Von Lobsters, Tido und einer überraschenden Offenbarung

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Montag, 31. Oktober 2011 - 17:32

Das Lobster-Essen

Lobster
Beim Auspacken der Maine Lobster, richtig riesige Oschis, wie man auf dem Foto sehen kann, sagte Walter ganz beiläufig zu mir: „heute Abend, nach unserem Lobster-Essen, kommen noch Tido und seine Frau hier vorbei“. Tido mit seiner Frau? Da ich keine Ahnung hatte, wer das ist, „interviewte“ ich Walter, der erst kürzlich seinen 85. Geburtstag feierte, ein wenig zu Tido. „Rolf, Tido ist ein alter Freund von mir – er ist in meinem Alter. Er war eine der ersten Bekanntschaften die ich machte, als ich vor mittlerweile vielen Jahren hierher nach Connecticut gezogen bin. Er wohnt hier ganz in der Nähe, in Avon“.

Stop and Shop

Viel Arbeit hatten wir mit den Hummern nicht mehr. Der braungebrannte junge Mann hinter der meterlangen Fischtheke im Stop & Shop am Ortsrand von Simsbury hatte für uns schon die gröbste und unangenehmste Arbeit übernommen – die zappelnden Viecher lebend, mit dem Kopf voran (gemäß Tierschutzverordnung!) ins sprudelnd kochende Wasser gleiten zu lassen und darin 15 Minuten zu köcheln.

Die Lobsters waren wirklich grandios. So hässlich das Tier fürs menschliche Auge auch aussehen mag, gekocht ist der Lobster eine wahre Delikatesse – das Fleisch, nicht der Panzer. Um an das Fleisch zu kommen mussten wir den Hummer tranchieren. Die Scheren haben wir vom Rumpf abgebrochen und die Beine mit einer starken Schere abgeschnitten. Dann legten wir die Hummer auf den Bauch und durchtrennten mit einem großen scharfen Messer den Rückenpanzer zwischen Kopf und Rumpf. Als nächstes war der Darm zu entfernen - mein Hummer hatte keinen – und jetzt konnte das leckere Hummerfleisch ausgelöst werden. Mangels einer Hummerzange knackten wir die Hummerscheren mit einem Nussknacker.

Der Besuch kommt

Kaum waren wir mit dem Lobster-Festmahl fertig, klingelte es an der Haustüre. Walter bemerkte: „Ich glaube, das ist Tido mit seiner Frau“. Er ging behände zur Türe, öffnete diese und begrüßte die neuen Gäste: „Hello Barbara, hello Tido, how are you, please come in. Rolf and his family are yet here“. Er führte die Beiden ins Wohnzimmer. Tido, ein hochgewachsener, grauhaariger Mann, mit einer blauen Baseball-Kappe auf dem Kopf, auf der „Eagle“ stand. Tido schaute schon ein wenig der Schalk aus den Augen. Begleitet war Tido von seiner Frau Barbara, die sogleich einen lebhaften, klugen Eindruck auf uns machte.

Holzhaus

Wir begrüssten uns in englischer Sprache und nahmen in Walters bequemen Wohnzimmersesseln Platz. Zunächst redeten wir ein paar Takte, bis Tido sagte: „Rolf, Sie können gerne Deutsch mit mir sprechen. Ich komme auch aus Deutschland, spreche zwar nicht mehr so gut diese Sprache, aber ich hoffe, dass es für heute Abend ausreicht.“ Auf meinen Einwand hin, dass seine Frau ja Amerikanerin sei und uns dann nicht verstehen würde, schmunzelte diese und erwiderte, ebenfalls auf Deutsch, ja, sie sei durch und durch Amerikanerin, hätte aber lange Jahre als Dolmetscherin in Deutschland gelebt und gearbeitet. Sie meinte, dass es für alle Anwesenden bequemer sein dürfte, wenn man komplett auf die deutsche Sprache umstiege – wobei sie wohl eher an die Bequemlichkeit der Gäste aus Deutschland gedacht haben dürfte als an die eigene. Schon eine komische Situation. Da sitzt man in den Vereinigten Staaten in Connecticut im Wohnzimmer eines typisch amerikanischen Holzhauses, gerade so wie man diese aus den Vorabendserien des Fernsehens kennt, und alle sprechen Deutsch...

Tido erzählt

Tido erzählte ein wenig aus seinem Leben, wobei interessanterweise sein norddeutscher Zungenschlag „von der Waterkant“ immer noch unüberhörbar war. Er erzählte aus seiner Kindheit und Jugend in Norddeutschland und wie er sich als Schüler wunderte, wie zu seiner Schulzeit, er sei Jahrgang 1925, am Gymnasium nach und nach Mitschüler aus der Klasse verschwanden. Die Eltern hätten ihm auf seine Fragen keine Antwort gegeben, erst nach einiger Zeit habe er erfahren, dass es sich um jüdische Mitschüler handelte, die bis Ende 1938 ins Ausland emigrierten und ab Mitte 1939 sei es jüdischen Schülern nicht mehr erlaubt gewesen, öffentliche Schulen zu besuchen.

Später schilderte er lebhaft seine Erlebnisse auf dem Segelschulschiff „Horst Wessel“, einem Schwesterschiff der Gorch Fock. Auf der „Horst Wessel“ diente er im Jahre 1944 für sechs Monate als Seekadett und wurde, es war nicht mehr lange bis zum Kriegsende, zum Offizier zur See für die deutsche Kriegsmarine ausgebildet. Über die "Horst Wessel", die er später umbenannt in "Eagle" durch Zufall als U.S.-Küstenwachschiff wiederfand, habe er auch ein Buch geschrieben – aber das ist wiederum eine ganz andere Geschichte.

Es konnte natürlich nicht ausbleiben, dass man im Laufe unserer Unterhaltung auch darüber sprach, wie das Kennenlernen zwischen Walter und uns von statten ging, wobei verständlicherweise die Sprache auch auf Bruchsal kam. Nachdem Bruchsal erwähnt war, wurde Tido für einen Moment etwas nachdenklich. Dann sagte er: „Ich kenne Bruchsal. Wie ich bereits sagte, bin ich ja nach dem 2. Weltkrieg aus Deutschland in die USA ausgewandert. Ein paar Jahre später ging ich vorübergehend mit meiner Frau, die ich mittlerweile in den USA geheiratet hatte, wieder zurück nach Deutschland und arbeitete dort in Heidelberg als Ingenieur für IBM. Damals wohnten wir in Schwetzingen. Also ganz in der Nähe von Bruchsal.“

Tido kennt Untergrombach

Jetzt war es an uns zu staunen. „Ja, ich kenne diese Gegend gut. Aber neben Schwetzingen und Heidelberg kenne ich auch Untergrombach sehr gut.“ Wir machten große Augen: „Untergrombach? Warum gerade Untergrombach?“ „Nun, das war so. Eines Tages machte mein Auto auf der Fahrt von Schwetzingen nach Heidelberg schlapp. Der Schaden war irreparabel, wir brauchten also ein neues Fahrzeug. Kurzentschlossen suchten wir die Heidelberger Mercedes-Niederlassung auf und besorgten uns einen neuen Wagen. Für uns Amerikaner war Deutschland damals in den 60ern, 70ern ja richtig billig. Für einen Dollar bekam man vier Deutsche Mark. Der Mercedes wurde bald geliefert und am darauf folgenden Wochenende sagte ich zu meiner Frau, weißt du was, Barbara, wir fahren nach Baden-Baden, um dort mit einem schicken Essen unser neues Auto zu feiern.

untergrombach

Foto: Chr. Lauber

Gesagt, getan. Jedoch weit kamen wir nicht. Kurz nach Bruchsal gab der Motor unseres neuen Autos im ersten Gang plötzlich so komische Geräusche von sich. Wir fuhren bei Untergrombach von der Autobahn runter und in den Ort hinein, um eine Werkstatt aufzusuchen - Ich kann mich noch gut an die Kirche hoch oben auf dem Berg erinnern. Da es jedoch Samstag Nachmittag war, hatte keine Autoreparaturwerkstatt mehr geöffnet. Da fragten wir eine hübsche junge Dame, die in der Ortsmitte unterwegs war, ob sie eine Idee hätte, wie man uns weiter helfen könnte. Sie überlegte kurz, dann sagte sie, sie wisse etwas. Einer ihrer Bekannten hätte Automechaniker gelernt, wir sollten doch einfach mal bei dem vorbei fahren. Er wohne dort und dort.“

Die Adresse weiß Tido allerdings heute nicht mehr – die Geschichte hat sich ja bereits vor etwa 40 Jahren abgespielt. Tido fuhr fort: „Wir hatten wirklich großes Glück. Wir klingelten an dem Haus und ein junger Mann öffnete die Türe. Er strahlte uns an, als wir ihm unser Problem schilderten. „Da sind Sie bei mir gerade richtig. Ich hab' grad' vor Kurzem meine Abschlussprüfung als Kfz-Mechaniker gemacht – und gelernt hab' ich auf Mercedes.“ Wir fuhren unseren Mercedes in die Hofeinfahrt, der hilfsbereite Untergrombacher klappte die Motorhaube auf und machte sich an die Arbeit. Es dauerte gar nicht so lange bis er die Motorhaube wieder zuschlug, seine ölverschmierten Hände mit einem Putzlumpen reinigte und verkündete, dass er den Fehler gefunden und repariert habe. Jetzt könnten wir ohne Bedenken weiter fahren. So war es dann auch. Wir erreichten unbeschadet Baden-Baden, wo wir uns ein leckeres Abendessen gönnten und fuhren spät abends unbeschwert zurück nach Hause, nach Schwetzingen.

In den Folgejahren, solange ich für IBM in Deutschland arbeitete, habe ich immer meinen Mercedes zu Inspektionen oder Reparaturen nach Untergrombach zu „unserem“ Kfz-Mechaniker gebracht. Und der machte nicht nur bei der ersten Reparatur an diesem denkwürdigen Samstag einen tollen Job sondern immer wieder. Was wohl aus ihm geworden ist? So war's wie ich Untergrombach kennen gelernt habe.“

peter pan

Das ist schon komisch. Da fliegt man über 6.000 Kilometer über den Ozean in die Vereinigten Staaten, fährt von New York aus mit dem Peter-Pan-Bus (der heißt wirklich so) nach Connecticut in ein kleines Städtchen mit noch nicht mal 24.000 Einwohnern, um einen kleinen Besuch zu machen und bekommt, recht beiläufig, gesagt, dass an diesem Abend ein Tido mit seiner Frau käme – und Tido erzählt dann von Untergrombach.

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Kommentare

Die Welt ist klein...

und selbst im letzten Winkel gibt es erstaunliche Begegnungen. So auch mir im Jahre 1974 passiert. Ich befand mich wieder einmal zu einer Aus- und Weiterbildung in den USA, genauer gesagt in Kalifornien im Ort Victorville in der Mojave-Wüste, einer meiner Ausbilder hieß Lippemeier und sprach ein verhältnismäßig gutes Deutsch, was er dann eifrig im Gespräch mit uns "Germans" übte. Es stellte sich heraus, daß seine Eltern aus Deutschland stammten und er einige Jahre als Kampf-Flieger in Ramstein stationiert war. Als ich meinen Herkunftsort Bruchsal erwähnte, wurde er hellhörig und meinte, daß er Bruchsal sehr gut kenne, allerdings nur aus der Luft, er sei einige Dutzendmale im Rahmen der damals üblichen Tiefflüge darüberhinweg geflogen und außerdem befand sich in 10.000 Fuß (ca. 3 km) Höhe über Bruchsal der "Initial Approach Fix" von Ramstein, genannt "Bruchsal Intersection" (Punkt, an dem ein Instrumentenanflug auf einen Militärflugplatz begonnen und Funkkontakt mit der Anflugkontrollstelle aufgenommen wird). Alle Flugzeuge, die aus südlicher Richtung kommend in Ramstein landen wollten, mußten sich damals über Bruchsal melden, was ich erstaunt zur Kenntnis nahm, wobei er Bruchsal wie "Bracksl" mit rollendem "r" aussprach. Er konnte mir Bruchsal genau schildern, die Bahnlinien, die zwei Bahntunnels in Richtung Stuttgart, das Schloß mit Schloßgarten und das "Café Achteck", wobei er vom Schloß sogar Photos gemacht habe - und tatsächlich, tags darauf brachte er mir gestochen scharfe Luftaufnahmen vom Bruchsaler Schloß mit - ich war geplättet.

Kleine-Welt-Phänomen

Interessant insbesondere auch in Zusammenhang mit dem Kommentar von Waldemar.Z das hier beschriebene "Kleine-Welt-Phänomen". Dieser Begriff  bezeichnet eine Hypothese, nach der jeder Mensch (sozialer Akteur) auf der Welt mit jedem anderen über eine überraschend kurze Kette von Bekanntschaftsbeziehungen verbunden ist.

"Verwandtschaft" in der Toskana

Vor einigen Jahren haben wir Urlaub in der Toskana gemacht und weil uns der Rummel an der Küste zuviel war, haben wir uns in einem Podere (Bauernhaus) ca. 20 km von der Küste entfernt "im Gelände" eingemietet.

Dort gab es schon andere Gäste und meine Tochter hatte sich einen deutschen Jungen als Urlaubsbegleitung ausgesucht. Währenddessen unterhielt ich mich oft mit dessen Vater, der ebenso wie ich die Aufsichtspflicht wahrnehmen musste.

Als ich von uns erzähle und beiläufig meinen Nachnamen nannte, horchte er überrascht auf, denn seine Frau heißt mit Mädchenname wie ich. Außerdem stammten sie aus dem Illertal, wo auch ich aufgewachsen war.

Da mein Vater eine Ahnentafel zurück bis 1613 besitzt, rief ich ihn noch am Abend an und bat ihn, doch mal nachzusehen, ob er die Leute in unserer Tafel fände.

Tatsächlich stellte sich heraus, dass wir seit 1802 miteinander "verwandt" waren.

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