Das Musikhaus Müller - Der Geschirr-Hoffmann

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Freitag, 14. Mai 2010 - 18:05

Heute habe ich zwei Erinnerungen von Barbara Mitteis ausgegraben zu Bruchsaler Einzelhandelsgeschäften, die seit noch nicht mal so langer Zeit nicht mehr existieren. Zunächst die Erinnerungen an den Musik-Müller, der jahrzehntelang sein Domizil in der Bahnhofstraße hatte. Und dann die Reminiszenz an das Haushaltswarengeschäft Hoffmann und die Ladeninhaberin, Frau Hoffmann.

Auch ich habe meine Erinnerungen an das Musikhaus Müller. Mein erstes Radiogerät kaufte ich dort, ein sogenanntes Zweitransistorradio. UKW war nicht, es gab nur Mittelwelle und Kurzwelle, das war's dann aber auch. Gefühlte 20 DM hat das Teil gekostet - sehr viel Geld in den 60er Jahren.

 

Hier die beiden Geschichten von Frau Mitteis:


Das Musikhaus Müller

Fernseh

Im Musikhaus Müller bekam man alles. Man konnte dort die Badehose einpacken, den zwei Spuren im Schnee und dem Kriminaltango aufspüren, ausgerechnet Bananen und Zitronen erwerben; jedem Musiktitel kam Herr Müller gefällig auf den Grund. Lys Assia plärrte auf dem Plattenspieler, Vico Torriani drehte sich auf der Schallplattenscheibe und Rudi Schuricke sang herzzerreißend seine Italienträume herunter.

Munter ging es in dem zweistöckigen Gebäude zu, und nicht nur die Tonleitern purzelten rauf und runter. Zwischendurch erklang die Neunte von Beethoven und Bibi Johns manövrierte ihre Jazztöne in Schuberts Unvollendete.

Schallplatte
Ich entsinne mich noch gut, als Mama meine Blockflöte für mich im Musikhaus erwarb. Wichtig trug ich das hölzerne Leichtgewicht im Stofftäschchen nach Hause. Und die Familie hielt sich öfters die Ohren zu, wenn ich nicht nur die Gehörgänge, sondern deren Nervenstränge malträtierte. Wie sagte schon Wilhelm Busch: „Musik wird oft nicht schön befunden, weil sie mit Radau verbunden."

Im Musikhaus Müller gab es noch ganz andere "Lärmschachteln". Trompeten, Posaunen, Trommeln, Schlagzeuge waren zwar ungeeignet für ein zartes Trommelfell, aber sie wirkten eben auf elastische junge Beine.

Musiktruhe
Ich entsinne mich noch gut an unsere allererste Musiktruhe, die im Musikhaus Müller gekauft wurde. Radio, Plattenspieler und Schallplatten-aufbewahrer, alles in einer Musiktruhe in glänzendem Holz. Jeder Haushalt, der etwas auf sich hielt, hatte dieses Monstrum von Möbel in den Wohnräumen. Und plötzlich quollen aus dem Gehäuse dunkelrote Rosen, zwei dunkle Augen sprachen von Liebe und Abschied und Rudolf Schock übte sich im Troubadour.

Wenn wir am Musikhaus Müller vorbei liefen, hatte das einen eigenen melodischen Reiz. Hier empfand man die große Musikwelt, die toten Klassiker machten der neuen Rock'n'Roll-Generation Platz und plötzlich verehrte die Jugend Schmalzlocken statt Schmalzlieder. Eine neue Noten-Ära brach an. Die Alten verstanden die Jungen nicht mehr und die Jungen dachten gar nicht daran, einmal alt zu werden. Im Musikhaus Müller erwarb ich meine erste Triangel als Musikinstrument. Die anderen Triangeln erwarb ich mir beim Klettern auf Bäume. Wieviel zerriss das Leben an Träumen und gute Musik flickte wieder viel zusammen.

© Barbara Mitteis

 

Die Frau Hoffmann

Hoffmann
Im Dritten Reich jubelten viele Menschen einem gewissen Bärtchen zu, und obwohl sie alle eine heile Geschirrsammlung besaßen, hatten sie doch nicht alle Tassen im Schrank.

So manch ein Luftangriff zerschlug viel Porzellan, und die Menschen standen wie zerschlagen vor ihren Trümmern und kaputten Träumen. Und da war halt mit einem Mal der Bart ab!

In der Zeit nach dem Krieg wurde nicht gerade mit dem Meißen-Dekor gehandelt, aber es gab schönes Steingut und bäuerliche Töpferware, und so lief ich an der Hand von Mama über den Markt und sah voll Freude die vielen bunten Krüge und Teller, und betrachtete die Käufer, die ihre Tassen wieder im Schrank haben wollten. Manchmal ging Mama auch mit mir zur Frau Hoffmann, die ein großes Haushaltswarengeschäft hatte. Ich bewunderte die großen Schaufenster und die dahinter liegenden Schneebesen, Kochlöffel, Vasen, Teller, Bestecke, Kaffeekannen, Kuchenplatten, Springformen und Bettflaschen.

Vasen

Frau Hoffmann war eine kleine, quirlige, rothaarige Dame mit vielen Sommersprossen, die schon abgeschossen waren. Wenn sie mich sah, rief sie durch den ganzen Laden: "Das Bärbelchen ist da!" Und dann kamen die Verkäuferinnen und begrüßten mich und bewunderten mein Dirndelchen und mein gepunktetes Kopftüchlein, und Frau Hoffmann setzte mich Dreikäsehoch auf die Theke, damit sie sich nicht zu bücken brauchte. Sie war sehr kinderlieb und hatte einen etwas älteren rothaarigen Buben und einen freundlichen Mann, der dem freundlichen Herrn Rath vom Königlich Bayrischen Amtsgericht sehr ähnelte. Mama kaufte dann bei ihr meist eine Kleinigkeit, wie etwa eine Butterdose, eine Gugelhupfform, einen neuen Schneebesen oder eine heile Bettflasche.

Kaffeekanne
Unsere Teller und Tassen waren im Krieg ganz geblieben, und Mama erzählte mir oft von den schweren Luftangriffen in Ulm, und von der Straße, in der sie die Kriegsjahre mit den Brüdern verbrachte. Eine kleine weiße Porzellanmadonna und ein altes Hängekreuz aus der Familie waren die einzige Hoffnung und der einzige Schutz. Die lange Straßenseite war dem Erdboden gleichgemacht, und nur das Haus, in dem meine Eltern wohnten, stand noch wie ein Zahn in jener Trümmer-landschaft. Die kleine Madonna war in der Diele heruntergefallen und seit jenem Angriffstage am Kopf geklebt. Wir verehrten die Statue sehr, schützte sie doch in den grausigen Zeiten so viele Häupter, die sich vor ihr neigten.

Bei Frau Hoffmann sah ich keine religiösen Porzellanheiligen, dafür hingen bunte Mädchenköpfe und seltsame Dekormasken an den Ladenwänden, die mir gar nicht gefielen. Manchmal schenkte mir Frau Hoffmann einen kaputten Aschenbecher oder ganze Zahnstocher oder ein angeschlagenes Väschen. Diese Kostbarkeiten vergrub ich dann in meinem Schränkchen, und sie bereicherten mein kleines Leben.

© Barbara Mitteis

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Kommentare

Kindheitserinnerungen

Ich kann mich noch sehr gut an die wohlsortierte Schallplattenabteilung im Obergeschoss beim Müller erinnern..... an die alten Bakelittohrhörer..... ich habe mir da 1969 meine erste LP für 24,-- DM (Sly and the Familiy Stone) gekauft...... nicht zu vergessen war auch die Schallplattenecke im Kaufhaus Schneider im Erdgeschoss (meine erste Single für 5 DM ... Jeronimo/Heya).

Der Hoffmann wurde von meiner Familie nie so aufgesucht... unser Gscherr war vom Klophaus.... .

Schallplatten im Kaufhaus Schneider

Ja, die Schallplattenabteilung im Kaufhaus Schneider. Die war Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre dort, wo bei der Schließung des Schneiders der Schlüsseldienst und die Taschenabteilung war.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich ca. 1970 mit einem Arbeitskollegen in der Mittagspause in den Schneider ging, Schallplatten angucken. Der Kollege hatte einen groß geschnittenen Parka an. Wir also in die Schallplattenabteilung und ein bisschen gekruschtelt. Plötzlich sehe ich, wie mein Kollege den Parka öffnet, eine Langspielplatte zwischen Hemd und Parka verschwinden lässt und unschuldig pfeifend das Kaufhaus Schneider verlässt. Ich hinterher, ihn fragend, was das denn solle und, was mich noch viel brennender interessierte, was für 'ne LP er denn klaute. Der damalige Arbeitskollege erwiderte ungerührt: "die Neueste von Jimi Hendrix. Ist für meine Mutter. Es ist doch bald Weihnachten."

Wer weiß, wie 50-Jährige (also unsere Eltern) in den 60er, 70er Jahren lebten und welche Ideale und Interessen diese hatten, kann sich die Absurdität dieser Antwort gut vorstellen - mir gefiel die Auskunft.

Und wer kennt noch die Rheinelektra in der Schlossstraße?

Rheinelektra

In diesem Laden kaufte ich mein ganzes DJ-Equipment...... ich stöberte stundenlang zwischen Plattenspieler, Endstufen und Mischpulten etc.

Der damalige Verkäufer "Herbert Kratz" hat ja sein 2.tes Standbein zum erfolgreichen Hauptberuf gemacht (Herby´s Partyservice) !

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