Ein neuer Leerstand grüßt in Bruchsal

DruckversionPer e-Mail versenden
Im Erdgeschoss der SEPA-Hochgarage
Sonntag, 19. Juni 2011 - 17:31

Vor wenigen Tagen hat das Tabak- und Zeitschriften-Lädchen CIGO zugemacht. Bevor jetzt wieder vom sich ankündigenden erneuten Niedergang der Bruchsaler Innenstadt fabuliert wird, hier einige Fakten.

CIGO

Aus zumindest nachfolgend genannten Gründen war es nicht unbedingt überraschend, dass der Tabak- und Zeitschriftenshop mit angeschlossener Postagentur schließen musste. In zentraler Innenstadtlage existieren bereits einige alteingesessene Läden mit ähnlichem Sortiment, auch der direkt neben dem Ladenlokal platzierte REWE führt Zeitschriften. Absolut nicht mehr überraschend dürfte die Betriebsschließung jedoch sein, wenn man weiß, zu welchen Bedingungen der Händler die Räume überlassen bekam.

Hätte sich der Shopbetreiber unter normalen Umständen vielleicht noch einigermaßen neben den Mitbewerbern behaupten können, so wären seine Bemühungen trotzdem von vornherein chancenlos gewesen. So soll ihm vom Vermieter eine Mondmiete von 45 Euro pro Quadratmeter aufs Auge gedrückt worden sein. Bei einer Ladenfläche von knapp 54 qm (mit Nebenräumen) waren dies Monat für Monat 2.430 Euro, die zu erwirtschaften waren. Kennt man die Handelsspannen im Tabak-Einzelhandel mit ungefähr 8 % und im Zeitschriftenhandel mit etwa 18 % kann man sich sehr schnell ausrechnen, welche Umsätze der Betreiber des Lädchens hätte machen müssen, um alleine die Mietkosten zu erwirtschaften. Und auch „CIGO - der Convenience-Systemshop für Tabakwaren, Presse und Dienstleistungen" wird für seine Dienstleistungen seinen monatlichen Obolus eingefordert haben.

Der Start in die Selbstständigkeit war für den Shopbetreiber wohl von vornherein hoffnungslos; eine Miete von 45 Euro je qm können auch frequenz- und handelsspannenstärkere Geschäfte nicht erwirtschaften.

Übrigens: Das Lädchen wird derzeit zur Vermietung angeboten. Mit einem Quadratmeterpreis von EUR 23,36, das ist eine Monatsmiete von EUR 1.250. Das ist immer noch viel, aber zumindest im Ansatz realistischer als die bisher eingeforderten EUR 2.430.

Übrigens: Das Lädchen wird im Angebot des Maklers mit dieser Schlagzeile beworben: „Hier können Sie am Aufschwung in Bruchsal teilnehmen!"

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.9 (14 Bewertungen)

Kommentare

Geschäftsfähig?

Wie kann man einen solchen Pachtvertrag unterschreiben?!

Eine Standortanalyse...

...und die Anwendung der vier Grundrechenarten hätten den Shopbetreiber von diesem Abenteuer abhalten müssen...

Prügel für den Falschen!

Na ja, es ist einfach die Frage zu stellen, wie man einen solchen Mietvertrag unterschreiben konnte. Solche - nach meiner Meinung nach fast schon sittenwidrigen - Mietverträge werden doch wohl täglich mehrfach unterschrieben. Die Vermieter nutzen ganz einfach die Unerfahrenheit derer aus, die sich selbstständig machen wollen - und versprechen denen das Blaue vom Himmel. Wahrscheinlich haben diese sogar noch eine Mieterprovision eingestrichen. Und auch der Convenience-Shopbetreiber dürfte kräftig verdient haben. Was man vielleicht dem Mieter vorwerfen kann ist, dass er sich nicht vorher unabhängigen Rat eingeholt hat.

Schade

hatte dort einmal eingekauft und war von der Freundlichkeit der Verkäuferin sehr angenehm überrascht, aber das ist leider heutzutage allenfalls die Hälfte der Miete......

und die ist, wie man jetzt lesen kann, viel zu hoch für so einen Laden.

Diese Abzockerei gerade auch bei Leuten, die den Weg in die Selbstständigkeit suchen, ist unmoralisch. 

Hmm...

Hmm, ich frag mich auch, warum man jetzt plötzlich nur noch die Hälfte an Miete verlangt...

Es muss doch vorher schon aufgefallen sein, daß das nicht zu bewältigen ist.

Seltsame Kommunikation zwischen Mieter und Vermieter :-(

hüstel...

Natürlich wahnsinnig viel Geld, habe mich am Samstag auch gewundert, dass dort geschlossen war - wobei nicht wirklich gewundert. In der Bruchsaler Innenstadt konzentriert sich meiner Meinung nach so einiges auf einem Fleck, was neneneinander nicht lange gutgehen kann. Teilweise merkt man es auch am Service, im ein-oder anderen Kaufhaus muss man aufgrund von (aus Kostengründen?) weniger eingesetzten Personal schon etwas länger warten, als dies beispielsweise noch bei der glorreichen Eröffnung der Fall war.... :-)

Ein Gerichtsvollzieher hat mir mal erzählt, dass in den grossen Karlsruher Kaufhäusern solche kleinen Läden teilweise richtige Knebelverträge haben. Wenn dort etwa kleine gastronomische Angebote gemacht werden, beeinhaltet der Pachtvertrag, dass man anteilig für Reinigungskosten des Flurs, der Etagentoiletten etc. pp. aufkommen muss - im Prinzip für einen Kleinbetrieb unmöglich da lange zu existieren. Deshalb auch dort immer häufiger Leerstände oder ständig wechselnde Shopbetreiber...

Freie Marktwirtschaft

"Halbe Miete" ist das Ergebnis von "Angebot und Nachfrage" - so einfach ist das...

Das alles hat System und das

Das alles hat System und das System hat einen Namen: SEPArieren.

Bruchsal - City mit Aufschwung

Man könnte sich vorher überlegen, wieviel man umsetzen muß, bevor man einen Laden mietet. Man könnte auch nachher verhandeln, um die Miete zu drücken. Wenn jetzt eine Miete verlangt wird, die nur halb so hoch ist, weshalb hat der Shop dann aufgegeben? Konnte er diese Konditionen nicht bekommen? Es ist wohl schwierig, diese Fragen ohne näheres Wissen zu beantworten.
Eines ist aber sicher: Bruchsals ist nach wie vor wenig frequentiert. Verglichen z.B. mit der Landauer Fußgängerzone ist es geradezu menschenleer.
Dazu beitragen die restriktiveren Parkordnungen (kürzer, teurer) und die unpersönlichen Plätze. Es scheint in Bruchsal wichtiger, Plätze umzubenennen, als Flair zu erhalten.
War es wirklich so wichtig, den Holzmarkt umzubenennen? Man braucht 66 Jahre dazu, oder ist es einfach Mode geworden?

Wenn man früher in fremden Orten zu tun hatte, ging man in das Gasthaus, das ganz nahe bei der Kirche lag, um gut zu essen. Meist ein Gasthaus mit Metzger dabei. Nach der Messe zum Frühschoppen, in Bruchsal Fehlanzeige.

Noch ein Klamottengeschäft, noch ein Telefonladen, noch ein Schnellbäcker, noch ein Drogeriemarkt. Und damit sind wir wieder am Anfang: zum großen Teil Kettenläden, bei denen die Präsenz wichtiger ist als der Gewinn und zu wenig mittelständische Geschäfte, weil sie sich die zu hohen nicht Mieten leisten können.

Bruchsaler Einzelhandel

Daß es auch anders geht und viele kleine Läden ähnlichen Angebots nebeneinander existieren können, habe ich in meinem Bericht "Neuburg an der Donau - Kultur- und Einkaufsstadt" hier auf bruchsal.org in einer vergleichenden Beschreibung geschildert, im ergänzenden Video ab Minute 7:
http://www.bruchsal.org/story/neuburg-donau-kultur-und-einkaufsstadt

Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen