Steuerpolitik und Sparmöglichkeiten

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Warum bewegt sich so wenig?
Mittwoch, 28. Oktober 2009 - 9:55
Steuer

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber was die angekündigten Steuerentlastungen angeht, bin ich sehr skeptisch. Ich möchte mich hier nicht im Detail zu allen uns nun vorgestellten Regelungen auslassen, sondern nur ein steuerpolitisches Beispiel geben, welches ich persönlich schon seit Jahren propagiere und Ihnen zusätzlich nochmals auflisten, in welchen Bereichen -zwar mit Einschnitten- aber dennoch leicht verkraftbar- gespart werden könnte, um hierdurch weitere Steuererhöhungen zu vermeiden.

Doch nun zu den Steuern als solchen.

Vorab, ja, ich nehme zur Kenntnis, dass das Kindergeld von 164 EUR für das erste und zweite Kind um je 20 EUR auf 184 EUR erhöht wird. Das kostet den Staat mehrere Milliarden EUR im Jahr und bringt nicht wirklich allen Familen etwas. Warum? Der Steigerungsbetrag ist für die Familien, die an der Armutsgrenze und etwas darüber liegen zu gering, um tatsächlich die Situation spürbar zu verbessern. Ausserdem gilt das Kindergeld bei ALG II Beziehern als Einkommen und wird voll angerechnet. Selbstverständlich erhalten alle Eltern Kindergeld und somit auch die Erhöhung, also auch solche Familien, die an sich auf diese Zahlungen nicht angewiesen wären, sie aber gerne entgegennehmen, gibt's halt so dazu. Ich rede hier von Beziehern höherer und hoher Einkommen und glaube wirklich, dass von dieser Zielgruppe niemand auf Kindergeld angewiesen ist. Und die Erhöhung des Kinderfreibetrages auf 7.008 EUR, nun ja, auch hier wäre mehr drin und bessere Lösungen für alle Einkommensgruppen denkbar.

Nun zu meiner zugegebenermaßen nicht neuen Steuerüberlegung. Warum ist es nicht möglich, für kinderspezifische Waren wie Windeln, Kleidung, Schulmaterialien, Kindermedien und Spielzeug die Mehrwertsteuer entweder garnicht, oder aber mit einem verminderten Satz zu erheben?

WARUM geht das nicht?

So wäre nämlich auch für Familien mit geringem Einkommen eine tatsächliche Entlastung gegeben, die bei jedem Einkauf spürbar wäre. Die Kosten für Kinderernährung, -betreuung, Bildung, Kleidung und Wohnen belaufen sich jetzt auf monatlich rund 600 € pro Kind. Sicher variiert diese Zahl auch bei den verschiedenen Altersklassen, aber die Kosten für die Windeln werden fast nahtlos durch die Kosten für den Kindergartenplatz ersetzt und diese dann wiederum durch den Bedarf an Schulmaterialien. Und die Urlaubsreisen sind in diesen Kosten noch nicht enthalten und schon jetzt ein vom Munde abgesparter Luxus für Normalverdiener.

Muß es wirklich sein, dass der Staat von einem Geringverdienerhaushalt mit Kleinkindern pro Windelkarton zu ca. 25 EUR fast 5 EUR an Mehrwertsteuer einstreicht? Ein Kindersitz fürs Auto,nutzbar von 1 -4 Jahren kostet ca. 200 EUR, davon wiederum fast 40 EUR Steueranteil - nein liebe Politiker, das muß nicht sein und geht auch anders. Es gibt zahlreiche ermäßigte Steuersätze für alles mögliche, z.B. Blumen, Zeitschriften etc.

Aber für Familien mit Kindern wird hier NICHTS getan. Familenfreundliche Politik sieht anders aus! Vielleicht sollte unsere Regierung einmal über den Tellerrand in die Nachbarländer schauen, wo zum Beispiel in Irland und Großbritannien Kinderkleidung mehrwertsteuerfrei zu erwerben ist oder in Spanien, Luxemburg, Niederlande, Frankreich Kinderprodukte und Dienstleistungen für Kinder (Friseur) mehrwertsteuerreduziert angeboten werden.

Hier nun noch eine -wie ich finde interessante- Aufstellung von zur Zeit gewährten Steuervergünstigungen und deren Volumen. Hier mal wirklich ranzugehen und diese Liste zusammenzustreichen würde unseren Haushalt massiv entlasten und das Geld könnte deutlich sinnvoller ausgegeben werden. Und wenn es auch „nur" zur Schuldentilgung eingesetzt werden würde, die Generation unserer Kinder würde es uns danken! Ich überlasse es Ihnen zu entscheiden, ob diese Vergünstigungen noch zeitgemäß sind. Aus meiner Sicht sollte man nicht selektiv vorgehen, sondern einfach ALLE bestehenden Vergünstigungen streichen und lediglich die eine neue Vergünstigung einführen, die Mehrwertsteuerbefreiung für kinderbezogene Waren und Dienstleistungen. Hiermit würden wir in die Zukunft investieren, für unsere Kinder und kommende Generationen.

Und selbstverständlich ist mir das Dilemma meiner Argumentation bewusst: zum einen die Abschaffung aller Steuerprivilegien fordern, aber für Kinder eine Ausnahme einführen wollen. Das ist argumentationsseitig sicherlich etwas schwach, aber ich nehme das bewusst in Kauf, da es eben um Kinder geht, diejenigen, die -hoffentlich- mal meine Rente erwirtschaften.

Was meinen Sie? Ich bin gespannt auf Ihre Rückmeldung. Das ist das schöne an Bruchsal.org, Sie können tatsächlich diskutieren statt nur eine Meinung entgegenzunehmen und vielleicht einen Leserbrief schreiben, der -wenn überhaupt- viele Tage später -ggfls. gekürzt- abgedruckt wird.

 

  Maßnahme/Programme   Aufkommen in Mio EUR pro Jahr für Bund und Länder  
  Entfernungspauschale (komplette Streichung):*   4.350  
  Rücknahme der Rentengarantie:*   3.000  
  Steuerermäßigung für Renovierungsaufwand:*   3.000  
  Steuerbefreiung der Sonntagszuschläge u.ä.:*   2.000  
  Finanzhilfen für die Steinkohle:   1.900  
  Energiesteuerbefreiung für nichtenergetische Verwendung fossiler Energieträger:*   1.600  
  Pauschalbesteuerung Privatnutzung Dienstwagen:*   500  
  Herstellerprivileg Energieerzeuger:*   400  
  Mineralölsteuerbefreiung Luftfahrt:*   395  
  Pauschalbesteuerung Landwirtschaft:*   350  
  Steuervergütung für Agrardiesel:    135  
  Energiesteuerbefreiung Binnenschifffahrt:*   129  
  Zuschüsse Bundesmonopol Branntwein   80  
  Zuschüsse Filmproduktion   60  
  Energiesteuervergünstigungen für Kohle:*   57  
  Absatzhilfen Flugzeugbau   30  
  Zuschüsse Schiffsbau   26  
  Steuerbefreiung Tabakdeputate   7  
         
  Umsatzsteuerermäßigungen für:      
  kulturelle und unterhaltende Leistungen:*   1.815  
  landwirtschaftliche Vorprodukte:*   1.060  
  internationalen Luftverkehr:*   667  
  gartenbauliche Erzeugnisse:*   440  
  Tieraufzucht:*   350  
  Kunstgegenstände, Sammlungsstücke:*   67  
      22.418  
  *Schätzungen, da diese Zahlen nicht genau bestimmbar sind   Quelle: Finanzwiss. Forschungsinstitut an der Universität Köln  

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Kommentare

Augenwischerei mit der Steuer

Es ist gerade mal etwas mehr als 4 Jahre her, da hatte ein Professor aus Heidelberg einen- aus meiner Sicht- genialen Vorschlag zur Vereinfachung der Steuer in der Hand und fast auch an der Regierung gehabt.
Warum die ganze Zeit an Stellschrauben der 3. oder 4. Art drehen? Warum nicht einmal das ganze System überarbeiten? Ja ich weiß, da steckt eben keine Lobby dahinter.
Das Flatrate Modell hätte man problemlos auf die gleiche Einnahmenhöhe einjustieren können und hätte dann nur an den Freibeträgen schrauben müssen um das ganze -auch hier wieder aus meiner persönlichen Sicht- gerechter zu gestalten.

Aber da stellt sich natürlich die Frage: was ist eigentlich Steuergerechtigkeit?

  • Wäre es gerecht, wenn jeder einen fixen Betrag bezahlen würde?
  • Wäre es gerecht, wenn jeder einen Anteil (von was eigentlich?) bezahlen würde?
  • Oder wäre es gerecht, wenn jeder einen Anteil -welcher abhängig von der Gesamthöhe ist- zahlen würde?
  • oder ... (hier darf sich gerne jeder selbst eine beliebig komplexe Berechnungsvorschrift ausdenken- der Gesetzgeber hat die wohl komplexeste bereits umgesetzt)

Bei der Beantwortung dieser Frage wird wohl fast jeder auf eine andere Antwort kommen. Hätten wir Volksbefragungen wäre das wohl spannend!

Um am Artikel von oben zu bleiben: die höheren und hohen Einkommen benötigen kein Kindergeld (oder deutlicher ausgedrückt: es fällt bei deren monatlichen Einkünften eh nicht auf). Aber gleichzeitig wollen sie unbedingt den Kinderfreibetrag erhöht haben? Ts, Ts ein Schelm wer Böses dabei denkt.
Viele Grüße
Marco

Ein gerechtes Steuersystem kann es nicht geben

Mit ein wenig Nachdenken kommt eigentlich jeder zu der Erkenntnis, dass es ein gerechtes Steuersystem nicht geben kann. Unser aktuelles Steuersystem ist nur eines von vielen möglichen Ungerechten. - Allerdings ein recht kompliziertes!

Natürlich hätte ein kompletter Neuaufsatz des Steuersystems seinen Reiz. Am Ende würde aber nur wieder ein ungerechtes System stehen. Auf dem Weg dahin würden an den Rändern massive Probleme entstehen und die Betroffenen maximal negativ beeinflussen.

Es ist daher besser, wenn alles so bleibt wie es ist, solange sich die gesamtwirtschaftliche Grundlage unseres Landes nicht extrem verändert.

Mit einer Ausnahme: Steuern und Subventionen mit einer beabsichtigten Lenkungswirkung haben sehr selten die gewünschten Effekte, schlagen häufig ins Gegenteil um und sorgen immer für neue Ungerechtigkeiten. Diese Art Stuergestzgebung muss abgeschafft und geächtet werden.

Es geht doch ...

Natürlich ist es möglich, die Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer für kinderspezifische Waren wie Windeln, Kleidung, Schulmaterialien, Kindermedien und Spielzeug zu reduzieren bzw. ganz auszusetzen.

Dies ist doch auch für das Hotel- und Gastronomiegewerbe möglich. Im Koalitionsvertrag heißt es dazu: «Deshalb wollen wir ab dem 1.1.2010 für Beherbergungsleistungen in Hotel- und Gastronomiegewerbe den Mehrwertsteuersatz auf sieben Prozent ermäßigen.»

Die Damen und Herren der regierenden Parteien haben aber kein Interesse daran, Familien oder Alleinerziehende dahin gehend zu unterstützen. Kinder haben keine Lobby!

Ebenso sollte das Ehegattensplitting auf den Prüfstand. Eine Ehe zu führen bedeutet noch nicht zwangsläufig, Kinder zu haben. Trotzdem wird die Ehe als Institution steuerlich durch das Ehegattensplitting bevorzugt. Und die durch das Ehegattensplitting resultierenden Ausfällen an Einkommensteuer werden in den Statistiken als Leistungen für die Unterstützung der Familie ausgewiesen.

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