Die Sternegastronomie des Bernd Doll
Die betriebswirtschaftliche Realität solcher Restaurants, die man andernorts bereits hinreichend zur Kenntnis hatte nehmen müssen, holte den Jung-Gastronomen schnell ein. Nicht einmal zwei Jahre nach der glanzvollen Eröffnung des Bürgerzentrums war der erste Pächter - erwartungsgemäß - am Ende und warf das Küchentuch. Dass das bauliche und gastronomische Konzept des Bürgerzentrums damals schon gründlich gescheitert war, wollte niemand einsehen. Es galt, einen drohenden Imageschaden von der Stadt und ihren Machern abzuwenden, koste es, was es wolle. Bis heute.
Deshalb entschied der Aufsichtsrat der Bürgerzentrums- und Hallen Betriebs GmbH (BHB), das Restaurant Bergfried in eigener Regie weiter zu führen. Statt der versprochenen Mieteinnahmen hatte die BHB nun das Betriebsrisiko der Gaststätte übernommen. Das allerdings sah man als gering an, immerhin konnte der damalige BHB-Geschäftsführer - ein freigestellter städtischer Beamter - auf langjährige gastronomische Erfahrung verweisen: Seine Eltern waren Weinbauern und hatten jahrzehntelang die als Ausflugslokal beliebte Bauernkneipe auf dem Michaelsberg in Untergrombach betrieben, lange vor deren Umbau. Spezialität des Hauses: Pellkartoffel mit Bibbeleskäs und „Ochserohr" (=Auxerrois). Statt eines erfahrenen Eventmanagers durfte ein städtisches Eigengewächs mit dem Kompetenz-Vorteil des Grombacher Stallgeruchs die Millionen-Investition leiten, garniert von einer gewesenen Badischen Weinkönigin als Chefbedienung, ebenfalls Grombacher Stallgeruch - ein Dream-Team.
Was sollte da schief gehen, dachte sich der Aufsichtsrat, in dem ein Meisterflorist, ein Brauerei-Verkaufsleiter und ein Druckerei-Besitzer sicher ausschließlich kommunales Interesse am geräuschlosen Fortbestehen der BÜZ-Gastronomie hatten. Was denn sonst? Weitere Kompetenz-Mitglieder des Aufsichtsrates: Ein Atom-Lobbyist und ein Sonderschul-Rektor. Letzterer wenigstens sah das Millionengrab, das da geschaufelt wurde, voraus und versuchte, im Rahmen seines Gemeinderatsmandats die Fehlentscheidung zu verhindern. Er wurde vom Vorsitzenden des Aufsichtsrats Bernd Doll mehr oder weniger deutlich daran erinnert, dass er als Aufsichtsrat einer privatwirtschaftlichen GmbH auf absolute Vertraulichkeit verpflichtet sei. Sollte er diese brechen, auch Parteifreunden und Fraktionskollegen gegenüber, müsse er mit gerichtlichen Konsequenzen und Schadensersatzforderungen rechnen, hat der Mann sein öffentliches Schweigen in der damals schon skandalösen Angelegenheit begründet. Und darunter gelitten.
Schenkt man den Hochglanzprospekten Glauben, die Doll und sein Geschäftsführer drucken und bundesweit verteilen ließen, folgte eine glanzvolle Ära städtischer Gastronomie. „Bruchsal liebt die feine Küche" ließen die beiden verlautbaren, „im Restaurant Bergfried wird Genießen zum Hochgenuss" und „Wenn sich der Tag eine Schaumkrone aufsetzt: Wie viele Sterne vergeben Sie unserer Gastronomie?" Das sind Zitate aus einem damaligen Bürgerzentrums-Prospekt, in dem außerdem noch der schönste Saal Baden-Württembergs mit seiner noblen Holztäfelung angepriesen wurde und die „Einkaufsstadt Bruchsal, die ums Eck swingt". ..... Understatement und Bescheidenheit kommen anders daher.
Eingeweihten war damals schon klar, dass der kulinarische Griff in die Sterne wohl eher einer ins Klo war: Das Vorzeige-Restaurant der Stadt-Väter kam nie aus dem Defizit heraus und konnte sich nur deshalb halten, weil diese sich selbst in jährlicher Zuverlässigkeit und völlig klaglos den entsprechenden Restaurant-Fehlbetrag aus dem städtischen Haushalt an die BHB überwiesen. Kulturförderung à la Bernd Doll: Fast zwei Jahrzehnte wurde jedes Schnitzel und jedes Glas Rotwein, das sich Ober- und andere Bürgermeister und Gemeinderäte nach ihren Sitzungen im Restaurant Bergfried genehmigten, vom Steuerzahler subventioniert. Das anderer Gäste natürlich auch. Was hätte man mit diesem Geld alles an kultureller Belebung der Stadt und ihres Bürgerzentrums machen können?! Niemand hat wirklich Anstoß daran genommen, außer einem durchgeknallten Kabarettisten, für den das Thema BÜZ zwei Jahrzehnte ein dankbarer Dauerbrenner war.
Anfang der neunziger Jahre, Bernd Doll war noch immer Aufsichtsratsvorsitzender der BHB, gab es ernsthafte Versuche, den Wahnsinn zu stoppen. Es gab damals bereits den revolutionären Vorschlag, Saalbewirtung und Gastronomie zu trennen, die Saalbewirtung fremden Catering-Firmen zu überlassen und das Restaurant so umzubauen, dass es auch als Eventkneipe mit Kleinkunst, Theater und Musik als sinnvolle Ergänzung zum Saal-Programm betrieben werden konnte. Die eingesparten Schnitzel- und Rotwein-Subventionen sollten zur Hälfte wenigstens ins Kulturprogramm re-investiert werden.
Doll war damals sogar bereit, über seinen Schatten zu springen, und bot seinem Hauptkritiker gar eine Management-Position in einer neuen BÜZ-Konzeption an. Er scheiterte am Veto des Aufsichtsrates, in dem der CDU-Atom-Lobbyist nichts anderes als (partei)politisches Unheil witterte und der SPD-Sonderschulrektor seine schützende Hand über den zweiten BÜZ-Geschäftsführer hielt, einen Parteigenossen, ebenfalls ein freigestellter städtischer Beamter. Der erste Geschäftsführer war mittlerweile wieder in die Stadtverwaltung gewechselt.
Die Brauerei-Floristen-Druckerei-Fraktion schloss sich diesem Veto gegen Doll wieder einmal aus rein kommunalem Interesse an. Im vorgeschlagenen Neu-Konzept war schließlich der Brauerei-Allein-Belieferungsvertrag infrage gestellt worden. Dabei sollte zum besseren Verständnis erwähnt werden, dass bei Eröffnung des Bürgerzentrums wahrscheinlich nur zufälligerweise die Brauerei aus dem Kraichgau den Allein-Vertrag erhielt, deren Verkaufsleiter ebenso zufälligerweise im Bruchsaler Gemeinderat und das auch noch in der richtigen Fraktion saß. Ein Schuft, der überhaupt noch etwas dabei denkt.....
Als die klammheimliche Dauer-Subvention einer privatwirtschaftlichen Gesellschaft durch den städtischen Haushalt und damit auch ein wettbewerbsrechtlich durchaus fragwürdiger Eingriff in das Marktgeschehen mittlerweile auch im Gemeinderat ernsthafte Kritiker fand, entschloss man sich schließlich doch dazu, den Betrieb des Restaurants aus der städtischen GmbH auszugliedern. Diese war mittlerweile zur BTMV mutiert, zur „Bruchsaler Tourismus, Marketing und Veranstaltungs GmbH", und hatte somit nicht mehr nur die undankbare Aufgabe, das defizitäre Bürgerzentrum samt Gastronomie zu verwalten. Aus dem ungeliebten Aschenputtel wurde eine kleine Prinzessin. Diese Aufgabenerweiterung war auch deshalb zeitlich recht geschickt eingefädelt, da ein Teil der eigentlich als rentierlich versprochenen Ladenzeile im BÜZ ebenfalls leer stand und auf eine kommunale Belegung wartete. Wieder steigende Kosten statt der versprochenen Mieteinnahmen. Seither wird dort nach Kräften der Tourismus gefördert. Mit welchem Erfolg? Die Frage wurde noch nie beantwortet.
Als man sich schließlich zur Erkenntnis durchgerungen hatte, mit der kommunalen Schnitzel-Subventionitis aufzuhören, war es wieder einmal recht hilfreich, dass der gewesene Brauerei-Verkaufsleiter einen ihm und seinem ehemaligen Arbeitgeber bekannten Brettener Metzger und Groß-Gastronomen empfehlen konnte, der nach entsprechenden Umbauten - finanziert durch die BTMV - das Restaurant in eine lichtvolle Zukunft zu führen versprach. Vorhandene Bierverträge und Mitarbeiter übernahm er gerne, erhielt er doch dafür eine großzügige Pachtbefreiung für die erste Zeit. Die BTMV und damit auch die Stadt hatten sich eines Dauerproblems entledigt.
Auch dieser Konzeption - ausgeheckt im kommunal-politischen Hinterzimmer-Dampf gewisser Vesperstuben - war kein guter Geist beschieden, so sehr dieser sich auch bemühte, mit neuem Markenauftritt die lange Geschichte erfolgloser Kommunal-Gastronomie vergessen zu machen. Und wie schon einmal wurde werblich kräftig auf den Putz gehauen in der „Oase für Genießer". Zitat aus dem Werbeauftritt:
„Für alle Ansprüche garantieren wir ein gastronomisches Erlebnis. Von sparsam bis mondän erfüllen wir Ihre Wünsche. Kunst und Musik gibt es als amuse-gueule oder auf Bestellung. Essenz ist der Beitrag für die zweitwichtigste Sache der Welt und Garant für LangeWeile und Wohlbefinden."
Die Quintessenz des kurzen Gastspiels: Auch Markenkosmetik konnte die konzeptionellen Konstruktionsfehler des Bürgerzentrums nicht außer Kraft setzen. Mehr Schein als Sein, das durchgängige Motto der Regierungszeit Bernd Dolls, wurde im Restaurant des BÜZ wieder einmal perfekt umgesetzt. Das Scheitern war vorprogrammiert.
Erneut musste sich die BTMV, diesmal unter der Oberaufsicht von Ulli Hockenberger, auf die Suche nach einem Pächter machen. Aber ein letztes Mal übernahm Bernd Doll - wie üblich - das Kommando (Chefsache) und motivierte die zweifellos erfolgreichen Pächter der Grombachstuben, dem glücklosen Edel-Restaurant in der Stadtmitte von Bruchsal endlich ein Gesicht zu geben.
An dieser Stelle lohnt jetzt ein kleiner Ausflug in die Geschichte der Grombachstuben, früher Obergrombacher Festhalle. Sie kam als Fusions-Mitgift in das Eigentum der Stadt Bruchsal, war ziemlich renovierungsbedürftig und stand nach dem Tod des langjährigen Pächters einige Jahre leer. Eine Lösung für diese Immobilie - auch in diesem Falle gedacht als Asyl für Kleinkunst und Musik - stand verwaltungsintern bereits zur Diskussion und war vom zuständigen Amtsleiter und dem Bürgermeister positiv vorbeschieden. Sie hätte den Steuerzahler nichts gekostet, denn das Geld zur notwendigen Grund-Sanierung war vorhanden. Nur die Zustimmung Dolls, der im Urlaub war, stand noch aus.
Aufgeschreckt angesichts der politischen Gefahr, die da drohte, flocht dieser ein weiteres Mal seine Grombacher Fäden zu einem dichten gastronomischen Netzwerk. Er animierte einen ortsansässigen Gipsermeister („Da muss eine Grombacher Lösung her!"), die Festhalle zu sanieren und organisierte ihm einige Hunderttausend DM an Sanierungsmitteln aus irgendeinem Landesprogramm. Auch hier die Quintessenz: Die - privat betriebenen - Grombachstuben, deren Pächter Doll später ins Bürgerzentrum holte, wären ohne Steuer-Subvention nicht annähernd das, was sie heute sind.
Dass bei dem für den Pächterwechsel im BÜZ notwendigen erneuten Umbau vor zwei Jahren ein privat-wirtschaftliches Unternehmen noch einmal mit Steuergeldern subventioniert wurde, ist bekannt. Bekannt war damals auch, dass der Umbau nur halbherzig erfolgte, denn die eigentlich notwendigen Korrekturen an Größe und Energie-Effizienz der Küche wurden nicht gemacht. Wieder einmal wurde nur in das Design investiert, nicht in eine notwendige Änderung der Konzeption. Damit war das erneute Scheitern vorprogrammiert und die Investition in den Umbau betriebswirtschaftlich von vorneherein mehr oder weniger sinnlos.
Mit dem jüngsten Aufsichtsratsbeschluss, kein städtisches Geld mehr zu verbrennen, setzt sich jetzt endlich nach mehr als 25 Jahren die Erkenntnis durch, die schon zwei Jahre nach Eröffnung des Bürgerzentrums klar war: Das Haus ist in vielen Bereichen völlig falsch konzipiert, vor allem in der Gastronomie, die Bernd Doll dem Gemeinderat einst als rentierlich verkauft hatte. Oh wenn Du doch geredet hättest, Hugo Modery!
Persönlicher Nachtrag:
Dieser Artikel ist nicht ganz frei von persönlicher Betroffenheit. Die Betroffenheit mag verständlich werden, wenn man einmal aufrechnet, wie viele Millionen wir Steuerzahler in den letzten 25 Jahren für den Doll'schen Griff in den Sternenhimmel der Gastronomie haben hinblättern dürfen. Würde die Summe einmal veröffentlicht, die uns die BÜZ-Gastronomie gekostet hat (nur die Gastronomie, nicht der Kulturbetrieb!!!!), müsste es angesichts der bescheidenen städtischen Zuschüsse für Vereine eigentlich einen Aufstand der Kulturtreibenden der Stadt geben. Und hoch gezoomt auf einen vergleichbaren Fall auf Landes- oder Bundesebene gäbe die gesamte Geschichte um Fehlplanung, Fehlentscheidungen und inkompetente Vetternwirtschaft im Bürgerzentrum Material für einen veritablen Untersuchungsausschuss.
Jeder private Unternehmer übernimmt die finanzielle Verantwortung für sein Scheitern. Die Verantwortlichen des BÜZ-Desasters müssen für ihre Millionen schweren Fehler nicht gerade stehen. Sie verteilen sich gegenseitig Ehrenbürgerschaften und städtische Verdienstmedaillen.
Übrigens:
Ein offenes Wort zur Zukunft des Schlachthofs folgt in Kürze auf bruchsal.org.
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Kommentare
Eine Skandal, der die Verantwortlichen nicht juckt
Eigentlich ein Skandal, der in gewissen Sinn durchaus mafiöse Züge trägt. Aber wie in der grossen Politik, so ist es auch im Kommunalen. Die Verantwortlichen werden nicht zur Verantwortung gezogen, zeigen kein Unrechtsbewusstsein, fühlen sich im Recht und überhaupt, kommt es bei solchen Dingen ja auch immer auf die Sichtweise an.
Ein Skandal bleibt ein Skandal, und das ist, wenn Millionen von Steuerngeldern "versenkt" werden, möglicherweise am Rande der Legalität, ganz sicher aber jenseits aller Vernunft und allen gesunden Menschenverstandes.
Und so wurde auch hier wieder ein für die Öffentlichkeit bitteres Lehrstück zum Besten gegeben, bei dem klar wurde, was geschieht, wenn Inkompetente das Ruder in der Hand haben.
Mir kommt da gerade der Titel eines Buches von Ulrich Wickert in den Sinn: "Gauner muss man Gauner nennen".
Unglaublich
Ein dickes Lob an den Autor dieser detaillierten Zusammenfassung der unsäglichen Entwicklung der BüZ-Gastronomie in Bruchsal. Man kann das alles nicht fassen, wie leichtfertig hier mit den Steuergeldern von uns Bürgern umgegangen wurde. Und so viele haben mitgemacht oder geschwiegen, obwohl sie die Wirklichkeit kannten. Natürlich hat die örtliche Presse in all den Jahren auch wieder völlig versagt, es wurde ja immer alles in höchsten Tönen gelobt und die nackte Wirklichkeit ausgeblendet. Unsere Demokratie verkommt doch immer mehr und "schafft sich selbst ab" um bei einem aktuellen Titel eines neuen "unsäglichen Buchs" zu bleiben. Hoffentlich bleibt Bruchsal beim umstrittenen SEPA-Projekt eine weitere "Blamage" erspart. Sehr schade, daß wir auf die nächste Gemeinderatswahl noch so lange warten müssen.
Sei froh, dass es nie was wurde!
Hallo Rainer,
schöne Zusammenfassung, wie immer extrem unterhaltsam. Trotzdem: sei bloß froh, daß Dein Konzept damals nicht geklappt hat. Doll hatte das nur als Falle gedacht, um Dich als Gegner einzubinden und später zu frohlocken, wenn Du damit pleite gegangen wärst. Außerdem hätten alle gedacht, der Kaufmann sei jetzt auch so korrupt wie alle.
Man kann über ihn denken, was man will, aber als Machtpolitiker war Doll definitiv besser als viele der anderen Bruchsaler Dorfpolitiker - wir erinnern uns mit Vergnügen an die Naiven der anderen Blockflötenparteien, denen er erst das Du anbot, um sie später zu verfrühstücken.
Die Gurke von Bergfried-Restaurant war seit dem Bau schon wegen der Location eine Mißgeburt, das konnte genau wie das gesamte Bürgerzentrum nie klappen und wird nie klappen. Wer abends nicht schon längst aus der Bruchsaler Innenstadt geflohen ist, der wird das Bergfried-Resto trotzdem nicht finden, wenn überhaupt durch Zufall. Da ist völlig egal, ob man eine Frittenbude oder eine Sterneküche daraus macht.
Da wir Bruchsaler jetzt aber mit unserem Bürgerzentrum und dem "Bürgerpark" leben müssen, ist die einzig denkbare Lösung, die Räume zu nehmen und die Stadtbibliothek zu erweitern, einen Kindergarten daraus zu machen oder sonst irgendwelche Funktionen darin unterzubringen. Als Restaurant kann man es abschreiben.
Ich befürchte sowieso, die Stadtentwicklung wird uns aus den Händen genommen, es bildet sich ein neues Stadtzentrum um den Bahnhof herum, und die Innenstadt endet demnächst als toter Wurmfortsatz. Aber immerhin lebt noch was in Bruchsal.
Und noch ein Wort an die anderen Kommentierer: "Skandal"? Nein, das ist Bruchsal, wie es leibt und lebt, unverändert, seit ich es kenne. Alle die Fakten, die Rainer Kaufmann schildert, liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch und sind wohlbekannt. Ändert sich deswegen was? Vielleicht. Die Chancen haben wir jetzt. Aber Bruchsal ist schon deswegen liebenswert, weil es wenigstens Stoff für gute Satiren hergibt.
Das strukturell defizitäre BÜZ
Ein anregender Beitrag von Herrn Kaufmann!
Was die finanzielle Situation des BÜZ und der BTMV angeht: Für 2008 (Zahlen für 2009 liegen meines Wissens der Öffentlichkeit noch nicht vor), so lagen die Umsatzerlöse der BTMV bei knapp einer Million Euro, wobei diese durch Personal- (830.000 – 15 Arbeitnehmer/5 Auszubildende) und Materialaufwand (240.000) vollständig aufgezehrt wurden.
Seitens der Stadt Bruchsal betrugen die vertraglich garantierten Zuschüsse zur Verlustabdeckung der BTMV in den Jahren 2003-2008 insgesamt etwas über fünf Millionen Euro.
Es sollte dennoch gelten, nach vorne zu blicken und zu versuchen, das strukturelle Problem BÜZ pragmatisch anzugehen. Da es nun mal da ist, gilt es, offen und bürgernah die Situation transparent und unbeschönigt darzulegen, um daraus entsprechende Lehren zu ziehen. Ich spreche den Verantwortlichen dabei nicht den Willen ab, die Lage längerfristig wenigsten zu stabilisieren. Wichtig ist allerdings festzustellen, dass der Stadt Bruchsal mit dem BÜZ (wahrscheinlich) noch über Jahre hinweg ein finanzieller Klotz am Bein hängen wird. Bruchsal kann damit leben, dass sein Bürgerzentrum (wie in vielen anderen Städten) keine Gewinne abwirft. Sie Schaufensterreden von gestern wurden von vielen Bürgern ja sowieso nie ernst genommen.
Es sollte allerdings von nun an gelten, die strukturelle und finanzielle Schieflage offen auszusprechen. Dazu gehört auch, etwas weniger Marketing in eigener Sache zu betreiben und damit wieder die Kernkompetenz, nämlich das BÜZ zu vermarkten, ins Rampenlicht zu stellen. Die Bürger erfahren es ja dann real, wie sich die Dinge entwickeln. Das noch kürzlich erfolgte Lamentieren über eine „niedrige Personaldecke“ seitens der BTMV hilft da wenig.
5 Millionen in 5 Jahren?
Ich bin entsetzt - 5 Millionen Euro Zuschüsse zur Verlustabdeckung von 2003 bis 2005? Man wagt ja gar nicht auf 25 Jahre hochzurechnen! Mein Gott, was hätte man alles mit diesem Geld bewirken können. Es ist nachgerade unanständig, dem Bürger derart das Geld aus der Tasche zu ziehen, um ihm dann hinterher zu sagen, es sei kein Geld für Kindergärten, Schulen, Kultur, Sportvereine usw. da. Wenn ich ein solches finanzielles Desaster zu verantworten hätte, würde ich mich in der Öffentlichkeit nur noch 10 cm unter der Grasnarbe fortbewegen, anstatt hoch erhobenen Hauptes durch Bruchsal zu stolzieren.
Es wird unerträglich
wenn man diese Zuschußzahlen zur Verlustabdeckung sieht - Entsetzen über dieses Desaster, daß man schon viel viel früher hätte beenden können und müssen (die Fakten waren ja wohl vielen Verantwortlichen bekannt) ist gar kein Ausdruck. Aber bisher kennen diese neuen schlimmen Fakten wohl nur die wenigen Bürger die sich die Netzzeitung bruchsal.org anschauen. Die Masse nimmt das leider nicht wahr und wird darüber von unserer mehrheitlichen, gleichförmigen Tagespresse auch nicht informiert. Stoff ohne Ende für seriöse demokratische Journalisten, die in unserer Demokratie eine wichtige Funktion einnehmen könnten und müssten, wenn sie denn wollten und unbefangen ihrem Beruf nachgingen. Aber das ist wohl heute immer weniger möglich, mehr und mehr sind abhängig und moderne Sklaven unserer sich in den letzten Jahren sehr stark veränderten neuen kapitalistischen Systeme. Wie lange halten wir ehrlichen Bürger dies noch aus? Wir brauchen endlich wieder mehr Ehrlichkeit und Anstand in der Politik oder müssen die Bürger zukünftig überall auf die Straße gehen?
Irgendwie komisch ? Ist man
Irgendwie komisch ? Ist man hier etwa der Meinung, dass Veranstaltungszentren und Theater Gewinn abwerfen sollten ?
Man sollte nur mal Zahlen googeln was der Steuerzahler allein für Staatstheater im Jahr aufbringt. Kultur kostet halt mal Geld. Punkt.
Entweder man leistet sich Kultur oder man schaut sich Theater wieder im Pfarrsaal an (und der wird auch durch die Kirchensteuer bezahlt). Solche Häuser können nie wirklich kostendeckend arbeiten, dies ist durch die technische Ausstattung bedingt die einen erheblichen Wartungsaufwand sowie TÜV-Prüfungen usw usw... mit sich bringt.
Schaut man sich nun Bruchsal an wo abends um sieben die Bordsteine hochgeklappt werden dann können auch solche Gastronomiekonzepte mit schwierigen Rahmenbedinungen nicht funktionieren.
Also lieber ins Theater oder zu einer schönen Veranstaltung gehen und anschließend lecker essen als immer gleich die Sau durchs Dorf zu treiben.
Grüße aus der Großstadt :-)
Normalerweise antworte ich
Normalerweise antworte ich nicht auf Kommentare zu meinen Artikeln. Wer selbst kritisiert und dafür das Privileg eines entsprechenden Mediums hat, darf auf Kritik nicht wehleidig reagieren. Im Gegenteil: Er muss Kritik und öffentliche Diskussion geradezu wollen als notwendiges Korrektiv. Hier liegt aber ein ziemlich heftiges Missverständnis vor, deshalb eine Reaktion:
Ich habe nicht kritisiert, dass ein Kulturtempel nur mit öffentlichen Zuschüssen betrieben werden kann. Ich habe nur aufgezeigt, dass in diesem Fall unter dem Label "Kulturförderung" über 25 Jahre eine Gastronomie subventioniert wurde, die von Anfang an aufgrund von Planungsfehlern nie und nimmer rentabel hat wirtschaften können, obwohl genau dieses dem Gemeinderat versprochen wurde. Das ist Insidern seit mehr als 20 Jahren bekannt!
Bekannt ist auch, dass man vor 20 Jahren bereits die Lösung vorgeschlagen hat, die jetzt - nach mehrfachen Fehlversuchen - endlich als einzig richtige erkannt wird. Hätte man das, was jetzt anscheinend gemacht wird, schon vor 20 Jahren gemacht, hätte man mit den eingesparten Subventionen für Schnitzel und Rotwein jede Menge an zusätzlichem Kultur-Angebot fördern können. Aber dann hätten Oberbürgermeister und Gemeinderat ja eingestehen müssen, dass sie bei der Planung des Bürgerzentrums eklatante Fehler beschlossen haben. Und dafür haben wir in 25 Jahren einige Millionen bezahlt, die ich viel lieber in der Förderung von Kunst und Kultur für alle in der Stadt gesehen hätte als in der Subventionierung eines Restaurants für die Nomenklatur.
Irgendwie komisch...
Der Gast aus der Großstadt scheint irgendwie Äpfel und Birnen zu vergleichen.
Soviel ich mitbekommen habe, geht es hier doch gar nicht um einen Kultur- oder Theaterbetrieb, sondern schlicht und einfach um Gastronomie. Es ist nicht Aufgabe einer Stadt, ein defizitäres Restaurant zu betreiben oder zu bezuschussen, das verzerrt auch den Wettbewerb gegenüber anderen Restaurantbetrieben. Wenn man erkennt, daß sich solch ein marktwirtschaftlich orientierter Betrieb nicht rentiert, so ist er nach allgemein marktwirtschaftlichen Gesetzen eben dicht zu machen, so wie es richtigerweise im Moment geschieht und schon viel früher hätte geschehen sollen. Offensichtlich scheint man aber bei der Stadt nichts zu lernen, wenn man dort einen Gastronomiebetrieb an dieser Stelle weiterhin favorisiert, weil ja nun mit der Umgestaltung der Innenstadt und den entsprechenden "Frequenzbringern" wirtschaftliches Potential geboten werde (siehe Wochenblatt vom 01.09.2010). Wenn man sich da nicht gewaltig täuscht und schon wieder versucht, sich die Sache schönzureden - bis zur nächsten Insolvenz.
Zum Kommentar: "Es wird unerträglich..."
Kritischer Journalismus als Kontrollfunktion der Demokratie gegenüber den Herrschenden, gibts den überhaupt noch? Würden Journalisten denselben Gesetzen unterliegen wie Richter, so müssten viele von ihnen nach Paragraph 24 Strafprozessordnung wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt werden. Denn das Verhältnis zwischen Medien und Politik gleicht einer Schicksalsgemeinschaft, dies keineswegs nur für schmierige Hofberichterstatter und pathologische Selbstdarsteller: Der Politiker profitiert vom öffentlichen Podium, der Journalist vom "exklusiven Hintergrundwissen". Kaum eine andere Beziehung bietet sich für ein Geschäft zum gegenseitigen Vorteil besser an als die zwischen Politikern und Medien, also für Kumpanei auf Kosten der Bevölkerung. Das Ganze funktioniert am besten als Kuhhandel: "Interviews" mit abgesprochenen Fragen und möglichst nachträglich korrigierter Endfassung sind keine Ausnahme. "Tausche Laudatio auf Seite eins gegen Platz in Kanzler(innen)maschine" wäre z.B. eine nicht einmal so abwegige Anzeige. Der neue Regierungsprecher Steffen Seibert hat das nun ja vorgemacht. Man glaube doch nicht, daß er in dieses Amt "berufen" worden wäre, wenn er seinen Pflichten als kritischer Journalist nachgekommen wäre. Heute auf dieser Seite, morgen auf der anderen, das scheint keine Rolle mehr zu spielen und zeigt die starke Verflechtung zwischen Politik und Medien - Hofberichterstattung eben, auf allen Ebenen. Dies gilt auch für Bruchsal seit Jahrzehnten, warum sollte es hier anders sein?
Hallo Sie Großstadt-Gast
es gibt in dieser Republik einige Veranstaltungszentren, die mit Hilfe der Gewinne (!) der angeschlossenen Gastronomie ihren Kulturbetrieb finanzieren und teilweise ganz auf öffentliche Subventionen verzichten (müssen).
Ist halt auch immer eine Frage des kulturellen Angebotes und eine Frage der Kreativität der Verantwortlichen. Ein Studium an der Verwaltungshochschule in Kehl oder sonst wo garantiert nicht unbedingt einen Erfolg in der Leitung eines Bürgerzentrums :-))
Ein Fall für die Staatsanwaltschaft?
Bitte aufwachen!! Für mich klingen solche Machenschaften nach einer astreinen Veruntreuung von Steuergeldern durch die Verantwortlichen und damit nach einem klaren Fall für den Staatsanwalt.