Vom Wachtmeister Ostertag, einem struppigen Vierbeiner und einer Bimmelglocke

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Samstag, 16. Oktober 2010 - 17:42

Der Herr Ostertag war alles andere als ein bärbeißiger Bulle. Er war ein Mensch! Auf ihn passte der volkssprichwörtliche Hinweis:

DIE POLIZEI - DEIN FREUND UND HELFER

Die Wachtmeister flößten mir im allgemeinen immer ein wenig Furcht und Schrecken ein, und unter ihren grünen Berufsmützen vermutete ich meist einen unberechtigten Argwohn. Warum ich als kleines Mädchen so oft Herzpochen bekam, wenn ein Schutzmann um die Ecke bog, das kann ich nicht erklären, denn ich war zwar mit meinen Knien oft hinfällig, aber mit meinen Händen nie straffällig geworden. Bis zu einem späteren denkwürdigen Schultag, über den ich am Ende dieses Kapitels noch berichten werde.

Herr Ostertag kam an einem Spätherbsttag zu uns nach Hause und meldete einen Unfall, den mein ältester Bruder mit seinem Dickkopf und einer Portion Leichtsinn verursachte. So brachte der Schutzmann den Turban bestückten gleich selber vom Krankenhaus mit und berichtete seinen Polizeibericht.

Hund

Der junge Mann rannte gedankenverloren auf der Großen Brücke in ein Auto und der Schaden waren eine große Dalle in dem fremden Fahrzeug und eine große Schramme, die genäht werden musste, auf dem Querschädel meines geplagten Bruders. Man muss sich heute vorstellen, dass damals alle halbe Stunde ein Auto die Brücke passierte, und dass darum so wenig passierte.

Herr Ostertag war sehr liebenswürdig und besorgt, weil der junge Mann noch einen Schock hatte, den ein streunender bissiger Hund wohl ausgelöst hatte. Dieser struppige Vierbeiner knurrte die Passanten an und lief meinem armen Bruder zähnefletschend hinter dessen Fersen her.

Der Hund war natürlich nach dem Unfallgeschehen unauffindbar und wäre auch nicht vernehmungsfähig gewesen, denn was kann ein Hund schon sagen,außer WAU?

Herr Ostertag hatte rote Bäckchen und ein hübsches Gesicht, ganz graue Haare und noch keine vierzig Jahre auf dem Rücken. Er machte noch viele Notizen und versicherte, dass die Versicherung wohl einen Teil bezahlen würde.

Ich stand ein wenig blass und abseits und der freundliche Uniformierte nahm mich etwas bei der Hand und fragte mich, ob ich denn vorsichtig über die Straßen gehen würde,und ich nickte artig mit dem Kopf und sagte: "Ja". Plötzlich lächelte ich ihn zutraulich an und sagte ihm ein Verslein auf, das wir in der Schule gelernt hatten:

"Schau links, schau rechts, schau g'radeaus,
dann kommst du sicher gut nach Haus!"

Und Herr Ostertag fuhr mir über den Schopf und lobte meine drei Himmelsrichtungen.

Der gute Wachmann kam noch einmal,und manchmal trafen wir ihn beim Streife gehen, und dann erkundigte er sich nach dem Dickkopf meines Bruders und nach aller Wohlergehen.

Als wir ins neue Haus einzogen, half er uns mit einem Kombiwagen den Speicher und den Keller zu räumen und wollte gar kein Geld dafür.

DIE POLIZEI - DEIN FREUND UND HELFER!

Puppe

Herr Ostertag hatte eine liebe Frau und eine liebe Tochter, und die Tochter bekam eine riesengroße Schildkröt-Puppe, meine Renate, zum Dank. Ich trennte mich leicht von Renate, um ihr später hinterher zu weinen.

Herr Ostertag freute sich, wenn er mich mit dem Fahrrad unterwegs sah, und wusste, dass ich ein anständiger Verkehrsteilnehmer war. Er glaubte sowieso, dass ich mit dem Gesetz nie in Konflikt kommen würde, was ich einige Zeit später doch tat.

Auf dem Nachhauseweg von der Schule kamen wir Kinder am Jugendgefängnis vorbei. Dieses Gebäude war für uns überhaupt nicht interessant, vielmehr eine altmodische Bimmelglocke, die herausfordernd da hing. An einer langen Kette hing ein Nudelgriff, der nur darauf wartete, gezogen zu werden.

Eines Tages beschlossen wir eine Mutprobe und betätigten die Bimmelglocke nach Herzenslust, um gleich darauf die Beine in die Hände zu nehmen, und um die Ecke zu sausen. Wir lachten und alberten vor Vergnügen, und der Aufseher mit der grünen Mütze hatte wohl eine Woche lang das Nachsehen. Außer Puste blieben wir wieder einmal nach der Ecke stehen, und schon spürte ich eine Hand im Nacken. Zwei Polizisten dirigierten uns vier Gänschen zur Wache. Ein Protokoll wurde geschrieben und die Warum und Wiesos wollten kein Ende nehmen. Ich glaube im Nachhinein, der Vernehmungsbeamte hatte sich noch nie so amüsiert, wie über die vier Köpfe, die direkt auf den Nacken saßen. Ganze fünf Mark sollte jedes Mädchen Strafe zahlen, und da musste ich doch etwas sagen. Denn unser Katzenjammer war zu groß, und so fasste ich Mut und klagte: " Bitte, bitte, lieber Herr Wachtmeister! Wir haben nicht soviel Taschengeld und können nicht die Märker bezahlen! Könnten wir nicht jedes eine Mark zahlen und es dafür nie wieder tun?" Es blieb bei jener Mark und ein Protokoll brauchten wir auch nicht zu unterschreiben. Wir machten zuerst artig ein Knickslein und dann machten wir uns aus dem Staub. Fünf Mark!! Der Schreck saß uns Mädchen in den Beinen, und so liefen wir mit jenen immer brav nach Hause. An der strafbaren Glocke zogen wir nie wieder, und wir waren froh, dass weder zuhause, noch in der Schule eine Meldung gemacht wurde.

Heute muss ich herzlich lachen, wenn ich bedenke, dass ich wegen einer aufreizenden Bimmelglocke straffällig wurde und noch Glück im Spiel hatte. Denn wie heißt doch gleich der Werbespruch für ein Glücksspiel, der heute viel teurer kommt?

Sie haben Glück! Mit fünf Mark sind Sie dabei!

Herr Ostertag erfuhr wohl von meiner Missetat, aber er war sicher in der Kindheit auch kein Musterknabe, und so winkte er mir weiterhin vom Streife fahren aus. Ich hatte nie im Leben lange Finger, aber lange Beine, mit denen ich schnell rennen konnte, doch leider hielt ich mich nicht an jenes ungeschriebene Gesetz, das bis heute noch Gültigkeit hat:

Du sollst dich nicht erwischen lassen!

© Barbara Mitteis

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