NACHGEFRAGT: Chancen und Risiken der Bruchsaler Geothermieanlage (Teil 3)
Anfang Januar hatte bruchsal.org im Rahmen der Reihe "Nachgefragt" eine Anfrage zum Bruchsaler Geothermiekraftwerk an die ewb geschickt. Dort hatte man zunächst um Verständnis gebeten, eine Antwort sei "urlaubsbedingt" erst gegen Ende Januar möglich. Hintergrund der Verzögerung sei, so ewb-Geschäftsführer Peter Solberg im heutigen Schreiben an bruchsal.org, dass der bis dahin für das Geothermieprojekt verantwortliche Technische Geschäftsführer, Johannes Schopp, kurz vor dem Jahreswechsel in den Vorruhestand verabschiedet wurde.
Die Fragen, die bruchsal.org am 14. Januar 2010 unabhängig auch an die EnBW mit Bitte um Beantwortung schickte, beantwortet Peter Solberg in Abstimmung mit der Pressestelle der EnBW für beide Unternehmen:
bruchsal.org: Im Pressetext ist die Rede von einer Leistung von 550kW, die ausreichend sei für eine Versorgung von 1.200 Haushalten. Die Kosten hierfür lagen nach Ihren Angaben bei runden 17 Mio. Euro. Nach unseren Informationen läge die Investition für die Erzeugung einer vergleichbaren Leistung durch Windkraft (die allgemeinen Vor- und Nachteile beider Energiequellen einmal außen vor) bei ca. 0,5 Mio. Euro. Für wie zukunftsfähig halten Sie angesichts solcher Zahlen die Geothermie generell als Energiequelle?
Peter Solberg: In die genannten 17 Mio. Euro für das Bruchsaler Geothermieprojekt sind alle Kosten seit den Anfangstagen des Projekts in den 80er Jahren mit eingerechnet. Davon entfällt ein Großteil auf Forschungs- und Entwicklungskosten. Ziel des gemeinsamen Pilotprojekts der ewb und der EnBW Energie Baden-Württemberg AG ist es, regenerative Energie aus Geothermie eines Tages wirtschaftlich nutzbar zu machen.
Ein reiner Vergleich der Leistung zwischen Windkraft- und Geothermieanlagen verbietet sich: Maßgeblich sind die geleistete Arbeit (Produkt aus Leistung und Betriebszeit) und die Verfügbarkeit über das Jahr. Die angegebenen Leistungen müssen also mit der Verfügbarkeit multipliziert werden. Diese liegt bei Geothermiekraftwerken bei über 8.000 Stunden pro Jahr (h/a). Photovoltaikanlagen kommen in unseren Breitengraden gerechnet auf Volllast auf 1.000 h/a, für Windanlagen im Binnenland werden 2.000 h/a gerechnet auf Volllast angegeben. Die Leistung eines Geothermiekraftwerks steht bei Betrieb immer gleichmäßig zur Verfügung und ist damit grundlastfähig. Neben der Geothermie sind dies im regenerativen Energiebereich lediglich noch die Wasserkraft und die Biomasse. Somit ist die Geothermie als zukunftsfähig anzusehen.
bruchsal.org: Das Geothermieprojekt Unterhaching hat wohl durch günstigere natürliche Bedingungen eine ca. 5 mal höhere Ausbeute bei der Erzeugung von Elektrizität und dürfte sich schon deshalb besser rechnen lassen. Dort wird außerdem die Erdwärme wesentlich für Fernwärme genutzt ("Geothermische Stromerzeugung im Verbund mit Wärmenetz"). Gibt es für Bruchsal entsprechende Ansätze in Richtung einer Nutzung der Anlage für Fern- oder Nahwärme, mit der sich die Kosten-Nutzen-Rechnung verbessern ließe?
Peter Solberg: Die höhere Leistung des Geothermiekraftwerks Unterhaching resultiert aus der entsprechend höheren Thermalwassermenge, die gefördert wird. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Fördermenge in Bruchsal langfristig vermutlich noch deutlich steigern lassen wird. Als Betreiber der Anlage arbeitet die ewb nachhaltig an der weiteren Optimierung des Kraftwerks.
Auch beim Bruchsaler Geothermieprojekt ist bereits von Beginn an eine Wärmeauskopplung angedacht gewesen, um den ökologischen Nutzen und die Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Mit potenziellen Abnehmern in der Nähe des Kraftwerks, z.B. der Bereitschaftspolizeikaserne, wurden bereits Versorgungskonzepte entwickelt, die nunmehr umgesetzt werden sollen.
bruchsal.org: In der Presse war in den vergangenen Wochen die Rede von einer Einstellung mehrerer Geothermie-Projekte u.a. beim größten Geothermie-Projekt der USA, dem Geysers Project, aber auch in Basel aufgrund seismischer Probleme. Wie sicher ist vor diesem Hintergrund die Bruchsaler Anlage? Gab es Anzeichen für seismische Probleme während der Arbeiten? Ist in Bruchsal mit Erdbeben im Zusammenhang mit der Geothermieanalage zu rechnen? Wo liegt der geologische Unterschied zu Basel, der seismische Probleme beim Betrieb der Bruchsaler Anlage ausschließt?
Peter Solberg: Seit Beginn des Geothermieprojekts in den 80er Jahren hat der Landeserdbebendienst Baden-Württemberg keinerlei seismische Aktivitäten in Verbindung mit den beiden Bruchsaler Bohrungen festgestellt.
Durch die Geothermieanlage ausgelöste Erdbeben sind nach bisheriger Erkenntnis nicht zu erwarten, da das Thermalwasser bei der Reinjektion ohne zusätzlichen Druckaufbau in den genutzten Grundwasserleiter zurückfließen kann. Für Bruchsal haben die Experten des Landesamts für Rohstoffe, Geologie und Bergbau (LGRB, Freiburg) bereits in den 80er Jahren ermittelt, dass Produktions- und Injektionsbrunnen hydraulisch in Verbindung stehen. Da das gesamte geförderte Thermalwasser über die zweite Bohrung in die gleiche Lagerstätte reinjiziert wird, wird der ursprüngliche Druck nicht verändert, sondern das Thermalwasser lediglich umgewälzt. Wegen der hohen Durchlässigkeit im Bereich der Schluckbohrung ist - anders als in Landau - keine Verpresspumpe erforderlich. In Bruchsal wird ein bestehender tiefer Grundwasserleiter genutzt (hydrothermal). Das Grundgebirge wurde in keiner der beiden Bohrungen angebohrt.
Beim Baseler Geothermieprojekt und in Kalifornien wurde die Hot-Dry-Rock- bzw. Hot-Fractured Rock-Technologie (HDR oder HFR) eingesetzt, bei der das Grundgebirge erst durch hohe Drücke "aufgebrochen" werden muss, um Fließwege für das Thermalwasser und damit einen Wärmetauscher im Untergrund zu schaffen.
Vielen Dank Herrn Solberg für die Stellungnahme.
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Kommentare
Bisher nichts passiert - streng empirisch!
Am Wert einer Aussage wie "Seit Beginn des Geothermieprojekts in den 80er Jahren hat der Landeserdbebendienst Baden-Württemberg keinerlei seismische Aktivitäten in Verbindung mit den beiden Bruchsaler Bohrungen festgestellt" darf im Rahmen der Fragestellung nach der Sicherheit der Bruchsaler Anlage gezweifelt werden, besonders hinsichtlich ihrer Tauglichkeit für Prognosen eventueller künftiger seismischer Aktivitäten. Das klingt sehr nach der Methode "trial and error".
Ungenaue Formulierung
Die Formulierung "Seit Beginn des Geothermieprojektes in den 80ger Jahren" erweckt den Eindruck, in Bruchsal würde nun nahezu 30 Jahre - "seit Jahrzehnten" - ein Geothermieprojekt betrieben, das bisher zu keinerlei seismischen Störungen geführt habe.
Dies ist nicht so.
"In Betrieb" war die Anlage bisher immer nur relativ kurze Zeiten mit langen Pausen.
Obwohl ich - als Laie! - die Aussagen von Herrn Solberg hinsichtlich der grundsätzlichen Unterschiede und Risiken bei den zur Diskussion stehenden Verfahren einigermaßen nachvollziehen kann und auch glaube, dass es in Bruchsal kaum zu ernsthaften Störungen kommen wird, stören mich derart ungenaue Formulierungen in solchen Zusammenhängen.
Selbst wenn ein "Missverständnis" der von mir angedeuteten Art nicht beabsichtigt gewesen sein sollte erwarte ich von Äußerungen öffentlicher Stellen in derart wichtigen Fragen im Hinblick auf jüngst gemachte Erfahrungen gerade im kommunalpolitischen Raum äußerste Genauigkeit.