Stiftung Warentest: "Gesetzliche Krankenkassen: Versicherte müssen mehr zahlen"

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Donnerstag, 8. Juli 2010 - 19:22

Der allgemeine Beitragssatz der gesetzlichen Krankenkassen soll steigen. Für viele gesetzlich Versicherte heißt das: Im nächsten Jahr müssen sie zwischen 100 und 200 Euro mehr zahlen. Mit den geplanten höheren Zusatzbeiträgen kann es noch deutlich teurer werden. test.de informiert.

Beitragssatz steigt wieder

Die schwarz-gelbe Koalition plant, den allgemeinen Beitragssatz ab 2011 von 14,9 auf 15,5 Prozent anzuheben. Arbeitnehmer sollen statt 7,9 Prozent dann 8,2 Prozent ihres Einkommens für den Kranken­versicherungs­schutz zahlen, Arbeitgeber übernehmen statt derzeit 7,0 Prozent dann 7,3 Prozent.

Änderungen für Arbeitnehmer

Für Arbeitnehmer mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von 3 750 Euro (Beitrags­bemessungs­grenze) und darüber bedeutet die geplante Erhöhung 135 Euro extra im Jahr. Der Beitrag kann sogar noch etwas höher ausfallen, da die Beitrags­bemessungs­grenze im kommenden Jahr steigt. Sie ist der Betrag vom Einkommen, bis zu dem maximal Kassenbeiträge fällig werden. Arbeitnehmer mit einem Bruttoeinkommen von 2 000 Euro monatlich müssen 2011 mit 72 Euro zusätzlichen Kassenausgaben rechnen. Wer 700 Euro monatlich verdient, zahlt 25 Euro mehr.

Änderungen für Selbstständige

Besonders teuer wird es für freiwillig versicherte Selbstständige. Denn diese zahlen den vollen Beitrag, also auch die 7, 3 Prozent, die beim Arbeitnehmer der Arbeitgeber übernimmt. Für ein beitragpflichtiges Einkommen von 3 000 Euro monatlich macht der Anstieg des allgemeinen Beitragssatzes immerhin 216 Euro im Jahr aus.

Änderungen für Rentner

Betriebsrentner trifft es ebenfalls hart. Denn auch sie zahlen den vollen Beitrag von 15,5 Prozent. Wer zum Beispiel eine Betriebsrente von 500 Euro monatlich bezieht, muss alleine dafür dann 77,50 Euro Kranken­versicherungs­beitrag zahlen. Hinzu kommen 8,2 Prozent auf die gesetzlichen Rentenzahlungen bis zur Beitrags­bemessungs­grenze.

Beiträge könnten weiter steigen

Experten wie Eckart Fiedler, Professor vom Institut für Gesundheitsökonomie der Uniklinik Köln, gehen davon aus, dass die Beiträge der Kassenmitglieder in den nächsten Jahren noch weiter steigen werden - auch weil der Arbeitgeberanteil bei 7,3 eingefroren werden soll. „Von Nachhaltigkeit sehe ich hier keine Spur und die Zusatzbeiträge sind im Ansatz völlig unsozial", sagt Fiedler.

Höhere Zusatzbeiträge möglich

Die Zusatzbeiträge sind neben dem Beitragssatz die zweite Schraube, an der die Regierung drehen will. Krankenkassen können - wie bisher - unabhängig vom Einkommen direkt bei ihren Mitgliedern einen Zusatzbeitrag einfordern, wenn sie mit den Mitteln aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen. Doch die Regelungen werden komplizierter und erlauben viel höhere Zusatzbeiträge als bisher. Derzeit darf der Zusatzbeitrag nicht mehr als 1 Prozent des Einkommens betragen. Diese Grenze soll ab 2011 aufgehoben werden - so der Plan der Bundesregierung. Allerdings hat sie eine Überforderungsklausel vorgesehen, die bei 2 Prozent des jeweiligen Einkommens greifen soll. Das Problem: Die 2 Prozent beziehen sich nicht auf den tatsächlichen Zusatzbeitrag, den das Mitglied an seine Kasse überweist, sondern auf einen durchschnittlichen künstlichen Zusatzbeitrag, den das Bundes­versicherungs­amt (BVA) errechnet. Und die beiden können unterschiedlich sein.

Eine Beispielrechnung

Der Zusatzbeitrag der Kasse liegt bei 20 Euro, der BVA-Zusatzbeitrag bei 10 Euro. Für eine Teilzeitkraft mit einem monatlichen Bruttogehalt von 500 Euro sind 20 Euro mehr als 2 Prozent ihres Gehalts. Die Überforderungsklausel findet auf sie nach Aussage von Oliver Ewald, Sprecher im Bundes­gesundheits­ministerium aber keine Anwendung. Grund: Der durchschnittliche BVA-Zusatzbeitrag von 10 Euro übersteigt die 2 Prozent nicht. Der Versicherten bleibt also nur der Wechsel zu einer Kasse mit niedrigerem oder keinem Zusatzbeitrag.

Arbeitgeber sollen prüfen

Arbeitgeber und Rentenkassen sollen prüfen, ob der BVA-Zusatzbeitrag zwei Prozent des Einkommens übersteigt. Verdient eine Teilzeitkraft 450 Euro im Monat, rechnet der Arbeitgeber aus, dass sie 1 Euro zu viel bezahlen würde, wenn der BVA-Zusatzbeitrag bei 10 Euro liegt. Diesen Euro verrechnet der Arbeitgeber mit dem Kassenbeitrag, den er für den Arbeitnehmer abführt. Das Nettogehalt steigt um 1 Euro. Und zwar auch dann, wenn die Kasse der Teilzeitkraft gar keinen Zusatzbeitrag von ihr verlangt. In diesem seltenen Fall gibt es also mehr Netto vom Brutto - wie es die FDP versprochen hatte.

Produktfinder Gesetzliche Krankenkassen

Wenn Ihnen der Zusatzbeitrag Ihrer Kasse zu hoch ist oder Sie mit Service und Leistungen unzufrieden sind, können Sie kündigen und sich eine neue Krankenkasse suchen. Dabei hilft der Produktfinder Gesetzliche Krankenkassen. Er informiert über Zusatzbeiträge und gibt detailliert Auskunft über das Leistungs- und Serviceangebot von 104 gesetzlichen Krankenkassen.

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Kommentare

Die Pharmakonzerne

Solange die Politik es nicht für nötig hält das Preisdiktat der Pharmaindustrie für all die oft unnützen Medikamente (mit extremen Nebenwirkungen) zu brechen, wird das "gemeine Volk" immer die Melkkuh bleiben.
Die Politik erhofft sich durch Wettbewerb einen Preiskampf - aber gibt es diesen Wettbewerb überhaupt noch?
Pfizer z.B. kauft ein Konkurrenzunternehmen nach dem anderen auf, hat sich vor ca. zwei Jahren mit seinem deutschen Konzernsitz von KA nach Berlin begeben, um (was wohl) die Politiker zu schmieren oder politisch korrekter der Lobbyarbeit in Berlin zu fröhnen.
Die Leute sollten den Glauben in die heilende Wirkung von all diesen Medikamenten aufgeben - sie füllen die Kassen der Konzerne - mehr nicht in der Regel.
Unsere Gesellschaft steht beim Medikamentenmissbrauch mit ganz oben in der Welt. Und das die Pharmaindustrie glänzend dabei verdient kann man schon allein den zahlreichen Werbespots vor den "heute" -Nachrichten und ähnlichen Magazinen ansehen. Diese Werbekosten sind natürlich steuerlich absetzbar.
Fazit: Unser Land ist ein Selbstbedienungsladen für die Pharmakonzerne und der Staat fördert das auch noch. In keinem anderen Land sind die Medikamente so teuer wie in D.

Preis für Medikamente

Die Preise für Medikament sind in anderen Ländern nicht deswegen günstiger, weil der Staat die Preise vorgibt.

Sie sind zu einem großteil deswegen "billiger", weil der Patient selbst seinen teil dazu beitragen muss. Da wird dann eher zum "preiswerten" Medikament gegriffen. Das Problem ist nur zum Teil die Politik... der größere Teil der Problems ist die hemmungslose Kostenlosmentalität der Patienten.

Ich hab da ein "wehwehchen" warum soll ich "XY" schlucken, wenn ich XYZ zum doppelten Preis auch bekommen kann ohne das es mich persönlich etwas kostet? Diese Diskussion kann man jeden Tag, in jeder Apotheke, hundertfach mit anhören.

Und... Werbungskosten absetzen kann auch jeder Arbeitnehmer, nicht nur Konzerne. Die Konzerne zahlen dadurch auch nicht "weniger Steuern".

Maybrit Illner zu Philipp Rösler: Sagten Sie 'süß'?

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Die Regierungskoalition in Berlin ist wieder einmal nach vollmundigen Ankündigungen den Beweis ihrer Entscheidungsfähigkeit schuldig geblieben. „Aus der Gesundheitsreform ist eine schlappe Merkel-Welle geworden. Statt einer Reform gibt es nur eine Beitragsanhebung. Philipp Rösler ist ebenso wie sein Parteichef gescheitert. Von einer soliden Finanzierung ist unser Gesundheitswesen meilenweit entfernt. Dafür nimmt der Unsummen verschlingende Bürokratismus zu.“

Die Vereinbarungen von Union und FDP zur Finanzierung des Krankenkassendefizits bringen keine Lösung. Vor allem die mittleren Einkommen und die Arbeitgeber werden durch die Beitragsanhebung belastet. Dies füht zu einer weiteren Belastung des Mittelstandes und schwächt den wirtschaftlichen Aufschwung durch steigende Lohnzusatzkosten und geringere Einkommen ab. Bis heute sind keine nennenswerten Anstrengungen der Krankenkassen zu erkennen, ihre ständig steigenden Verwaltungsausgaben zu reduzieren. Es besteht die Gefahr, daß sich die Kassen ihre gigantischen Verwaltungsapparate im Rahmen der Zusatzbeiträge finanzieren lassen. Und unklar bleibt, wo die Krankenhausträger angesichts steigender Kosten 500 Millionen einsparen sollen, ohne für ihre Leistungen höhere Entgelte verlangen zu können. Rösler und Schmidt sind inzwischen zu Synonymen für politisches Versagen geworden!

Wer wenig hat ist wenig glücklich über diese "Reform"

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