Stuttgart 21: Aufarbeitung des Bürgerprotests beginnt
Stuttgart (hdgbw) - Das Ergebnis der Volksabstimmung war eindeutig, der politische Kampf um Stuttgart 21 ist vorüber: Die Aufarbeitung kann beginnen. Das Haus der Geschichte versucht dies mit seinen Mitteln, den Mitteln des Museums. Im Zentrum steht dabei der Bauzaun vom Stuttgarter Hauptbahnhof, dieses herausragende Symbol des Konflikts. Die Sonderausstellung »Dagegen leben? - Der Bauzaun und Stuttgart 21« ist vom 16. Dezember 2011 bis zum 1. April 2012 in Stuttgart zu sehen.
Im Sommer 2010 war der Bauzaun zum Abriss des Nordflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof aufgestellt worden. Rasch vereinnahmten vor allem die Gegner des Projekts den Zaun für ihre Zwecke: Sie bepflasterten ihn mit Kollagen, Versen, Forderungen und Schmähungen und machten daraus ein vielfältiges Dokument des Protestes. Das Absperrinstrument, das die Baustelle sichern sollte, ist so zu einem Symbol für eine gestörte politische Kommunikation geworden.
Museumsleiter Dr. Thomas Schnabel beschreibt das Außergewöhnliche der Situation im Streit um Stuttgart 21 und wie der Bauzaun in diesem Konflikt eine besondere Bedeutung bekam: »Das Ungewöhnliche an den Entwicklungen der letzten Jahre ist nicht der Protest, sondern die Gesprächsunfähigkeit in der Zeit davor. Der Bauzaun spiegelt diese Sprachlosigkeit wider.«
»Der Bauzaun am Stuttgarter Bahnhof hat Landesgeschichte geschrieben und ist daher ein herausragendes Exponat«, sagt Ausstellungsleiterin Prof. Dr. Paula Lutum-Lenger. Mit Hilfe des riesigen Objektes – gut 80 Meter des Zaunes werden in der Ausstellung gezeigt – nähern sich die Ausstellungsmacher dem Phänomen Stuttgart 21. Lutum-Lenger erklärt, was das Haus der Geschichte mit dem Bauzaun macht: »Der Bauzaun ist die Quelle, die Schicht für Schicht genau studiert und analysiert werden muss.« Die Ausstellung unternehme den ersten Versuch, »den Bauzaun und seine Exponate zum Sprechen zu bringen.« Diese Fragen stehen im Mittelpunkt: Wer äußert sich da kritisch? Welches sind die Themen und Argumente? Wie setzen sich die Gegner mit den Mächtigen, die für Stuttgart 21 stehen, auseinander? Welche Wirkung entfaltet die geballte Kritik?
Eine Vielzahl unterschiedlichster, zum Teil höchst origineller Objekte wurde gesichtet, analysiert und eingeordnet. Unvoreingenommen und mit neuem Blick sind die Kuratoren ans Werk gegangen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Von rund 2 500 gezeigten Objekten werden in der Ausstellung annähernd 400 näher analysiert und beschrieben. Eine Vertiefungsebene in Form von PC-Stationen bietet hierzu ausführliche Informationen. Gestaltet wurde die Ausstellung vom renommierten Ausstellungsarchitekten Hans Dieter Schaal.
Freier Eintritt
Erstmals gewährt das Haus der Geschichte bei einer Sonderausstellung während der gesamten Laufzeit freien Eintritt. Der wichtigste Grund dafür: Hunderte von Bürgern haben ihre Meinung am Bauzaun hinterlassen – es liegt im Wesen eines solchen öffentlichen Gemeinschaftswerkes, dass dieses umsonst zu sehen ist.
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