Was lernen wir von EHEC?

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Aspekte einer globalen Krise
Mittwoch, 15. Juni 2011 - 14:13

35 Menschen sind gestorben, viele schwer krank in Krankenhäusern behandelt worden. Rohkost wurde zur Risiko-Kost und Verbraucherschutzminister zu sein, zum persönlichen Problem. Die Krankenhäuser im Norden der Republik ächzen unter der Last der EHEC-Kranken.

Unzweifelhaft ist, dass um so wenig Tote noch nie so viel Aufhebens gemacht wurde. Die Medien haben ihre Auflagen pflichtgemäß gesteigert und so viel Luft wie möglich in das Thema gelassen. Die Angst des modernen Menschen ist die Angst vor dem nicht Steuerbaren.

Diese Angst ist die Antriebskraft des Medien-Hype.

Trotzdem bleibt beunruhigende Feststellungen:

  1. Das EHEC-Bakterium war und ist gewöhnungsbedürftig aggressiv. Warum? Die Fachleute, die es ja für jedes denkbare Gebiet und in ausreichender Zahl gibt, haben gearbeitet, gedacht und geforscht. Erstes Resultat: Der ungezügelte Einsatz von Antibiotika, auch in der Tierzucht, hat Resistenzen erbracht und, wie wir jetzt wissen (Achtung: Neuer Fachmann gesucht!) unangenehme Mutationen. Nicht überliefert ist bis heute, ob dieser Umstand die Effizienzsteigerung in der Landwirtschaft aufzuhalten geeignet ist: Die Masthähnchen werden – mit Hilfe von Antibiotika- so sehr gemästet, dass diese nicht mehr selbst stehen können. Das macht die Käfighaltung fast schon zur sozialen Tat. Man liegt nebeneinander.
  2. Der Schadensumfang ist ungeheuerlich. Erste Schätzungen gehen von 600 Millionen Euro aus, weil Gurken, Tomaten, Salat und anderes Gemüse nicht mehr verspeist wurden. Grund: Die Landwirtschaft strebt, wie andere Bereiche der Wirtschaft auch, unaufhaltsamen der finalen Effektivität entgegen. Basis hierfür: quadratkilometergroße Monokulturen, die eine Markt-Reichweite haben, die kaum noch vorstellbar ist. Eine Ahnung hierüber gibt die neue Milch-Kultur. “Länger haltbar“ – für Transportwege nämlich. „Normale“ Milch ist kaum noch erhältlich. Es ist deshalb nicht mehr möglich, Schadensfälle lokal zu isolieren. Gerne hat das Problem weltweite Dimension, worauf die Tatsache hinweist, dass der „Problem-Biohof (Sprossen)-Betrieb“ einen Teil seiner Sprossen aus China bezog. Nebenbei darf im Rückgriff auf religiös-kulturelle Traditionen darauf hingewiesen werden, dass die Vernichtung von Lebensmitteln in diesem Ausmaß in keiner Kultur jemals akzeptiert worden wäre. Aber wir sind im Zeitalter des maßlosen Effizienz-Kapitalismus, der nur noch betriebswirtschaftliche Kennziffern und keinen Menschenverstand mehr kennt. Die Folge des Schadens ist – beispielsweise am Niederrhein und in der Mainau – dass kleinere, leider auch spezialisierte Betriebe, den Umsatzausfällen zum Opfer fallen. Konsequenz: Noch mehr Konzentration, noch größere Monokulturen. Noch weniger im Ansatz bäuerliche Betriebe. Und vor allem auch: Immer weniger Menschen, die wissen, wie Landwirtschaft funktioniert. Die Maschine frisst menschliches Wissen und Souveränität und Selbstbestimmung des Individuums.
  3. Die Verbraucherschutzminister aller Länder werden selbstverständlich die Dokumentationspflichten aller Landwirte in ungeahnte Höhen treiben. Jedem Landwirt sein Doku-Buchhalter. Ebenso absehbare Konsequenz: Noch schnelleres Ausscheiden von „zu kleinen „ Marktteilnehmern, noch mehr Konzentration. Das alles ist logisch, denn die industrialisierte Landwirtschaft braucht „Lösungen“, die auf die Industrialisierung rekurrieren. Der Skandal des Systems stärkt das System. Ebenso vorhersehbar: Der nächste GAU hat eine noch größere Dimension. Irgendwann einmal wird die einzige Tomatenkultur des Planeten pleite gehen. Wahlweise: Gurken, Salat. Schon heute müssen die Afrikaner auf eine eigene Geflügelzucht verzichten, weil die Antibiotika-gemästeten liegenden Euro-Hähnchen den dortigen Markt zum Erliegen gebracht haben.

Slow-food (an deren Seite: food-watch) kämpft für saubere umweltfreundliche „Lebens“-Mittel, die auch noch geschmacklich Freude bereiten. Regionale Wirtschaftskreisläufe werden von Wissenschaftlern (dringend) empfohlen, um einen Unterbau für das problematische und vom kollabieren bedrohte globale System zu schaffen. EHEC lehrt leider, dass der Weg in die Vollindustrialisierung der Landwirtschaft unaufhaltsam ist. Schöne neue Welt.

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Kommentare

Regional essen? Wann und wo?

Wie Risiken abgeschätzt werden, hängt - neben der Medienpropaganda, die Herr Schmitt richtigerweise beklagt (Ehec!, Brandschutz...?) oft vom Einkommensstatus des Einzelnen ab.
Zu Ehec: Lebensmittel muss man sich auch leisten können, insbesondere wenn Nahrung mit Biodiesel und E10 als Heilsbringer konkurriert und von Grünen und SPD (lange) propagiert wurden.
Slow Food stand eine ganze Weile in der Kritik, ein Oberschichtenproblem zu behandeln. Dem ist nicht so, wenngleich Zweifel bleiben.
Allerdings ist es völlig vermessen, dem Bürger regionale Küche vorzuschreiben, wenn gleichzeitig andere regional-politisch-korrekt zum Dinner fliegen. Das mögen Auswüchse sein, aber überprüfen Sie, wann Sie zum Dinner 100+ km absolviert haben.
Nur die Esskultur und die Landwirtschaft anzugreifen ist müssig, wenngleich der Einwurf Herrn Schmitts nachdenklich machen sollte:
PS: Im Januar gab es folgenden Artikel in der NYT:
"10 Restaurants Worth a Plane Ride"
Man isst da dann genial "regional".

 

 

Esskultur

Wenn man das Einkaufsverhalten vieler Menschen betrachtet, dann scheint es nicht unbedingt (bzw nur in seltensten) Fällen ein finanzielles Problem zu sein, eher eines der gesetzten Prioritäten. Da wird halt schon oft das 2-Euro-Hühnchen eingepackt, damit es dann später noch für die Kiste Cola reicht. Wenn man sich vor Augen führt, wieviel Prozent des Einkommens früher und heute für Lebensmittel ausgegeben werden, dann ist das schon erschreckend, weil es immer weniger wird . Die Frage ist in der Tat, was uns gesunde Lebensmittel und ein angemessener Umgang mit den Nutztieren wert sind (auch wenn es an anderer Stelle Verzicht bedeutet oder vielleicht auch nur, Fleisch etwas bewusster und weniger zu konsumieren). Die Entfremdung vom Ursprünglichsten überhaupt, nämlich unserer Ernährung , hat beängstigende Ausmasse angenommen und wird vermutlich weiter voranschreiten. Man schaue sich nur das Angebot an Fertigprodukten in den Supermärkten an, das steht ja da nicht, weil es nicht gekauft wird... Das Problem verschlimmert sich von Generation zu Generation, heute wissen viele Kinder nichtmals, wie eine Kartoffel wächst, geschweige denn, was man damit tun kann, woher auch? Vielleicht sollte man da mal ansetzen, leider lernen die Kids das nichtmehr so nebenbei, dafür wissen sie, wieviel monatlichen Niederschlag es in Timbuktu gibt, auch nett, meist aber nach der nächsten Klassenarbeit wieder vergessen ;-)

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