Was sind Sachen? Nichts. | Gespräch mit Anna Fuchs-Marx aus Bruchsal | Teil 1

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Dienstag, 15. Februar 2011 - 15:19

Der zweite Beitrag auf Bruchsal.org aus der kleinen Serie, die die Lebensgeschichten von jüdischen Mitbürgern aus Bruchsal schildert ist die selbsterzählte Lebensgeschichte von Anna Marx, geboren am 9. März 1901 in Bruchsal, seit 15. Dezember 1924 verheiratet mit Walt(h)er Josef Emanuel Fuchs, geboren am 8. Mai 1891 in Karlsruhe. Weitgehend sicher ist, dass die Familie Fuchs-Marx in Bruchsal in der Reserveallee 6 sowie in der Amalienstraße wohnte. Frau Fuchs-Marx verstarb im Jahre 2003 in London.

Das Gespräch mit Frau Anna Fuchs-Marx führte Steffen Jacob im Juni 1997 in London.

Die Erlaubnis zum Abdruck dieser Geschichten wurde bruchsal.org von Herrn Steffen Jacob, einem Verwandten von Frau Fuchs-Marx, erteilt. Sein Buch „Leben danach" enthält diese und viele weiteren Lebensgeschichten, die der Autor auf der Basis von Interviews aufschrieb. Diese Interviews führte er zwischen 1994 und 1997 mit Verwandten, die vor 1933 in Deutschland geboren wurden. Das Buch kann direkt beim Verlag EDITION GOLDBECK-LÖWE oder im Buchhandel (ISBN 3-937556-00-1 Steffen Jacob - LEBEN DANACH. Lebensgeschichten zweier jüdischer Familien aus Deutschland) bestellt werden.

 

Anna (Annele) Fuchs-Marx

Was sind Sachen? Nichts.

Anna Fuchs-Marx

Anna Fuchs-Marx, ca. 1997

Ich wurde 1901 in Bruchsal geboren, das ist eine größere Stadt im Kraichgauer Hügelland. Mein Vater hatte ein Tabakgeschäft, und wir lebten in einem großen, schönen Haus. Ich hatte zwei Schwestern. Mally war die älteste; sie war neun Jahre älter als ich und verheiratet mit Michael Liebhold, einem Zigarrenfabrikanten in Heidelberg.

Sie hatten drei Kinder. Die andere Schwester, Ellen, wohnte in Hamburg und war verheiratet mit Julius Flörsheim; sie hatten eine Tochter. Diese Familie Flörsheim wanderte aus nach Amerika, das Kind war da vielleicht acht Jahre alt. Sie lebten zuerst in New York und hatten ein schweres Leben. Dann zogen sie nach Kalifornien, machten eine Hühnerfarm auf und vergrößerten diese bald.

Mally (1) hat mit ihrer Familie auch sehr viel mitgemacht; aber ihre drei Kinder waren prachtvoll. Ihr Sohn Martin Liebhold hat es sehr weit gebracht in Amerika, er hatte eine Fabrik für Gartenmöbel gegründet. Klaus, ihr zweiter Sohn, hatte anfangs große Schwierigkeiten in Amerika. Aber das ist eine eigene, lange Geschichte ... Die Tochter, sie war das älteste der Kinder und hieß Ruth, war in Berlin verheiratet; sie ließ sich scheiden und arbeitete in einem Laboratorium unter einem Professor Krehl. Sie war eine liebenswerte Person; leider ist sie schon gestorben. Ich stehe aber noch in Kontakt mit Klaus und Martin.

Stammburg der Zähringer bei Freiburg

Stammburg der Zähringer bei Freiburg

Meine Mutter ist eine geborene Gros; ihren Vater kannte ich nicht, ich weiß nur, dass das Grab von meinem Großvater Gros in Bruchsal ist. Ich war furchtbar stolz auf dieses Grab und auf den Grabstein, denn darauf stand neben seinem Namen: „Ritter des Zähringer Ordens"! Meine Mutter mochte diese Inschrift nicht, sie hat immer gesagt: „Also, es ist lächerlich, das zu schreiben!" Ich aber war so stolz darauf...

Meine Mutter war wirklich eine Schönheit. Nachdem ich später in die Familie Fuchs geheiratet hatte, lernte ich die Frau vom Konsul Fuchs kennen; sie war das Ebenbild meiner Mutter! Beide waren aber nicht miteinander verwandt. Diese Ähnlichkeit ging so weit, dass meine Mutter in Karlsruhe beim Einkauf als Frau Fuchs angesprochen wurde und die Frau Fuchs als Frau Marx. Beide Frauen waren außerordentlich schön - es war nicht die normale Schönheit, sondern eine klassische Schönheit.

Mein Vater liebte sein Geschäft für Tabak-Vergärung sehr. Er kaufte den Tabak, deutschen Tabak und ausländischen, aus Sumatra; er fuhr nach Holland zu den Auktionen. In Bruchsal wurde der Tabak fermentiert in großen Lagerhäusern, dann wurde er aufgehängt und aussortiert und dann in Ballen gepackt. Mein Vater hatte sehr viele Arbeiter. Das Geschäft lief erfolgreich. Aber die Ehe war nicht sehr glücklich. Mein Vater war sehr eifersüchtig auf meine Mutter, sie war eine sehr bewunderte Frau, eine Persönlichkeit, und man war eingenommen von ihr. Ich verstand meinen Vater ... Er war sehr liebevoll, er war sehr gutherzig und ein exzellenter Geschäftsmann! Er sagte immer: „Meine Kunden sind meine Freunde."

Meine beiden Schwestern waren in England zur Vorschule gegangen, ungefähr ein Jahr lang; die englischen Schulen waren berühmt in dieser Zeit, vorbildlich! Aber ich konnte wegen des Krieges nicht nach England gehen. Ich war daheim auf der Töchterschule. Aber die Ferien habe ich lieber gehabt als die Schule! Wir haben herrliche Sommerfrischen mit meinen Eltern verlebt, hauptsächlich in der Schweiz, manchmal auch. im Schwarzwald.

Ich habe eine Erinnerung: Einmal waren wir in einem Hotel, vor diesem war ein Teich; meine großen Schwestern ließen darauf Holzboote fahren, ich aber hatte nur ein Papierboot. Schrecklich fand ich das - das ist eine unvergessliche Kindheitserinnerung ... Und dann einmal in St. Moritz: Als wir auf das Hotel zufuhren, sah ich im oberen Stockwerk ein offenes Fenster, und darin wehte im Wind ein Kleid. Wahrscheinlich war es zerdrückt worden im Reisekoffer und wurde nun ausgehängt... Auch dieses Bild aus meiner Kindheit vergess ich nicht. Abends sah ich dann das erste Mal Engländer; sie haben einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Ihre Abendgarderobe war sehr elegant, die Frauen trugen Perlenketten - ich weiß nicht, ob die echt waren, aber sie sahen großartig aus. Es gab eine Vorstellung mit einem Miloska Cheveux, einem Hypnotiseur; ich konnte dabei aus irgendwelchen Gründen nicht neben meinen Eltern sitzen, ich war irgendwo allein. Er hypnotisierte eine Frau, und ein anderer Mann sagte, was sie zu tun habe. Sie kam auf mich zu und gab mir einen Kuss auf meine linke Wange. Fürchterlich! Ich versank fast im Fußboden ...

Wir hatten viele schöne Ferien. Aber in unserem Familienleben war nicht alles rosig wegen dieser Spannungen zwischen meinen Eltern. Die beeinflussten uns Kinder natürlich. Die Mutter bekam immer recht von den Freunden, sie wusste es zu stellen. Und ich fühlte mit meinem Vater, ich war sein Lieblingskind - das Jüngste, net wahr? Er tat mir leid.

Mein Vater war religiös, und wir sind ihm zuliebe in die Synagoge gegangen, wir waren aber ohne Glauben. Meine Mutter war freidenkend, und ich meine, dasss wir die hohen Feiertage und Shabbat (2) nicht gehalten haben, das gute Essen aber hatten. Es war nicht kosher (3) ... Auch die Freunde der Familie waren gemixt, es spielte keine Rolle, ob einer Jude war oder nicht.

Den Krieg von 1914 hab ich ja schon erlebt. In unserem großen Haus nahmen wir einmal sechs Offiziere als Einquartierung auf. Für einen von ihnen habe ich Backfisch geschwärmt. Als sie am nächsten Morgen wieder weiter mussten, hab ich viele, viele Papierrosen gemacht und diese den Soldaten, die an unserem Haus vorbei zogen zugeworfen in der Hoffnung, dass er eine davon erlangen wird. Oh Gott, es war funny!

Wir waren sehr patriotisch - deutsch geboren und alteingesessen ... Wir haben auf einer Landkarte immer Fähnchen gesteckt, mal nach vorne, mal nach hinten - wie der Frontverlauf eben gerade war. Und meine Schwester hat ihrem Freund Pfundpakete an die Front geschickt, manchmal war eine Flasche Rum drin. Sie hat dann dazu geschrieben: „Trink Rum, erwirb dir Ruhm, und ich wollt', der Krieg wär' um." Sie hatte einen großartigen Humor.

Später sangen wir: „Wie siegreich haben wir den Krieg verloren!"

Wir hatten als Kinder englische Gouvernanten, aber mein Akzent wurde erst etwas besser, als ich nach England kam und inmitten der Flüchtlinge lebte. Mein Mann und ich haben übrigens immer nur deutsch miteinander gesprochen, und Gott sei Dank hab ich meine Kinder zweisprachig erzogen. Als meine Tochter Rosemary und ich einmal Bruchsal besuchten, konnten die Leute es nicht fassen, dass sie nicht in Bruchsal geboren und aufgewachsen ist, so fließend spricht sie den dortigen Dialekt...

Bauhausentwurf

Bauhausentwurf

Nach der Töchterschule wurde ich ins Pensionat geschickt, nach Weimar. Das hat mir gar nicht gut gefallen, deswegen habe ich eine Kunstschule gesucht und gefunden, aber die war auch nicht besonders gut. Dann aber hab ich das Bauhaus entdeckt! Das war zu jener Zeit von Gropius (4) sehr beeinflusst, die kubistische Kunst wurde dort geboren - in Weimar, wirklich! Leider hab ich diese große Zeit nur ein Jahr mitgemacht, aber sie hat mich sehr beeinflusst Ich bin sehr stolz, dass ich dort war ... Dann musste ich aus irgendeinem Grund wieder heim zu meinen Eltern.

Kurz darauf bekam ich bei dem Zigarrenfabrikanten Liebhold, dem Ehemann meiner ältesten Schwester, eine Anstellung als Designer für Verpackung. Ich habe Namen für Rauchtabak und Zigarren erfunden, und ich hab die Bilder für die Verpackungen, für die Schachteln entworfen. Leider sind die ganzen Beispiele verlorengegangen. Das tut mir furchtbar leid, denn da waren wirklich ganz interessante Sachen dabei. Ich erinnere mich genau an eine kleine Reklame für Rauchtabak, der hat Rothut geheißen; sie war ziemlich modern, sehr fortschrittlich, und ich war so stolz darauf.

Rothut-Tabakdose

Rothut-Tabakdose

Diese Fabrik hat groß Reklame gemacht, und meine Entwürfe waren an Autos und Bussen und überall zu sehen, zum Beispiel an einer Heidelberger Zigarrenfabrik oder am Zigarrengeschäft am Köpenicksplatz. Ich habe oft die Menschen vor meinen Bildern beobachtet, wie sie reagieren, wenn sie meine Bilder ansehen, was sie dazu sagen. Und ich war schrecklich stolz.

Neben diesem Zigarrengeschäft war ein sehr luxuriöser Laden, einer der feinsten, nur Adlige verkehrten dort. Ich habe das Schaufenster immer sehr begeistert bewundert. Vorn war eine kleine Clownsfigur aus Elfenbein, mit geschnitztem Gesicht und solchen Händen. „Der blamierte Clown" hieß sie. Die Füße und der Körper waren gold und grün. Der Clown sah wirklich sehr niedergedrückt, sehr traurig aus. Ich liebte diese Figur, ich verliebte mich in sie. Und ich wollte sie unbedingt haben. Also ging ich rein, schaute sie mir genau an und fragte nach dem Preis. Er war irrsinnig hoch ich weiß ihn heut' nimmer genau, aber er war sehr hoch. Ich hab gefragt, ob ich eine Anzahlung machen kann ...

Ich war so schrecklich stolz, dass ich in der Lage war, so etwas Schönes von meinem ersten selbst verdienten Geld zu kaufen. Als ich das zu Hause erzählte, wurde mein Vater wütend: „Wie kannst du eine Anzahlung machen? Hier hast du das restliche Geld, geh hin und bezahl' sofort alles!" Er hat mir dadurch die ganze Freude genommen - das Vergnügen, diesen blamierten Clown allein zu erstehen. Das war wirklich schrecklich. Das war furchtbar ... Ich hab die Figur nie aufgestellt. Ich hab sie versteckt. Dann ging er verloren ...

Was wir alles verloren haben, das ist nicht zu beschreiben. Antikes, soviel Schönes, alles war im Lift nach Havanna. Aber das ist eine andere Geschichte, die Geschichte von Havanna. Das ist ein Kapitel für sich.

Eine kurze Zeit nach meinem Aufenthalt in Weimar traf ich meinen Mann auf einer meiner ersten Parties, und das kam so: Meine Schwester Ellen war eine hübsche, charmante Person; sie war sieben Jahre älter als ich und hatte große Schwierigkeiten, den richtigen Mann zu finden. Sie hatte viele Bewunderer, konnte sich aber für keinen entscheiden. Sie fragte mich oft: „Annele, wasch meinscht, isch der der richtige?" - „Ich kann nicht deinen Ehemann auswählen", sagte ich ihr. Und dann auf einmal war sie verlobt!

Nun bekam ich die guten Kleider nicht mehr von der Wopperschale, und ich habe mich wohler gefühlt, stand nicht mehr nur im Hintergrund. Ich wurde nach Weinheim von der Familie Hirsch eingeladen; Bill Fuchs hatte die Marianne Hirsch geheiratet. Das waren große Lederfabrikanten ... In der gleichen Woche war ich eingeladen bei meiner Cousine in Frankfurt - Paula Fürth, geborene Fürth, später Weiß, zu einer Hausparty. Und da hab ich meinen Mann getroffen, obwohl der ursprünglich gar nicht eingeladen werden sollte!

Seine heimliche Braut war eine Bekannte von meiner Cousine, und mein Onkel hatte sich erkundigt: „Wer ist der Herr, den du mitbringen willst?" Und sie hatte gesagt: „Ach, er arbeitet an einer Bank, er heißt Fuchs." - „Ach, ich weiß, wer das ist, du kannst ihn bringen," meinte er. So traf ich ihn - ich hab keine Ahnung gehabt, dasss er mit einem anderen Fräulein dort war - und als er sich mir vorgestellt hatte und dabei erwähnte,dassss er von Karlsruh' sei, da hab ich gesagt: „Oh, Fuchs von Karlsruh' Holzfuchs? Ich bin Aschenbrödel." Meine Mutter war nämlich immer bestrebt gewesen, einen von diesen schönen Fuchs-Jungs für meine Schwester zu bekommen, aber es kam nie zu einem Arrangement. Ich amüsierte mich nun und dachte: „Ich Aschenbrödel treffe diesen heiligen Fuchs!" Bei meinem Vortanz habe ich ihm eine rote Nelke zugeworfen. Nachher hat er gesagt: „Da kam ganz andere Luft herein, während du getanzt hast." Er verabredete sich mit mir und ... es war ein sehr schöner Abend. Wir lernten uns bald näher kennen, haben uns dann verlobt und geheiratet ... und dann wurde Frank geboren. Mein Mann kam in unser Geschäft, weil in der Fuchs Familie schon genug Söhne waren; für ihn war da kein Platz mehr.

Uns ging es gut. Wir hatten unser ganzes Geld in das Geschäft gesteckt; mein Mann hatte einen jüdischen Geschäftsteilhaber, Louis Katz (5) hieß er. Als Hitlers Zeit begonnen hatte, wollten wir sofort aus Deutschland heraus. Aber Louis Katz hatte sehr viel dagegen und warf meinem Mann vor: „Du kannst nicht dein Geld aus der Firma nehmen, du reißt damit das Geschäft zusammen." Seine Frau wollte Deutschland nämlich absolut nicht verlassen, sie kam dann ins Konzentrationslager - schrecklich; er ist glücklicherweise vorher gestorben ...

Mein Vater hat Hitler Gott sei Dank nicht mehr erlebt, er starb an der Riviera; meine Mutter hat Furchtbares durchgemacht...

Wir mussten wegen des Geschäftes länger als geplant bleiben. Alle unsere Freunde hatten schon ein Affidavid (6) bekommen. Wir hatten ständig Angst, horchten auf alle Geräusche auf der Straße. Einmal waren die Nazis wieder unterwegs, und wir glaubten schon, dass sie zu uns kommen würden. Aber die Schritte gingen weiter, Otto Schrag (7)wurde an diesem Abend abgeholt...

Dann fanden wir endlich eine sehr gute Hamburger Familie, eine alte Familie, die unser Geschäft aufkaufte. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich das letzte Mal unser schönes Familien-Essservice gesehen habe; ich hatte all diese Direktoren in meinem Haus zum Abendessen eingeladen und das Beste vom Besten, das Schönste vom Schönsten aufgelegt ... Danach verstaute ich alles im Lift ... und wir haben alles verloren,

Wir mussten aus unserem Haus heraus, das war furchtbar - vor allem für die Kinder, Frank ging schon in die Schule, Renate war noch sehr klein. Wir haben die Kinder nach Frankfurt zu einem jüdischen Anwalt geschickt; Frank konnte dort die Schule besuchen und bekam noch als letzter Bar Mitzwa (8) in der Frankfurter Synagoge, dann wurde sie abgebrannt.

Brennende Frankfurter Synagoge

Brennende Frankfurter Synagoge

Die Kristallnacht erlebten wir in Frankfurt ... Wir hatten ständig Angst! Wir lebten in einem Zimmer versteckt, waren nicht polizeilich angemeldet ... Dann fuhren wir nach Heidelberg mit einem Auto, wir konnten nicht mit dem Zug reisen, weil die Bahnhöfe alle von Nazis besetzt waren. Wir suchten meine Schwester auf, und sie sagte: „Ihr könnt nicht bleiben, der Michael ist abgeholt worden und unser Anwalt auch, in seinem Haus ist alles kurz und klein geschlagen worden." Wir riefen meine Schwiegermutter an, fragten, ob wir zu ihr kommen könnten, und hörten: „Oh, Richard wurde festgenommen ..." Wir wussten nicht wohin.

Walther fasste schließlich den Entschluss, in der Nähe von Freiburg über eine Rheinbrücke zu gehen und so über die Grenze zu kommen. Er kannte die Gegend, wir hatten in Süddeutschland Tabak gekauft, und Albrecht Fuchs hatte diesen Weg auch schon genommen. Aber der Brückenkopf war besetzt von Hitler-Soldaten, und sie haben ihn gefangengenommen. Ein Soldat hatte zu ihm gesagt: "Wenn du nicht stehen bleibst, dann schieß' ich dir einen in den Ranzen!"

Walther kam nach Freiburg ins Gefängnis, weil ich ihm ein schweres goldenes Armband mitgegeben hatte - er sollte es verkaufen ... So wurde sein Versuch, Deutschland zu verlassen, nur als Devisenvergehen behandelt. Und das war sein Glück! Der Anwalt Dr. Stein aus Karlsruhe übernahm seinen Fall; er kannte einen alten Richter in Freiburg. Der bekam diesen Fall, und Walther wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Ich ging in der Zwischenzeit durch die Hölle. Ich hatte die Kinder wieder bei mir, und wir wohnten bei meiner Schwiegermutter. Sie beschuldigte mich, verantwortlich für Walthers Situation zu sein, ich hätte ihn über die Grenz' gehen lassen! Ich mein', wir waren so verzweifelt; ich habe das Vorhaben meines Mannes gebilligt, ich fand es richtig, es war aber nicht meine Idee gewesen ... Vier Tage habe ich nicht gewusst, wo mein Mann ist. Und dann kam die Gestapo zu mir ...

Kindertransport

Ankunft eines Kindertransportes am Londoner Bahnhof, 1939

Wir hatten durch die englische Lehrerin Dora Fuchs Verbindung zu den Harveys in Dorking - Quäker - bekommen. Dieser Verbindung haben wir unser Leben zu verdanken, denn die Kinder kamen über sie mit dem Kindertransport nach England. Walther hatte das Glück, einen Tag vor der Abfahrt der Kinder nach England aus dem Gefängnis zu kommen, er konnte sie also noch sehen.

Freundliche Menschen nahmen Renate auf, und andere Freunde, die Bärs, haben eine jüdische Familie gefunden, die Frank aufnahm. Aber die hat ihn später sitzen lassen!, sie ist ausgewandert nach Kanada und hat den Buben nicht mitgenommen. Er hatte plötzlich keine Heimat mehr. Er hatte es also schrecklich getroffen mit dieser jüdischen Familie ... Renate hatte eine brillante Familie. Die Harveys hatten sie zu anderen Quäkern gebracht, zu Leuten von der anglikanischen Kirche. Die haben sehr gut gelebt, und sie haben Renate gut aufgenommen. Sie haben sie mit ihrer eigenen Tochter in eine boarding school geschickt, sie hat eine phantastische Ausbildung gehabt! Aber der arme Frank litt von Anfang an ... Er war elf, er hat das sehr tragisch genommen.

Wir Eltern waren noch in Deutschland und wohnten weiterhin bei meiner Schwiegermutter. Eines Tages bekam ich einen Anruf aus Heidelberg: „Frau Fuchs, kommen Sie sofort nach Heidelberg, die Gestapo ist bei Ihrer Schwester!" Weil Walther von Heidelberg aus über die Grenz' gehen wollte, ist meine arme Schwester mit reingezogen worden. Die Gestapo in Heidelberg war besonders bös, unangenehm, sie haben meine Schwester auf Schritt und Tritt verfolgt, sie konnte noch nicht einmal allein auf die Toilette gehen! Ich hab den Mut gehabt und zu denen gesagt: „Wissen Sie, Ihre Kollegen von der Gestapo in Karlsruhe benehmen sich im Vergleich zu Ihnen wie Gentlemen." Ich hätte nach Dachau kommen können, weil ich meinen Mund so weit aufgemacht habe ... - Michael, mein Schwager, war in Dachau.

Gottfried war zu dieser Zeit in Paris, in Frankreich; ich habe die Aufgabe gehabt, meine Schwiegermutter zu ihm zu bringen. Und das hab ich geschafft. Richard ist in der Zwischenzeit ausgewandert.

Wir waren die letzten der Familie und aus unserem Freundeskreis, die die Gelegenheit gehabt hatten, noch rauszukommen. Meine Schwiegermutter hatte vor ihrer Abreise nach Paris den Haushalt aufgelöst, und wir hatten einen Packer beauftragt, unseren Lift zu füllen. Ich ging für die Übergangszeit in ein jüdisches Hotel, dort wohnten noch mehr Juden, die auf ihre Abreise warteten. Und dort habe ich mich von meiner Schwester Mally und meiner Mutter verabschiedet... Die Leute haben gesagt: „Gott, wie sie sich beherrscht haben bei diesem Adieu!"... Grausam, ich werde diesen Moment nie vergessen. Ich habe meine Mutter und meine Schwester an diesem Tag zum letzten Mal gesehen ...

Meine Mutter ging nach Holland, ihre Schwester Marie und ihr Mann, Albert Schöndorf, waren auch dort. Sie wurden geholt, als Hitler nach Holland kam. Es wurden abgeholt: Albert Schöndorf, seine Frau, die Schwester meiner Mutter - und dann meine Mutter. Sie lebte bei Annemarie Heidenheimer, die mit uns verwandt war. Die Heidenheimers waren die Cousins meiner Mutter. Ich stehe noch sehr nah mit Rob Heidenheimer in Israel und seiner Schwester Karla, die in Hamburg lebt. Sie war meine beste Freundin, die Annemarie Heidenheimer ...

Annemarie war mit ihren beiden Kindern in einem anderen Lager als ihre Mutter und ihr Mann. Durch ihn erfuhren wir, dass meine Mutter gestorben ist. Sie kam mit Angina nach Auschwitz und auf einem Strohbett liegend sollte sie weggetragen werden zur Verbrennung; sie starb auf dem Weg dorthin. Gott sei Dank. In Auschwitz. Sie sollte gerade verbrannt werden, sie starb auf dem Weg dorthin.

Meine Schwester kam mit dem Chauffeur eines Freundes als letzte heimlich über die Grenze von Heidelberg nach Holland und fuhr auf einem Schiff im Konvoi nach Israel. Dort bekam sie ein Stipendium, studierte Jungsche Psychoanalyse und hat damit ihren Lebensunterhalt verdient. Sie bekam Krebs und nahm sich das Leben. Sie ist in Jerusalem begraben.

© Steffen Jacob

- wird fortgesetzt -

 

 

Tabakdose der Firma Liebhold

Tabakdose der Firma Liebhold, Heidelberg

 

(1) Anlässlich der Verlegung von Stolpersteinen in Heidelberg besuchten Nachkommen der Familie Liebhold aus den USA auch Bruchsal. Hier ist die Geschichte der Liebholds aufgeschrieben: Die Familie Liebhold

(2) Shabbat (Sabbat) = im Judentum der siebte Wochentag, ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Er beginnt wie alle Tage im jüdischen Kalender am Abend und dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstagabend.

(3) Kosher: Lebensmittel, die "koscher, also für den Verzehr erlaubt sind.

(4) Gropius: Siehe Bauhaus

(5) Louis (Ludwig) Katz: Wohnte in Bruchsal, Kaiserstraße 19. Geb. 24. Juni 1878, gest. 9. November 1937

(6) Affidavid: Freunde und Bekannte in Staaten außerhalb Deutschlands konnten mit einer beglaubigten Bürgschaftserklärung Verfolgten die Einreise in Überseeländer (Vereinigtes Königreich, USA) ermöglichen um somit ihren Nazi-Häschern auf dem Kontinent zu entgehen.

(7) Otto Schrag: Siehe Susanne (Suzie) Schrag: Ich habe meine Tage ausgenützt

(8) Bar Mitzwa: Der Begriff bezeichnet einerseits den Status des religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits den Tag, an dem dieser die Religionsmündigkeit (13 Jahre) erwirbt, und die oft damit verbundene Feier.

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