Steht das Kinderhaus St. Raphael vor dem Aus?

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Eine hausgemachte Bruchsaler Katastrophe
Donnerstag, 7. Oktober 2010 - 17:37
OB iR

Das Unfassbare scheint einzutreten - wegen Geldmangel muss das Kinderhaus St. Raphael geschlossen werden. Soweit das Gerücht, das zur Zeit durch Bruchsal kursiert.
Das Gebäude ist offensichtlich in einem solch miserablen baulichen Zustand, dass die Sicherheit der Kinder und Angestellten nicht mehr gewährleistet sei - sagt das Gerücht. Da ich selbst ein Kind in dieser Einrichtung bisher gut versorgt weiß, habe ich mich eingehender mit dem Gerücht befasst und Erkundigungen eingeholt.

Meine bisherigen Recherchen ergaben folgende Situation:

Das Kinderhaus St. Raphael ist durch den Renovationsstau der letzten Jahrzehnte in einem äußerst schlechten baulichen Zustand, was ich aus täglicher, eigener Anschauung bestätigen kann. Eine gültige Betriebsgenehmigung liegt jedoch vor und der Betrieb in seiner jetzigen Form ist auch weiterhin sichergestellt. Grobe Berechnungen kommen allerdings zu dem Ergebnis, dass ein Betrag von ca. 4 bis 5 Millionen EUR aufgewendet werden müsste, um das Haus vollumfänglich zu renovieren.
Auf meine direkte Nachfrage bezüglich des genannten Gerüchtes im Rahmen eines Interviews mit der Oberbürgermeisterin -die Stadt ist Eigentümerin des Gebäudes- erhielt ich von Frau Petzold - Schick folgende Stellungnahme, die ich im Anschluss an das Gespräch schriftlich angefordert habe und hier im Volltext wiedergeben möchte:

„Das Kinderhaus St. Raphael war vor 40 Jahren Vorreiter bei der Einführung von Kleinkind- und Ganztagesbetreuung. Heute bietet St. Raphael das größte und umfassende Betreuungsangebot in der Stadt. Im Bereich Kindergarten/Tagesstätte werden aktuell 94 Kinder zwischen 2-6 Jahren betreut. Im Schülerhort sind 70 Kinder zwischen sechs bis 12 Jahren gut aufgehoben. Die integrativ arbeitende Einrichtung verfügt zudem über 24 Plätze im Heim der Erziehungshilfe.
Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick hat im Juli 2010 die Einrichtung besichtigt und sich über das Betreuungskonzept informiert. Im Rahmen eines Rundgangs wurde auch die bauliche Situation thematisiert.
Das Kinderhaus St. Raphael verfügt über eine gültige Betriebsgenehmigung aus dem Jahre 1983, erteilt durch den Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg. Das Kinderhaus leistet einen wesentlichen und unverzichtbaren Beitrag für die Kinderbetreuung in der Stadt.
Das heutige Kinderhaus St. Raphael wurde 1956 erbaut und ursprünglich von der Stadt Bruchsal als Kinderheim betrieben. Die vergangenen 54 Jahre haben an der Bausubstanz des Gebäudes Spuren hinterlassen. Für eine Generalsanierung wurden Kosten in Höhe von 4 bis 5 Millionen Euro ermittelt.
Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick hat die ermittelten Kosten für die Generalsanierung zum Anlass genommen, um grundsätzlich darüber nachzudenken, „wie St. Raphael eine zukunftsfähige Entwicklungsperspektive eröffnet werden kann". Das Stadtoberhaupt betätigt sich als Vorreiterin, weil sie in Anbetracht der im Raum stehenden Kosten die bestmögliche Lösung für St. Raphael anstrebt. Sobald die Rahmenbedingungen feststehen, soll gemeinsam mit dem Gemeinderat, dem Träger und der Bruchsaler Elternschaft nach zukunftsfähigen Lösungen gesucht werden."

Somit ist jedenfalls klar, dass das Kinderhaus St. Raphael NICHT geschlossen werden soll und entsprechende Gerüchte haltlos sind.
Tatsache ist, dass ein immenser Renovationsstau besteht, dieser aber nun, nach Jahrzehnten fehlender oder minimaler Investitionen, angegangen werden soll. Wie dieser Schritt finanziert werden kann und wie die Details aussehen werden ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht absehbar.

Es stellen sich allerdings dennoch in diesem Zusammenhang verschiedene Fragen, von denen ich zwei an dieser Stelle thematisieren möchte:

Wie kann es sein, dass ein solcher Renovationsstau besteht, wo doch schon seit vielen Jahren in der Bruchsaler Kommunalpolitik bekannt war, dass das St. Raphael dringend renoviert werden muss? Wer ist hierfür verantwortlich?

Man muss sich das einmal vorstellen: da ist in der Verwaltung und bei allen politischen Parteien und Gruppierungen im Gemeinderat bekannt, dass Bruchsal generell und das St. Raphael im besonderen unter einem riesigen Renovationsstau leidet und NICHTS passiert! Stattdessen pumpt man über Jahrzehnte Millionen in Projekte wie die Geothermie, das Bürgerzentrum und seine Gastronomie, die International University und zu guter Letzt SEPA, für den Erhalt der bestehenden Infrastruktur tut man jedoch fast nichts mehr. Beispiele hierfür gibt es unzählige, die Bruchsaler Brückensituation (Vollsperrung wegen Baufälligkeit z.B. in der Augartenstraße) und nun das Kinderhaus St. Raphael um nur die aktuellsten zu nennen. Vom Zustand des städtischen Abwasserkanalsystemes und der Trinkwasserleitungen möchte ich an dieser Stelle nicht sprechen, auch hier stehen Investitionen in Millionenhöhe an, über deren Finanzierung völlige Unklarheit herrscht.

Dass sich dann der über einen Zeitraum von über 20 Jahren verantwortliche ehemalige Oberbürgermeister Bernd Doll medienwirksam in der Presse mit der Aussage präsentiert, er „gehe mit Genugtuung durch die Stadt" ist für mich ein Ausdruck völligen Verlustes der Realität. Mehr noch, es ist eine Verhöhnung der Bruchsaler Bürger, deren Mehrzahl allerdings scheinbar immer noch nicht realisiert hat, wie schlimm es um unsere Stadt steht und vor allem wer hierfür die Verantwortung trägt. Maßgeblich liegt die Verantwortung für diese Zustände beim OB i.R. Bernd Doll und dem ihm hörigen Teil des Gemeinderates unserer Stadt.

Die Verantwortung ist nicht bei der neuen Oberbürgermeisterin zu suchen, denn sie hat von ihrem Vorgänger eine desolate Situation übernommen und muss nun versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Das Kinderhaus St. Raphael ist hier nur ein Beispiel aus einer langen Liste von Vorgängen, die unser Gemeinwesen belasten. Weitere Beispiele sind -zum Teil bereits benannt- das Bürgerzentrum, die IU Bruchsal, das Geothermieprojekt, das Verfahren gegen den Gemeinderat Dr. Scherbel, SEPA als Ganzes und im Besonderen die Altlastenthematik sowie das Thema Innenstadtgestaltung und Stadtbahnanschluss.
Fragen sie sich doch selbst einmal wie zufrieden Sie mit der Gesamtsituation der Infrastruktur in Bruchsal sind. Wie gesagt, Brücken müssen gesperrt werden, Schulen können -wenn überhaupt- nur nach und nach in einen annähernd ordentlichen Zustand überführt werden, Kindergärten wie das Raphael sind in einem erbärmlichen Zustand, überall in der Stadt platzen nach der Winterperiode wieder die Wasserrohre und so weiter und so fort.
Aber Dank Herrn Doll und dem ihn größtenteils unterstützenden Gemeinderat haben wir Bürger Unsummen für Projekte aufbringen müssen, die sich als finanzielles Desaster erwiesen haben und aufgrund derer wir nun diesen umfassenden Renovationsstau haben.

Und was tun wir Bürger? Wir lassen uns das gefallen und nehmen hin, was von vielen als unabänderlich empfunden wird, das Versagen unserer gewählten Politiker.

Egal ob an der Spitze der Verwaltung oder aber im Gemeinderat, in Bruchsal wurde das Versagen auf eine Art und Weise kultiviert, die ihresgleichen sucht. Wo waren die gewählten Vertreter der Bruchsaler Bürgerschaft, wo sind sie heute? Diejenigen, die ihrer Empörung über die Zustände in dieser Stadt Ausdruck verleihen? Einige wenige gibt es, aber ich stehe zu der Aussage, dass die Mehrheit unserer Repräsentanten -aus welchen Gründen auch immer- weder in der Vergangenheit, noch heute- den Mut und die Entschlossenheit hatten, sich diesen unsäglichen Entwicklungen in den Weg zu stellen.
Wer lügt denn eigentlich, der Haushaltsplan der Stadt Bruchsal mit einem Posten von jährlich jeweils 200.000 DM über 5 Jahre für die Finanzierung der IU oder der ehemalige OB Doll, der sich staatsmännisch präsentiert und sagt: „Aus Haushaltsmitteln wurde NIE Geld in die International University gesteckt. Wer anderes behauptet, führt die Menschen in die Irre".

Nur zur Info: Die Kosten der Sanierung der Dragonerkaserne waren gewaltig: Altlastenbeseitigung zwischen 600 000 DM und 1 Mio DM, Freiflächengestaltung (Park) geschätzte 1 Mio DM, Abbrüche 6,6 Mio DM und Baumaßnahmen 13,8 Millionen DM ohne Wohnungsbau sowie Straßen- und Kanalbaukosten von 8,1 Millionen DM. Wussten Sie, dass die IU lange Jahre mietfrei logierte?
• Die Bundes- und Landesmittel wären auch für andere sinnvolle Zwecke, z.B. für Schulhausbau, geflossen. Das hatten seinerzeit auch schon Verteter der SPD Fraktion so dargestellt, waren aber auf taube Ohren gestoßen.

Ein System der Günstlingswirtschaft und gegenseitigen Abhängigkeiten, aufgebaut über mehr als zwei Jahrzehnte- hinterläßt uns Bruchsaler Bürgern ein Erbe, mit welchem sich wohl noch unsere Kinder und Enkel herumschlagen müssen. Hauptsache jedoch, manche „gehen mit Genugtuung durch die Stadt" und „genießen ihre Freiheit im Trachtenjanker."

 

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Kommentare

Zutreffender Artikel

Eine sehr guter und weitgehend zutreffender Artikel. Allerdings möchte ich einen Punkt ergänzen. Alleine dem ehemaligen OB und der Mehrheit des Gemeinderats die Schuld zu geben scheint mir zu einfach. Schließlich haben bei allen Gemeinderats- und OB-Wahlen stets ca. 70 Prozent der Wähler Parteien und Personen gewählt, von denen allgemein bekannt war, dass sie zwar sympathisch und anständig sind, aber keinerlei Kompetenz und Rückgrad in harten politischen Fragen haben. Diese haben dann meist ohne nachzufragen (und vielleicht sogar ohne nachzudenken) die Linie der Rathausführung mitgetragen.
Dafür gab es jedoch stets Alternativen. Seit Jahren fährt die SPD (und in jüngster Zeit auch die FDP) einen sehr kritischen Kurs und macht auf viele Versäumnisse der Rathausführung und Gemeinderatsmehrheit aufmerksam. Jedoch wurde die SPD dafür stets mit deutlich unter 20 Prozent abgestraft. Die Bürger hatten die Wahl, haben sich aber häufig lieber für sympathische CDU-Vereinsmeier als für kritische Sachkompetenz entschieden.

Lokalpolitische Geisterfahrer

Ich frage mich, in was für einem Land wir leben.
Ich frage mich, wie es möglich sein kann, dass sich Wahlbeamte als lokalpolitische Geisterfahrer betätigen können, ohne dass sie von einer Dienst- beziehungsweise Fachaufsicht die rote Ampel gezeigt bekommen. Ich frage mich, wie es möglich ist, dass in dem Karren, den der Steuer zahlende Wahlbürger finanziert, Mitglieder verschiedener Parteien sitzen und sich die Höllenfahrt gefallen lassen. Dass keiner von denen die Handbremse zieht bevor der Karren im Sumpf versinkt. So viele Fragen und so wenige Antworten. Das gäbe Stoff für einen Heimatroman. Oder für einen Fernsehkrimi.

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2 Häuser wurden schon damals in Eigentumswohnungen umgewandelt und an private Investoren verkauft. In den einschlägigen Immo-Angeboten im Internet taucht immer wieder eine dieser Wohnungen zum mieten auf.

Leer?

Hallo,
Die Wohnungen Steven nicht leer, sondern Sie Sind groesstenteils Vermietet bzw. Sogar an Eigentuemer verkauft.

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