Susanne (Suzie) Schrag: Ich habe meine Tage ausgenützt | Teil 1
Bruchsal.org startet heute mit mit einer kleinen Serie, die die Lebensgeschichten von jüdischen Mitbürgern aus Bruchsal oder jüdischen Mitbürgern mit einer persönlichen Beziehung zu Bruchsal schildert.
Begonnen wird mit der selbsterzählten Lebensgeschichte von Frau Suzanne (Suzie) Schrag, der Witwe von Paul J. Schrag, der das Buch „Heimatkunde - Die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie " schrieb. In diesem Buch wird in Romanform die Geschichte der Arisierung der Bruchsaler Malzfabrik Schrag und Söhne in Bruchsal (Kaiserstraße 27, heute Möbel-Fuchs) beschrieben: Paul J. Schrag.
Rechtsanwalt und Autor Paul J. Schrag schrieb auch das Theaterstück „Die Geschichte vom Herrn Rat", das Elemente aus dem Leben einer Bruchsaler jüdischen Familie verarbeitete. Die Badische Landesbühne führte dieses Stück im Spätjahr 2010 erstmals ungekürzt in Deutschland auf: Warnen ist ein böses Wort
Frau Suzanne Schrag feierte am 29. November 2010 in New York, Manhattan, ihren einhundertsten Geburtstag. Eine New Yorker Bekannte von Frau Schrag schrieb kürzlich an bruchsal.org, dass es Frau Schrag soweit ganz gut gehe; nur das Hören und Sehen mache ihr mittlerweile etwas zu schaffen.
Die Genehmigung zum Abdruck dieser Geschichten wurde bruchsal.org von Herrn Steffen Jacob, einem Verwandten von Frau Suzanne Schrag, erteilt. Sein Buch „Leben danach" enthält diese und viele weiteren Lebensgeschichten, die der Autor auf der Basis von Interviews aufschrieb. Diese Interviews führte er zwischen 1994 und 1997 mit Verwandten, die vor 1933 in Deutschland geboren wurden. Das Buch kann direkt beim Verlag EDITION GOLDBECK-LÖWE oder im Buchhandel (ISBN 3-937556-00-1 Steffen Jacob - LEBEN DANACH. Lebensgeschichten zweier jüdischer Familien aus Deutschland) bestellt werden.
Susanne (Suzie) Schrag
Ich habe meine Tage ausgenützt
Ich bin Suzanne Fuchs, 1910 geboren, das jüngste Kind meiner Eltern Hermann und Emma Fuchs. Ich hatte noch zwei Geschwister, eine Schwester und einen Bruder.
Als mein Vater 15 Jahre alt war, wurde er von seiner Mutter nach Amerika geschickt zu seinen Zwillingsbrüdern und seinem Onkel in Baker/Oregon. Dazu gibt es eine kleine reizende Geschichte; ob sie wahr ist, weiß ich nicht, sie wird in der Familie aber so erzählt:
Wollen wir mal sehen, in welchem Jahr das war - er ist geboren 1866, er war fünfzehn Jahre alt - also 1881 ungefähr. Es war Jom Kippur (1), und die Familie war beim Gottesdienst den ganzen Tag, wie das so üblich war. Der Hermann hatte auf einmal genug und ist nach Hause gegangen. Ob seine Mutter es bemerkt hat oder nicht, wissen wir nicht.
Als er nach Hause kam, bekam er Hunger. Es war, wie gesagt, Jom Kippur, und die Mutter hatte dafür das Abendessen und ein wunderbares Dessert gerichtet, das hieß Buwele. Das war ein ganz besonderes Gericht, das es eigentlich nur an Festtagen gab. Es ist eine Art Apfelkuchen, der im Ofen, wunderbar braun mit Zucker glasiert, gebacken wird, etwas ganz Besonderes. Wir haben's zu Hause auch öfter gehabt ... Hermann schnitt sich ein kleines Stück davon raus. Es war zu verlockend gewesen! Und nachdem er ein kleines Stück raus geschnitten hatte, sagte er sich: „Ja, die merken ja, dass jemand da was genascht hat! Ich ess' lieber mehr, dann denken sie nicht gleich an mich." Und so hat er im Lauf des Nachmittags den ganzen Kuchen aufgegessen.
Die Abendmahlzeit kam, und die Mutter wollte das Dessert holen. Aber da war kein Dessert. Sie regte sich furchtbar auf - es wurde ziemlich rasch entdeckt, dass der Hermann den Kuchen gegessen hatte - und sagte, dass der Junge zu ungehorsam gewesen sei und nicht mehr in ihrem Haus bleiben dürfe, er müsse weg. Sie bestand darauf, obwohl er eine Art Lieblingskind von ihr war. Sie entschloss sich, Hermann zu seinen Brüdern nach Amerika zu schicken. Er hatte in ihren Augen schwer gesündigt.
In der Hitlerzeit wirkte sich ihre harte Meinung sehr gut für uns alle aus, denn wir konnten, weil der Vater die amerikanische Staatsangehörigkeit erhalten hatte, sofort nach Amerika reisen. Meine Geschwister und meine Mutter führten dieses Glück auf das Buwele zurück.
Sie erzählten mir diese Geschichte auch, und sie wird noch heute oft im Familienkreis erzählt. Ich war die Jüngste und habe wenig von dem behalten, was mein Vater über sein Leben redete. Meine Geschwister kannten viele Geschichten von ihm und Amerika. Ich kann sie leider nicht so treffend wiedergeben.
1881 also kam Hermann, mein Vater, nach Amerika. Er arbeitete anfangs in einem Geschäft in Baker, Oregon; dort ging es ihm nicht sehr gut. Darum ritt er lieber auf einem Pferd herum und suchte nach Gold und Silber. Er hat sogar etwas gefunden, aber er ist nie reich geworden und kam reuig zum Onkel zurück. 1902 rief die Mutter ihn nach Deutschland. Der Sohn Jacob wollte heiraten. Bei seiner Hochzeit lernte Hermann seine künftige Frau Emma Nathan kennen. Meine Mutter kam aus ganz bürgerlichen Verhältnissen in Heilbronn; sie wollte diesen älteren Mann aus dem wilden Westen heiraten, sie muss sehr mutig gewesen sein. Sie haben auch geheiratet.
Die Brüder meines Vaters, die eine Holzfirma, ein Hobel- und Sägewerk, in Karlsruhe hatten, wollten eine Agentur im Elsass aufmachen, in Straßburg. Aber keiner von ihnen wollte nach Straßburg ziehen. Also fiel das auf meinen Vater. Es war ihm recht, Straßburg war eine sehr, sehr schöne Stadt. Er eröffnete die Holzwerk-Niederlassung am Rheinhafen.
Meine Eltern lebten zuerst über dem Kontor; ihre Wohnungseinrichtung war ganz primitiv; sie hatten ein Bett, ansonsten nur Holzkisten. Nach einem Jahr sind sie in eine schöne Wohnung gezogen und haben im Lauf von fünf Jahren vier Kinder bekommen: Meine Schwester Ylse, meinen Bruder Henry und den Jungen Ernest - und dann mich. Ernest ist in jungen Jahren gestorben.
Die Holzfirma war sehr erfolgreich, und wir waren alle sehr gern in Straßburg. Auch während des 1. Weltkrieges haben wir nicht sehr gelitten, denn unsere Stadt wurde nie angegriffen. Nach dem Krieg haben die Franzosen den Elsass besetzt, das war die Auswirkung des Versailler Vertrages. Mir hat das sehr gut gefallen, denn nun war alles französisch, und ich wuchs in einer französischen Kultur auf. Ich kam in eine französische Schule, und meine Geschwister haben beide das französische Examen in Straßburg gemacht. Aber die Franzosen machten meinem Vater Schwierigkeiten, weil die Firma deutsch war, sie war doch eine Niederlassung des Betriebes in Karlsruhe. Und so wurde die Firma sequestriert.
Mein Vater hatte seine amerikanische Staatsangehörigkeit nie verloren, weil er alle vier Jahre für einige Wochen zurück nach Amerika fuhr, um das zu verhindern. So wurde er während des Krieges oder nach dem Krieg amerikanischer Vizekonsul in Kehl am Rhein, das war die Grenzstadt zwischen Deutschland und Frankreich.
1924 zogen wir von Straßburg weg, die Firma wurde liquidiert, und mein Vater ging zurück nach Karlsruhe. Wir lebten zuerst in Herrenalb; meine Geschwister waren schon auf der Universität - mein Bruder ist Ingenieur geworden, meine Schwester hat Germanistik studiert. Und ich bin auf das Realgymnasium in Karlsruhe gegangen und habe dort schlecht und recht das deutsche Abitur gemacht; bisher hatte ich französisch gelernt. Mit den deutschen Anforderungen bin ich schwer zurecht gekommen. Aber ich habe alle Prüfungen bestanden und kam dadurch auf die Universität; dort war ich sehr gut. Ich wollte Medizinerin werden - ich hatte nur einen Wunsch: mit Albert Schweitzer in Lambarene, Afrika, zu arbeiten.
Dazu kam's aber leider nie, denn 1933 ging mein Vater eines Tags durch Karlsruhe und sah auf einem Lastauto einen sehr bekannten jüdischen sozialdemokratischen Anwalt (2); er wurde mit drei anderen Männern ins Gefängnis gefahren und öffentlich von den Nazis verhöhnt. Daraufhin beschloss mein Vater, er war ja Amerikaner, Deutschland zu verlassen. Im Juli 1933 sind meine Eltern nach Amerika ausgewandert.
Warum ich unbedingt Ärztin bei Albert Schweitzer werden wollte? Er war doch Organist in einer Kirche in Straßburg, und wir sind oft zu Orgelkonzerten gegangen. Mit unserem Mädchen war ich auch häufig im Münster beim katholischen Gottesdienst; dort wurde immer eine sehr schöne Orgel gespielt. Das Straßburger Münster ist berühmt, es war wunderbar. Straßburg überhaupt ist für mich eine Märchenstadt. Als wir sie vor etlichen Jahren noch einmal besuchten, war sie immer noch schön.
Schweitzer war eine berühmte Gestalt in Straßburg, ich habe ihn wohl persönlich gesehen und ihm vielleicht auch mal die Hand gegeben, aber näher kannte ich ihn nicht... Was er erreicht hat da in Lambarene, das war sehr eindrucksvoll. Schweitzer war überhaupt eine sehr anziehende Persönlichkeit. Seine Arbeit kam meinem Bedürfnis, für andere Menschen und die Gemeinschaft etwas Gutes und Sinnvolles zu tun, sehr nahe. Aber auch das Abenteuerliche reizte mich wahrscheinlich dabei. Aber leider kam es nicht dazu. Leider oder Gott-sei-Dank, das weiß ich nicht.
Ich studierte in Deutschland vier Semester: in Heidelberg, München, Berlin und wieder in Heidelberg. Besonders in München war der Antisemitismus sehr stark - hier wurde ich nicht zum Praktikum zugelassen, weil ich Jüdin war. 1932! Ich machte aber trotzdem mein Physikum - in Heidelberg.
1933 war ich dann Studentin in der Schweiz, in Zürich, für eine kurze Zeit nur. Ich konnte in Deutschland nicht mehr weiter studieren, und ich hatte mich verlobt mit einem Jurastudenten. Er wurde später mein Mann. Seine Eltern waren schon 1931 aus Deutschland ausgewandert. Der Vater von Paul Schrag war ein außergewöhnlich gescheiter Mann; er hatte schon 1931 seine Anwaltskanzlei in Deutschland aufgegeben und war nach Zürich gegangen. Seine Frau war Amerikanerin und hatte ihre Mitgift in Amerika gelassen, also war etwas Vermögen vorhanden.
Als meine Eltern 1933 nach Amerika auswanderten, entschloss ich mich, sie zu begleiten. Wir sind über New York, wo wir einige Wochen waren, durch ganz Amerika gefahren, noch mit der Eisenbahn, und auf dem Weg in den Westen haben wir die Frau von Alfred Jacob, Wilma, mitgenommen. Mit der zusammen musste ich leider schlafen; sie war so dick, und ich war so klein und dünn, sie hat mir das ganze Bett weggenommen im Schlafwagenabteil. Das hab' ich nie vergessen.
(1) Jom Kippur: Versöhnungstag, im September/Oktober; höchster und persönlichster jüdischer Feiertag, an dem streng gefastet wird.
(2) Wahrscheinlich handelte es sich um Ludwig Marum, der am 29. März 1934 im KZ Kislau umgebracht wurde. Ludwig Marum lebte mit seiner verwitweten Mutter in Bruchsal, zunächst in der Kaiserstraße 29 und später in der Bismarckstraße 2. Er besuchte das Humanistische Gymnasium in Bruchsal und legte 1900 die Reifeprüfung ab.
© Steffen Jacob
- Wird fortgesetzt -
Auch auf bruchsal.org:
Günstig Tanken
Beliebte Inhalte
Heute:
Twitter Updates
Wer ist online
Veranstaltungen: Aktuelle Termine
-
Donnerstag, 24. Mai 2012 - 19:00
-
Donnerstag, 24. Mai 2012 - 20:00 - 21:00
-
Freitag, 25. Mai 2012 - 19:00
-
Freitag, 25. Mai 2012 - 19:00
-
Freitag, 25. Mai 2012 - 20:00
BRUCHSAL.ORG abonnieren
Benutzeranmeldung
Neue Mitglieder
- Stiphtung Chris...
- Genossenschaftler
- Krambambuli
- HA.NEU
- frosch01









Neueste Kommentare
vor 4 Stunden 45 Minuten
vor 4 Stunden 54 Minuten
vor 5 Stunden 42 Minuten
vor 5 Stunden 3 Minuten
vor 7 Stunden 37 Minuten
vor 10 Stunden 32 Minuten
vor 11 Stunden 33 Minuten
vor 12 Stunden 55 Sekunden
vor 12 Stunden 57 Minuten
vor 22 Stunden 8 Minuten