurchstich der Messplatz, der dann ein solcher bleiben würde und nicht neu gebaut werden müsste, zumindest zeitweilig als Pendler-Parkplatz genutzt werden kann.

Dass würde auch den Schmerz über den Verlust des Parkplatzes an der Prinz-Wilhelm-Strasse mildern..

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 3.1 (7 Bewertungen)

Kommentare

Jürgen Schmitt reicht seine Haushaltsrede nach

Das hätte am Dienstag gut in die Haushaltssitzung gepasst.

Vielleicht können Sie das ja noch zu Protokoll geben?

Wohnungsbedarf?

Fragen über Fragen schießen mir aufgrund des Beitrags durch den Kopf.

Wer prognostiziert auf welchen Grundlagen den Zuzug von Bewohnern aus dem ländlichen Raum?
Warum sollte sich die Einwohnerentwicklung der Kernstadt der letzten vier Jahre wesentlich ändern (http://www.bruchsal.de/servlet/PB/menu/1356965/index.html zeigt ein plus von 121 Einwohnern)?
Welches Wohnraumpotential ist in der Innenstadt vorhanden?
Welches Wohnraumpotential bietet die geplante Bahnstadt?
Wie sieht die Altersstruktur in Bruchsal aus?
Wie, die Altersstruktur der in den letzten Jahren zugezogenen Bewohner aus?
Wie sind Singels, Famliien, Seniorenpaare....verteilt?
Was wird daher benögtigt, Single Wohnungen, Wohnungen für familienreiche Kinder…?
Wie hat sich die Bebauung Sillberhölle/Eggerten auf die Einwohnerzahl ausgewirkt?
Wie viele neue Einwohner verdanken wir dem Baugebiet oberer Weiherberg?

Aufklärung, Daten und Fakten zur Meinungsbildung erwünscht.
Danke

Es geht hier nicht....

um Fakten, sondern um Geschäfte...

Wo ist der Zuwachs seit 2006?

Bevölkerungsentwicklung
Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen