Stuttgart 21: Warum wir alle selbst schuld sind

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Die traurige Realität von "demokratischer" Beteiligung bei Planungen
Sonntag, 10. Oktober 2010 - 11:42

Es ist schon interessant. Da gibt es ein Planfeststellungsverfahren, das nur um einiges umfangreicher als normal ist, und plötzlich fällt den Bürgern auf, daß solche Verfahren völlig an ihnen vorbei verlaufen. Ist das neu? Mitnichten, nur hat sich bisher außer ein paar Bürgerinitiativen und natürlich den Naturschutzverbänden ("Dauerstörern") kaum einer darüber aufgeregt.

Schauen wir uns mal an, wie normalerweise ein solches Großprojekt abläuft - auch wir haben mit der B-35-Nordumgehung einen vergleichbaren Dinosaurier in Bruchsal.

Zunächst wird ein Projekt in einen Grundsatz- oder Bedarfsplan eingetragen. Den wenigen Spezialisten, die solche Dinge lesen und Einwände haben, wird geantwortet, das sei ja alles völlig unverbindlich.

Anschließend wird mit Hilfe der Lokalpolitiker politischer Druck ausgeübt, die mit immer ähnlichen Argumenten behaupten, daß ohne dieses Projekt die Region und die Arbeitsplätze gefährdet seien.

Wenn dann genügend Politiker über genügend lange Jahre das Monster gefordert haben, wird seine Notwendigkeit überhaupt nicht mehr hinterfragt, und es werden künstlich Argumente aufgebaut, warum es unbedingt sein müsse. Kosten-Nutzen-Abwägungen spielen keine Rolle. "Unabhängige" Gutachten werden mit vorgegebenen Inhalt erstellt bzw. den Gutachtern aufgezwungen. Alternativen werden nur noch formal geprüft.

Für die Durchsetzung solcher Großprojekte sind in der Regel Arbeitsgruppen im Ministerium oder in den Regierungspräsidien zuständig - die vielen tausend unnützen, aber beamteten und daher unabbaubaren Straßenbauer wollen beschäftigt sein. Die Chefs der Behörden (Regierungspräsidium oder Landratsamt) sind hörige politische Beamte und werden von der Regierungspartei bestellt - in Baden-Württemberg schon immer die CDU (und manchmal bekam auch die SPD ein paar Brosamen ab, was sie mit besonderer Unterwürfigkeit und Angepaßtheit vergalt).

Wenn das Projekt dann einmal fix und fertig geplant ist, dann geht es in eine Offenlegung, in der alle Bürger für ein paar Wochen Einwände formulieren können. Diese Planfeststellungsverfahren sind reine Schaulaufen. Ich habe in meiner 30jährigen Tätigkeit als Naturschützer bei vielen 100 Verfahren mitgemacht und praktisch nie erlebt, daß unsere Einwände irgendetwas Relevantes gebracht hätten. Hier findet dann formal die angebliche "demokratische Beteiligung" statt, die von der CDU und der Bahn immer wieder gerne zitiert wird.

In den 1990er Jahren fand man leidvoll heraus, daß es manchmal doch noch Probleme gab, denn manche Behörden hatten ein Vetorecht, zum Beispiel die Naturschutz- und Denkmalbehörden. Und in seltenen Fällen hatten die Beamten genügend persönliche Zivilcourage, ihre Meinung zu sagen. Die Antwort kam konsequent: mit einer Verwaltungsreform wurden diese Sonderbehörden einfach abgeschafft, verloren ihr Vetorecht und wurden in die Regierungspräsidien integriert, wo sie wieder Befehle der politischen Hausspitze befolgen müssen. Gegründet war das auf ein Gutachten des ehemaligen Verfassungsrechtlers Kirchhoff, der tatsächlich das Wort "störende Behörden" geprägt hatte. Ziel war, die Verfahren "schneller und effizienter" zu machen - in der Wirklichkeit hatte man jetzt die Möglichkeit, einfach per Befehl das angeblich "demokratische" Verfahren durchzuziehen.

Anschließend gab es doch noch ein paar lästige Fälle, in denen untere Verwaltungsgerichte ihren gesunden Menschenverstand gelten ließen und die Planfeststellungsbeschlüsse für ungültig erklärten. Man erklärte einfach, daß die Verfahren in Zukunft gleich zum als extrem konservativ bekannten Verwaltungsgerichtshof, der 2. Instanz, gehen sollten, und dieser schmetterte seither zuverlässig alle Klagen ab. Es herrschte Ruhe, und so wurde es auch bei Stuttgart 21 gemacht.

Ein einziger Fall aus Baden-Württemberg ist bekannt, bei dem die Naturschutzverbände durch Hartnäckigkeit ein bereits eingeleitetes Planfeststellungsvorhaben partiell kippen konnten - die B-35-Nordumgehung vor unserer Haustüre. Ein Grund war die ungeahnte Arroganz der Behörden und des ehemaligen OB i. R. Bernd Doll, die zu hanebüchenen Fehlern im Verfahren Anlaß gab, und ein besonders mutiger Beamter, der unter Opfern seiner Karrierechancen vor Gericht für die Natur aussagte.

Warum wir an allem selbst schuld sind?

- weil wir noch viel zu häufig den Argumenten der Politiker bei Großprojekten (Straßenumgehungen, Bebauungsplänen oder auch Stuttgart 21) glauben und sie nicht kritisch hinterfragen.

- weil wir glauben, daß die vielen Gutachter und Behördenmitarbeiter fachkompetent und unabhängig entscheiden dürfen.

- weil wir nicht erkennen, daß es schon längst zu spät ist, wenn die Politiker die Einleitung eines Verfahrens als Rettung für die Region, die Menschen und die Arbeitsplätze feiern.

- weil sich viel zu wenige Mitbürger in unabhängige Interessenverbände einbringen. Derjenige, der noch nie zu Besuch bei einem Naturschutzverband war oder für einen Gemeinde- oder Stadtrat kandidiert hat, braucht sich eigentlich nicht zu beschweren.

- weil die Stadt- und Gemeinderäte in der Regel aus Vertretern von Partikularinteressen bestehen, die das Wohl der Gesamtbevölkerung nicht im Auge haben (können).

Trotzdem ist Stuttgart 21 überaus erfreulich, denn endlich bekommt die Bevölkerung vor Augen geführt, wie sehr unsere Politik ein Selbstbedienungsladen geworden ist, und wie sehr die angebliche "demokratische Beteiligung" der Bürger ein Hohn ist. Wenn die Bürger nicht wieder engagierter werden und sich nicht nur bei eigener Betroffenheit einbringen (Bürgerinitiativen!), passieren auch bei uns weiterhin solche Dinge, ob es unnötige Baugebiete sind, die nur Flächen und Lebensqualität zerstören, ob es Straßen sind, die keiner braucht (Kraichtaler Ortsumgehungen) und die nur Verkehr anziehen, oder ob es die Doll'schen Monster wie SEPA, die International University oder das Bürgerzentrum sind. Dann hört der Quatsch erst dann auf, wenn wir so pleite sind, daß wir uns Derartiges nicht mehr leisten können - in Bruchsal können wir es besichtigen.

Und jetzt noch ein paar Worte zum tatsächlichen Problematik von Stuttgart 21, die bereits seit der Offenlegung 1994 unverändert bekannt ist und mannigfach von den Gegnern adressiert wurde - nur hat es in diesen 15 Jahren keinen interessiert:

Mit maximal einem Fünftel der Kosten könnte man 80 % des Nutzens erreichen (Fahrzeitverbesserung nach Ulm).

Die Einwände der Stuttgarter Bevölkerung (Denkmalschutz für den Bahnhof, Fällen einiger alten Bäume im Schloßpark) sind lokale Argumente, die man hierzulande ignorieren könnte.

Aber: der eigentliche Skandal ist die Tatsache, daß ein großer Teil der Nahverkehrsmittel für das Land Baden-Württemberg nach Stuttgart 21 fließt und dadurch der ÖPNV im ganzen Land bereits jetzt leidet. Deswegen sind wir alle, aber insbesondere die Förderer eines effizienten, lokalen, klimaschonenden und autoverkehr-reduzierenden Eisenbahn-ÖPNV, betroffen und müssen dieses Vorhaben, wie auch immer möglich, stoppen.

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Kommentare

mannigfach von den Gegnern adressiert...per WAHL?

Bei allem Verständnis für die Kritik an S21, Sie selbst sagen, der Protest wurde mannigfach von den Gegnern adressiert und keinen hätte es interessiert: den Wähler scheinbar jahrelang auch nicht! Oder war es eben so, dass dem Wähler der Sachverhalt lange egal war? Denn sonst hätte er ja zwar nicht die SPD, aber doch wohl die GRÜNEN gewählt, die hier eine klare Position bezogen. Ihr Argument, Kosten-Nutzen-Abwägungen spielten bei Projekten keine Rolle, trifft tatsächlich oft zu: wir sehen es ja plastisch am EE-Gesetz mit den für jeden Wähler ach so transparenten Belastungen...auch in der Region Bruchsal können Sie z.B. an vielen Orten lesen, was vermeintlich an CO2 eingespart wird (also der Nutzen). Die Kosten? Fehlanzeige! 

Sollte man also der SPD folgen und pro S21 sein, aber dennoch gleichzeitig eine Volksabstimmung befürworten und damit Herrn Epplers Vorschlag folgen? Dazu ein Artikel von Robert Leicht, dem langjährigen Publizisten und Leitartikler der SZ, der ZEIT und des Tagesspiegels. Er meint dort:

Es gibt kein Widerstandsrecht gegen Bahnhöfe

www.tagesspiegel.de/meinung/es-gibt-kein-widerstandsrecht-gegen-bahnhoefe/1953584.html

Ist lesenswert, egal welche Meinung man zu S21 vertritt oder ob man gegen Atomwaffen und S21 selbst demonstriert hat! Und Wahlen sind ja wieder in knapp 6 Monaten!

Demokratie

Zu unserer derzeit stark grassierenden Demokratie ein Beitrag: http://ad-sinistram.blogspot.com/2010/10/aber-es-ging-doch-demokratisch-...

vielleicht hat der Eine oder

vielleicht hat der Eine oder Andere aus Bruchsal unser "kleines S21" in Bretten mitbekommen. Hier wurde über acht Jahre hinweg ein Bebauungsverfahren für die Erweiterung eines Industriegebietes (Gölshausen) in einen ökologisch hochwertigen Wald hinein, mit allen Tricks und Winkelzügen der Genehmigungsbehörden, der Stadtverwaltung und der Landesregierung, vorangetrieben.

Obwohl die Bevölkerung von Anfang an, noch weit vor dem Planfestellungsverfahren, mit 2000 Unterschriften protestierte, obwohl es eine Demo (die wohl erste in Bretten!) gab, obwohl nochmals 6000 Unterschriften gesammelt und übergeben wurden, obwohl wir das "letzte Mittel", eine Petition an den Landtag nutzten, das Verfahren konnte lediglich verzögert (8! Jahre) werden, aber letztendlich setzte sich unser damaliger "Mappus", OB Metzger, gegen den Bürgerwillen durch.

Assistiert wurde ihm damals interessanterweise von bewährten Polit-Akteuren, die auch heute in Stuttgart wieder für den Fortgang des "demokratisch legitimierten" Verfahrens sorgen: Frau Gönner und Herrn Andriof!

Ich will die Bruchsaler nicht mit den zahllosen Details unseres 8-jährigen Kampfes gegen die Abholzung des Rüdtwaldes langweilen, wer will, kann alles unter www.ruedtwald.de nachlesen.

Was bleibt ist die Einsicht, dass die Verwaltungen, auch die Verwaltungsgerichte, inzwischen gelernt haben, wie man ein nach außen hin demokratisch-rechtsstaatliches Verfahren, so "wasserdicht" machen kann, dass eine Beeinflussung durch den Souverän (so wird der Bürger vor der Wahl genannt) kaum noch möglich ist.
Um Verfahrensfehler wie in Bruchsal zu entdecken, oder um überhaupt den Behördenvertretern eine Reaktion abzupressen, benötigt der engagierte Bürger die Hilfe eines Fachmanns (Anwalt), was ihn jedoch jede Menge Geld kosten wird und seine Aussichten auf Erfolg keinesfalls garantieren.

Dass ein engagierter Bürger eine solche "Ochsentour" mehr als einmal in seinem Leben auf sich nimmt, darf bezweifelt werden.

"... Verfahrensfehler wie in Bruchsal..."

@ bakbretten:
Was ist damit gemeint? Bei der seinerzeitigen B 35-Planfeststellung?

"Prozesskostenhilfe" für Einsprecher?

Besonders ärgerlich und abschreckend finde ich den Umstand, dass "private" Einsprecher in solchen Verfahren die immens hohen Anwaltskosten zunächst selbst aufbringen müssen, während Stiefvater Staat, vertreten durch gut bezahlte Behördenleiter, ohne jedes Zucken Gutachter, Anwälte und natürlich dutzende von Mitarbeitern aus Steuermitteln finanziert.
Kennt man dann noch die Stundensätze der in solchen Verfahren eingesetzten, wirklich guten Anwälte, sind Kosten und Risiken nur durch komplizierte und breit gefächerte "Kostenübernahmevereine" auf viele Schultern zu verteilen.

Hier muss man mal darüber nachdenken, ob nicht Waffengleichheit durch eine Art Prozesskostenhilfe erreicht werden könnte.
Mittel in der gleichen Höhe, wie sie der das Planfeststellungsverfahren durchführende Träger "Pro" aufwendet, sollten dann auch für die Finanzierung von "Contra" zur Verfügung gestellt werden.

Die Schwierigkeit mit der Demokratie

Ganz unbeachtet davon, ob man nun für oder gegen Stuttgart 21 ist - für mich ist die Kernfrage dieses Disputs, für den es keine Einigung zu geben scheint, nicht, ob da nun ein Bahnhof gebaut wird oder nicht, sondern vielmehr, was Demokratie ist und wer und für was sie steht.

Der Beschluss Stuttgart 21 zu bauen, wurde von den Landtagsabgeordneteten beschlossen, die wiederum durch eine demokratische Wahl in ihr Amt kamen. Nun ist es so, daß ein gewählter "Vertreter des Volkes" auch irgendwo die Interessen selbigen vertreten sollte. Zumindestens erweckt die Bezeichnung Abgeordneter oder auch "Vertreter des Volkes" diesen Eindruck.

Aber hier beginnen schon die Schwierigkeiten. Der eine Teil des Wahlvolkes will das, der andere eben jenes. Und der gewählte Abgeordnete selbst, möchte unter Umständen gar nichts von beiden. Hinzu kommt noch, das nicht jeder auf dem gleichen Informationsstand ist. Das heisst, es gibt Befürworter wie Gegner, die sich umfassend informiert haben und aufgrund dieser Information ihre Meinung bildeten (und das nicht über "BILD Dir Deine Meinung") und andere, die einfach dafür oder dagegen sind, weil es z.B. der Ehemann, der Freund oder die Vereinskameraden sind. Gemäß dem Motto: "Wenn so viele dagegen sind, muss es wohl falsch sein." Bei Belieben gilt diese Regel auch umgekehrt.
Nur dumm, daß auch hier die deutsche Geschichte ein eindrucksvolles Zeugnis darüber ablegt, daß dies nicht immer der Fall sein muss.

Was also tun? Das Volk über alles abstimmen lassen? Sicher, daß wäre möglicherweise Demokratie in Reinform. Nur gibt es auch hier wieder ein Problem. Möchte man wirklich Leute, die z.B. von Wirtschaft oder Finanzpolitik so gar keine Ahnung haben, über Steuergesetze abstimmen lassen? Oder soll man vorher erst eine "Wählereignungsprüfung" einführen, um prinzipiell festzustellen, ob der stimmberechtigte Wähler überhaupt über genügend Sachverstand verfügt? Andererseits haben wir das echte Problem, das gewählte Politiker oftmals auch nicht über den nötigen Sachverstand verfügen und Entscheidungen fällen, bei denen man den Eindruck gewinnt, diese kamen nicht durch Überlegung, sondern durch Auswürfeln zustande.

Wird Stuttgart 21 gebaut, dann kann es passieren, da die zukünftigen Generationen in 20 oder 30 Jahren Zeter und Mordio schreien. Allerdings kann dies auch geschehen, wenn das Projekt nicht durchgeführt wird.

Ich selbst mag mich nicht anmaßen, zu sagen, was richtig oder falsch ist. Es scheint der Preis der Demokratie zu sein, daß eben Dinge entschieden werden, die die einen gut und die anderen schlecht finden und umgekehrt.
Die Alternative wäre eine Diktatur, wo jemand einfach beschliesst und so geschieht es dann. Doch wer wollte in solch einem Land leben?

Eines scheint jedoch sicher: die Demokratie ist immer nur so gut, wie die Menschen, die in ihr leben. Ist der Mehrzahl der Leute unkritisch, unengagiert und uninteressiert, dann kann auch eine Demokratie zu einer Form der Diktatur führen - des Diktats durch die gewählten "Vertreter des Volkes".

Ein Beispiel: wir leben vor der Tür eines Atomkraftwerkes, dessen Betriebssicherheit sowie Sicherheit gegen Anschläge mitnichten so garantiert werden kann, wie es der Betreiber und auch die Poltik (z.B. Mappus) den Bürgern vorgaukeln. Die Versprechungen, die gemacht werden, sind genauso seriös, als würde eine Luftfahrtgesellschaft versprechen, das nie, aber auch gar nie eines ihrer Flugzeuge abstürzen wird. Kein Mensch würde das glauben. Und doch regt sich hier, wo bei einem Unfall die Bevölkerung gar nicht mehr evakuiert werden müsste, weil wir viel zu nah am Geschehen wären, eigentlich nur wenig Widerstand gegen die von der Atomindustrie gekauften Bundes- und Landesregierung.

Insofern gebe ich Herrn Hassler Recht: Wir sind alle selber schuld!

Nachtrag zum Demokratieverständnis

Soeben lese ich auch spiegel.de daß nach einer Studie (http://www.spiegel.de/flash/flash-24534.html) nur 51,9% der Deutschen eine Dikatatur völlig ablehnen.

Wie es scheint, ist das zärte Pflänzlein "Demokratie" nicht so im Boden verwurzelt, wie man es sich das als freiheitsliebender Mensch wünschen würde.

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