Und wer war der Bruchsaler Karl Oppenheimer?
Der Platz ist im Werden. Die letzten Tage wurde mit schweren Baumaschinen der Boden nochmals planiert, die ersten Steine der Pflasterung liegen schon. Es wird ein schöner Platz für die Bruchsalerinnen und Bruchsaler.
Die Enkel von Otto Oppenheimer freuen sich bereits, dass ihrer Familie im Zentrum Bruchsals gedacht wird; Hannah, geborene Bär ("By the way, Ich bin eine echte Bruslerin – war in Bruchsal geboren so wie meine Eltern – mein Grossfater Fritz Bär und Fater Richard waren die Leder Bären!"), will sogar, soweit es ihre Gesundheit erlaubt - sie ist bereits über 80 Jahre alt - erstmals nach nunmehr über 70 Jahren ihre Geburts- und Heimatstadt besuchen. Die Ehrung ihrer Vorfahren ist es ihr wert, den anstrengenden Flug von über 12 Stunden von Kalifornien nach Deutschland auf sich zu nehmen.
Louis Oppenheimer und seine Kinder
Louis Oppenheimer, der „Stammvater" der Bruchsaler Oppenheimer-Familie, über den Pfarrer Anton Heuchemer in seinem Buch „Zeit der Drangsal" (1990, S. 210) schreibt „Der Krankenverein (Verein für Krankenpflege der Niederbronner Schwestern, d. Red.) konnte nur durch die Mithilfe der Bruchsaler Juden gegen den Widerstand der Gegner des Katholizismus gegründet werden", dieser Louis Oppenheimer also, hatte zusammen mit seiner Frau Berta, geb. Bär, aus Untergrombach, sechs Kinder.
Zwei dieser Kinder, Eugen und Lina, verstarben bereits als Säugling bzw. im Kleinkindesalter. Die Tochter Henny (Henriette) „fand früh einen Mann, den Großkaffeehändler Joseph Wolff aus Ludwigshafen und verheiratete sich unter den glücklichsten Auspizien nach Mannheim" (1).
Vom segensreichen Wirken von Jacob und Otto Oppenheimer war hier bei bruchsal.org schon zu lesen, auch bei Jürgen Stude, „Geschichte der Juden in Bruchsal", nehmen Jacob und Otto Oppenheimer und deren Wirken für unsere Heimatstadt Bruchsal großen Raum ein. Sei es, dass beispielsweise Jacob Oppenheimer Mitglied im Ehrenrat der GroKaGe war oder Firmenräume und seine Arbeitskraft für den Rotkreuzverein, dessen Mitglied er auch war, kostenlos zur Verfügung stellte.
Suche nach Karl Oppenheimer
Seltsam blass blieb bisher in allen Publikationen Karl Oppenheimer, geboren am 29. August 1864 in Bruchsal, das zweitälteste Kind der Eheleute Berta und Louis Oppenheimer. Sogar quasi offizielle Stammbäume der Familie Oppenheimer verzeichnen lediglich sein Geburtsdatum, nicht jedoch sein Todesdatum.
Eine erste Spur zu Karl Oppenheimer war in dem Büchlein von Otto Oppenheimer: „Louis Oppenheimer - Ein Brief an dessen Urenkel anlässlich der 100jährigen Wiederkehr seines Geburtstages" zu finden. Dort schreibt Otto Oppenheimer: „Auch auf seinen Sohn Karl war er (gemeint ist Louis Oppenheimer, d. Red.) stolz, als dieser sich nach beendetem Studium in München als Dr. med. und Kinderarzt niederließ. Pünktlich auf die Stunde waren jeweils am letzten jeden Monats die Studiengelder immer abgegangen, damit sie ja rechtzeitig eintrafen und nun war er glücklich, dass diese so gute Früchte getragen hat." Der nächste Hinweis war dann zu finden in der Veröffentlichung „Die Firma Oppenheimer | Michelfeld - Bruchsal | Geschichte eines Uniformtuchhauses". Dort ist in einer Anmerkung zu lesen: "Dr. med. Karl Oppenheimer, Hofrat und Geheimer Sanitätsrat, ist am 29. August 1864 geboren und am 10. Juli 1926 in München gestorben. Vgl. den Artikel "Berühmte Bruchsaler" in der Bruchsaler Zeitung Nr. 270 vom 19. November 1928."
Eine Rückfrage beim Bruchsaler Stadtarchiv ergab, dass es von dieser Ausgabe der Bruchsaler Zeitung weder dort noch in der Badischen Landesbibliothek ein Exemplar gibt; am 1. März 1945 sind nahezu alle Dokumente des Bruchsaler Stadtarchivs verbrannt.
Fündig geworden
Nun blieb die Recherche in München. Und im dortigen Stadtarchiv sind tatsächlich noch einige Unterlagen zum Bruchsaler Karl Oppenheimer zu finden.
So schrieben die Münchener Neuesten Nachrichten, zeitweise eine der auflagenstärksten Tageszeitungen im Deutschen Reich (sie erschien von 1848 bis 1945, die Süddeutsche Zeitung setzte nach 1945 ihre Tradition fort), am 31. August 1926 einen Nachruf auf den am 10. Juli 1926 verstorbenen Pädiater (Kinderarzt) Dr. med. Karl Oppenheimer:
"Ein vorbildlicher Arzt
Karl Oppenheimer zum Gedächtnis
Vor einigen Wochen, am 10. Juli, ist Geheimer Sanitätsrat Hofrat Dr. Karl Oppenheimer, eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der Münchener Aerzteschaft, im Alter von 62 Jahren gestorben. Nach Abschluß seiner allgemein-medizinischen und pädiatrisch-fachlichen Ausbildung begann er im Jahre 1890 in München seine ärztliche Tätigkeit, die ihn sehr bald zu einem weit über Münchens Grenzen hinaus bekannten, geschätzten und beliebten Kinderarzt gemacht hat. Er galt viele Jahre hindurch als der Münchner Kinderarzt, zu dem Tausende von Müttern kamen, um ihm Gesundheit und Leben ihrer Kinder anzuvertrauen. Es war nicht nur sein umfassendes und tiefes ärztliches Wissen und Können, dem er seinen Ruf verdankte, es war auch die meisterhafte Art, mit der er Menschen und menschlichen Schwächen begegnete und die bezwingend war, weil sie natürlich und frei einem unendlich guten Herzen und einem nie versiegenden Humor entstammte.
Oppenheimers Bedeutung lag jedoch nicht so sehr in seiner überaus umfangreichen ärztlichen Tätigkeit, auch nicht in seinen zahlreichen und wertvollen wissenschaftlichen Arbeiten, die durch die Eigenart der Auffassung und der kritischen Einstellung gegenüber den herrschenden medizinischen Richtungen ausgezeichnet waren, sie lag vielmehr auf einem Gebiete, auf dem zu arbeiten ihn sein warmes soziales Empfinden trieb. Seine erste soziale Tat, von der die Oeffentlichkeit erfuhr, war die Errichtung eines Ambulatoriums für Kinderkrankheiten, in dem er unentgeltlichen Rat erteilte und das er aus eigenen Mitteln unterhielt und aus kleinsten Anfängen zu einer Einrichtung hob, die im Verlaufe der Jahre von Tausenden in Anspruch genommen wurde. Hier lernte er durch den ständigen Umgang mit den minderbemittelten Schichten die Not, in der noch vor wenigen Jahrzehnten ein großer Teil der Münchner Mütter ihre Kinder großziehen mußte, und zugleich die Mittel zu ihrer Beseitigung erkennen. Nicht durch ärztliche Behandlung schon ausgebrochene Leiden zu heilen, erschien ihm als der richtige Weg, sondern durch vorbeugende Maßnahmen die trostlosen Verhältnisse zu bessern, unter denen sich vielfach das Leben und Sterben der Kinder vollzog.
Was Säuglingsberatungsstellen, Stillprämien, Kinderkrippen, Fürsorgeschwestern für die Erhaltung des kindlichen Lebens bedeuten, hat Oppenheimer zu einer Zeit erkannt und mit der lebendigen Kraft seiner eigenen Gedanken durchsetzt, als sozialhygienische Fürsorge für das kindliche Alter kaum mehr als dem Namen nach bestand. Alle die Maßnahmen, die heute als die wirksamsten Mittel gegen die Sterblichkeit des kindlichen Alters anerkannt und weitgehendst Anwendung finden, sind von Oppenheimer teils angeregt, teils so warmblütig und eindringlich empfohlen worden, daß ihre Durchführung schließlich als etwas Selbstverständliches erscheinen. Er hat selbst eine lange Reihe von Jahren eine Beratungsstelle geleitet, er hat zu Beginn des Krieges eine Kinderkrippe, später eine Kinderherberge, in der von ihren Müttern verlassene Kinder in Fürsorge genommen werden, errichtet und fortlaufend ärztlich überwacht, er hat noch in den letzten Jahren neben seiner ausgedehnten ärztlichen Tätigkeit in München es möglich gemacht, das jüdische Kinderheim in Wolfratshausen zu leiten.
Seine Sorge galt jedoch nicht dem frühen Kindesalter allein, sie erstreckte sich auch auf die schulpflichtigen Kinder. Oppenheimer verdankten wir die ersten Anfänge der heutigen Speisung der Kinder in der Schule.
Wir alle, die ihn näher kannten, verehrten und liebten ihn ebenso seiner ausgezeichneten Werke wie seiner eigenartigen, vornehm-einfachen Persönlichkeit wegen.
Prof. A. Groth"
Und hiermit schließt sich der Kreis wieder. Was sich wie ein roter Faden durch alle Schilderungen der Oppenheimerschen Familienmitglieder zieht, ist auch hier zu finden. Der Hinweis auf die Großherzigkeit, das Dasein für andere Menschen über alle Religions"grenzen" hinweg und, nicht zu vergessen, das Humorvolle, womit wir wieder bei Otto Oppenheimers "Brusler Dorscht" wären.
(1) aus: „Louis Oppenheimer - Ein Brief an dessen Urenkel anlässlich der 100jährigen Wiederkehr seines Geburtstages"
Auch auf bruchsal.org:
- Der Kuhhandel
- „Und dass unser geliebtes Brusel trotz aller Nöten ... wieder aufblühen möge"
- Harry L. Ettlinger: Nach 65 Jahren wieder zurück im Salzbergwerk Heilbronn / Kochendorf
- Erste Bilder von der Einweihung des Otto-Oppenheimer-Platzes
- Zwei Banddurchschnitte, zwei Feste, eine Gedenktafelenthüllung und aus den USA viele Gäste
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Kommentare
Oppenheimer Platz
Ist ja erfreulich, daß der Platz nach Otto Oppenheimer benannt wurde. Wann ist denn das geschehen? Habe gar nicht mitbekommen, daß der Gemeinderat darüber entschieden hätte. Wenigstens mal eine vernünftige Entscheidung!
Nein, es wurde noch nicht im Gemeinderat entschieden
In der Bruchsaler Rundschau vom 26. Juni 2010 erklärte jedoch Herr Matthias Holoch von der CDU-Fraktion: "Die CDU-Fraktion wird für Oppenheimer stimmen". Bekanntlich sind auch die anderen Fraktion für diese Platzbenennung, so dass eine Diskussion über die noch nicht getroffene Entscheidung doch eher nur akademischer Art ist.
Für wichtig halte ich diesen Hinweis von Stadtrat Holoch: "So müsse der Rat vereinbaren, ob der Platz Vor- und Nachnamen des Textilhändlers tragen solle. Die Variante ohne Vornamen würde auch die anderen wohltätigen Mitglieder
der jüdischen Familie berücksichtigen." Aufgrund dessen, was ich bisher über die Bruchsaler Familie Oppenheimer erfahren habe, wäre die Benennung in "Oppenheimerplatz" nur folgerichtig. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass auch die Ehefrauen der Oppenheimers in vielen Bruchsaler karitativen Organisationen aktiv waren.
Seit wann interessiert ein
Seit wann interessiert ein Politiker sein "Geschwätz" von gestern?
In der entscheidenden Gemeinderatssitzung, hier auf Bruchsal.org nach zu lesen, hat er Herr Holoch gesagt: "Entweder wird der Platz Marienplatz genannt oder er bekommt gar keinen Namen."
Danach wurde die Abstimmung abgewürgt.
Wen interessiert also, was von irgendwem mal irgendwann in der Zeitung geschrieben wurde oder gar von einem Politiker gesagt oder versprochen?
Man könnte es vereinfacht so ausdrücken: Ob ein Politiker etwas sagt/zusagt oder in China der berühmte Sack Reis umfällt...
Es sei denn, der Sack...
... fällt dem Politiker auf die Füße.
Oder den Kopf.
Dafür muss eben gesorgt werden.