Spannendes Großexperiment zur Frage, ob die demokratische Sanktion, also die Bestrafung für Fehlverhalten, noch funktioniert

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Ein Beitrag erschienen auf den NachDenkSeiten
Dienstag, 15. März 2011 - 15:54
NachDenkSeiten

Für diejenigen die Albrecht Müller nicht kennen: Er war

·  1968 Ghostwriter bei Bundeswirtschaftsminister Prof. Dr. Karl Schiller

  • 1970 Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei der SPD und verantwortlich für den Bundestagswahlkampf 1972
  • Ab 1973 Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt bei Willy Brandt und Helmut Schmidt
  • 1987 bis 1994 Abgeordneter des Deutschen Bundestages

Aber das Herr Müller hier in der Nähe wohnt ist mir erst heute beim Lesen des folgenden Artikels auf den NachDenkSeiten aufgefallen.

Spannendes Großexperiment zur Frage, ob die demokratische Sanktion, also die Bestrafung für Fehlverhalten, noch funktioniert

Verantwortlich: Albrecht Müller

Spätestens am 27. März, wenn in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewählt wird, wird das Testergebnis vorliegen. Bekommen CDU und FDP die Quittung für die Laufzeitverlängerungen und damit für die Zugeständnisse an die Atomindustrie oder können Sie sich über diese Wahlen hinaus retten? Bleibt der engagierte Atombefürworter Ministerpräsident Mappus in Baden-Württemberg im Amt oder wird durch seine Abwahl ein bundesweit sichtbares Zeichen gesetzt? Wenn die beiden Parteien CDU und FDP in diesem konkreten Fall nicht abgestraft werden, wenn es ihnen gelingt, mit geschickter Public Relations-Arbeit und begleitenden, nach Energiewende aussehenden politischen Entscheidungen die Quittung der Wähler zu vermeiden, dann ist das ein weiterer Beleg dafür, dass das System der demokratischen Meinungsbildung nicht mehr funktioniert. Albrecht Müller.

Deutlicher kann man nicht versagen, als im konkreten Fall mit der Entscheidung, den gefundenen Atomkompromiss von Rot-grün und Atomwirtschaft aufzugeben, in dem man die Laufzeiten verlängert. Die jetzt von den Wahlterminen diktierten Korrekturen der Politik von Angela Merkel und Guido Westerwelle sind leicht durchschaubar. Und dennoch ist nicht sicher, ob die erkennbar gut eingefädelte Agitation nicht doch verfängt.

Beobachten Sie die Strategien der Meinungsmache und ihre Umsetzung

Die Linien der Agitation von Schwarz-Gelb und der damit verbundenen Atomwirtschaft sind erkennbar. Sie laufen ungefähr so:

  • Man darf das Unglück der Japaner nicht missbrauchen für Parteipolitik und Wahlkämpfe in Deutschland. Siehe zum Beispiel hier in der Bild-Zeitung.
  • Das Unglück von Japan zwingt uns zu einer Korrektur unserer Risikoeinschätzungen. Das konnte niemand vorhersagen.
  • Die Bundesregierung ist aktiv. Sie ist einsichtig.

Es gibt auch immer noch die primitiven Varianten der Argumentation für die Kernkraft, so z.B.: Auch Autofahren sei riskant usw., so Wolfgang Herles (ZDF) bei Anne Will vom vergangenen Sonntag ab Minute 39.

Wenn Sie sich an der Aufklärungsarbeit beteiligen wollen, dann beobachten Sie die Strategien der Meinungsmache und ihre Umsetzung in einzelnen Medien, vor allem in der Bild-Zeitung. Siehe als Hilfe auch die beiden letzten Beiträge zum Thema in der NachDenkSeiten, hier und hier.
Machen Sie in Ihrem Umkreis auf diese Strategie aufmerksam. Das ist wichtig, weil auf der anderen Seite eine jener Industrien tätig ist, die immer schon massiv in Public Relations investiert hat und dies trotz Unglück in Japan weiter tun wird.
Beobachten Sie auch in welchen Medien und durch welche Journalistinnen und Journalisten die Agitation pro Kernkraft weitergeführt und weiter betrieben wird und lassen Sie Ihre Freunde und Bekannten an ihren Recherchen teilhaben..

Übrigens: diese Agitatoren haben es nicht leicht, weil ihnen die Bundesregierung durch ihre Umkehr und beflissene Einkehr die Agitation erschwert. Man kann es am Beispiel des zitierten Wolfgang Herles sehen. Dieser hatte am Sonntag noch eine Linie gefahren, die inzwischen von seinen politischen Freunden verlassen worden ist. Peinlich für ihn.

Prüfen Sie Ihre direkte Betroffenheit und geben Sie Ihre Informationen und Erkenntnisse weiter.

Tokio liegt 250 km von den Unfallreaktoren in Fukushima. Trotz dieser Entfernung und bisher meist günstigem Wind müssen die Millionen Menschen in Tokio nun fürchten, von radioaktiver Strahlung bedroht zu werden. Ein beispielhafter Vergleich über die hiesige Bedrohung, falls etwas passiert:
Mein Heimatdorf im nordbadischen Kraichgau ist sozusagen umbringt von sechs Atommeilern, die alle näher liegen, als Fukushima an Tokio, Angaben jeweils in Kilometern Luftlinie:

  • Philippsburg im Westen: 29 km
  • Neckarwestheim im Südosten: 45 km
  • Biblis im Nordwesten: 50 km
  • Grafenrheinfeld im Nordosten: 125 km
  • Cattenom (Frankreich) im Westen: 185 km
  • Fessenheim (Elsass/Frankreich) im Süden: 200 km

Von meinem jetzigen Wohnort aus kann ich auf die Kühltürme von Philippsburg schauen.
Drei der Kraftwerke liegen im Oberrheingraben. Also in einem Bereich mit tektonischen Besonderheiten und Erdbeben, wenn auch natürlich nicht absehbar, wann und wie groß. Bei schönem Wetter und Ostwind wäre die radioaktive Wolke in Kürze hier.
Viele Menschen in Deutschland, haben es mit ähnlich kleinen Distanzen zu Kernkraftwerken zu tun. Nicht nur hier in der Nähe des Rheins, Mains und Neckars, auch in Hamburg und Schleswig-Holstein

Machen Sie, wenn Sie die Darstellung unserer Nähe zu den Kernkraftwerken auch im Vergleich zu Japan für hilfreich halten, Berechnungen für ihre eigene Heimatregion. Hier sind zwei Links für die Übersichten zu den Kernkraftwerken in Deutschland und den Kernkraftwerken in Frankreich.

Und sprechen Sie dann mit ihren Freunden und Bekannten. Sprechen Sie insbesondere auch junge Leute an. Um deren Lebenswelt geht es in besonderer Weise.

Wir müssen die überaus egoistische Grundhaltung und die Nach-uns-die-Sintflut- Mentalität der jetzt herrschenden Ideologie und herrschenden Kreise brechen.

In der Atompolitik kann man gut sehen, wie substanz- und charakterlos die wirtschaftsnahe Kreise der Atombefürworter sind. Sie geben sich liberal und konservativ. Im Grunde sind es Pfennigfuchser, die auf ihre und ihrer Generation ökonomischen Vorteil bedacht sind und selbst dabei noch Denkfehler machen, wenn sie die Kernenergie für besonders preiswert halten. Sie haben die Kosten der Entsorgung einfach ausgeblendet. Wer sich Sorgen um das Leben unserer Kindeskinder über weitere Generationen macht, wird von ihnen bisher als Spinner betrachtet. Mit solchen Parolen beherrschen sie die Stammtische.

Es kommt jetzt darauf an, ihnen nicht nur die Entscheidungen über die praktische Politik mithilfe der Wahlentscheidungen zu nehmen sondern ihnen die geistige Führung im Land zu entwinden.

Erschienen auf den:

NachDenkSeiten

 

 

 

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Kommentare

Worst Case

Ich muß Albrecht Müller und der Anti-Atomkraft-Bewegung völlig recht geben: Auch wenn eines Tages die Entsorgung des Atommülls mit Raketen direkt in die Sonne hinein gelöst sein wird, bleiben immer noch genügend andere Probleme, die nicht in den Griff zu bekommen sind. Denken wir dabei an Japan. Die haben die Sicherheit ihrer Atomkraftwerke nicht am schlimmsten aller möglichen Fälle (worst case) ausgerichtet, sondern lediglich bis zu einem Wert auf der Richter-Skala von 8.9 Nun lag das Beben aber bei über 9 (siebenmal so stark). Man stelle sich vor, was in Europa passieren würde: Ein Erdbeben der Stärke 12 in der Nordsee, England wird um 4 Meter nach Westen verschoben, ein verheerender Tsunami mit über 50 m hohen Wellen bricht über Europa herein, die Küstenländer werden total vernichtet, die Welle rauscht mit 900 km den Rhein entlang und reißt jedes Kernkraftwerk mit sich, auch Philippsburg, eine atomare Katastrophe ungeahnten Ausmaßes bricht über uns herein (da Spielt die Vernichtung durch Erdbeben und Tsunami doch gar keine Rolle mehr). Das dürfen wir nicht zulassen. Ich fordere daher den Rückbau sämtlicher Atomkraftwerke nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, damit ich nachts wieder ruhig schlafen kann. Denn: Solch eine Katastrophe kann doch jederzeit hereinbrechen, oder?

Soweit weg muß man gar nicht gehen

Soweit weg muß man gar nicht gehen.  Wenn man bedenkt das der Oberrhein ein Erdbebengebiet ist und das zwischen Basel und Iffezheim der Rhein von mehr als 10 Staustufen reguliert wird, mach ich mir darüber schon meine Gedanken. Natürlich hatten wir in unserer Gegend schon lange keine spürbares Erdbeben mehr, aber die Geschichte der Erdbeben zeigt, dass es durchaus mal wieder passieren kann.

Am Abend des 18. Oktober 1356 legte ein gewaltiger Erdstoss Basel in Trümmer.

Ein Erdbeben könnte Basel von der Landkarte verbannen

Mal angenommen ein solches Erdbeben würde wieder mal geschehen und nur eine Staustufe würde dadurch zerstört.  Dann haben wir hier ein ähnliches Szenario wie in Japan. Und betroffen wären zwei Kernkraftwerke: das uralt(1978) Kernkraftwerk Fessenheim auf französischer Seite und  das AKW Philippsburg(1979) in Sichtweite. Jetzt stellen sie sich das mal vor und schlafen dann ruhig.

Jetzt kann ich...

aber überhaupt nicht mehr ruhig schlafen. Da muß man unserer Bundes-Mutti ja richtig dankbar sein, daß nun alles auf den Prüfstand kommen soll.

Schon vergessen? Der 31.3.1988

An diesem Tag stürzte eine amerikanische F-16 in Forst auf Wohnhäuser - ca. 4 km vom AKW Philippsburg I entfernt genau auf der Flugroute liegend.

Nochmal Glück gehabt?

 

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