Der Sklavenhalter Karl Jäger und das Bundesverdienstkreuz

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Feierliche Verleihung durch Landrat Dr. Friedrich Müller, SPD-MdL
Sonntag, 25. März 2012 - 19:36

Als 1933 der große Politische Umbruch in Deutschland eintrat, mussten das viele aufrechte und brave Bürger  mit ihrem Leben, mit ihrer Gesundheit und ihrem Vermögen bezahlen. Die Nutznießer und Profiteure der NSDAP hingegen waren die Gewinner. Somit konnte der Dipl.-Ing. Karl Jäger aus Bühl dank seiner Mitgliedschaft beim NSKK und bei der NSDAP sowie seiner guten Verbindung zu Kreisleiter Epp das Wellpappenwerk Bruchsal, welches der jüdischen Familie Dr. Weil gehörte, an sich reißen.

Während der Kriegszeit beschäftigte Jäger eine Schar von Arbeitssklaven aus Polen und Russland, ohne dass er ihnen einen Lohn zahlen musste. Anstatt in Wohnungen waren sie im Keller der Fabrik untergebracht. Während den Jahren ihrer Leidenszeit konnten sie kein normales Leben führen. Kein Arztbesuch und kein Ausgang. Es gab auch keine Möglichkeit, Hygieneartikel jeglicher Art einzukaufen. Die Hungerrationen waren mehr als knapp. Menschen ohne Rechte in unserer Stadt!  Auch eine religiöse Betreuung für die katholisch Getauften gab es nicht. Dagegen fuhr der mächtige Fabrikant Karl Jäger mit seinen Parteigenossen am Wochenende auf die Dörfer, wo sie von den jeweiligen Ortsgruppenleitern zu einem Fress- und Saufabend eingeladen wurden waren. Beliebt waren bei ihnen das Nazidorf Oberacker und das benachbarte Gochsheim. Hier war Jakob Lindacker ein Kleinlandwirt, und Schuhmacher, NSDAP-Ortsgruppenleiter. Vollgepackt mit den Schwarzschlachtungen und Wein fuhren dann die Nazikämpfer nach Hause. Zur gleichen Zeit saßen aber im Zuchthaus Bruchsal Metzgermeister wegen Schwarzschlachtungen zu langjährigen Strafen verurteilt ein. Wiederholungstäter kamen sogar unter das Fallbeil.

Als Wehrwirtschaftsführer und Gefolgschaftsführer war Karl Jäger im besten Mannesalter stehend für die Front "unabkömmlich" gestellt. Er war ja an der Heimatfront eingesetzt. Gegen Kriegsende musste jeder Betrieb in Bruchsal Männer zu Schanzarbeiten ins Elsass abstellen. Das galt auch für das Wellpappenwerk Bruchsal. Hier war der Büroangestellte Johann Kling, aber er hatte nur ein Bein. Mein Vater, damals 64 Jahre alt, musste deshalb mit einigen Hundert Bruchsaler Bürger zum Arbeitskommando abmarschieren, Karl Jäger blieb verschont. 1945 kamen die führenden Nazis ins Internierungslager nach Ludwigsburg. Dort ging es ihnen jedoch mit Careverpflegung sehr gut, während wir kaum etwas zum Essen hatten.

Das Wirtschaftswunder und die damit verbundene politische Restauration brachte die alten Nazis in ihre früheren Stellungen zurück. So konnte Karl Jäger mit seinen fleißigen Arbeitern, die damals für wenig Lohn viel arbeiten mussten, sein zerstörtes Wellpappenwerk wieder aufbauen.Die Vergangenheit war vergessen. Karl Jäger machte sogar Karriere in der Politik und wurde Kreistagsmitglied bei den Freien Wählern.

Das damalige SPD-Landtagsmitglied Dr. Friedrich Müller bewarb sich als Landrat im Kreistag. Mit Hilfe der Stimme von Karl Jäger, der als Mitglied der Freien Wähler hier vertreten war, gelang ihm dies auch. Für diese Unterstützung setzte sich der Landrat vehement ein, dass dem Ex-Nazi das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse zu seinem 60. Geburtstag verliehen wurde. Das Innenministerium in Stuttgart war nichtsahnend und beantragte die Auszeichnung beim Bundespräsialamt. Dr. Müller rühmte im Kammermusiksaal des Schlosses am 19.06.1967 die schöpferische Initiative und das soziale Empfinden für die Allgemeinheit des Jubilars.

Gegen Ende seines Lebens verkaufte Karl Jäger sein Werk für 41 Millionen DM. Zwei Söhne waren unter tragischen Umständen früh gestorben. Als ich die einzige überlebende Tochter im Zuge der Zwangsarbeiterentschädigung, die von Bundeskanzler Gerhard Schröder ausging, um eine Beteiligung an der Finanzierung durch die Wirtschaft ansprach, lehnte sie dies in ihrem Antwortschreiben mit der Begründung ab, die Deutschen hätten in ihrer alten Heimat im Osten auch viel Vermögen verloren durch die Vertreibung und darüber hinaus würde dies ihr Familienvermögen ruinieren oder schädigen.

Es ist ein Schurkerei sondergleichen, dass ein von den kleinen braven Leuten gewählter Sozialdemokrat einen führenden Vertreter des NS-Regimes zu Ehren kommen lässt. Auch in Bruchsal wurde gemordet und viele Bruchsaler junge Männer mussten ihre Gesundheit oder ihr Leben in den von den deutschen Barbaren überfallenen Ländern lassen.

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Kommentare

"Weils Kompagnon Karl Jäger"

Herzlichen Dank für diesen Bericht.

Könnte man noch weitere Details der "Übertragung" der Wellpappenwerke und deren Nutznießer erfahren? Aber auch schon der obige Bericht entlarvt aktuell auffindbare Internetinhalte als unsäglich verkürzende Halbwahrheiten, ja unerträgliche Verfälschungen tatsächlicher Sachverhalte:

http://ka.stadtwiki.net/Wellpappenwerk_Bruchsal

Auszug:

"Am 2. Februar 1945 wurde das Werk bei einem Luftangriff, der von den Briten stammte und Karlsruhe gelten sollte, vollkommen zerstört, doch bereits ein Jahr später konnte die Produktion in kleinerem Umfang wieder aufgenommen werden. In dieser Zeit übernahm Weils Kompagnon Karl Jaeger das Unternehmen, da Weil in die USA emigrierte."

Julius Bär musste fliehen

In diesem Zusammenhang vielleicht interessant.

Die Familie Jäger wohnte nach dem Krieg, wahrscheinlich auch schon zuvor, in der Reserveallee 13 in einem Haus, das zuvor dem jüdischen Bankier Julius Bär gehörte, der vor den braunen Horden und deren Mitläufer mit seiner Familie nach England fliehen musste.

Der Bruchsaler Bankier Julius Bär ist nicht identisch mit dem Bankier Julius Bär aus Heidelsheim, der Mitbegründer des heute noch existierenden Schweizer Bankhauses Julius Bär & Co. war.

Der Bruchsaler Julius Bär wurde als Sohn von Berthold (Bernhard) Bär und Mina Kuhn am 18. November 1876 geboren. Er war verheiratet mit Eva Weigert.

Wo kamen sie denn damals her,

die Politiker der CDU? Doch nur wenige aus dem Lager des Widerstands. Als Paradebeispiele der Mitläufer und Aktiven von damals sind der bayrische Ministerpräsident Goppel oder Baden-Württembergs Filbinger, um die Prominentesten zu nennen.

Nein, viele waren auch schon im 1000jährigen Reich aktiv gewesen. Dass sie aber in der BRD lange Zeit ungeschoren weitermachen konnten, verdanken wir einer "freien" Presse, die sich in der Nachkriegszeit hütete, die Skandale aufzudecken.

Heute zu beklagen, dass jemand zu Unrecht einen Orden bekommen hat, ist etwas spät. Das Datum der Ordensverleihung habe ich übrigens nicht gefunden. Hat jemand etwas besser recherchiert?

Rassenschänder

Die nationalsozialistische Hetzzeitung "Der Stürmer" berichtete im Februar 1934 unter der Überschrift "Die Schmach von Bruchsal" zu Julius Weil, Mitinhaber der Wellpappenwerke Isidor Weil. Dort wurde Julius Weil der Schändung deutscher Mädchen bezichtigt, da er mit einer blonden Frau in seinem Auto gesehen wurde.

Der Stürmer: "Man sollte es nicht für möglich halten, dass es Frauenzimmer gibt, die die Überwindung aufbringen, mit einem derartigen verbuckelt häßlichen Juden sich einzulassen (...) Wie lange gedenkt das deutsche Bruchsal dem Treiben jüdischer Rassenschänder noch zuzusehen?"

Aus: Alexia Kira Haus, Bruchsal und der Nationalsozialismus.

Unfassbar

bleibt die Zeit des NS-Regimes. Es war doch die "Elite" des deutschen Volkes, die hier mitgemacht hat. Der "Adel", das Militär, die Polizei, Wissenschaftler, Ingenieure, Lehrer, das neue Medium Rundfunk, die Journalisten bei den Printmedien und selbst Teile der christlichen Kirchen .....

Hätte es diesmal nicht so einen Aufschrei gegen die kruden Gen-Thesen von Sarazin gegeben (es haben leider schon wieder viele beifällig genickt), so müßte man befürchten, es hat sich nicht viel geändert. Was wäre denn, wenn sich unsere wirtschaftliche Lage so verschlechtern würde wie in Griechenland?

Kritik an der Politik wird heute wenigsten allgemein zugelassen, vor 40 Jahren bekam man noch gesagt: "Wenn's dir nicht passt, dann geh' doch rüber (in die DDR)". Es ist ein Hoffnungsschimmer, dass man heute nicht gleich auswandern muss.

Das Datum

Hallo Filou,

die verleihung des Bundesverdienstkreuzes fand am 19.06.1967 statt.

Mfg

Ob der Autor wirklich Recht hat?

In der Verpackungsrundschau 12/96 wird die Firmengeschichte ganz anders erzählt. Dort gibt es keinen jüdischen Gründer dieser Firma sondern nur eine "Gründerfamilie Jaeger": http://www.verpackungsrundschau.de/web/archiv/hefte/verpck_rs/1996/Ausg1...

Wellpappenwerk 02
Wellpappenwerk Bruchsal
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