Tag des offenen Denkmals Teil I
In Bruchsal gab es bis zum Jahr 1800 keine evangelische Gemeinde. Um das Jahr 1900 war die Zahl der ev. Christen auf 3.167 Seelen angewachsen und man empfand das Fehlen einer eigenen Kirche immer stärker. Bis dahin hatte man den Gottesdienst in der Schloßkirche abgehalten, die ab 1811 sowohl evangelischen als auch katholischen Bürgern zum Gottesdienst zugänglich war. Also gründete man im Jahr 1896 einen Kirchenbaufonds und faßte den Platz für eine Kirche Ecke Wilderich-Schloßstraße ins Auge, die alte Dragonerkaserne. Für die Dragoner wurde ja bekanntlich in der Kasernenstraße eine neue Kaserne gebaut. Nach deren Fertigstellung konnte man schließlich das alte Kasernengelände erwerben und nutzte es als Gemeindehaus.
Der Platz links und rechts der Luisenstraße war zur gleichen Zeit als Reit- und Stallungsplatz für die Dragoner entbehrlich geworden. Er gehörte jetzt der Stadtgemeinde Bruchsal und lag für einen Kirchenbau zentraler als die Wilderichstraße.
Entsprechende Verhandlungen setzten ein. Kurz vor Kriegsausbruch 1914 verkaufte die Stadt den heutigen Kirchbauplatz mitsamt dem Haus Luisenstraße 1 an die evangelische Gemeinde. Aber während des Krieges war an Bauen nicht zu denken und nach dem Krieg war das angesammelte Kapital durch Inflation vernichtet. Aber man sammelte weiter, gründete einen Sammelausschuß, und Anfang 1930 waren bereits wieder 136.000 RM vorhanden. Es wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben und über 183 Entwürfe trafen ein, um die hart gerungen wurde. Letztendlich errang der Entwurf Nr. 179 des Karlsruher Architekten Gerstung den Zuschlag, und am 25. April 1936 erfolgte der erste Spatenstich zum Bau der Lutherkirche. Der Architekt wählte bewusst den frühchristlichen Baustil einer Basilika, einen langgestreckten, rechteckigen Bau mit flacher Holzbalkendecke, im Inneren reichen mächtige Stützpfeiler bis zur Decke.
Als Baumaterial wurde neben Beton graubläulicher Kalkstein aus Bruchsaler Steinbrüchen verwendet, der dem Äußeren der Kirche den mächtigen Eindruck einer “festen Burg” verleiht. Aus der Maulbronner Gegend kam der polierte Muschelkalk für die Haupteingänge, Altar, Kanzel und Taufstein. Die Fenster und Türbogen erhielten eine Backsteinverkleidung, die Portale wurden aus Eichenholz, das Gestühl aus Lärchenholz angefertigt. Maße des Kirchenschiffs: Gesamtlänge 45 m, Breite 22 m, Höhe (Fußboden-Holzdecke) 12 m. Maße des Turms: Gesamthöhe einschließlich 4 m hohes Turmkreuz 40.80 m, Glockenstuhl 8 m, Höhe bis zur Plattform 28.80 m. Das 4 m hohe Turmkreuz stellte die Bruchsaler Firma Schnabel & Henning her. Unter dem Turm befand sich ein Luftschutzbunker für 30 Personen, was Vorschrift zur damaligen Zeit war.
Die Statik war so berechnet, dass der Keller den Zusammenbruch des Turmes überstanden hätte. Am 15. September 1936 wurden bei der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe die 5 Glocken für die Lutherkirche gegossen.
Die Lutherglocke hatte einen Durchmesser von 199 cm und wog ca. 5000 kg, war auf das tiefe “as” gestimmt und ihr Nachbau ist heute noch die größte und schwerste Glocke, die auf einem Bruchsaler Kirchturm hängt. Wenn das Geläute in vollem Gang ist, ist ihr tiefes “Wummern” nicht zu überhören. In 10 Minuten war sie gegossen. Die Gedächtnisglocke erinnert an die Gefallenen, hat einen Durchmesser von 159 cm und ein Gewicht von 2.280 kg, ist auf den Ton “c” gestimmt und war in 5 Minuten gegossen. Die Friedensglocke mit dem Gewicht von 1.300 kg und einem Durchmesser von 131 cm ist auf “es” gestimmt, war in 3 Minuten gegossen, die Betglocke mit 118 cm Durchmesser und einem Gewicht von 930 kg, auf den Ton “f” gestimmt, war ebenfalls in 3 Minuten gegossen und die Taufglocke mit 77 cm Durchmesser, einem Gewicht von 260 kg und auf das obere “c” gestimmt war in 2 Minuten fertig. Nach dem Einbau der Glocken wurde das mechanische Turmuhrwerk, das noch heute existiert, allerdings funktionslos, sowie die Turmuhr mit 3 Ziffernblätter eingebaut. Das Zifferblatt über dem Haupteingang hat 4 m Durchmesser, die beiden seitlichen 3.50 m, die Stundenzeiger sind ca. 3 m lang. Die eingebaute Turmuhranlage stellt den größten Typ dar, der in Turmuhren überhaupt gebaut wird. Die Haupträder des Werkes haben 60 cm Durchmesser, das gesamte Uhrwerk wiegt 60 Zentner, das Werk ist auf einem stabilen Eisen-Unterbau aufgebaut und in einem vierseitig verglasten Uhrschrank eingesetzt. Von den 5 vorhandenen Glocken wurden 3 für das Schlagwerk eingesetzt. Auf der 1.300 kg schweren Friedensglocke mit “es” und mit “c” der 2.280 kg großen Gedächtnisglocke erfolgt der Viertel-Doppelschlag, und der Stundenschlag ist auf der großen, ca. 5.000 kg schweren Lutherglocke mit “as” eingerichtet. Die schweren Hammerwerke, der Hammer des Stundenschlags wiegt ca. 50 kg, werden auf elektromechanischem Weg betätigt. Im Turm der Kirche ist auch die Orgel eingebaut.
Ein freistehende Pfeifensprospekt schließt das Innere der Orgel gegen die Kirche zu ab. Nicht weniger als 3097 Pfeifen füllen den Orgelraum, die kleinste Pfeife mißt 6 cm, die größte 6.00 Meter. Mit seinen 49 Registern zählt dieses Orgelwerk zu den größten im Lande. Erstellt wurde es von der Orgelbauanstalt Walker aus Ludwigsburg-Steinfurt. Bleibt nur noch das Chorgemälde. Dieses wurde von dem Karlsuher Künstler Carl Vocke erstellt.
Dieser bemerkt dazu: “...Das Chorbild in Komposition und Farbe muß in zweifacher Weise dienende Haltung einnehmen, erstens, als Teil des Ganzen, die Architektur, dann auch als Teil des Gottesdienstes, als Hinführung zum Mittelpunkt evangelischen Glaubens.” Die ganze Fläche mißt 110 qm, und es wurde die Auferstehung Christi als Bildinhalt ausgesucht. Als Technik wurde das sog. “Fresco secco”, die Keim- und Mineralfarbe gewählt, die alle anderen Techniken an Leuchtkraft und Haltbarkeit übertrifft. Um die entscheidende Tatsache der Auferstehung Christi herauszuheben, wählte der Künstler die weit überlebensgroße Gestalt Christi (4.8 m hoch), neben der alles andere, Mensch, Tier und Natur zurücktreten mußte. Die Größe des Ostergeschehens erschüttert Mensch und Tier, alle Widerstandskraft materieller Kräfte versagt, die Wächter stürzen sinnlos davon, die Vögel fliegen erschreckt auf. Als Mittler zwischen Himmel und Erde schwebst Jesus über der Erde und ihren Geschöpfen, umflossen von einem Lichtkreis.Am 1. März 1945 verlor die Bruchsaler evangelische Kirchengemeinde sämtliche kirchlichen Gebäude. Dies waren die Lutherkirche, beide Pfarrhäuser, das Gemeindehaus in der Wilderichstraße, das Gebäude des ev. Kindergartens sowie das Wohnhaus Luisenstraße 1. An der Lutherkirche brannte das Kircheninnere sowie das Kirchdach völlig aus.
Der hintere Teil mit der Sakristei und dem Warteraum wurden durch Bombenvolltreffer total vernichtet. Die Mauer mit dem oben geschilderten Chorbild blieb stehen sowie auch der Turm.
Sämtliche Kirchenbücher wurden restlos vernichtet. Aber schon 10 Tage nach der Zerstörung hielt man das erste hl. Abendmahl im Luftschutzkeller unterm Kirchturm ab, dann durfte man die Kapelle des ehemaligen Frauengefängnisses mitbenutzen, bis 1950 die Lutherkirche wieder aufgebaut war.
Treibende Kraft war Pfarrer Dr. Scheuerpflug, der vor vielen ungelösten Aufgaben stand wie Kirchenbänke, Altar, Kanzel, Orgel, Schlagwerk der Kirchenuhr, Dachkanäle, Abortanlagen, Altarausrüstung usw. Also ging man wieder ans Geldsammeln. Allein die fünf neuen Glocken, die alten Bronzeglocken waren während des Krieges eingeschmolzen worden, kosten 20.000.- DM, eine Riesensumme damals. Die neuen Glocken wurden den alten Glocken in den Maßen nachempfunden, 1949 vom “Bochumer Stahlverein” geliefert und waren aus Guß-Stahl, das klanglich dem früheren Geläut gleichwertig sein sollte. Es wurde eine Sammlung veranstaltet, der Betrag kam irgendwie zusammen und der Tabakfabrikant Otto Steiner sorgte für den Transport der Glocken nach Bruchsal.
So kam nach und nach alles zusammen, auch die Orgel wurde in Abschnitten wieder aufgebaut. Der Neubau der Lutherkirche, einschließlich ihrer fünf Glocken und der Orgel mit 49 Registern, des Kindergartens und des Pfarrhauses kostete bis dahin 470.000.- DM, aber es mußten noch viele kleine Schritte gegangen werden, bis sich die Kirche in ihrer heutigen Gestalt präsentieren konnte (Quelle: Festschrift 50 Jahre Lutherkirche Bruchsal).
Übrigens: Noch ein beliebter Pfarrer aus der Nachkriegszeit, Pfarrer Bartsch.
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