Was sind Sachen? Nichts. | Gespräch mit Anna Fuchs-Marx aus Bruchsal | Teil 3 und Ende

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Freitag, 25. Februar 2011 - 17:42

In dieser Folge erzählt Frau Fuchs-Marx, wie es für sie und ihre Familie nach der Ankunft in England weiter erging, über ihre Gedanken zu Deutschland und ihren ersten Besuch nach der Vertreibung in Bruchsal im Jahre 1998.

 


Anna Fuchs-Marx, ca. 1997

Walther hatte große Schwierigkeiten in England. Er war kein Ellbogenmann. Er bekam durch einen Freund von Onkel Jacob eine Arbeit bei Unilever als Buchhalter. Er hatte verschiedene solcher Jobs.

Ich hatte ja in Deutschland noch schnell Hutmacherin gelernt, und als Renate (1) einen Job suchte, fand sie eine Anzeige, die für mich geeignet war. Sie sagte: „Mutti, sie suchen eine Hutmacherin." Ich dachte: „Oh mein Gott, wie wenig weiß ich!" Aber ich ging dorthin. Ich zog mein bestes schwarzes Kostüm an und eine Brosche, die meiner Mutter gehört hatte und mir über Amerika zugeschickt worden war. Ich nahm die Krokodilleder-Handtasche, um Eindruck zu schinden. Und ich bekam diesen Job als Hutmacherin. Mein Herz schlug vor Freude ... Ich hatte mit französischen Stoffen zu arbeiten und daraus Designerhüte anzufertigen!

Volgue

Titelblatt der VOGUE vom Januar 1947. In der linken Hand trägt die Dame eine Hutschachtel

Wir hatten Modeschauen, und ich sah „meine eigenen Pferde rennen"; ich musste zu Modellkleidern bestimmte Modellhüte entwerfen. Und ich tat es! Ich habe immer noch Photos von meinen Sachen; sie wurden auch in der „Vogue" veröffentlicht.

Für Walther war das schrecklich; ich verdiente in dieser Zeit mehr als er. Aber es war auch harte Arbeit.

Dann gab mein Chef den Hutladen auf und auch das Bekleidungsgeschäft, er verschwand eines Tages. Ich fing daraufhin an, Blumen zu pressen und sie in Lampenschirme für Restaurants einzuarbeiten. Ich habe noch einen Brief von Kettner, Soho; er beauftragte mich, damit ein ganzes Restaurant zu gestalten. Das war eine große Herausforderung. Früh um fünf Uhr ging ich zum Covent Garden, um frische Blumen zu bekommen. Ich presste sie, viele, viele hundert. Ich fertigte Lampenschirme für hunderte von Wänden. Ich musste ein großes Auto, ein Lastauto nehmen, um sie auszuliefern ...

Dann hatte ich ein sehr elegantes, teures Restaurant in einer bekannten, exklusiven Straße parallel zum Picadilly zu gestalten. Ich entwarf Skizzen, zeigte sie dem Chef und sprach mit ihm darüber. Er war sehr zufrieden.

Meine Entwürfe schleppte ich in einer schweren Hutschachtel mit mir herum, ein Taxi konnte ich mir nicht leisten. Meine Auftraggeber luden mich oft zu einer Mahlzeit ein - ich tat ihnen wohl leid. Ich genoss diese sehr, konnte mich aber nie für eine Nachspeise entscheiden. Also gaben sie mir alle Süßigkeiten mit nach Hause ... Oh Gott, was waren das für Zeiten.

Liberty war einer meiner guten Kunden. Ich sollte mir noch andere Sachen einfallen lassen. Also machte ich mir Gedanken. Ich sah ein Tablett mit Blumendruck, und ich dachte mir: „Warum soll ich nicht so ein Tablett mit echten Blumen machen?" Ich fand eine Fabrik, die Tabletts herstellte und vereinbarte mit ihnen, dass sie mir Servierbretter herstellen, die ich dann durch die gepressten Blumen verzieren konnte. Das wurde ein Renner. Sie waren erster Klasse, immer mit Lack, Goldinlets. Ich machte Photos davon und ging dann mit diesen Beispielen zu potentiellen Kunden. Sie konnten sich die Art, die Farbzusammenstellungen aussuchen, zum Beispiel ein graues Tablett mit weinroten Einlegungen und einem bestimmten Blumendesign. Diese Arbeit machte richtig Spaß, viel mehr als die Herstellung der Lampenschirme.

Frank hat noch so ein Tablett, Renate und Elisabeth auch. Für mich selbst habe ich nie eines gemacht.

Bis nach Schottland verkaufte ich diese Servierbretter! Aber es gab in dieser Zeit auch Merkwürdigkeiten: Einmal ging ich in einen kleinen Laden und sprach mit der Managerin über die Möglichkeit, für sie zu arbeiten. Sie traute mir nicht. Sie schickte mir einen Steuermenschen ins Haus. Er kam herein, stellte sich vor und wollte dann die Produktionsräume sehen. Aber er sah nur mich allein in all dieser Unordnung. Auf diesem Tisch, den ich noch heute in meinem Zimmer habe, arbeitete ich. Es lagen Photographien von meinen Arbeiten darauf, er war voll mit Blumen und Papier und anderem Arbeitsmaterial. Er sah also meine „Fabrik" und darin keine Arbeiter ... Die Managerin hatte gedacht, ich spinne, als ich ihr gesagt hatte, dass ich alles selbst mache. Sie glaubte, dass ich eine Chefin oder eine Managerin sei - wahrscheinlich, weil ich immer gut gekleidet war.

Ich habe sehr viel gearbeitet, auch unsere Garderobe habe ich selbst verändert und neue geschneidert, Gott im Himmel! Ich musste kochen und das Haus sauber machen, und dann sagte eines Tages Annemarie, meine Freundin: „Du hast jetzt etwas Geld aus Deutschland bekommen, kauf ein paar Möbel und vermiete Zimmer." Das war eine geniale Idee. Ich musste dafür aber noch viel tun. Doch bald konnte ich die ersten Studenten begrüßen; später hatte ich meistens Anwälte in meinem Haus. Eines Tages fragte ich einen Gast: „Möchten Sie auch Abendbrot?" Und schon war das eine ständige Einrichtung. Man mochte meine kontinentale Kocherei ... Ich habe alles gemacht und schwere Arbeit gehabt.

Walther wurde sehr krank. Er hatte das Steven-Johnson-Syndrom (2). Dazu bekam er Ärger mit den Nieren. Er fiel in Agonie. Er wollte nicht mehr länger leben. Ich sagte nur: „Lieber Gott, nimm ihn zu dir", weil ich meinen Mann nicht leiden sehen konnte. Es war zum Herz zerbrechen ... Er lag in dem Krankenhaus, in dem Renate Krankenschwester war. Er starb.

Es war sehr hart für uns. Aber ich hatte auch ein bisschen Glück, ich bekam etwas Geld. Ich hatte eine Hutschachtel von meiner Mutter aufbewahrt, in der sie gewöhnlich ihre großen Hüte drin hatte, so eine berühmte deutsche Kiste. Darin bewahrten wir unsere Papiere während der Überfahrt auf. Darunter waren auch Papiere von Walther, die bescheinigten, dass er im ersten Weltkrieg an der russischen Front war, einen Schuss in seinen Arm bekommen hatte und viele Monate im Lazarett war. Ich hatte diese Fakten schwarz auf weiß - und deshalb bekam und bekomme ich eine höhere Rente. Es war mein Glück, die Hutschachtel aufzuheben und in den Papieren zu graben. Wenn ich es nicht getan hätte, müsste ich von dem leben, was ich hier als Pension bekommen würde, das wäre nicht sehr viel. So konnten wir uns durch schlängeln.

Für unsere Sachen, die in Kuba verlorengegangen waren, bekamen wir nicht einen Penny. Erst hatten sie sie eingelagert, und dann versteigerten sie alles. Aber man kommt darüber hinweg. Was sind Dinge? Nichts. Jetzt sage ich: „Gott sei Dank habe ich nicht mehr meine Möbel." Ich hätte damit nie in diesem Haus wohnen können, sie wären alle zu groß gewesen. Es war für mich viel besser, die Wände hier auszumessen und zu einer Versteigerung zu gehen und nach neuen Sachen zu schauen. Diesen Eckschrank dort habe ich für fünfzig Pfund gekauft. Der ist jetzt ein Vielfaches wert. Einige Möbel sind wirklich antik, aber viele sind eigentlich nur so hergerichtet. Ich habe sie aufgemöbelt, und sie sehen doch sehr hübsch und elegant aus, net wahr? Wir haben aus einfachen Dingen viel gemacht.

Welche Bedeutung hat es für dich, jüdisch zu sein?

Ich sage niemals, ich sei nicht jüdisch. Ich bin stolz, Jüdin zu sein, aber ich bin glücklich, dass meine Kinder Christen geheiratet haben. Sie fanden ihre eigenen Ehemänner und Ehefrauen, ich brauchte nichts dafür tun. Renate schrieb mir: „Ich werde mich verloben mit Reggie, einem Engländer." Eine Woche später kam Frank (3) nach Hause: „Mutti, ich verlobe mich mit meiner Freundin Mary." Ich hatte keine Idee, wer das sein könnte. Ich brauchte mich nicht zu sorgen, sie kam aus einer sehr guten englischen Familie ... Mary ist ein Schatz. Alle meine Schwiegerkinder würde ich heiraten. Ich würde nicht meine Kinder heiraten, weil ich sie zu gut kenne, aber alle meine Schwiegerkinder sind wirklich wunderbar.

Jordanlandschaft

Jordanlandschaft

Ich bin stolz, Jüdin zu sein, aber ich möchte nicht, dass meine Kinder und deren Kinder das erleben sollen, was ich habe durchleben müssen, was wir durchlebt haben. Ich bin hundertprozentig für Israel, und wir waren auch in Israel. Es war so kahl, kein Grün ... Zu dieser Zeit waren zwar Straßen ausgebaut, und diese hatten sogar Verkehrslinien und Ampeln, aber es waren keine Häuser da. Überall war Sand - und überall waren zu viele Juden.

...

Ich hab einmal mit dem Gedanken gespielt, in ein Heim zu gehen. Aber mein Doktor sagte: „Sie gehen in kein Heim. Sie bleiben, wo Sie sind." Gott sei Dank, dass ich das tat. Danke Gott. Ich meine, ich lebe sogar mit meiner Haushaltshilfe billiger als in einem Heim.

Ich bin als Jüdin geboren worden, und ich sage zu jedem: „Ich bin jüdisch." Ich sage das jedem, weil die Leute mich nicht als Jüdin erkennen. Aber ich praktiziere es nicht. Ich wurde zwar als Jüdin geboren, aber ich wurde frei erzogen, und ich hatte niemals einen wirklichen Glauben, ich bin freidenkend, ich glaube an das Schicksal ... Als Frank in Frankfurt in die Schule ging und Bar Mitzwa (4) haben sollte, war ich nicht dagegen, aber die Idee dafür kam nicht von mir. Ich wollte ihm nur nicht die Freude nehmen.

Mein Großvater war sehr religiös. Und meine sehr religiöse Cousine Paula heiratete einen Goj' (5), er hatte nicht zehn Prozent jüdisches Blut in sich, und der wurde Jude, sonst hätte er nicht die Erlaubnis bekommen, sie zu heiraten. Er war ein guter Geschäftsmann, und sein Frankfurter Dialekt klang so jüdisch in meinen Ohren. Er war ein gut aussehender Mann und hatte äußerlich nichts Jüdisches an sich, aber du hättest hunderte wahre Juden aus ihm machen können. Er war ein Gerissener mit großem Humor!

Ich will dir noch eine andere Frage stellen: Wenn du an Deutschland denkst - was fühlst du dann, welche Gefühle hast du dabei?

Gemischte Gefühle. Ich hasse die Deutschen; es ist jetzt die neue Generation da, aber auch sie ist voll von Hitler. Ich meine, die Atmosphäre dort ist nicht die beste ...

Foto: Lutz Fischer-Lamprecht

Kraichgauer Hügelland im Frühling

Ich verlor die kleinen Wege, die ich mit meiner Großmutter im Kraichgauer Hügelland ging - und die Wälder. Ich würde diese Wege gern wieder einmal gehen - aber ich hasse es, dorthin zu fahren. Ich wurde einige Male eingeladen vom Bürgermeister, um Deutschland umsonst zu besuchen, und ich habe hier schöne Fotos von Bruchsal. Doch ich würde in meinem Geiste all die Menschen sehen, die es nicht mehr gibt ... Unser Geburtshaus ist zerbombt; es war so groß, dass die Engländer wohl dachten, dort wären militärische Dinge drin ... Mein Haus, in dem ich mit Walther gelebt habe, steht noch. Ich hätte nichts dagegen, es wiederzusehen. Aber ich bin nicht pro Deutschland.

In England lebe ich länger als je in Deutschland. Ich lebe schon seit 53 Jahren in diesem Haus. Ich habe das Gefühl, mit ihm verbunden zu sein. Es ist mein Zuhause!, ich habe es hergerichtet, ich habe es eingerichtet, die Schränke und diesen Schreibtisch restauriert. Ich habe aus einfachen Möbeln etwas Einmaliges gemacht. Ich habe eine Kiste für 25 Pfund gekauft und Marmorblenden daran angebracht, passend zum Barock, darunter setzte ich Barockfüße. Den Marmor habe ich mit einem Stück Lappen bearbeitet. Ich entwarf die Ornamente und wählte das passende Schloss dazu aus. Es ist tatsächlich nur eine Kiste - meine Besucher aber denken, dieses Teil gehört zum echten barocken Stuhl. Es ist nicht alles antik in diesem Haus. Die Blende oben von der Kommode habe ich im second hand bei Maples gekauft, das ist eigentlich eine Second-Hand-Waschkommode, das war eine Waschkommode. Ich habe sie zurechtgeschnitten und bemalt, damit sie barockmäßig aussehen soll. Auf die Waschkommode habe ich ein Stück Holz getan. Jetzt sieht sie edel aus. Man kann aus Nichts etwas machen. Wirklich. Dieses Haus hier ist meine Heimat.

Ich war mit Walther einmal in Deutschland. Und mit den Kindern war ich nach seinem Tod einmal da - es muss 1969 gewesen sein. Da passierte etwas Merkwürdiges: Frank war auf der Kaiserstraße (6) und traf dort einen alten Mann; der sprach ihn an und sagte zu ihm: „Bist du nicht ein Fuchs?" Er war Chauffeur bei der Familie Fuchs gewesen und hatte die Ähnlichkeit sofort bemerkt!

Malzfabrik

Von dieser Reise gibt es noch eine interessante Episode zu erzählen: Ich hatte eine Schulfreundin, Elfriede Hiby (7). Sie war die Tochter eines Malzfabrikanten und seiner bildschönen und sehr liebevollen Frau. Wir waren wirklich gute Freunde - sie spielte in unserm Haus, und ich kam zum Spielen in ihr Haus. Sie wohnten in einem wunderbaren Haus in der Reserveallee (8). Es steht heute noch. Ihren Mann lernte sie durch die Zeitung kennen, und sie hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Mit Hitler kam der split; sie grüßten uns nicht mehr auf der Straße, und wenn wir sie sahen, drehten wir uns herum und schauten in ein Schaufenster hinein, damit sie uns nicht grüßen brauchen. Es war furchtbar. Dann gingen wir weg nach England. Nun war ich also auf dieser Deutschlandreise und in Baden Baden. Dort ging ich in einen Buchladen. Es war furchtbar voll drin, und eine sehr elegante Dame drängelte sich vor; sie ist auch gleich bedient worden! Und da dachte ich: Der geh' ich nach! Als sie fertig war drehte sie sich um - wir standen Brust an Brust - „Elfriede!" - „Annele!" Fast wären wir uns in die Arme gefallen, aber plötzlich: Oh Gott, ich kann nicht. Abstand! Sie sagte: „Annele, na, wie geht's dir denn? Was macht der Frank, was macht die Renate? Komm mich doch besuchen, wir haben ein Haus hier in Baden Baden. Ich würde mich so freuen." Und ich sag: „Ach, sehr schön, Dich zu sehen." Natürlich habe ich sie von meinem Hotel nie angerufen. Ich konnte keinerlei Verbindung mit ihr aufnehmen.

Es war so erschreckend: Eine alte Freundin, die spinnefeind gegen mich geworden ist, steht plötzlich vor mir - that combined feeling. Auf beiden Seiten! Was steht da in between us! Der Hitler. Da gibt 's keine Verbindung mehr.

Ich mochte das Deutschland nicht mehr. Es waren dort zu viele Erinnerungen. England kann man nicht damit vergleichen - Deutschland ist viel schöner, wir haben dort den Schwarzwald, wir haben Bayern ... Ich habe viele Veränderungen bemerkt.

Peterskirche

Die Peterskirche in Bruchsal

Die Landschaft ist mehr bebaut, die Stadt hat sich enorm verändert. Sie bauten das Schloss in Bruchsal wieder so auf, wie es mal war, mit deutscher Genauigkeit und Gründlichkeit. Es ist ein berühmtes Rokoko-Schloss, welches dem Bischof von Speyer gehörte. Und dann steht noch die wunderschöne Peterskirche nahe dem Friedhof auf einem Berg, eine wirklich schöne, alte Kirche.

Wir hatten gute Zeiten, sehr gute Zeiten in Deutschland. Aber das ist alles vorbei. Wir machten zu viel dort durch, um Heimweh zu bekommen.

Wenn du zurückblickst auf dein Leben, den Prozess Deines Lebens: Siehst du eine Substanz oder eine Botschaft oder eine Lektion, die du gelernt hast und übergeben willst an nächste Generationen?

Sie sollen nicht das durchmachen, was wir durchmachen mussten. Ich meine, ein Teil meines Lebens war freudvoll, aber im anderen Teil war ich unten. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich einmal so arm sein würde und so hart arbeiten müsste. Ich war verwöhnt gewesen. Ich hab im Büro angerufen gesagt: „Schickt mir einhundert Mark!" Und ich hatte sie bekommen. Ich hatte kein Gefühl für Geld gehabt, gar keins ... Aber ich lernte, ich lernte eine Menge. Ich war erst wohlhabend und dann ganz tief unten. Ich kenne diesen Gegensatz, ich lernte meine Lektion. Ich bekam ein Gefühl für die armen Menschen; ich verstand, was es heißt, zu kämpfen.

Ich konnte arbeiten, arbeiten, arbeiten, ich war niemals ohne Arbeit. Das war es, was mich in Bewegung hielt, die Beschäftigung. Und weil ich das Glück hatte, Geld mit dem zu verdienen, was ich konnte und was ich gern machte, fühlte ich mich wie im Himmel.

Das war wunderbar ... Sicher gab es auch viele Sachen, die ich nicht gern machte. Dann machte ich sie, weil ich es musste. Jeder muss eine wirkliche Lösung für sein Leben finden um das beste daraus zu machen. Das ist es, was ich dir sagen kann. Es ist nicht viel. Ich bin ein einfacher Mensch, und du musst mich so nehmen, wie ich bin.

Ergänzung vom 6. Februar 1999

Im Jahr 1998 entschloss sich Annele, nachdem der Bürgermeister von Bruchsal sie mehrmals eingeladen hatte, doch einer dieser Einladungen zu folgen. Zusammen mit ihrer Tochter Rosemary und deren Mann Tony sowie ihrem Enkel Mark und seiner Frau Julie besuchte Annele ihre alte Heimatstadt. Nach diesem Besuch tat es ihr weh zu hören, was sie 1997 im Interview über ihr Verhältnis zu Deutschland gesagt hatte, und sie legte Wert darauf, eine Ergänzung anzufügen.

 

Wir wohnten im Hotel Dollenberg im Schwarzwald. Das war wunderbar! Es war Frühlingszeit, und die Mandeln blühten unten im Tal ... Der Bürgermeister, Herr Ihle (9) hatte alles vorbereitet; er hat für uns einen Minibus genommen und hat uns rum gefahren.

Wir gingen auf den Friedhof, und ich hab das Grab meiner Eltern den Kindern zeigen können und das Grab meiner Großmutter und das Grab ihres Mannes, des „Ritters des Zähringer Ordens." Er lag am Rande vom Friedhof, war einer der ersten Toten, die dort bestattet wurden.

Grab Berta Marx und Karl Marx

Den Grabstein meiner Eltern habe ich entworfen, in rotem Marmor. Die Tür zur Ewigkeit, wie ein Tor in einem ägyptischen Grab, dann geht's rein, und da ist eine Tafel, darauf war der Name meines Vaters in Bronze - die Tafel haben sie gestohlen. Rechts und links waren schöne Bäume, die haben sie raus genommen. Jetzt haben sie den Namen meiner Mutter, die verschleppt war nach Auschwitz, zusammen mit dem Namen meines Vaters und den Daten eingehämmert. Nun kann nichts mehr gestohlen werden. Blumen sind nicht da, aber Efeu wächst jetzt drüber, und das Grab steht wirklich heraus, es ist ein erhebender Anblick!

Sie haben sich um den Friedhof gekümmert, ihn sogar geschützt! Der Bürgermeister erzählte, dass sie manchmal den Friedhof haben schützen müssen, auch den im Wald ...

Wir gingen durch die alten Straßen, ich erinnerte mich an die Leute, die in den Häusern gewohnt hatten. Mein Elternhaus war zerbombt, es steht nicht mehr.

Knopfe Eck

s Knopfe Eck, ca. 1918

Der Laden von Knopf, das „Knopfe Eck", war ein moderner Bauplatz. An einer Stelle sagte ich: „In dem Haus hat der Doktor Lupp gewohnt." Der Bürgermeister meinte: „Ach, das ist ja zu komisch. Da wohnen jetzt noch die Söhne drin." Die sind auch Ärzte. Die Stadt wurde sehr modernisiert und ist kulturell aufgeblüht. Die Menschen haben jetzt einen Golfplatz, und das Allerneueste ist, dass Bruchsal jetzt eine Universität bekommt! Eine Amerikanische Universität in der ehemaligen Kaserne. Die war zu meiner Zeit ganz außerhalb gelegen. Und jetzt ist sie mitten in der Stadt. Der Bürgermeister sagte: „Da können mal Ihre Enkelkinder in die Universität gehen in Bruchsal." Ja, das hat alte Erinnerungen wachgerufen und warme Erinnerungen! Wie wir nach Hause fuhren von Bruchsal ins Hotel Dollenberg durch den Schwarzwald, kamen wir über die Bühler Höhe. Hier war ich mit meinen Eltern als Kind, und meine Schwester Ellen wurde krank, sie bekam eine Blutvergiftung. Meine Eltern haben den Geheimrat Grehl von Heidelberg kommen lassen, so krank war sie! Und ich war ein ganz junges Mädchen von dreizehn, vierzehn Jahren und hab bei ihr geschlafen, ihr nachts kalte Wickel gemacht und hab Witze gemacht - ich wusste nicht, wie schwer krank sie war. Gottseidank, ist sie glücklich geheilt worden.

In jener Zeit tauchte auch ein Herrenhut-Fabrikant aus dem Rheinland auf. Wir saßen abends alle im Vestibül, da wurde Musik gespielt, und dieser Herr - ich weiß nicht mehr, wie er geheißen hat - hat mich engagiert. Wir waren die einzigen, die getanzt haben in dem wunderbaren Marmorsaal auf der Bühler Höh', und die Leute glaubten, wir wären das Tänzerpaar! Ich hab auf diese Frau Rothschild einen so tiefen Eindruck gemacht, dass sie gewollt hat, dass ich ihren Sohn heirate. Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe.

Der warme Empfang und die Erinnerungen haben meine Einstellung zu Deutschland verändert. Man ist doch verbunden mit den Gräbern und den Straßen und der Landschaft, und ich bin stolz, was sie aus Bruchsal gemacht haben. Die kleine Stadt, wie die aufgeblüht ist!

© Steffen Jacob

 

Anmerkungen:

Der Originaltext wurde leicht gekürzt.

(1) Renate: Tochter von Anna und Walther Fuchs-Marx

(2) Stevens-Johnson-Syndrom: Eine infekt- oder arzneimittelallergisch bedingte Hauterkrankung

(3) Frank: Sohn von Anna und Walther Fuchs-Marx

(4) Bar Mitzwa: Der Begriff bezeichnet einerseits den Status des religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits den Tag, an dem dieser die Religionsmündigkeit (13 Jahre) erwirbt, und die oft damit verbundene Feier.

(5) Goj (Goi): ein hebräisches Wort, das "Nation" oder "Volk" bedeutet. Im weitesten Sinne werden damit alle Nichtjuden bezeichnet.

(6) Wohl die Kaiserstraße in Karlsruhe, da die Fuchs-Familie in Karlsruhe lebte.

(7) Wahrscheinlich Malzfabrik Hiby-Durst in Heidelsheim.

(8) Reserveallee: Die Familie Hiby-Durst wohnte wohl nicht in der Reserveallee, sondern ums Eck am "Belvedere 1" Lt. Stadtarchiv Bruchsal wohnte die Familie Fuchs-Marx zeitweise in der Reserveallee 6.

Fuchs-Marx Einwohnerkarte 01

Einwohnermeldekarte, Vorderseite

Einwohnerkarte 02

Einwohnermeldekarte, Rückseite

(9) Vermutlich der damalige Hauptamtsleiter Otto Ihle.

 

Anna Fuchs-Marx

Anna Fuchs-Marx im Juli 1996

Die Erlaubnis zum Abdruck dieser Geschichte wurde bruchsal.org von Herrn Steffen Jacob, einem Verwandten von Frau Fuchs-Marx, erteilt. Sein Buch „Leben danach" enthält diese und viele weiteren Lebensgeschichten, die der Autor auf der Basis von Interviews aufschrieb. Diese Interviews führte er zwischen 1994 und 1997 mit Verwandten, die vor 1933 in Deutschland geboren wurden. Das Buch kann direkt beim Verlag EDITION GOLDBECK-LÖWE oder im Buchhandel (ISBN 3-937556-00-1 Steffen Jacob - LEBEN DANACH. Lebensgeschichten zweier jüdischer Familien aus Deutschland) bestellt werden.

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