Von Griechen und Grüßen und einer großen Stadt
„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Dies schrieb schon Matthias Claudius Ende des 18. Jahrhunderts. Ganz interessant – zumindest für den Reisenden selbst – wird es, wenn man mehr als 6.000 Kilometer von zu Hause weg von seinen persönlichen Geschichten und Erinnerungen eingeholt wird.
So ist es anlässlich eines Aufenthaltes in New York geschehen. Eingeladen waren wir bei Nestor, einem Freund aus lange zurück liegenden Tagen (den wir erst vor wenigen Jahren wieder fanden – aber das ist eine andere Geschichte). Nestor wohnt auf Roosevelt Island, einer schmalen, rund 60 Hektar großen und ungefähr drei Kilometer langen Insel im East River zwischen den New Yorker Stadtteilen Manhattan und Queens.
Im Jahre 1976 wurde Roosevelt Island mit der Roosevelt Island Tramway, "The Tram" einer Luftseilbahn, an Manhattan angebunden. Erst Ende 1989 erhielt die Insel den lange versprochenen U-Bahn-Anschluss. Selbstverständlich benutzten wir die von Schweizer Ingenieuren gebaute "Tram", die wunderbare Blicke über die Millionenstadt New York bietet - ganz abgesehen davon, dass eine Hochgebirgs-Seilbahn inmitten von Manhattan doch etwas "strange" ist.
Einladungen in New York zeichnen sich für gewöhnlich dadurch aus, dass man es zumeist nicht überwiegend mit „echten, eingeborenen“ New Yorkern zu tun hat. Denn die wenigsten New Yorker sind echte New Yorker. So auch hier. So gab sich auf dem Weg zu Nestors Wohnung eine elegante New Yorkerin, die wir nach dem Weg fragten, als Rumänin zu erkennen. Bereits am Mittag des gleichen Tages kamen wir in Chinatown mit einer attraktiven Chinesin ins Gespräch, die uns beiläufig erklärte, dass sie bereits über dreißig Jahre in New York lebe; die Dame sprach noch schlechter englisch als ich – und das will was heißen.
Nestor begrüßte uns mit einem herzlichen "Kalispära, ti kanätä" und stellte uns die anderen Gäste vor.
Mit um den großen Tisch auf dem idyllischen Grillplatz, bei herrlichem Blick auf den East River und die Skyline New Yorks, saßen lediglich drei Eingeborene, also „echte“ New Yorker, nämlich der Sohn sowie die beiden Töchter von Nestor. Ein ebenfalls eingeladenes Ehepaar, Peter und Lieke, hat deutsche bzw. holländische Wurzeln, Nestors Ehefrau Raija ist eine waschechte Finnin und Nestor selbst wurde in einem beschaulichen griechischen Dorf geboren und kam, über einige Umwege, darunter auch einige in Deutschland verbrachte Jahre, vor etwa zwanzig Jahren in die Vereinigten Staaten. Ebenfalls mit von der Partie bei diesem Grillabend war Nestors Mutter aus Griechenland, die er kurz zuvor zu einem längeren Besuch zu sich nach New York eingeladen hatte.
Zu unserer Überraschung begrüßte uns Nestors Mutter mit einem herzlichen „Gude Owend“. Auf unsere erstaunten Blicke hin erklärte uns Nestor lachend, dass auch seine Mutter, irgendwo zwischen 70 und 80 Jahren alt, ein paar Jahre in Bruchsal lebte. Sie hätte in den 70ern bei Siemens gearbeitet und wohnte in einem der Siemens-Wohnblocks in der Franz-Sigel-Straße in der Waldsiedlung. Mehr als „Guten Abend“, „Guten Tag“ oder „Jawoll“ (was sie noch aus ihrer Tätigkeit als Löterin bei Siemens kannte) kenne sie nicht mehr von der deutschen Sprache.
Unter Zuhilfenahme von Nestors ausgeprägten Dolmetschfähigkeiten (deutsch – englisch – griechisch – englisch – deutsch) entspann sich nun ein interessantes Gespräch mit Nestors Mutter über die Zeit, als sie in Bruchsal wohnte und arbeitete. Wir sprachen darüber, wie viele Mitarbeiter Siemens Bruchsal in den 70ern noch hatte, wobei Nestors Mutter sichtlich überrascht war zu hören, wie wenige von den damals Tausenden von Beschäftigten derzeit noch in Bruchsal verblieben sind. Wir sprachen über den Eisweiher, über das Deutsche und die Deutschen an sich und kamen dabei auch zufälligerweise auf einen Herrn Müller zu sprechen. Ein Herr Müller, der, wie Nestors Mutter eingehend ausführte, als Hausmeister für die Siemens-Wohnblocks zuständig war und für die Siemens-Werke dolmetschte.
Bei Nennung des Namens Müller wurde ich hellhörig. Müller? DER Müller? „Der Griech'“, der eine Kneipe beim Bahnhof hatte? Auf meine Nachfrage bestätigte Nestors Mutter, dass sie tatsächlich von dem Müller berichtete, der in der Nähe des Bahnhofs eine Gastwirtschaft besaß. Der Name der Gaststätte war damals „Bürgerhof“ und war im gleichen Gebäude wie „der Auto-Bürk“ in der Prinz-Wilhelm-Straße.
Ich bemerkte, wie Nestor auf einmal recht ruhig wurde. Er grübelte. Dann wandte er sich an mich und sagte: „Jetzt erinnere ich mich auch wieder. Ja, ich kenne diesen Herrn Müller auch. Ich glaube, mit einem seiner Söhne befreundet gewesen zu sein. Ich meine, er hatte zwei Söhne. Ob ich mit dem Jüngeren oder Älteren befreundet war weiß ich nicht mehr. Nur, dass seine Name Hans oder Hansi war. Alle riefen ihn nur Hansi; nä (ja), er heißt Hansi Müller. … Falls Du ihn zufälligerweise kennen solltest, Rolf, sagst Du ihm ganz liebe Grüße von mir?“
Lustigerweise kenne ich Hansi tatsächlich. Natürlich grüße ich Hansi auch sehr, sehr gerne von Nestor: „Also, Hansi. Wir sehen uns ja erst wieder im April des nächsten Jahres bei Friedberts Geburtstagsfeier. Daher die Grüße von Nestor auf diesem Wege: Ganz liebe Grüße aus New York vom Nestor!“
Bereits Anfang August 2009 veröffentlichte ich auf meinem Blog „Rolfs Blog (zur Gemeinderatswahl in Bruchsal) eine kleine Reminiszenz an den „Griech“, wie früher der Bürgerhof genannt wurde, die ich gerne ebenfalls bei bruchsal.org veröffentliche, auch wenn Teile des Inhalts nicht mehr so ganz aktuell sind:
Wer kennt wen und wer kennt den Griech?
Erstmals veröffentlicht am 9. August 2009
Jetzt bin ich auch bei www.wer-kennt-wen.de. Das „seltsamste Netzwerk im deutschen Web“. Diese Seite habe ich nicht gekannt. Bis mich während des Bruchsaler OB-Wahlkampfes Alex anrief. „Guck mal bei wekawe rein („wkw“ nennt der Insider diese Seite). Dort wurde eine Gruppe gegründet. „Jugend für Flori Hartmann“ oder so ähnlich.“ Da ich bis dato kein Mitglied bei wkw war, lud mich Alex zur Mitgliedschaft ein. Man kann nämlich nicht einfach so Teilnehmer bei wkw werden. Das geht nur über eine Einladung. So ähnlich wie bei einer Logenvereinigung. Beispielsweise Freimaurer oder Rosenkreuzer.
Nun, die „Wir-finden-Hartmann-toll-und-werden-ihn-wählen-Gruppe“ war so prickelnd nicht. Ein paar Sätze darüber, wie smart und jugendlich er sei. Das war’s. Dies ist jedoch mittlerweile Schnee von gestern.
In wkw kann man auch Gruppen gründen. Interessant für mich die Gruppe „Roxy (Griech) – Ehemalige“. Das sagte mir etwas. Wobei der Gruppenname nicht ganz korrekt ist. Richtig müsste es heißen: „Bürgerhof (Griech) Roxy – Ehemalige“. Warum? Diese Kneipe in der Nähe vom Bahnhof hieß offiziell seit 1919 Bürgerhof, dann inoffiziell Griech, dann offiziell Roxy und weiterhin inoffiziell Griech und dann machte sie zu.
In diese Gruppe hab’ ich gleich reingeschaut. Denn ich bin ein Griech-Ehemaliger. Ich sagte mir: Rolf, hier findest Du viele verschütt’ gegang’ne alte Bekannte und Freunde. Leider, leider war dem aber nicht so. Schon der Gründer der Gruppe, Enrico Ciuffani, war und ist mir total unbekannt. Beim Anschauen seines Profils wurde mir auch klar warum. Jahrgang 1963! Ein Jungspund! Lieber Enrico! Der richtige, altgediente Griech-Ehemalige hat in seinem Jahrgang an dritter Stelle immer eine 5 und keine 6. Ich will aber nicht ungerecht sein. Hallo Peter, auch Gruppenmitglied?
Der Griech' war in den 70ern eine Institution. Dort traf sich die sogenannte Linke Szene Bruchsals. Meist im olivfarbenen Parka. Sommers wie Winters. Die jungen Männer oft mit schulterlangen Haaren. Die jungen Frauen meist sehr emanzipiert. Cool lief man ein. Kurze Begrüßung der Schauspieler der Badischen Landesbühne. Deren Stammkneipe war der Griech damals. Man ließ sich in die Bank zu seinen Freunden gleiten, bestellte „einen Halben“ oder einen Tee und weiter ging’s mit dem Diskutieren und Debattieren.
Wenn mal einer finanziell etwas flüssiger war, wurde beim Wirt eine Portion Pommes bestellt. Der Wirt hieß Müller und soll der Legende nach ein waschechter Grieche gewesen sein ¹. Daher auch „der Griech“. Die Pommes wurden in die Mitte des Tisches gestellt. Sozialistische Pommes. Pommes für alle. Ganz nach Karl Marx: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen (Hunger hatten wir immer).
Nach Theatervorstellungen saß man mit Schauspielern der Landesbühne zusammen. So auch nach der Aufführung der „Bauernoper“ im Jahre 1977. Ein Stück von Yaak Karsunke mit viel Musik: „Szenen aus dem deutschen Bauernkrieg, in denen nicht Fürsten und Führer im Mittelpunkt stehen, sondern die kämpfenden Bauern selbst. Ein kritisches Spektakel, das überraschende Parallelen zur heutigen Zeit aufweist.“ Das Stück war stark für die Bruchsaler Inszenierung bearbeitet und geizte daher nicht mit Lokalkolorit. Ein großartiges Erlebnis für die Bruchsaler Theaterbesucher. Denn gerade um die Ecke liegt Untergrombach, wo 1502 Joß Fritz seinen Bauernhaufen formierte. Ich ertappe mich heute noch beim Summen eines Songs aus diesem Stück: „Der Rat dieser Stadt weiß sich selbst keinen Rat…“ oder
„1525 dran, dran, dran!“. Damals im Theater, bei der Aufführung im Justus-Knecht-Gymnasium, gab es nach diesen Liedern minutenlangen Szenenapplaus.
Wie sich die Zeiten doch nicht ändern.
So, lieber Enrico. Diese paar Zeilen zu meiner Griech-Zeit.
Jetzt werde ich mich an den PC setzen, mich bei wkw einloggen und eine Gruppe gründen: „Griech – Ehemalige – nur für die Originale. Die mit der 5 an der dritten Stelle (von links)“.
¹ „der Griech“ hieß Joannis Müller und war tatsächlich Grieche. Sein Vater (oder Großvater) war deutscher Eisenbahningenieur in Griechenland, die Mutter (oder Großmutter) war Griechin.
Zu diesem Blogbeitrag erhielt ich einen ganz lieben Kommentar von Enrico Ciuffani, der Lesern von bruchsal.org nicht unbekannt sein dürfte und den ich mittlerweile persönlich kennen lernen durfte und seither sehr schätze:
Enrico | 10. August 2009 um 17:07 | Antwort
Hallo lieber Rolf
erstmal vielen Dank, dass Du einen 45 jährigen gestandenen Mann einen „Jungspund“ nennst. Ich fühle mich geschmeichelt und habe es gleiche meinen Töchtern erzählt, die voll Erstaunen feststellen mussten, das ihr Vater doch noch nicht so alt ist.
Zum „Griech bzw. Roxy“ so wie ich es kenne gibt es folgendes zu bemerken:
Als deine Zeit im „Bürgerhof (Griech) Roxy“ war, bin ich natürlich als „Jungspund“ noch in die Schule gegangen, habe Räuber und Gendarm gespielt oder habe das alte Frauengefängnis erkundet.
Meine Zeit kam erst Ende der achtziger Jahre, die Brusler Kneipenszene zu entdecken. Genau in dieser Zeit war es nicht sehr ratsam in den Griech zu gehen. Man erzählte sich schlimme Dinge von dort. „Die handeln mit Heroin – oder - Dort machen sie dich abhängig, indem sie dir Drogen ins Getränk schütten“ Ich als naiver, braver 16 jähriger Bub hörte eben noch auf die Warnungen meiner Eltern. Zumal der „RD“ ein Kegelbruder meiner Eltern und unser direkter Nachbar war.
Meine Jugend hab ich eher im Center(Semi oder Semiramis) verbracht. Einen Kaffee bestellt und den ganzen Abend vor diesem verbracht. Obwohl Carlo oder Anne uns, auf die ein oder andere nette ganz spezielle Art, um Nachbestellung baten, hielten wir uns krampfhaft an dieser Tasse fest und versuchten uns hinter den Felllampen zu verstecken. Denn, auch wir hatten kein Geld. Wie sich die Generationen doch gleichen.
Erst nach langer Kneipenabstinenz entdeckte ich das Roxy für mich. Gut 15 Jahre sind dabei ins Land gezogen. Der Wirt hieß nicht Müller, oder doch? Wir nannten ihn nur Brudy ¹. Kann sein dass Brudy mit Nachnamen Müller hieß und selbst Brudy war nicht sein Vorname. Ich weiß es nicht aber ich hab mir sagen lassen, dass er der Sohn vom alten Müller (Griech) sei.
Als ich das Roxy besuchte, es war Ende der neunziger Jahre, traf man dort immer jemand Bekanntes. Das Klientel war so zwischen 30 und 50. Keine „Jungspunde“ sondern viele alte Bekannte aus Center und Lochzeiten. Man trank ein Bier, das Claudia mit einem „Bittscheeeeeeeh, Enrico ä Pilsleeeeh“ servierte (Höllen Trip bei Feinkost Zip). Aßen ein Teller Mese mit Chips und Zaziki oder einen gebackenen Schafskäse. Soweit es der Lärmpegel zuließ, unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Wahrscheinlich dachte Brudy, seine Kunden sind zu schwerhörig um die Shiva und Chillout – Musik zu hören. Dem Geruch nach ging es zu den Toiletten.
Schee wars – glacht hemma.
Die Verbindungen, die in dieser Zeit entstanden sind, wurden jäh beendet durch die Schließung im Oktober 2008. Deshalb gründete ich die Gruppe bei Wer kennt wen, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Ziemlich Vielen ging’s wie mir. Wohin jetzt?
So lieber Rolf. Wenn du dich jetzt meiner Gruppe nicht zugehörig fühlst, dann versteht ich das. Wobei ich es eigentlich schade finde Dich nicht dort anzutreffen. Eine generationsübergreifende Gruppe von Menschen, die sich Geschichten aus alten Zeiten erzählen. Denn die alten Zeiten kehren nicht wieder.
Viele Grüße vom 45 jährigen „Jungspund“
Enrico Ciuffani
¹ Brudi heißt mit Vornamen eigentlich Friedrich. Er erhielt seinen Spitznamen Brudi dadurch, weil sein Bruder Hans(i) immer von seinem „Brudi“ sprach.
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