Online-Medien oder: Die Sklerotisierung der Öffentlichkeit
Recht kritisch geht Reinhard Mohr im Deutschlandfunk mit der Online-Berichterstattung um. 3.607 Wörter oder 26.737 Zeichen oder 28 Minuten und 34 Sekunden beklagen die Sklerotisierung der Öffentlichkeit:
Noch nie gab es so viele Medienschelten wie in diesen Zeiten. In Buchveröffentlichungen wird über die angeblich schleichende Verwahrlosung des Journalismus geklagt. Auch dem Online-Journalismus wird vorgehalten, nur den Spielregeln einer Aufmerksamkeitsökonomie verpflichtet zu sein.
Die älteren Zeitgenossen werden sich noch an das fabelhafte Kursbuch erinnern, jene von Hans Magnus Enzensberger und Karl Markus Michel herausgegebene Essay-Zeitschrift, die über viele Jahre tatsächlich den aktuellen Kurs, wer will, den Zeitgeist der Neuen Linken formulierte. Das Kursbuch erschien vier oder fünfmal im Jahr und wurde auf dem Höhepunkt seines Erfolgs von Hunderttausenden Lesern jeweils begierig erwartet und mit wissensdurstiger Inbrunst verschlungen. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren verkörperte es geradezu idealtypisch den windungsreichen Gang der 68er-Revolte, ihre theoretischen Debatten ebenso wie ihre praktischen Aktionen, nicht zuletzt die Reflexionen ihrer "Verkehrsformen" zwischen "politischem Kollektiv" und individueller Sexualität.
Genauer, intelligenter und frischer konnte man sich nirgendwo sonst über den Stand der deutschen Kulturrevolution informieren. Noch viele Jahre standen die blauen, roten und gelben Kursbücher, farblich wie chronologisch schön geordnet, zumindest in den unteren Regalreihen - ein fortlaufendes Archiv als lebendiges Gedächtnis eines historischen Aufbruchs.
Gäbe es das Kursbuch heute noch, im Frühjahr 2011, so säßen seine Leser allerdings nicht mehr schmökernd im Café - natürlich verfolgten sie vor ihrem Laptop, iPhone oder iPad den Liveticker der Revolution. ...
Zum Weiterlesen und zum Hören hier der Link zum Deutschlandfunk:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1457635/
Dank an J. für den Hinweis.
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Kommentare
Alt-68-ger Professor Grottian lässt grüßen
Zugegebenermassen ein schwieriges Thema. Zu berücksichtigen ist, welche Generation heute an den (intellektuellen/politischen) Schalthebeln sitzt/bzw. sich zufrieden zurücksetzt.
Der Niedergang des intellektuellen Diskurses hat aber sicher auch mit dem Aufkommen von infantilen Eventmanagern wie dem auf bruchsal.org kürzlich herausgelobten Prof. Grottian zu tun, der platte Randale und notfalls eine Tyrannei der vermeintlich besserwissenden Minderheit gesellschaftsfähig machen will (dem Herrn ist sogar an einem Scheitern von Kretschmann gelegen, damit bei ihm persönlich Dampf im Kessel bleibt):
Zitat aus der Stuttgarter Zeitung.:
"Selbstermächtigend, bürgermächtig und mobilisierungsträchtig" sollten die Menschen sein, sagt Grottian und postuliert, dass nicht mehr die demokratischen Wahlen entscheidend seien, "wenn der Souverän den Aufstand probt". Die "mutmaßliche Enttäuschung über die grün-rote Landesregierung", so hofft er, könne sich für "die außerparlamentarischen Aktivisten positiv auswirken".
Zu den Zeilen von bruchsal.org:
"In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren verkörperte es geradezu idealtypisch den windungsreichen Gang der 68er-Revolte, ihre theoretischen Debatten ebenso wie ihre praktischen Aktionen, nicht zuletzt die Reflexionen ihrer "Verkehrsformen" zwischen "politischem Kollektiv" und individueller Sexualität.
nicht zu vergessen:
a) die Odenwaldschule...
b) Cohn-Bendits Ein-/Auslassungen