Die Proteste in Georgien und die Berichterstattung

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Sonntag, 29. Mai 2011 - 15:05

Nicht dass ich ein ausgewiesener Fan des derzeitigen georgischen Präsidenten wäre. Dazu kenne ich ihn auch persönlich zu gut und zwar seit den ersten Tagen seiner Rückkehr aus Amerika. Eduard Schewardnadse hatte ihn den damals jungen Reform-Politiker als Parlaments-Abgeordneten ins Land zurückgeholt. Wenige Tage später schon machte ich zusammen mit einem Korrespondenten der Süddeutschen das erste Interview mit Mischa. Die so genannte „Rosen-Revolution", die zum Sturz Schewardnadses führte, habe ich vor Ort beobachtet, auch die ersten Jahre der Regierungszeit Saakaschwilis.

c miss_rubov

© miss_rubov

Am letzten Samstag noch habe ich auf dem Weg zum Flughafen Tbilissi die ersten Demonstrationen dieser Tage selbst miterlebt. Die ganze Vorgeschichte der Ereignisse habe ich in der letzten Woche, als ich in Georgien war, mitbekommen. Und die letzten zwei Tage war ich über Skype fast rund um die Uhr mit einem deutschen Kollegen in Kontakt, der die Ereignisse vor Ort beobachtet hat.

Deshalb kann ich mir ein Urteil über die allgemeine Berichterstattung zu den letzten Tagen in Deutschland erlauben. Es ist einfach schockierend, wie miserabel wir hier informiert werden. Kaum eine der Redaktionen, die über die Ereignisse der letzten Tage berichten, bezieht sich auf Recherchen oder Beobachtungen vor Ort. Alle, nahezu alle, beziehen sich auf eine oder zwei Agenturquellen, sichten das Bildmaterial, das mittlerweile ja über Internet leicht zu bekommen ist, multiplizieren das alles mit gängigen Vorurteilen und Klischees und fertig ist die üble Infotainment-Sensations-Suppe, die alles bietet nur eines nicht: eine seriöse Information über das, was in den letzten Tagen abgelaufen ist. Von einer Analyse ganz zu schweigen.

Einzige - mir bekannte - Ausnahme: Der Standard aus Österreich. Der hat sich vor Ort umgehört und dann berichtet. Hier zwei Links. Diese beiden Artikel setzen sich wohltuend von dem ab, was der journalistische Sensations-Mainstream weltweit voneinander abgeschrieben hat.

http://derstandard.at/1304553086443/Markus-Beys-Blog-Mama-mach-uns-die-Revolution

http://derstandard.at/1304553074565/derStandardat-Interview-Georgien-Es-gibt-keine-echten-Alternativen-zu-Saakaschwili

Übrigens: Ich kenne auch Nino Burdschanadse und ihre politisch recht zweifelhafte Karriere, ich weiß um ihr persönliches Umfeld.. Und ich kenne Gia Nodia sehr gut, den Politikwissenschaftler, der vom Standard zitiert wird. Nodia ist seit den Zeiten Schewardnadses einer der wenigen wirklich unabhängigen und sachkundigen Beobachter der georgischen Politik.

Noch etwas: Im Gegensatz zu anderen Online-Portalen hat Spiegel-online - eigentlich nie um eine knackige Story verlegen - über die Proteste der letzten Tage recht zurückhaltend, um nicht zu sagen gar nicht berichtet. Warum? Immerhin steht der Spiegel dem georgischen Präsidenten mehr als kritisch gegenüber und hat diesen mit seiner Berichterstattung über Georgien schon einige Male zu harschen Reaktionen gegen das Hamburger Verlagshaus provoziert. Im georgischen Staatsfernsehen wird der Spiegel meist nur als eine von GAZPROM finanzierte russische Propaganda-Institution dargestellt. Warum hat Spiegel online in diesen Tagen recht zurückhaltend berichtet? Ganz einfach: Die Hamburger Redaktion ist eine der wenigen, die sich in solchen Fällen nicht nur auf Agenturen verlässt sondern vor Ort mit zuverlässigen und objektiven Beobachtern recherchiert.

Saakaschwili

Wie gesagt, ich bin nicht der größte Fan der Regierung Saakaschwili. Die Bilanz des Rosen-Revolutionärs weist Erfolge, aber auch viele Schattenseiten auf. Unter anderem auch die systematische Unterdrückung der Opposition. Aber in diesem Fall hat eine von vielen Oppositionsparteien die Konfrontation gezielt gesucht. Motivation und Methoden sind mehr als zweifelhaft. Die harsche Reaktion der Regierung auch. Alle anderen Oppositionsparteien haben sich übrigens an dieser Aktion nicht beteiligt.

Aber, wie sagte mein Beobachter vor Ort: Abgesehen von den Toten, die vermutlich von einem Flucht-Auto der Oppositions-Führung verursacht wurden, wäre die Berliner Polizei froh, wenn sie am 1. Mai einmal einen so ruhigen Tag verleben könnte. Und bei uns wird das alles aufgebauscht zu Straßenschlachten der gesamten Opposition gegen einen wild um sich schlagen lassenden Autokraten. Zumindest diese Wahrnehmung geht meilenweit an der Wahrheit vorbei. Noch einmal: Ich bin alles andere als ein Fan dieser Regierung. Nur: Berichterstattung sollte schon möglichst nahe an der Wahrheit bleiben.

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