Die Versäumnisse in unseren Schulen

DruckversionPer e-Mail versenden
Samstag, 23. Juni 2012 - 15:21

Nach dem Kriege besuchte ich die "Höhere Schule". Unsere Lehrer waren in der Regel ehemalige Soldaten. Vom Dritten Reich erfuhr man hier fast gar nichts. Die Werke der großen deutschen Schriftsteller, die 1933 emigrieren mussten, wurden nie erwähnt oder gelesen. Dank der "Amerikanischen Leihbibliothek" in Bruchsal konnte ich Thomas und Heinrich Mann, genauso wie Josef Roth, Stefan Zweig, Franz Kafka etc. lesen. Die große Literatur dieser Schriftsteller blieb ein Tabu.

Auch heute noch wird in unseren Gymnasien über vieles geschwiegen. Ein Beispiel ist das Schicksal von dem großen Schriftsteller Alfred Döblin und seiner Familie. Er war Arzt und Autor des weltberühmten Romans " Berlin Alexanderplatz". Alfred Döblin war bereits 1933 gezwungen, mit seiner gesamten Familie Deutschland zu verlassen. Die Häscher waren hinter ihm her. Die Flucht führte sie nach Frankreich. Obwohl dieses Land gegenüber dem laufenden Zustrom von Flüchtlingen nicht gerade großzügig war, gelang der Familie die Einbürgerung und dem Vater die Zulassung als Arzt.

Döblin

Wolfgang Döblin

Als die Mobilmachung in Frankreich begann, wurde der Sohn Wolfgang als naturalisierter Franzose in die Armee eingezogen, weil er wie jeder französischer Staatsbürger der Wehrpflicht unterlag. Als einfacher Soldat tat er in Elsaß-Lothringen seinen Wehrdienst.

Da Wolfgang Döblin ein genialer Mathematiker war, beschäftigte er sich mit dem ungelösten Mackarow-Problem in der mathematischen Statistik. Beim Schein einer Petroleumlampe arbeitete er in seinem Unterstand. Tatsächlich gelang ihm hier der Durchbruch zur Lösung des Problems. Das war in Anbetracht der Arbeitsbedingung ein wahres Wunder. Jahre nach dem Kriegsende erst konnte ein Team von Wissenschaftlern in einem Institut mit allen wissenschaftlichen Hilfsmitteln die gleiche Lösung erzielen, was dem gejagtem Flüchtling in seiner armseligen und schwierigen Umwelt gelungen war.

1940 überfielen die deutschen Mörderbanden das friedliche und nicht angriffswillige Frankreich und das Unheil begann im Westen. Sytematisch war nach Ende der Kampfhandlungen die Jagd nach Emigranten aus Deutschland, Österreich und den andren Staaten. Wen man als ehemals deutschen Staatsbürger oder sonstigen Flüchtling erkannte, wurde ohne Gerichtsverfahren gegen alle Völkerrechte sofort standrechtlich erschossen oder in ein KZ gesteckt. Hier funktionierte die Kooperation von Wehrmacht, SS und Gestapo bereits perfekt.

Der junge Wolfgang Döblin ahnte oder wusste, welches grauenhafte Schicksal seinem jüdischen Volk bevorstand. Die Torturen wollte er nicht erleiden. Abends nahm er sein Gewehr und tötete sich selbst. Ein junges Genie musste in dieser ausweglosen Situation sein Leben beenden, weil die deutschen Barbaren ihr Leichentuch über ganz Europa ausbreiten wollten und dies auch getan haben.

Nur mit Mühe und Not konnte Alfred Döblin mit seiner Familie in letzter Minute ein rettendes Schiff in die USA erreichen.

Auch an der Universität Heidelberg wurde ich mit der NS-Vergangenheit konfrontiert. Mit der neuesten Geschichte befasst sich kein Lehrstuhl und es wurde auch hier nicht unterrichtet. Der bekannte Zeitgeschichtler Prof. Conze war aktiv im "Ahnenerbe" von Alfred Rosenberg tätig gewesen. Das sagt schon alles.

Prof. Dr. Wilhelm Krelle glänzte bei uns Studenten mit seiner mathematischen Volkswirtschaftslehre. Diese war übrigens in den USA entwickelt worden. Eines Tages stellte uns Prof. Waffenschmidt einen jungen jüdischen Wissenschaftler vor, welcher zu dieser neuen Lehre einen Vortrag hielt. Zu unserem Erstaunen fehlte bei dieser Vorstellung Prof. Krelle. Später erhielt ich eine Aufklärung über diesen Absens. Was war der Grund? Prof. Krelle war ein strammer SS-Untersturmführer gewesen und damit kein Judenfreund. 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4 (1 Bewertung)
Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen