Professor Hans Küng zu St. Peter und Paul-Gerhardt in Bruchsal

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Samstag, 16. Juli 2011 - 16:47

Bruchsaler Hörer des SWR 2 dürften am 3. Juli 2011 aufgemerkt haben, als Professor Hans Küng, einer der bekanntesten katholischen Theologen und Kirchenkritiker, dem 1979 die kirchliche Lehrbefugnis entzogen wurde, in einem Interview zum Thema „Sterbenskrank – ist die Kirche noch zu retten“, aus einer gemeinsamen Erklärung der katholischen Pfarrei St. Peter und der evangelischen Pfarrgemeinde Paul-Gerhardt zitierte. In diesem Radiointerview gibt Professor Küng seiner Hoffnung Ausdruck, „dass viele Gemeinden in der Bundesrepublik genau dasselbe machen (wie die beiden Bruchsaler Kirchengemeinden - d.Red.): Wenn die oben nicht wollen, dann erklären wir auf Gemeindeebene die Kirchentrennung als erledigt, als beendet.“

Allerdings war das Echo auf das Radiointerview und auf die gemeinsame Erklärung der Pfarrei St. Peter und der Pfarrgemeinde Paul-Gerhardt nicht nur positiv. Das öffentliche Interesse hat die beiden Kirchengemeinden überrollt, eine Fülle von verzerrten Darstellungen und Gerüchten entstanden, der Vorwurf wurde gemacht, es würde Kirchenspaltung betrieben oder die Pfarrei hätte sich bereits von der (römisch-katholischen) Kirche losgesagt. Sogar in Rom wurde man auf "die Vorgänge" in Bruchsal aufmerksam.

Um über die tatsächlichen Vorgänge der letzten Tage aufzuklären, hat die Kirchengemeinde St. Paul die nachfolgend veröffentlichte „Information für unsere Gemeindemitglieder“ publiziert:

 

St. Peter

 

 

Information für unsere Gemeindemitglieder

 

I. Brief an Erzbischof Dr. Robert Zollitsch im Rahmen des Dialogprozesses

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch hat unter der Überschrift "Zeit für Dialog" zu einem Prozess eingeladen der alle Gemeinden, Gremien und Gruppen einbeziehen soll. In einem offenen Prozess haben wir dazu eingeladen die Anliegen der Gemeinden zu formulieren. Dafür haben wir uns mehrere Monate Zeit gelassen. Viele haben sich daran beteiligt. Das Ergebnis wurde am 28. Juni 2011 in den Pfarrgemeinderat eingebracht und dort einstimmig beschlossen, dass dieses Schreiben der offizielle Brief der Pfarrei im Rahmen des Dialogprozesses ist. Der Brief hat folgenden Inhalt:

Wo die Kirche vor Ort nicht mehr angetroffen wird, da verliert sie ihre Sichtbarkeit und Greifbarkeit, da wird sie zur bloßen Behauptung... Seelsorge ist und bleibt eine Aufgabe, die im Wesentlichen vor Ort wahrgenommen werden will und ihre „Seele" verliert, wenn sie entörtlicht würde." (Jürgen Werbick)

Bruchsal, den 29.6.2011 am Fest Peter und Paul

Sehr geehrter Herr Erzbischof Zollitsch!

Wir sind dankbar, dass Sie in der katholischen Kirche Deutschlands den Dialogprozess eröffnet haben. Ermutigen möchten wir Sie, diesen Weg weiterzugehen. Und wir wollen Sie Anteil nehmen lassen an unseren Sorgen im Blick auf die Zukunft der Kirche in Bruchsal. Damit verbinden wir gleichzeitig die eindringliche Bitte, dass Sie als verantwortlicher Erzbischof Lösungsvorschläge in Deutschland und im Vatikan kommunizieren und durchsetzen helfen.

Der katholischen Kirche in Bruchsal steht die „geographische Weiterentwicklung der Seelsorgeeinheiten" bevor. Aus ursprünglich einmal 6 Pfarreien wird 2014/2015 eine einzige Seelsorgeeinheit mit dann ca. 15.000 Christinnen und Christen und einem Pfarrer. Wir müssen davon ausgehen, dass damit die Kirche in Bruchsal menschenferner, anonymer und weniger sichtbar wird. Viele Gruppierungen und Einzelne werden - wie bislang nach jeder Zusammenlegung von Gemeinden - auf der Strecke bleiben (immobile, oft alte Menschen, Messdienergruppen, Chöre...). Weil Haupt- und Ehrenamtliche längst an der Obergrenze ihrer Belastbarkeit angekommen sind, können sie schon jetzt die notwendige seelsorgliche Begleitung dieser alleingelassenen Einzelnen und Gruppen nicht mehr leisten. Eine noch weitergehende Vergrößerung des Seelsorgeraumes wird diese Entwicklung beschleunigen und noch mehr Menschen alleine lassen. Wir brauchen dringend geeignete verheiratete und unverheiratete Männer und Frauen, die die sonntägliche Eucharistiefeier und die lebensbegleitende Seelsorge in überschaubaren Lebensräumen gewährleisten. Das Recht der Menschen vor Ort auf die Eucharistiefeier muss Vorrang haben vor Kirchengesetzen, die den Zugang zum Priesteramt auf Männer beschränken - und nur auf solche, die sich für die zölibatäre Lebensform entschieden haben. Uns ist nicht mehr vermittelbar, dass ein Kirchengesetz höherwertig sein soll als der Auftrag Jesu, miteinander das Brot zu seinem Gedächtnis zu brechen.

Wir wissen uns mit Ihnen einig, dass das 2. Vatikanische Konzil „ein Geschenk des Heiligen Geistes", ein „Sprung nach vorn" und ein „Kompass" für die Zukunft ist (Papst Johannes Paul II.). Das Konzil hatte formuliert:

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die ... eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden. (Beginn des Konzilsdokumentes Gaudium et Spes, GS 1)

Wir sind in Sorge, dass die Gemeinschaft der Bruchsaler Christen, die die Heilsbotschaft empfangen hat, wegbricht, wenn sie nicht mehr vor Ort in ihrem eigenen Lebensraum erlebbar ist. Dann werden auch die Bruchsaler von heute - besonders die Armen und Bedrängten - nichts mehr von der Heilsbotschaft, die doch allen Menschen gilt, erfahren. Wir erkennen an, dass es gilt, den Glauben zu stärken, aber wir sehen, dass dazu auch hilfreiche äußere Rahmenbedingungen nötig sind.

Wir vertrauen darauf, dass Sie unsere Sorge wahrnehmen; wir hoffen, dass Sie die Impulse des Konzils und die Zeichen der Zeit deuten und unsere oben angeführten Anliegen mutig und gestärkt durch das Ansehen Ihres Amtes als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz in der Konferenz der Deutschen Bischöfe und im Vatikan vertreten. Wir versichern Sie unserer Unterstützung und erwarten Ihre Antwort mit Zuversicht.

Mit freundlichen Grüßen!

 

Die Gemeindemitglieder wurden eingeladen, diesen Brief am Patrozinium, nach dem Gottesdienst, selbst zu schreiben. An dieser Aktion haben sich ungewöhnlich viele beteiligt. Weit über 150 Menschen haben das Schreiben dann auch unterzeichnet. Darüber hinaus haben wir dazu eingeladen, unserem Bischof persönliche Briefe zu schreiben. Sie werden dem Gemeindebrief beigefügt.

Der Brief selbst wird am 22. Juli 2011 um 11 Uhr persönlich übergeben werden. Wolfgang Nobs-Schneeberg hat sich bereit erklärt, nach Freiburg zu fahren. Generalvikar Fridolin Keck wird das Schreiben in Empfang nehmen.

 

II. Ökumene mit der Paul-Gerhardt-Gemeinde

In den vergangenen Tagen hat eine Erklärung, die der Pfarrgemeinderat St. Peter abgegeben hat, für viel Wirbel und Aufsehen gesorgt. Die Hintergründe möchten wir hier für kurz darstellen.

Zur Vorgeschichte

Die Gemeinde St. Anton und die Pfarrgemeinde Paul-Gerhardt sind nach dem zweiten Weltkrieg entstanden. Die gemeinsame Geschichte hat die Menschen - über alle Konfessionsgrenzen hinweg - zusammengeschweißt und ein starkes ökumenisches Bewusstsein geprägt.

Pfarrer Anton Menzer, der 30 Jahre die Pfarrei St. Paul geleitet und die Pfarrei St. Anton gegründet hat, war in den 60er Jahren eine der führenden Persönlichkeiten in Bruchsal. Sein ökumenisches Engagement war sprichwörtlich. Zu seiner Zeit gab es bereits - wenn auch im Verborgenen - gemeinsame Abendmahlsfeiern des Pfarrgemeinderates und der Kirchenältesten. Davon berichten die Menschen in den Gemeinden noch heute.

Der Anlass

Pfingstmontag waren wir zum Gottesdienst in Paul-Gerhardt eingeladen. Nach dem Gottesdienst am Pfingstmontag gab es ein Gespräch mit den Gottesdienstteilnehmern beider Gemeinden. Die Zahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen war so groß, dass der vorgesehene Raum nicht ausreichte und man in den Hof ausweichen musste.

Angeregt von der Predigt Achim Schowalters tauchte plötzlich die Frage auf, warum man denn die ganze Zeit im Konjunktiv spräche und nicht einfach deutlich sagt, was für die Gemeinden vor Ort doch schon lange gang und gäbe ist.

Es wurde festgestellt, dass aufgrund der gemeinsamen Geschichte und der gegenwärtigen Praxis vor Ort, für die Menschen in den Gemeinden zum allergrößten Teil, die Trennung der Konfessionen keine Rolle mehr spielt. Ob man evangelisch oder katholisch sei, ist für die überwiegende Mehrheit gleich-"gültig" im wahrsten Sinne des Wortes geworden. Die theologischen und kirchenpolitischen Fragestellungen spielen auf der Ebene der Gemeinden nur eine geringe bis gar keine Rolle.

Umso bedeutender für die Gemeindemitglieder ist aber das Jesuswort, dass wir eins sein sollen, damit die Welt glauben kann. Angesichts der Tatsache, dass es im "katholischen Bruchsal" in einer der zweiten Grundschulklassen beispielsweise momentan nur ein einziges katholisches Kind gibt, der Kindergarten St. Elisabeth mit seinen sechs getauften Kindern sich nur noch im Zusammenschluss mit dem Kindergarten St. Paul an der Gestaltung eines Gottesdienstes beteiligen kann, bekommt dieses Herrenwort ganz neue Bedeutung. In den Gemeinden wurde in den vergangenen Jahren immer deutlicher, dass wir nur gemeinsam in der Lage sind, den Glauben überzeugend weiterzugeben.

Die Menschen, die am Pfingstmontag am Gespräch teilnahmen, haben aber genauso zu verstehen gegeben, dass ihnen ihre eigene Identität und Tradition sehr wichtig sind und dass ein Miteinander in keiner Weise in Gleichmacherei ausarten dürfe. Es gelte den Schatz des Erbes der Vergangenheit zu pflegen, zu bewahren und sich gegenseitig zu bereichern. Auch ginge es nicht darum unterschiedliche Sichtweisen zu leugnen oder auszuklammern. Kennzeichnend für die Situation vor Ort ist aber, dass die Grenzen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Glaubensverständnis quer durch die Konfessionen verlaufen und eine scharfe Unterscheidung längst nicht mehr möglich ist. Dies wurde verdeutlicht am Beispiel des Eucharistieverständnisses. Während die Äußerungen vieler lutherisch geprägter, in ihrer Gemeinde verwurzelten evangelischen Christen von katholischen Aussagen kaum zu unterscheiden sind, stellt sich auf der anderen Seite die Frage, wie es mit dem Eucharistieverständnis eines guten Teiles der Gottesdienstgemeinde bei Erstkommunion- und Firmgottesdiensten wohl bestellt sei.

Wichtig für das Miteinander vor Ort ist der Umstand, dass keine Gemeinde die andere übervorteilen oder vereinnahmen möchte. Wenn es darum geht, Gemeinsames auf die Beine zu stellen, dann muss man sich zusammensetzen und sich auf den entsprechenden Weg einigen. Hier wurde das Beispiel des Apostelkonzils und der Synoden der Alten Kirche angeführt. Anders ist das Miteinander vor Ort nicht denkbar. Diese Struktur könnte zum Modell für ein Miteinander im größeren Kontext werden.

Unabdingbar notwendig dafür ist eine Begegnung auf Augenhöhe. Keine der Gemeinden darf im Bewusstsein auf die andere zugehen, dass dort lediglich Christen zweiter Klasse zusammen kämen. Dass in jeder der Gemeinden Nachfolge Christi gelebt wird, stand für alle Beteiligten außer Frage.

Keiner der Pfarrer in Bruchsal im Bereich der Gemeinden Paul-Gerhardt und der jetzigen Pfarrei St. Peter in den vergangenen Jahrzehnten hat erkennen lassen, dass bei konfessionsverbindenden Ehen oder in den Gemeinden engagierten Christen der anderen Konfession nicht entsprechende Gastfreundschaft gewährt würde. Dies ist eine unausgesprochene aber gelebte Tradition wie sie sich die Menschen in den Gemeinden gar nicht anders vorstellen können. Dies müsse man doch auch laut sagen dürfen, war gemeinsamer Tenor am Pfingstmontag.

In der Folge dieses Gespräches entstand folgender Text:

 

Wir wollen eins sein...

Wir, die unterzeichnenden Gemeinden, erklären für uns die fast 500 Jahre andauernde unsägliche Spaltung der Christenheit in unseren Breiten für beendet.

Wir erachten den Willen Jesu Christi, dass alle eins seien, als gewichtiger, als alle theologischen und kirchenpolitischen Überlegungen und Fragestellungen, und wissen uns der Überzeugung verpflichtet, ihm mehr gehorchen zu müssen, als den Menschen.

Wir stehen uneingeschränkt zur Tradition und je eigenen Spiritualität unserer Gemeinden und bekennen die Vielfalt christlichen Lebens in miteinander vereinbarer Verschiedenheit.

Wir bekennen uns zur synodalen Struktur der Alten Kirche und erwarten von unseren eigenen Kirchenleitungen, sich dieser urkirchlichen Tradition wieder zu besinnen.

Wir erkennen an, dass in den anderen mitunterzeichnenden Gemeinden in gleicher Weise Nachfolge Christi und Gemeinde Jesu Christi gelebt wird.

Wir erkennen, dass in unseren Gemeinden Jesus Christus zum Tisch des Herrn einlädt und wissen darum, dass er niemanden, der in seiner Nachfolge steht, auslädt. Diese gegenseitige Gastfreundschaft erklären wir hiermit ausdrücklich.

Für uns ist der Gedanke der weltumspannenden Christenheit bedeutender, als das Denken in Konfessionen. Wir erklären uns dementsprechend zur

  • ökumenischen Pfarrei St. Peter in der römisch katholischen Erzdiözese Freiburg
  • ökumenischen Pfarrgemeinde Paul-Gerhardt in der evangelischen Landeskirche Baden

 

Paul Gerhardt

Paul-Gerhardt-Kirche © Joachim Mai

Am 26. Juni fand der Gegenbesuch der Paul-Gerhardt-Gemeinde in St. Paul statt. Nach dem Gottesdienst wurde der Text diskutiert und verabredet, dass er in den Gremien der Gemeinde weiterbesprochen werde. Für den Herbst wurde ein Gespräch zwischen den Kirchenältesten und Pfarrgemeinderäten ins Auge gefasst.

In der Sitzung vom 28. Juni 2011 hat sich der Pfarrgemeinderat St. Peter ausgiebig mit dem Text beschäftigt und ihn sich zu eigen gemacht. Es wurde auch überlegt, die ganze Gemeinde über den begonnen Prozess am Patrozinium, 3. Juli 2011, zu informieren und sie in die Diskussion einzubeziehen. Da dort der Brief an den Bischof im Rahmen des Dialogprozesses geschrieben werden sollte, war man der Ansicht, dass man nicht zwei Dinge an einem Tag ins Gespräch bringen könnte. Das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun und würde am Ende nur unnötige Verwirrung schaffen. Außerdem habe man ja keinen zeitlichen Druck und könne die Sache in aller Ruhe angehen.

 

Die weitere Entwicklung

Am 3. Juli 2011 gab Prof. Hans Küng im SWR 2 in der Reihe Aula ein Interview zum Thema "Sterbenskrank - Ist die Kirche noch zu retten." In diesem Zusammenhang äußerte Professor Küng wie folgt:

Ich muss Ihnen allerdings sagen, Herr Caspary, ich traue heute mehr den Gemeinden zu. Und eine schöne Meldung, die ich bekommen habe, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Zwei Gemeinden aus Bruchsal, die römisch-katholische Gemeinde St. Peter und die Kirchengemeinschaft Paul Gerhardt, evangelische Landeskirche, schreiben: „Wir erklären für uns die fast 500 Jahre andauernde unsägliche Spaltung der Christenheit in unseren Breiten für beendet." Und sie führen aus - ich hoffe, dass das bald veröffentlicht wird: „Wir erkennen an, dass in den anderen mitunterzeichnenden Gemeinden in gleicher Weise Nachfolge Christi und Gemeinde Jesu Christi gelebt wird. Wir erkennen, dass in unseren Gemeinden Jesus Christus zum Tisch des Herrn einlädt und wissen darum, dass er niemanden, der in seiner Nachfolge steht, auslädt. Diese gegenseitige Gastfreundschaft erklären wir hiermit ausdrücklich."

Ich hoffe, dass viele Gemeinden in der Bundesrepublik genau dasselbe machen: Wenn die oben nicht wollen, dann erklären wir auf Gemeindeebene die Kirchentrennung als erledigt, als beendet.

In der Folge dieses Interviews setzte eine öffentliche Diskussion ein, die weit über die Grenzen der Republik hinausreichte. Während der Pfarrgemeinderat einerseits für seinen Mut gelobt und das Miteinander mit Paul-Gerhardt als richtungsweisend gesehen wurde, stand auf der anderen Seite plötzlich der Vorwurf im Raum, man würde Kirchenspaltung betreiben oder hätte sich bereits von der römisch-katholischen Kirche losgesagt. Selbst die Glaubenskongregation in Rom wurde auf die Vorgänge in Bruchsal aufmerksam.

Am 13. Juli 2011 fand ein Gespräch zwischen Generalvikar Dr. Fridolin Keck, Domkapitular Dr. Peter Birkhofer und Pfarrer Dr. Jörg Sieger im Freiburger Ordinariat statt, um die Geschehnisse zu klären. Dabei wurde erläutert, welche Intention der Pfarrgemeinderat hatte und vereinbart, dass diese in einer entsprechenden Stellungnahme verdeutlicht werden sollte. Diese Stellungnahme hat der Stiftungsrat am 14. Juli gegeben. Der Pfarrgemeinderat hat sich am 15. Juli dieser Stellungnahme angeschlossen. Sie lautet:

 

Zur Erläuterung:

Dieser Text entstand in der Folge einer Begegnung zwischen den Gemeinden Paul Gerhardt und der Pfarrei St. Peter am Pfingstmontag diesen Jahres. Es ist uns wichtig darauf hinzuweisen, dass er nicht das Ergebnis eines Prozesses darstellt, sondern an dessen Anfang steht. Die Aussagen sind daher pointiert und auch provokativ formuliert. Sie sollen auf- und wachrütteln und haben bereits jetzt eine intensive und breite Diskussion in den Gemeinden in Gang gebracht. Im Pfarrgemeinderat St. Peter wurde der Text bereits thematisiert, die Diskussion unter den Kirchenältesten der Paul-Gerhardt-Gemeinde steht derzeit (Stand 14. Juli 2011) noch aus. Die nächste Sitzung ist auf den 21. Juli angesetzt. Für den Herbst ist ein gemeinsames Gespräch von Pfarrgemeinderäten und Kirchenältesten in den Blick gefasst.

Durch das frühzeitige und für uns in diesem Maße unerwartete öffentliche Interesse zu diesem Zeitpunkt ist vielerorts ein völlig falscher Eindruck entstanden. Es ist den Pfarrgemeinderäten und Pfarrgemeinderätinnen deshalb ein großes Anliegen ausdrücklich zu betonen, dass wir zu keinem Zeitpunkt strukturelle Veränderungen, ein Schisma oder eine Abspaltung von der Kirche beabsichtigt haben. Das genaue Gegenteil ist unser Anliegen. Wir wissen uns als römisch-katholische Katholiken dem Schreiben Papst Johannes Pauls II. verpflichtet, der ausdrücklich betont:

Es sind aber auch alle Gläubigen vom Geist Gottes eingeladen, ihr Möglichstes zu tun, damit sich die Bande der Gemeinschaft unter allen Christen festigen und die Zusammenarbeit der Jünger Christi wächst: "Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht einen jeden an, je nach seiner Fähigkeit " (Enzyklika "Ut unum sint" Papst Johannes Paul II.)

Niemand von uns kann für die Trennung vor 500 Jahren verantwortlich gemacht werden, keiner von uns hat eine solche gewollt. Wir wurden hineingeboren in eine gespaltene Christenheit, die letztlich ein Ärgernis ist und unter der wir zutiefst leiden. Die Bemühungen um ein immer intensiveres Auf-einander-zu-Gehen hier vor Ort gehen mittlerweile ins 40. Jahr. Angesichts der Tatsache, dass es im "katholischen Bruchsal" in einer zweiten Klasse einer Grundschule nur ein einziges katholisches Kind gibt, einer unserer Kindergärten mit seinen sechs getauften Kindern sich fast nur noch im Zusammenschluss mit einem Nachbarkindergarten an der Gestaltung eines Gemeindegottesdienstes beteiligen kann, wird uns immer bewusster, dass die Zeit drängt. Wir werden nur gemeinsam in der Lage sein, den Glauben überzeugend weiterzugeben.

Dass es uns nicht zusteht, Entscheidungen zu treffen, denen kirchliches Recht entgegensteht bzw. die unsere Kompetenz überschreiten, ist uns bewusst. Der Pfarrgemeinderat erkennt daher an, dass der Beschluss vom 28. Juni 2011 rechtlich ungültig und formal gar nicht zustande gekommen ist. Es geht bei den Formulierungen auch nicht um Erklärungen im Sinne eines "declaramus" oder darum bestehende Vorschriften selbstherrlich über Bord zu werfen. Es ist uns ein Anliegen, einerseits die drängende Notwendigkeit und gleichzeitig eine tief empfundene Sehnsucht zum Ausdruck zu bringen. Mit großer Hoffnung nehmen wir zur Kenntnis, dass gerade das Anliegen der Gemeinschaft in Abendmahl und Eucharistie in den Dialogprozess der Bischöfe als eines der besonders wichtigen Themen hineingenommen ist.

Wir werden vor Ort die gewachsenen Beziehungen weiter ausbauen und in diesem begonnenen Prozess das weitere Miteinander regeln. Ziel wird eine entsprechende ökumenische Vereinbarung sein. Wir betrachten unsere Geschwister in der Paul-Gerhardt Gemeinde dabei als Partner in der Nachfolge Christi und als Christen, die mit uns auf einem gemeinsamen Weg sind. Dass wir gerade in den letzten Tagen erleben mussten, wie Menschen, die sich römisch-katholisch nennen, unsere evangelische Schwestergemeinden als evangelische Beliebigkeitsvereine und ähnliches mehr bezeichnen, schmerzt uns und wir schämen uns für solche Entgleisungen, die dem Ansehen der ganzen Kirche schaden.

Wenn der Ausdruck "Ökumenische Pfarrei" zu Missverständnissen Anlass gegeben hat, dann bedauern wir das. Das was in unseren Gemeinden in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen ist, soll aber fest im Gemeindeleben verankert sein. Deshalb sehen wir uns als Pfarrei, die sich der Ökumene zutiefst verpflichtet weiß. Nicht anders wollen wir den Ausdruck verstanden wissen.

Dies ist augenblicklich (15. Juli 2011) Stand der Dinge.

 

Das Radiointerview mit Professor Hans Küng: Diagnose: Sterbenskrank

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Kommentare

Kirche schafft sich selbst ab !

Da es in der katholischen Kirche zu wenig Mutige wie Dr. Sieger gibt, wird sich diese über kurz oder lang selbst abschaffen. Die Jungen sind ohnehin nicht interessiert.
Als meine Tochter im Jahr 2002 in Obergrombach zur Taufe anstand, hat sich der damals noch zuständige Pfarrer geweigert diese zu taufen, da ich als Vater aus der Kirche ausgetreten bin. "Die katholisch getaufte Mutter könne das Kind nicht alleine im Sinne der katholischen Kirche erziehen. Es müssten schon beide Erlternteile der Kirche angehören" Das Resultat war natürlich, dass anschliessend aufgrund des empörenden Vorgangs auch noch die Mutter aus der katholischen Kirche ausgetreten ist.....
Solange solche Betonköpfe in der Kirche zu Gange sind, wird das naturgemäß nichts.....

Kirchen und Veränderungen

Was bitteschön ist denn der "empörende Vorgang"? Dass ein Pfarrer nicht über jedes Stöckchen hüpfen will das man ihm hinhält?
Wer sich mit der katholischen Kirche nicht arrangieren will der muss seine Kinder auch nicht katholisch taufen lassen. Von der Mehrheit der Christen wird die Kirche eh nur noch als Folkloreveranstaltung für Taufen, Erstkommunionsfeiern und Trauungszeremonien genutzt um ein paar schöne Fotos zu bekommen.
Es ist auch nicht besonders mutig sich in der katholischen Kirche um Veränderungen zu bemühen sondern inkonsequent. Konsequent wäre zu konvertieren. Sollte mittlerweile für jede Neigung eine geeignete Religion zu finden sein. Ich empfehle hier ausdrücklich den FSM-Kult. http://de.wikipedia.org/wiki/Fliegendes_Spaghettimonster

Verschlimmbesserung

Als Katholik, der sich seines Glaubens und seiner Zugehörigkeit zu der einen Kirche bewußt ist, sträuben sich einem die Haare. Man lasse sich die nun als Erklärungsversuch beabsichtigten Formulierungen der Spalter von Bruchsal einmal auf der Zunge zergehen:
"Es wurde festgestellt, dass aufgrund der gemeinsamen Geschichte und der gegenwärtigen Praxis vor Ort, für die Menschen in den Gemeinden zum allergrößten Teil, die Trennung der Konfessionen keine Rolle mehr spielt. Ob man evangelisch oder katholisch sei, ist für die überwiegende Mehrheit gleich-"gültig" im wahrsten Sinne des Wortes geworden. Die theologischen und kirchenpolitischen Fragestellungen spielen auf der Ebene der Gemeinden nur eine geringe bis gar keine Rolle."
Dieser Absatz spiegelt die ganze Intention und Zielrichtung der liberalen Kräfte aus Bruchsal wider. Das ist purer Relativismus, nur mit der Kirche (ich meine natürlich die katholische Kirche, eine andere gibt es nicht) hat das auch garnichts mehr zu tun.
Konsequenter Weise sollten Menschen mit einer derart irrigen Vorstellung von Kirche den Weg in eine der vielen beliebigen Glaubens- und Sektengemeinschaften suchen, in denen solche Vorstellungen zur Genüge ausgelebt werden können.
Es gibt ja schon mehr als ausreichend solcher beliebiger Gemeinschaften. Deshalb muß man nicht noch versuchen, die eine heilige katholische und apostolische Kirche auf evangelisch zu trimmern.

Das können die Protestanten besser.

In diesem Sinne

Reinhard Engels, Hennef

Mir sträuben sich auch die Haare....

wenn ich so etwas lese. Wieder ein Katholik, der nicht begriffen hat, was Jesus eigentlich wollte - mit Sicherheit nicht diese Monsterkirche, die nicht von ihm ins Leben gerufen wurde, sondern zig Jahre später von anderen, zunächst von Paulus, die sich die Lehren Jesu so zurechtgebogen haben, daß dieses hierarchisch aufgeblähte Konstrukt entstehen konnte. Ich empfehle jedem: Bibel lesen (war nicht von ungefähr jahrhundertelang verboten, denn man erkannte die Brisanz, die für denkende Köpfe darin steckt) und darüber nachdenken, was Jesus wirklich verkündet hat. Das ist etwas völlig anderes als Kirchenlehre.

"Monsterkirche"

Aha, das ist also das Niveau, auf dem wir hier schreiben. Eine "Monsterkirche" ist unsere Kirche also, verehrter Herr Waldemar Z.?
Und Sie wissen natürlich genau, dass unser Herr Jesus Christus die Kirche nicht gewollt hat. Woher nehmen Sie nur diese Erkenntnis?

Und Bibellesen war verboten? Soso. Ich glaube, Ihre Thesen wären wohl besser aufgehoben bei www.weltverschwoerung.de

Verehrtester Herr Waldemar Z., niemand ist gezwungen dieser (wie Sie sie nennen) "Monsterkirche" anzugehören. Es herrscht völlige Religionsfreiheit.
Und selbst auf die Gafahr hin, dass ich mich wiederhole: Wer solchen schrägen Theorien oder selbst zusammen gebastelten Pseudowissenschaften nachhängt, für den sind ja in vielen freikirchlichen und sonstigen Glaubensgemeinschaften Betätigungsfelder in Hülle und Fülle vorhanden.
In der katholischen Kirche jedoch liegt das Lehramt beim Papst. Und damit ist alles gesagt.
Jeder, der meint daran vorbei sein eigenes Süppchen zu kochen, der sollte sich davor hüten und vielleicht einmal im CIC die dafür vorgesehenen Konsequenzen nachlesen.

In diesem Sinne

Reinhard Engels, Hennef

Streithähne?

Bevor sich bei Herrn W.Z. die Haare stellen und Herrn R.E. glaubt, sich auf ein anderes Nivau (niederes) zubegeben, möchte ich vermittelnd auf
Herbert Kohlmaier Aussage hinweisen.
GoogelnSie mal "Kirchenkrise-Ursachen und Ausweg?"
Sie Herr R.E. werden dort lesen, daß Herr Z. nicht ganz so unrecht hat, und die Zeit der kirchlichen Unterortnung vorbei ist.

Gerhard S.

Woher ich meine Erkenntnisse nehme...

aus der Bibel. Lesen Sie mal genau nach, was Jesu gesagt hat und vergleichen das mit dem, was die Kirche daraus gemacht hat. Und ansonsten studieren Sie mal die Kirchengeschichte. Dann werden Sie auf noch erstaunlichere Dinge stoßen als das Bibelleseverbot für Laien - danach sieht man vieles anders.

Vorsicht, ihr Ketzer!

In Hennef liegt immer trockenes Holz für den nächsten Scheiterhaufen bereit...

Wo die Religion anfängt...

...hört oft genug der Verstand auf. Das ist in den christlichen Kirchen und hier vor allem im Katholizismus leider nicht anders als im Islam oder in mancher Sekte, die uns Herr Engels hier ironisierend als Alternative anzupreisen versucht. Gut, dass das Internet über absehbare Zeit auch hier gründlich aufräumen wird. Ob es Ihnen nun gefällt, sehr geehrter Herr Engels oder nicht: Die Zeit blinder Dogmen und falscher Propheten ist vorüber, in Hennef wie sonstwo :)

Roma Locuta - Causa finita

Nachdem die Spalter von Bruchsal genügend Wirbel verursacht haben, die Glaubenskongregation in Rom aufmerksam wurde und Hw. Sieger in Freiburg erscheinen "durfte", verpuffte der Aufstand wie der sprichwörtliche Sturm im Wasserglas.

Das begründet die Hoffnung, dass vielleicht doch noch eine Wende zum Guten möglich ist.

Da man die theologische Ausrichtung s.E. Dr. Robert Zollitsch hinlänglich kennt, befürchtete ich schon, dass der Bruchsaler Wahnsinn ohne Konsequenzen bleiben könnte. Aber Gott sei gedankt gibt es ja noch ein heilbringendes Korrektiv in Rom, das den kirchenpolitischen Spielchen ("Wir spielen jetzt mal Weltirche") in Bruchsal ein Ende bereitet haben.

Die Zeit ist reif dafür, sich zu entscheiden, ob man dazu gehören will, zur Kirche oder eben nicht.
Und wer lieber weiter mit Fladenbrot und Keramiktöpfen konzelebriert und zur Interkommunion einläd, der möchte nun augenscheinlich nicht mehr dazu gehören.

In diesem Sinne

Reinhard Engels, Hennef

Beobachtet der Verfassungsschutz...

... eigentlich ALLE radikalen Strömungen oder nur die zugezogenen...?

Dank der bunten Vielfalt der Beiträge...

kann man dieser Diskussion doch zumindest einen Unterhaltungswert nicht vollkommen absprechen. Insbesondere der Gast aus Hennef liefert - offenbar der sprichwörtlichen rheinischen Frohnatur gemäße - komödiantische Beiträge, die einen gern darüber hinwegsehen lassen, dass in anfälligen Regionen offenbar übersehen wurde, dass Aschermittwoch schon etwas zurückliegt...

Aber mal was ganz Anderes: warum findet dieses Thema eigentlich in der "Bruchsaler Rundschau" nicht statt?

Vielleicht hat da unser Gast-Jeck ja eine Idee - scheint er doch mit Disziplinierungsmethoden nicht unerfahren.

Ceterum censeo causam nullo modo finitam esse. Speroque.

In diesem Sinne...

an den Herrn aus Hennef: Nur keine negativen Gefühle aufkommen lassen. Omnia vincit amor. Amen.

Kein Latein

Ich bring jetzt mal kein lateinisches Zitat (ist zulange her, der Kram)

Aber auf so ne gepflegte Hostienschändung (nach Walter Moers) hat man schon Lust nach den Beiträgen des verehrten Gastes aus Honnef  ;-)

 

 

 

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