Weg mit Käßmann! Her mit Westerwelle!
Die Moral von der Geschicht...
Die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann ist zurückgetreten, wie jeder Deutsche sicher weiß. Jeder Deutsche weiß auch dank anderer Berichte, dass sowohl die evangelische Kirche (Trunkenheitsfahrt Käßmann) und die katholische Kirche (fehlgreifende Pastores) Horte der Unmoral in Deutschland sind und im nachhinein die Kirchenaustritte zu moralisch motivierten Gewissensakten werden.
Die Kirche ist offenkundig zu der Vertreterin der Moral von gestern geworden - an der Moral von heute scheitert sie.
Aber wenden wir uns den Moralaposteln der Gegenwart zu, zuvörderst dem lautesten unter ihnen. Guido Westerwelle, der an moralischer Überzeugungskraft die zurückgetretene EKD-Ratspräsidentin selbst dann noch übertrifft, wenn er der Anstiftung zum allgemeinen Unfrieden überführt ist.
Weg mit Käßmann, her mit Westerwelle!
Richtig daran ist, dass Käßmann für das im entfesselten Global-Kapitalismus nicht mehr überlebensfähige Gesellschaftsgut „Moral" zuständig ist (bzw. war), während Westerwelle dem Prinzip des lebendigen Eigen-Nutzes Durchschlagskraft verleiht. Er ist der Prophet der Gegenwart und der nahenden Zukunft.
Aber Moral herrscht ja bereits an der Steuerfront. Nach dem erfolgreichen Ankauf illegaler Steuer-Sünder-Dateien, die die jeweiligen Straftäter mit fetten Belohnungen dem Staat überreichen durften, schwindet die kritische Distanz zum Staatswesen zügig. Vielleicht ist China ja das kapitalistische Vorbild der Gegenwart. Politiker aller Couleur übertreffen sich jetzt in Ankündigungen Steuersünder zügig einzulochen, um das eingesackte Geld - beispielsweise - notleidenden Banken zur Verfügung zu stellen, deren Lenker durchaus in räumlicher Nähe zu den Politikern geortet werden dürfen.
Der Staat ist alles, der Einzelne ist nichts.
Regeln muss der Einzelne einhalten, nicht jedoch der Staat, den - aufgemerkt - die Politiker repräsentieren - voran der Moralapostel Westerwelle.
Nun spricht dieser Moralapostel der Gegenwart auch gerne von spätrömischer Dekadenz, wenn er zur Unterschicht der Gesellschaft spricht. Erstaunlich daran ist nur, dass die spätrömische Dekadenz (Gelage!) eher höheren Schichten vorbehalten war. Das zwingt zur Frage, wie es denn dort aussieht. Man kann zum Beispiel die Frage aufwerfen, ob die zunehmend assymetrische Einkommensverteilung nicht zu überbordendem Konsum bei den Bestverdienern führt. Das konnte ja man eine Zeitlang idealtypisch in Russland bewundern. Goldene Klaviere, pelzverhangene und schmuckbehängte Blondinen waren so ein paar Markenzeichen.
Nun weiß der Ökonom, dass größere Märkte („Globalisierung") riesige Einkommen für Wenige und geringe Einkommen für Viele (Hartz-IV-Neidhammel) generieren.
Da muss der Moralapostel der Gegenwart allerdings aufpassen, dass er sich als Chef der ausgewiesenen Besserverdiener-Partei nicht aufs Glatteis begibt, wenn er seine Zunge am falschen Gegenstand wetzt.
JS
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