Vom feinen Unterschied zwischen hübsch und schön.

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Die SEPA-Eröffnung - erlebt von Rainer Kaufmann
Donnerstag, 11. November 2010 - 20:57

Bruchsal hat sich hübsch gemacht"

„Bruchsal, eine Stadt, die alles hat" - jetzt also auch ein neues Einkaufsherz, dessen (kauf)kräftiger Puls den in Jahrzehnten doch sichtlich erlahmten Organismus der Innenstadt auf höhere Schlagzahlen bringen soll und sicher schon hat, was die Bewegung auf dem Immobilienmarkt anzeigt. Stolz war also angesagt beim großen Eröffnungs-Volksfest der Rathaus-Galerie. In einer Hinsicht ist die Zufriedenheit aller jedenfalls berechtigt, denn dass die Bau-Operation, sozusagen am offenen Herzen der Innenstadt vollzogen, in nur etwas mehr als einem Jahr zu einem auf den Tag genau pünktlichen Abschluss gebracht wurde, ist ohne Zweifel eine Leistung, die gegenseitiges Schulterklopfen rechtfertigt. Bauherr, Generalunternehmer, die Mieter und, nicht zu vergessen, die Stadtverwaltung haben es immerhin geschafft, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft nicht nur das neue Einkaufsparadies in vollem Glanz erstehen zu lassen. Auch die Umgebung ist, obwohl noch nicht völlig fertig, zumindest vorzeigbar und nicht die ursprünglich einmal befürchtete morastige Großbaustelle. „Bruchsal hat sich hübsch gemacht", lässt das Stadt-Marketing schon seit Wochen in froher Vorausschau verkünden.

Mit dem Aufhübschen ist das so eine Sache. Eine strahlende Schönheit bedarf einer solchen kosmetischen Operation nicht, erklärte mir eine Dame, die es wissen muss, weil sie am Drechseln dieses Satzes nicht unbeteiligt war, womit natürlich unterschwellig zumindest eingeräumt wird, dass, je nach vorhandener Ausgangslage, das „Sich-hübsch-machen" vielleicht nur von begrenztem Wert sein kann. Zwischen „Hübschität" und Schönheit gibt es dann doch noch Unterschiede, gewachsene Schönheiten haben einfach etwas mehr Aura, eine Aura, die einfach da war, da ist und da sein wird. Und Bruchsal steht in direktem Wettbewerb mit manch einer gewachsenen Schönheit in der Region oder zumindest mit Städten, die sich schon früher ans Aufhübschen gemacht haben. „Zehn Jahre zu spät" erklärte denn auch ein Geschäftsmann, der seit Jahrzehnten direkt am Rathausplatz ansässig ist.

Der kleine, aber feine Unterschied zwischen hübsch und schön kann und soll aber auch nichts anderes heißen, als dass dies alles nur ein erster Anfang ist. Da muss jetzt noch mehr kommen, wobei der „Hübschität" vermutlich keine Grenzen gesetzt sind, ist sie als Ziel erst einmal akzeptiert und gewollt. Bruchsal hat da ohne Frage noch sehr viel Nachholbedarf, ehe es den Ehrgeiz entwickeln kann, sich selbst zu den Schönheiten des Landes zählen zu wollen.

Eine zeitgeistige Fassade

Wenn wir schon beim Thema hübsch sind, was zweifelsohne auch mit Geschmacksfragen zu tun hat, über die sich trefflich streiten lässt, muss gleich meine Hauptkritik am SEPA-Klotz abgehandelt werden. Architektonisch ist der Neubau auf dem alten Marktplatz alles andere als überirdisch. Eine reine Zweckarchitektur, dem Kommerz geschuldet und nicht der an diesem Platz eigentlich geforderten städtebaulichen Ästhetik, eine Fassade, die dem Zeitgeist, dem rasch wandelbaren, Rechnung trägt mit wenig Chancen, in ferner Zukunft einmal in den Fokus des Denkmalschutzes zu geraten. An diesem prominenten Platz mitten in der Stadt hätte (nicht nur) ich mir schon etwas mehr Kreativität und Gestaltungswillen gewünscht, ohne etwa der Stadtkirche wegen historisierendem Schnickschnack das Wort zu reden. Aber das Geschäftshaus auf der anderen Seite der Stadtkirche am Kopf des (neuen) Marktplatzes zeigt deutlich, dass moderne Formensprache auch andere, für mich zeitlose Qualitäten an Architektur hervorbringen kann, wenn der Investor, in diesem Falle eben ein privater, der sein Gesicht und sein Ansehen mit der Fassade seines Hauses verbindet, nur will. An diesem Punkt hat vor allem die Stadt dem Drängen des Investors auf eine kostengünstige Lösung nachgegeben (und für mich damit kläglich versagt). Ein bisschen mehr an Gestaltungswillen - und das neue Wohnzimmer der Stadt hätte es leichter, sich auch die Zustimmung aller seiner früheren Kritiker zu erdienen. Einen Trost gibt es, die Bauweise des SEPA-Zentrums ist wohl nicht für alle Jahrhunderte in die Stadtmitte betoniert. Spätere Generationen können da im Zweifel erneut eine Hübsch-Mach-Runde einläuten und Versäumtes korrigieren. Irgendwann einmal wird die Investition ja abgeschrieben sein.

Fast schon das Gelbe vom Ei

Wirklich hübsch sind für mich, allen satirischen Diskussionen auf dieser Plattform zum Trotz, die Lampen-Installationen vor dem Rathaus. Einfach, pfiffig, witzig. Ein klarer Kontrast zum eher qualitätslosen Design des Konsumtempels daneben und damit auch eine klare Ansage des neuen Stadtplaners, der der Gemeinderat gefolgt ist. Fast schon das Gelbe vom Ei. Weiteren gestalterischen Einfällen vom Kreativ-Team, das demnächst wieder hinter der neuen Sonnenschein-Fassade (Abwandlung eines Zitates von Cornelia Petzold-Schick) des Rathauses einzieht, darf man mit großer Zuversicht entgegen schauen.

Hoffnungen auf neue Hübschitäts-Schübe

Gespannt war ich auf die Rede der Oberbürgermeisterin, der dieses Projekt ja von ihrem Vorgänger in einer Art Torschlusspanik kurz vor dessen Amtsende noch als Erbstück auf den Schreibtisch geklotzt wurde. (Der Text dieser Rede wird vermutlich im Original-Wortlaut noch auf bruchsal.org veröffentlicht.) Natürlich hat sie sich von Anfang ihrer Amtszeit an voll und ganz hinter die Zielsetzung dieses neuen Einkaufszentrums gestellt, nach vorne gedacht und eher die Chancen des Projektes gesehen als dessen Schwachpunkte. Was hätte sie auch anderes können?! Natürlich hat sie heute weitere Schritte zur Ausgestaltung der Innenstadt angekündigt: Plätze zum Verweilen und Begegnen, Straßenräume, die erlebbar seien und vieles mehr, eine Wiederholung ihres Stadtentwicklungs-Credos, das sie auch bei anderen Gelegenheiten bereits vorgetragen hat. Visionen, die angesichts des tristen Marktplatzes vor Ihrem künftigen neuen Amtszimmer wirklich Hoffnungen auf neue Hübschitäts-Schübe keimen lassen. Und da derzeit kein Geld vorhanden ist, so Stadtplanungschef Ayerle im Smalltalk beim anschließenden Buffet im Rathaus-Foyer, hat man jetzt genügend Zeit, über die weitere Ausgestaltung der Innenstadt nachzudenken. Und es gibt deshalb auch genügend Zeit - wir nehmen Sie beim Wort, Frau Petzold-Schick -, die Ergebnisse dieses Nachdenkens mit den Bürgerinnen und Bürgern zu besprechen. Immerhin hat der Vorgänger jetzt, post festum, auch eingesehen, die Politik müsse die Bürger mitnehmen. Wenn sie nicht geführt werden wollen .....

Bürgerbeteiligung bei der Ausgestaltung

Sie vergaß aber auch nicht, mehr oder weniger deutlich die vielen Konflikte anzusprechen, die es um dieses Projekt gab, die knappe Entscheidung im Gemeinderat und die Konflikte mit der SEPA während der Bauzeit (gemeint war wohl die Altlasten-Frage), bei der man sich aber immer als Partner verstanden und schließlich verständigt habe. Besonderen Wert legte sie auf die umfangreiche, wenngleich für die Verwaltung arbeitsintensive Bürgerbeteiligung bei der Ausgestaltung der wenigen übrig gebliebenen Plätze, was ich - man unterstelle mir jetzt bitte nicht irgend einen alten Reflex, es geht um mehr - durchaus so verstanden habe, dass unter ihrer Planungshoheit zum Thema SEPA nicht nur eine einzige Bürgerinformation stattgefunden hätte wie unter ihrem Vorgänger, bei der dieser Kritiker mit der Bemerkung abkanzelte: „Jetzt vertraut doch einmal darauf, dass wir (von der Verwaltung) das alles richtig machen." Ende der Bürgerbeteiligung, Einstieg in die geführte Demokratie. Anscheinend ein ausgelaufenes Politik-Modell. Und da sie ihren Vorgänger, dessen Lieblings-Projekt und Abschluss seiner politisch-gestalterischen Karriere in Bruchsal sie einzuweihen die Ehre hatte, nicht mehr als nur gerade eben notwendig erwähnte, lässt mir nur den Schluss übrig, dass sie es wohl lieber gesehen hätte, wenn Sie bei diesem Projekt schon in der Phase der Planung und Entscheidung hätte Einfluss nehmen können. Ob dann hinten dabei dasselbe herausgekommen wäre?

Schaun mer mal

Nun haben wir das neue Herz Bruchsals, es begann heute zu schlagen. „Schaun mer mal", sagte der Kaiser (Franz, der Beckenbauer) in solchen Fällen immer, also „schaun mer mal", was draus wird. Ein endgültiges Urteil kann sowieso erst nach ein paar Jahren gefällt werden. Zur Erinnerung (mir sei diese Anmerkung erlaubt): Auch der Schlachthof war ein hoch gelobtes Projekt der SEPA, bei dessen Einweihung einmal gegenseitiges Schulterklopfen angesagt war....

Übrigens:

Nur am Rande wurden vereinzelt noch die Schlachten des vergangenen Jahres geschlagen. Den meisten Besuchern des Volksfestes gefiel die neue Innenstadt und in den Geschäften schien es, als hätten die Menschen aus Bruchsal und Umgebung seit Wochen täglich ein paar Euro gespart, die unbedingt heute noch ausgegeben werden mussten.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.3 (16 Bewertungen)

Kommentare

"Schöner" Beitrag

Ein gut vorbereiteter, nachdenklicher und differenzierter Beitrag, der auch Kritiker des SEPA-Projekt milder stimmen dürfte!

Herr Kaufmann schreibt."Nur am Rande wurden vereinzelt noch die Schlachten des vergangenen Jahres geschlagen."

Es ist Bruchsal zu wünschen, dass SEPA und JOST zur Wiederbelebung der Innenstadt beitragen. Denn es besteht keine Alternative. Es ist daher ab jetzt völlig nebensächlich, wem dann nachträglich die Lorbeeren zukommen. Da beim Erfolg glücklicherweise vielleicht sogar die beiden größten Widersacher gleichzeitig gelobt werden könnten: Wer weiss, ob in 5 Jahren nicht der jährliche "Doll-Schmitt-Innovationspreis" ausgelobt wird!

Einweihungsglanz

Man darf trotz allen Rummels jetzt nicht vergessen, wie das Projekt zustande kam: So geht's einfach nicht, der Bürger ist schließlich der Souverän, und nicht ein einzelner Barockfürst.

SEPA-Entscheidungsprozess

Dafür gabs ja aber schon bei der Wahl die Quittung. Wenn eines im politischen Bruchsal nachhaltigen Bestand haben wird, dann sicher diese Erfahrung!

Dafür gabs ja aber bei der Wahl die Quittung

Nein, dafür gab es nicht die Quittung. Die Wahl wurde gewonnen, weil viele
intelligente Bürger gesagt haben - einen Stecken der aufgestellt wird - muß ich nicht wählen. Und dies ging quer durch die Parteienlandschaft und Bürger.
Frau Petzold-Schick hat sich als sehr positive Alternative angeboten und hat deshalb viel Unterstützung bekommen. Aber ohne den standhaften Obergrombacher CDU- Kandidaten wäre selbst dies fast noch schief gegangen. Und man stelle sich Herr Hartmann heute und hier als OB vor.
Horror pur. Ergo - es ist nicht alles Gold was glänzt - aber gut Ding braucht Zeit und ein wenig Geduld.

Wenige hundert Stimmen

Ich gebe ihnen völlig recht, Herr Kritzer, dass die Mehrheit der Bürger Frau PS nicht wg. des SEPA-Prozederes wählten, sondern weil sie die Kandidatin als die geeignetere Person betrachteten. Die von Ihnen genannten Punkte sind valide.

Angesichts des dennoch äusserst knappen Wahlausgangs denke ich, dass sich in der Nachbetrachtung 2008-2009 ein Zeitfenster für die wenigen hundert entscheidenden Stimmen für einen Nicht-CDU-Kandidaten auftat. Zu diesem Effekt hat der Verdruss der Bürger über das SEPA-Entscheidungsprozedere beigetragen.

Wäre - zugegebenermassen hypothetisch - das Tohuwabohu 3 Jahre früher aufgeführt worden und die Galerie eröffnet, hätte sich die CDU-Bruchsal möglicherweise dazu aufraffen können, keinen - wie Sie es bezeichnen -  "Stecken" aufzustellen, Herrn Skippe nicht derart zu verärgern und den entrückten OB Doll als Galerieinnovator wieder aktiv mit positivem Image ins Boot zu holen. Nun ja, wer weiss - wollten wir es überhaupt wissen...eher nicht, da damit die alten politischen Verhaltensweisen eventuell fortgeschrieben und festgezurrt worden wären...

Wahlverlierer und -sieger der letzten OB-Wahl haben nun ungewollt ironischerweise "gemeinsam" durch ihr jeweiliges Verhalten für die Bürger Bruchsals eine vielversprechende Konstellation konstruiert: a. eine mit SEPA (und Jost) nicht ideale, aber doch akzeptable Grundlage für die Wiederbelebung der Innenstadt und b. eine fähige OB, die Bruchsal zum Wohle der Bürger voran bringen könnte. 

OB+Wahl

Ich denke auch nicht, daß die Bruchsaler für SEPA eine Quittung gaben, eigentlich hätten sie fast keine Quittung gegeben...

Mal ehrlich, wäre Herr Skibbe (nicht Skippe ;-) ) nicht so standhaft geblieben dann hätten wir heute einen OB Hartmann. Das wäre in Bruchsal durchaus möglich gewesen, sogar sehr wahrscheinlich ( und das mit dem "Stecken" ist nicht sehr weit hergeholt, oder was macht zB ein A.E. Fischer im Bundestag? )

Ich bin froh, daß es anders gekommen ist, aber ganz ehrlich, daß die neue OB gewählt wurde, das war sehr knapp, zu knapp , um der Mehrzahl der Bruchsaler ein Umdenken zu attestieren...

 

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