Pflegebedürftigkeit darf kein Hindernis in Sachen Mobilität sein

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Pressemitteilung der Stadtbusverkehr Bruchsal GmbH
Donnerstag, 15. September 2011 - 18:02

Stadtbus-Stadtrundfahrt mit Heimbewohnern macht auf Probleme aufmerksam

Stadtbus

Stadtbus MAX „feiert“ seinen 11. Geburtstag mit einer Einladung zu drei besonderen Stadtrundfahrten – für ebensolche Fahrgäste. Vor dem Evangelischen Altenzentrum (EAZ) wartet entsprechend ein MAN Lion’s City Midibus der aktuellen Stadtbusgeneration auf die erste von zwei Gruppen aus dem Pflegebereich des EAZ sowie eine Gruppe aus der „beschützten“ Abteilung des Franziskus-Hauses – mit jeweils 20 Heimbewohnern, die sukzessive mit MAX auf Tour gehen. Am Lenkrad sitzt als bewährter MAX-Chauffeur Stadtbus-Fahrdienstleiter Klaus Ferwagner. Neben ihm steht Thomas Zimmermann, der für den SüdwestBus bzw. die RVS Regionalbusverkehr Südwest GmbH zuständige MAN-Werkstattmeister. Er begleitet auf Wunsch des Heimbeirats zwei der Fahrten, um sich in der Alltagspraxis ein Bild vom Platzangebot in „seinen“ Linienbussen zu machen, insbesondere mit Blick auf die wachsende Bevölkerungsgruppe der Senioren, von denen mit zunehmenden Alter naturgemäß einige in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Sie führen in der Regel einen Rollator mit oder sitzen im Rollstuhl. Derzeit verfügen Standardlinienbusse in der Regel über zwei Rollstuhlfahrerplätze.

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Dr. Christian Waterkamp, Geschäftsführer des EAZ, gibt zu bedenken, dass „60 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause leben“, und ist sich sicher, dass sie mehrheitlich „gern Bus fahren möchten“. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass zu diesem Zweck künftig zumindest Halterungen oder andere Vorrichtungen für Standard-Rollatoren in den Bussen vorhanden sein müssten.

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Die fahrbare Gehhilfe, für die in unserer Gesellschaft mittlerweile durchaus eine „Sensibilität vorhanden“ ist, wie der EAZ-Chef feststellt, wurde übrigens 1978 von der Schwedin Aina Wifalk erfunden, die aufgrund einer Kinderlähmung selbst gehbehindert war. Selbst die weniger sperrigen und entsprechend weniger stabilen Delta-Gehräder finden nur bedingt Platz in Linienbussen. Hier hinkt die Realität des ÖPNV der gesellschaftlichen Entwicklung um einiges hinterher. Dr. Waterkamp schweben „flexible Sitzgruppen“ vor, wie man sie in Großraumlimousinen, so genannten Kompaktvans vorfindet. Das ist sicher eine Anregung, deren Realisierung sich die Bushersteller auf Dauer nicht verschließen werden können. MAN-Werkstattmeister Zimmermann verspricht, das Thema auf alle Fälle beim RVS in Karlsruhe anzusprechen. Nachdem die Heimbewohner mit Unterstützung des Pflegepersonals im Bus Platz genommen haben, deutet nur die zurückbleibende Phalanx der Rollatoren und Rollstühle neben dem Bus auf die eingeschränkte Mobilität der Fahrgäste hin.

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Die organisierten Stadtrundfahrten gehen zurück auf eine gemeinsame Initiative des EAZ-Heimbeirats, vertreten durch die externe Heimbeirätin Ulrike Bauchert, und der Geschäftsführung. Dank der unbürokratischen und uneingeschränkten Unterstützung durch Stadtbus-Geschäftsführer Peter Solberg und Stadtbus-Managerin Stefanie Ihrig, finden die Stadtrundfahrten bereits im zweiten Jahr statt. Im Gang des Busses, mit dem Rücken zum Fahrer, steht die geprüfte Stadtführerin Gertrud Brückmann, die eine knapp einstündige Führung auf die gebürtigen sowie die Neu-Bruchsaler/innen unter den Heimbewohnern zugeschnitten hat. Letzteren möchte sie die Stadt zeigen, ersteren ihre Stadt im Wandel präsentieren, wozu sie ihnen „viel Spaß!“ wünscht.

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Los geht’s durch die Huttenstraße, die einstige Prachtstraße von Fürstbischof Franz Christoph von Hutten, im Volksmund heute noch die „Kaffeegass“, die seinerzeit von der Bevölkerung nicht angenommen wurde. Hier befand sich das 1848 abgerissene Kapuzinerkloster, an das heute nur noch der Straßenname „Kapuzinergarten“ erinnert. Was man auf den ersten Blick für selbstverständlich erachtet – Fenster in Reih und Glied – geht auf einen damaligen Erlass zurück, der besagte, dass alle Fenster aus Sicherheitsgründen in einer Linie anzuordnen seien. Weiter geht die Fahrt über die Seilersbahn, vorbei am Bürgerpark und seiner sowohl zu Zeiten der Badischen Revolution, als auch im Zweiten Weltkrieg unrühmlich genutzten Hinrichtungsstätte. Saalbach und Annabach werden kurz thematisiert („In Bruchsal sind alle Flüsschen weiblich!“). Nach dem Tunnel finden sich rechter Hand Reste der alten Stadtmauer, Zeichen dafür, dass die Stadt Bruchsal im 15. Jahrhundert hier endete. Links überragt der 1358 erbaute Bergfried als ältestes Bauwerk Bruchsals die Stadt. – Obwohl Klaus Ferwagner weite Strecken im Schritttempo zurücklegt und so den nachfolgenden Verkehr vorübergehend „beruhigt“, kann eine Stadtführung im Stadtbus nur wenige Schwerpunkte anreißen. Für mäandernde Anekdoten bleibt wenig Zeit. –

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Pfeilerstraße, Friedrichstraße („Sitz Ihrer Tageszeitung, der BNN – Bruchsaler Rundschau“), Schlossanlage („bestehend aus 55 Einzelgebäuden, was verhindern sollte, dass bei einem – damals nicht seltenen – Brand nicht gleich das ganze Schloss ein Raub der Flammen wurde; dennoch ereilte es am 1. März 1945 durch den Luftangriff der Alliierten eben dieses Schicksal“), Käthe-Kollwitz-Schule („u.a. Ernährungswissenschaftliches Gymnasium“), Mozartstraße („als Sechsjähriger hatte Wolfgang Amadeus zusammen mit seinem Vater Leopold während eines schrecklichen Unwetters in Bruchsal übernachtet und schrieb später darüber, er habe ‚niemals eine schlimmere Nacht erlebt’!“), Blick aufs „Café Achteck“, die JVA Bruchsal („das Neue Männerzuchthaus zu Bruchsal, das pünktlich zur Badischen Revolution 1848 für die Revolutionäre ‚bezugsfertig’ war“), Blick aufs Spital und die nach dem Gründer, Fürstbischof Damian August von Limburg-Stirum, benannte Fürst-Stirum-Klinik, Damianstor, Gasthaus zum Bären („Treffpunkt der Revolutionäre“), Schloss Bruchsal („1720 beschließt Damian Hugo von Schönborn seine Residenz nach Bruchsal zu verlegen und hier ein herrschaftliches Schloss zu bauen“) mit getünchten „Backstein“-Fassaden an den Schlossgebäuden, Hofkirche („deren Turm die Symmetrie des Schlosses störte, der ‚Dunkle Gang’ zum Priesterseminar“), Schlossstraße, Kaiserstraße, (Siemens-) Kreisel („Plastiken des Bruchsaler Bildhauers Günter Wagner“), Europaplatz („Cineplex-Kino mit monatlichen CappuKino-Veranstaltungen der NAIS AG“), Amalienstraße und Amalienbrunnen („nach Markgräfin Amalie von Baden, die das Schloss zu einem ihrer Witwensitze machte“), Friedrichsplatz („Plastiken des Eichtersheimer Bildhauers Prof. Jürgen Goertz“; „Lausbubenbrunnen jetzt am Kirchplatz, neu auch der Babette-Ihle-Platz, die ihre Gedichte mit Tinte aus eingetrocknetem Trollinger schrieb“), Feuerwehrhaus („Gedenktafel von Schülern des St. Paulusheims zur Erinnerung an den Standort der Bruchsaler Synagoge“), Stadtgrabenstraße, Saalbach („Klein Venedig, Haffenbrücke“), Große Brücke, Obervorstadt („Rieweviertel“), Nepomukbrücke („Klostergass’“) zurück zum Altenzentrum.

Während Gertrud Brückmann nicht ganz zufrieden ist wegen der „vielen Unterbrechungen“ während der Rundfahrt, hat eine Teilnehmerin Freudentränen in den Augen, konnte sie doch einen Blick auf die Engelsgasse werfen, wo sie nicht nur gewohnt hatte, sondern sogar geboren worden war. – Als Klaus Ferwagner MAX, den Stadtbus, mit äußerster Umsicht rückwärts vor dem Eingang des Altenzentrums einparkt, stehen die fahrbaren Gehhilfen bereit, um von den von der Rundfahrt begeisterten Bewohnern wieder in Empfang genommen zu werden, bzw. um diese wieder in Empfang zu nehmen – je nach individueller Mobilität. – Am Ende der drei Touren gibt es für die Teilnehmer/innen wieder „Gesprächsstoff für ein ganzes Jahr“, wie es Heimbeirätin Bauchert spaßig formuliert. Dank der Kooperation von EAZ und Stadtbus und trotz ihrer Pflegebedürftigkeit durften sie ihre Stadt und die damit verbundenen Erinnerungen, bzw. neuen Eindrücke erleben.

Versteht sich fast von selbst, dass MAX auch im kommenden Jahr wieder den Bewohnern des EAZ die als verloren empfundene Mobilität gern ermöglichen wird. Dann vielleicht auch mit einem Abstecher ins „neue Wohnzimmer“ der Stadt, zur Rathaus-Galerie oder dem Babette-Ihle-Platz etc. Diesem Wunsch, der erst am Tage der Stadtrundfahrt geäußert wurde, konnte Stadtbusfahrdienstleiter Ferwagner beim besten Willen nicht entsprechen. Für diesen Abstecher in den Fußgängerbereich hätte das Stadtbusbüro aus verständlichen Gründen bei der Bruchsaler Ordnungsbehörde vorher eine Genehmigung beantragen müssen. tw

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