Nur mit Bildern vom bürgerkriegsähnlichen Zuständen kann die CDU/FDP-Regierung das Thema Stuttgart 21 noch zu ihren Gunsten drehen

DruckversionPer e-Mail versenden
Ein Kommentar zu Stuttgart 21
Sonntag, 3. Oktober 2010 - 10:35

Natürlich hat die Polizei die Aufgabe, Recht und Ordnung in unserem Gemeinwesen zu garantieren, wenn es sein muss, auch mit Gewalt. Aber: Welches Recht und welche Ordnung waren am 30. September akut in Gefahr, dass ein solch massiver Einsatz mit der gleichzeitig gebotenen Verhältnismäßigkeit noch in Einklang zu bringen wäre? Das Recht auf das Fällen einiger Bäume zu erstmöglich erlaubten Zeitpunkt etwa? Ein Recht, das, wie wir mittlerweile erfahren müssen, vielleicht sogar gar nicht existierte. Auch wenn das Eisenbahnbundesamt da noch einiges an Aufklärung nachzuliefern hat: Wären Recht und Ordnung wirklich in Gefahr geraten, wenn das Baumfällen in dieser Nacht nicht stattgefunden hätten?

Andererseits: Welche unversöhnlichen Gegner von Recht und Ordnung waren da unterwegs, dass Wasserwerfer und Pfefferspray eingesetzt werden mussten? Wollten die wirklich die freiheitlich-demokratische Grundordnung aushebeln, dass es keinen Ausweg gab zum Polizeieinsatz? Stand im Stuttgarter Schlossgarten gar der Staat auf der Kippe?

Die politischen Kommentare, die am selben Tage abgesondert wurden, lassen etwas anderes vermuten, nämlich dass der Einsatztermin für Recht und Ordnung wohl eher der Wahlkampftaktik der Regierung zuzuschreiben ist. Die Regierenden waren anscheinend gewillt, zum erstbesten Zeitpunkt durch hartes Durchgreifen die Gegner von S21 ins Unrecht zu setzen und gleichzeitig die eigenen Reihen für den bevorstehenden Landtagswahlkampf zu schließen. Die Regierung hat am 30. September die heiße Phase des Landtagswahlkampfes begonnen.

Denken wir das Szenario, so zynisch es auch klingen mag, einmal konsequent zu Ende: Der CDU/FDP-Regierung, ohnehin umfrageschwächelnd, ist das Thema S21 total entglitten. Die Kanzlerin hat die Landtagswahl unnötigerweise zur Volksabstimmung über das Projekt entwertet. Eine taktische Fehlleistung, die nur dann aufzufangen ist, wenn die landesweite Sympathie für die Demonstranten gebrochen wird. Nur mit Bildern vom bürgerkriegsähnlichen Zuständen, wenn sie oft genug wiederholt werden, kann die CDU/FDP-Regierung das Thema Stuttgart 21 noch zu ihren Gunsten drehen, hat schwarz-gelb im christlich-liberalen Stammland noch eine Überlebenschance. Die Filbinger-Parole „Freiheit statt Sozialismus" könnte ersetzt werden durch den Slogan: „Ordnung statt Chaos". Dafür muss aber erst das Chaos offenkundig werden.

Wahlkampfstrategen denken gelegentlich so, müssen - seit Sonthofen und Franz-Josef Strauß - so denken. Der gesellschaftliche Flurschaden, der bei dieser Stuttgarter Park-Putzete angerichtet wurde, wird wohl als Kollateralschaden einkalkuliert. Müssen wir mittlerweile soviel Zynismus im Politik-Geschäft unterstellen?

Das ist nur ein Szenario, gewiss. Aber: Wer anderen vorwirft, Kinder politisch zu instrumentalisieren, sollte selbst zweifelsfrei über jeden Verdacht erhaben sein, Recht und Ordnung für Partei- und Wahlkampftaktik zu instrumentalisieren. Und wer von Pflastersteinen spricht, sollte wenigstens ein Exemplar in der Hand haben, das da geflogen ist. Wer so dreist lügt, hat schon alleine damit nahezu allen Kredit verspielt.

Die Polizei hat die Aufgabe, Recht und Ordnung zu schützen. Sie darf sich aber missbraucht fühlen, wenn sie ihren Kopf hinhalten muss, weil Eskalation ganz offensichtlich in eine parteipolitische Wahlkampfstrategie passt.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.2 (10 Bewertungen)

Kommentare

Die CDU und das "Stuttgart 21"-Projekt

"Schlimmeres habe ich noch nie erlebt"

Ein Portrait dieses Mannes: ...Er ist Bundesbahnoberrat a.D., war Chef des Stuttgarter Hauptbahnhofs und hat sich als solcher seit der Geburt des Projekts Mitte der 1990er Jahre mit den Vor- und Nachteilen beschäftigt. Er kennt alle Argumente der Befürworter, ist aber selbst zu anderen Erkenntnissen gekommen.

http://www.taz.de/1/zukunft/schwerpunkt-stuttgart-21/artikel/1/schlimmer...

...und die Polizstinnen und

...und die Polizstinnen und Polizisten fühlen sich auch mißbraucht. Zumindest zum Teil. Die Bundesarbeitsgemeinschaft "Kritischer Polizistinnen und Polizisten e.V." hat hierzu eine Presseerklärung herausgegeben, die ganz besonders zum Tag der Deutschen Einheit absolut lesenswert ist.

http://www.kritische-polizisten.de/stuttgart_21/pressemitteilung_stuttga...

Mappus' Schlachtplan führt ins Chaos

Ich gehe mal davon aus, dass die Stuttgarter Zeitung nicht bei bruchsal.org abgeschrieben hat. Die Parallelen im Kommentar der Stuttgarter Zeitung vom 4. Oktober zum Kommentar von Rainer Kaufmann vom 3. Oktober sind jedoch unübersehbar.

Das Kalkül der Regierenden in Stuttgart liegt halt klar auf der Hand:

Mappus' Schlachtplan führt ins Chaos

Financial Times - Mappus contra Geißler: "...unterirdisch"

Mappus contra Geißler: Die Stuttgarter Chaoten sind unterirdisch

Financial Times Deutschland, 08.10.2010, 09:40
lies hier : http://www.ftd.de/politik/deutschland/:mappus-contra-geissler-die-stuttg...

FAZ: Späteren Generationen überlassen

Stuttgart 21“ hatte ein Schwesterprojekt: Auch in Frankfurt sollte ein Bahntunnel unter der Stadt entstehen. Doch vor neun Jahren wurde „Frankfurt 21“ beerdigt.

http://www.faz.net/s/RubFAE83B7DDEFD4F2882ED5B3C15AC43E2/Doc~E00D8CF4155...

Frankfurt liegt nun wirklich mittendrin. Können die Hessen einfach besser rechnen?

Geißler in der Falle?

Heiner Geißler geht den Konservativen in der CDU schon lange auf die Nerven. Jetzt haben sie ihn da, wo sie ihn schon lange haben wollten: In der Ecke. Er hat eine Aufgabe übernommen, an der er scheitern muss. An der man ihn scheitern lassen wird.
Das wird jetzt noch richtig inszeniert und anschließend ist Heiner erledigt - in jeder Beziehung.

Schon mal darüber nachgedacht?

Glattes Gelände

"Heiner Geißler geht den Konservativen in der CDU schon lange auf die Nerven. ....... Er hat eine Aufgabe übernommen, an der er scheitern muss. An der man ihn scheitern lassen wird.
Das wird jetzt noch richtig inszeniert und anschließend ist Heiner erledigt - in jeder Beziehung.
Schon mal darüber nachgedacht?" -Verfasst von Gast (Kontakt der Redaktion bekannt) am 22. Oktober 2010 - 19:03.

Das aber - passiert unter den neugierigen Augen einer erwachenden Öffentlichkeit. So präsent waren die Medien ( gemeint ist hier ein weites (!) Spektrum) schon lange nicht mehr.

"Er hat eine Aufgabe übernommen, an der er scheitern muss. An der man ihn scheitern lassen wird." Und alle Welt schaut zu.

So deppert sind die Schwaben und die angeschlossenen Badener nicht als dass sie das nicht merken würden.

"Das wird jetzt noch richtig inszeniert und anschließend ist Heiner erledigt - in jeder Beziehung."

Es kann aber auch gut sein, dass diese Dame und ein paar andere Herren in der CDU (die "besonderen" persönlichen Beziehungen zum Bauprojekt sind ja dank Internet wirklich nicht mehr unbekannt) erledigt sind - in jeder Beziehung.

Schon mal darüber nachgedacht?

Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen