Der Mord von Helmsheim 1942

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Die Opfer sind verraten, verkauft, vergessen und bis heute noch verfemt!
Samstag, 28. Januar 2012 - 19:25

In den zurückliegenden Jahrzehnten hatte ich wiederholt vergebens die Stadtverwaltung Bruchsal angeschrieben und darauf hingewiesen, dass das furchtbare Geschehen von 1942, welches in der damaligen selbständigen Gemeinde Helmsheim -  heute Ortsteil von Bruchsal  - stattgefunden hat, in der offiziellen Stadtchronik mit keinem Wort erwähnt oder sonst irgendwo niedergeschrieben wurde. Ja, wir stehen sogar vor der frappanten Situation, dass heute über 90 % der Einwohner von Helmsheim keine Ahnung mehr davon haben. Es gibt dort fernerhin keine Mahntafel oder einen Gedenkstein zur Erinnerung an diese einmaligen Geschehnisse, welche völlig singulär eine einzige harmlose Familie trafen. Das Mordregime der damals herrschenden deutschen Barbaren, welches von einem Hunger nach Blut und Menschenvernichtung getrieben war, wollte auch in dem kleinen beschaulichen Dorf Helmsheim seine Opfer heimsuchen und zur Schlachtbank führen.

Dabei war die alteingesessene Kleinbauernfamilie Eißler in ärmlichen Verhältnissen lebend darauf angewiesen, mühsam ihren Lebensunterhalt zu fristen durch tagtägliche Fronarbeit auf den Äckern und in einem bescheidenen Bauerngehöft. Von morgens bis abends war man mit der Versorgung des Viehs beschäftigt, um selbst überleben zu können. Es gab in jenen Tagen keine Urlaubsmöglichkeiten oder einen Rückzug ins Private. Man war in einen gleichbleibenden und harten Arbeitsablauf eingespannt.

Ausgerechnet diese harmlosen und kleinen Leute  wurden zum Ziel des staatlichen Terrorregimes. Eine Witwe mit sechs Töchtern und zwei Söhnen wurden von einem Schicksalsschlag ohnegleichen heimgesucht. Und das mit der gleichen Brutalität und unerbittlichen Konsequenz, was sich bereits seit dem 1. September 1939 beginnend in Polen und dann weitergehend im übrigen Europa weitab von der Mitte Deutschlands abgespielt hatte. Die systematische Ermordung, Entrechtung und Unterdrückung von Menschen.
Aus fast allen Ländern Europas wurden ca. 13,5 Millionen Zwangsarbeiter während des zweiten Weltkrieges zur Fronarbeit für den NS- Staat eingesetzt. Ganze Familien und Dorfgemeinschaften wurden verschleppt. Am härtesten traf es die Sklavenarbeiter aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Ihre Überlebenschance war gering.

1940 wurden der Gemeinde Helmsheim sechs polnische Zwangsarbeiter zugewiesen. Darunter war auch Josef Makuch, geboren am 01. August 1902 in Wieciorka. Er wurde der Familie Joh. Eißler Ww.  zur Arbeit in deren Bauernhof zugeteilt. Hier fand der junge Pole jedoch gleich eine sehr gute Aufnahme und erwarb sich bei der braven Bauernfamilie Freundschaft und menschliche Anerkennung. Ein ausländischer Mensch, ohne Heimat und ohne Sprachkenntnisse, traf hier trotz aller äußeren Umstände ebenfalls auf ehrliche und wesensähnliche Menschen ohne alle Vorbehalte getreu der alten deutschen und guten christlichen Lebenskultur. Dies war jedoch eine Ausnahme in dem neuen Nazideutschland!

Es wäre eine Idylle gewesen, wenn die äußere Umgebung gestimmt hätte. Aber bekanntlich hatte 1933 eine Organisation von politischen Verbrechern die Macht im deutschen Staat übernehmen können. Mit Mitteln des Terrors und der Propaganda wurde das zunächst ahnungslose deutsche Volk zum ersten Mal in der europäischen Geschichte in ein totalitäres System hineingeführt, das aus einem Kulturvolk Träger und Anhänger eines Verbrecherstaates machen sollte. Nur wenige Menschen konnten und wollten sich dieser Entwicklung entziehen. Angst und Anpassungszwang führten dazu, dass im Bewusstsein der im ländlichen, überschaubaren Gemeindeverband lebenden dörflichen Kleinbürger eine Hinwendung und sogar Akzeptanz zum totalitären Staatsregime hin erfolgte.

1939 erfolgte dann der Angriff der deutschen Barbaren auf die europäische Kultur und Zivilisation in einem globalen Ausmaß. Bis 1939 waren bereits Zehntausende deutscher Menschen in den Konzentrationslagern und Gefängnissen gestorben, jetzt begann die planmäßige Zerstörung und Vernichtung in den europäischen Nachbarländern. Die Hitler-Wehrmacht, auf ihren obersten Führer eingeschworen, überfiel entgegen jedem Völkerrecht einen Nachbarstaat nach dem anderen und eroberte mit ungeheurer Macht und rücksichtsloser Brutalität die Herrschaft über Millionen von Menschen, machte sie zu Sklaven oder beutete sie sonst irgendwie aus, tötete die Gefangenen oder brachte sie als Arbeitssklaven nach Deutschland. Es führte sogar zum industriellen Massenmord von Millionen Menschen unter Einsatz eines ausgeklügelten Produktionsapparates: Reichsbahnzüge führten die eingefangenen Opfer aus allen Teilen Europas kreuz und quer durch Deutschland in die Vernichtungsanlagen. Chemische Fabriken lieferten im Eilverfahren das tödliche Gift, Spezialfabriken entwickelten und produzierten die Todesöfen. Manager aus den großen Industrieunternehmungen setzten sich bereitwillig ein, die menschlichen Opfer vor ihrem Tode noch als Arbeitskräfte auszuquetschen oder ihre Leichname zu verwerten. Spätere Staatssekretäre – z.B. Dr. Vialon und Dr. Hettlage  - in den Bundesministerien in Bonn halfen mit, die angefallenen Kleiderutensilien oder das Zahngold der Opfer in den besetzten Gebieten oder in den Hunderten von KZ- Anlagen für das Reich zu konfiszieren, um die Rüstung zu finanzieren.

Die Mordkommandos der Gestapo und der Einsatzgruppen der SS durchkämmten systematisch von den Pyrenäen bis vor Moskau und vom Nordkap bis nach Nordafrika  ein Riesenterritorium und errichteten ein Imperium der Hölle. Dies war nur möglich, weil die gesamten Funktionseliten des Staates dahinter standen. Ohne Mithilfe dieser breiten Schichten aus allen Bereichen der Gesellschaft –  Wehrmacht, Ärzteschaft, Beamtenapparat, Justiz,Wirtschaftskreise, Universitäten und Kirchen etc. - wäre das Regime nicht aufrechtzuerhalten gewesen. Bis 1945 konnte sich dieses unmenschliche System deshalb halten. Eine Befreiung Deutschlands von diesem Terrorsystem war  nur durch den Heldentod der alliierten Soldaten möglich. Wer diese Zeit nicht selbst erlebt hat, kann nicht darüber berichten.

Auf die Schilderung dieser Zustände in Deutschland muss an dieser Stelle deshalb ausdrücklich hingewiesen werden, um verstehen zu können, welche Tragik sich in dem kleinen Dorf Helmsheim bei der einfachen Bauernfamilie Eißler entwickeln sollte und warum sie für sich allein stand, quasi ausgestoßen von den NS-Volksgenossen und fernerhin von der übrigen Dorfgemeinschaft gnadenlos völlig separiert. Harmlose, bescheidene und unschuldige Menschen wurden gegen ihren Willen plötzlich zu Staatsfeinden. Kein Wunder, warum sie plötzlich isoliert waren und niemand an ihrem Schicksal Anteilnahme nehmen wollte. Denn NS-Deutschland führte ja jetzt einen großen Krieg gegen äußere Feinde und bildete daher eine geschlossene Gemeinschaft,wo niemand abseits stehen oder gar auf die andere Seite übertreten durfte.

Ausgerechnet dieses kleine Dorf hatte bereits 1923 vier „alte Kämpfer“ aus den Anfängen der Hitlerbewegung vorzuweisen, wie August Greiner, ein Lokalhistoriker, in seiner eindrucksvollen Untersuchung „Der Weg in die Katastrophe“ akribisch berichtet. Und 1937 konnten weitere 13 Dorfbewohner mit dem „Ehrenzeichen“ der NSDAP ausgezeichnet werden. Diese kleine Gemeinde mit weniger als 2000 Einwohner war in ihrer ganzen soziologischen Struktur nicht mehr das, was sie früher gewesen war. Jetzt herrschte hier der Nazigeist mit allen Konsequenzen.

Zwischen der jungen Bauerntochter Hilda Eißler und dem polnischen Zwangsarbeiter entstand trotz der offiziellen Staatsdoktrin der germanischen Herrenrasse eine verbotene Liebe, die zunächst verheimlicht werden konnte. Als aber Hilda Eißler schwanger wurde und im Krankenhaus ein Mädchen zur Welt brachte, nahm das Unheil seinen Verlauf. Die junge Bauerntochter hatte in dem kleinen Dorf von der Veränderung der normalen Zivilgesellschaft in Deutschland in ein Verbrechersystem noch nichts mitbekommen. Aus diesem Grunde gab sie im Krankenhaus, als sie am 12. Januar 1942 ein Mädchen auf die Welt brachte, der Krankenhausschwester ohne Argwohn  und Bedenken auf die Frage nach dem Vater ihres Kindes den Namen des polnischen Zwangsarbeiters an. Diesen wollte sie nach Kriegsende auch heiraten, so war der Plan der beiden jungen Menschen. Als Kindesvater hätte die junge Frau ohne weiteres die Person eines kurzfristig einquartierten deutschen Soldaten angeben können. Aber daran dachte man nicht, ansonsten wäre das ganze  in der Folge sich anbahnende Unglück zu vermeiden gewesen. In der Familie war anfänglich das Liebesverhältnis niemanden aufgefallen und hätte somit geheim gehalten werden können. Vor allem wusste niemand von dem Erlass des „Reichsführers“ der SS Heinrich Himmler, dass jede Liebesbeziehung eines deutschen und arischen Staatsbürgers mit einem Angehörigen der slawischen Rasse mit drakonischen Maßnahmen, z.B. KZ-Haft, zu bestrafen sei.

Auch von Seiten der christlichen Kirchen wurde diese Rassenpolitik der Nazis noch offiziell unterstützt und quasi religiös abgesichert, obwohl gerade jetzt die entrechteten Menschen die Hilfe dieser Institutionen gebraucht hätten. Am 31. Mai 1939 unterzeichneten die evangelischen Bischöfe Theophil Wurm und Marahrens ein Schreiben an Reichsminister Kerrl, welcher für Kirchenangelegenheiten zuständig war, in welchem sie die Politik der Rassenreinheit ausdrücklich billigen: „Im Bereich des völkischen Lebens ist eine ernste und verantwortungsbewusste Rassenpolitik zur Reinhaltung unseres Volkes erforderlich“

Nun war damit aber jene Entwicklung eingetreten, welche von den Nazimachthabern geplant und gewünscht gewesen war: aus normalen und humanistisch eingestellten Menschen sollten fanatische Nationalsozialisten werden, die über Leichen gehen. Der eigene Bruder Johann war aus einem einfachen Menschen zu einem  überzeugten Hitleranhänger geworden. Er war dem Liebespaar schon längere Zeit auf die Spur gekommen. Nach der Geburt des Kindes ruhte er nicht eher,  bis er die gesamte Öffentlichkeit unterrichtet hatte, namentlich den Bürgermeister und Ortsgruppenleiter der NSDAP Engelbert Stein. Dieser informierte sofort den berüchtigten Kreisleiter Emil Epp, welcher wiederum die Außenstelle der Gestapo in Durlach in Kenntnis setzte. Daraufhin kam es zu einer groß inszenierten Staatsaktion.

Beide jungen Leute, die Bauerntochter und der polnische Arbeiter, wurden am 4. März 1942 zunächst in das Untersuchungsgefängnis nach Karlsruhe verfrachtet. Der junge Pole wurde anschließend ins KZ Dachau überstellt. Die Lagerkartei verzeichnet folgende Eintragung: „Josef Makuch, geb. 10.04.1902 in Letowinia Kr. Mislanica , Häftlingsnummer 29848,  Zugang: 29.04.1942, Schutzhaft“.    
                                       
Die junge Bauerntochter, welche von dem herrschenden Terrorsystem in seinem vollen Umfang noch gar nichts mitbekommen hatte, wurde  am 20. März 1942 in die Hölle des KZ Ravensbrück verbracht. Dort wurde sie kahl geschoren und in die bekannte entwürdigende Sträflingskleidung gesteckt. In einem für die Schneiderei bestimmten Durchschlag einer so genannten Zugangsliste zum Frauenkonzentrationslager Ravensbrück  ist heute noch zu lesen:  „Hilda Eisler, geb. 12.12.1904, Haftnummer: 10369 , pol.,  Verkehr m. Polen“

Von den Aufseherinnen schikaniert und geschlagen wurde die junge brave Frau, welche einem ausländischen Menschen nur Liebe und Menschlichkeit entgegenbringen wollte, zur weiteren Strafe und Abschreckung vorsätzlich ihrer Gebärmutter beraubt. An dieser brutal vorgenommenen Operation wäre sie beinahe verblutet, wenn nicht ein Häftlingsarzt ihr verbotenerweise geholfen und eine Bluttransfusion vorgenommen hätte. Körperlich und seelisch war sie am Ende. Was hatte sie verbrochen? Sie war sich keiner Schuld bewusst. Jetzt war sie allein gelassen und an den Pranger gestellt. Wo waren die Dorfbewohner, wo ihre Jugendfreunde, und was geschah mit ihrem Kinde? Fragen über Fragen und keine Antworten! Diese einfache Frau verstand Gott und die Welt nicht mehr. Wieso wurde sie aus ihrem kleinen beschaulichen Dorf in die Hölle und in das Inferno eines riesigen scharf bewachten Lagers zusammen mit Tausenden anderer Frauen und Mädchen  aus ganz Europa weitab von zu Hause verbracht?  Es war nur ein Zufall, dass Hilda noch überleben konnte, vielmals war sie dem Tode nahe. Lediglich die Solidarität mitfühlender Häftlinge verhalfen ihr zu einem Überleben.

Da einzelne Mitglieder der Familie Eißler doch über die barbarische Behandlung ihrer Angehörigen Hilda im KZ Ravensbrück traurig waren, kam Johann Eißler auf einen perfiden und grausamen Gedanken. Um seine Schwester jetzt aus der Hölle des Lagers zu befreien, beschuldigte er den Polen der Vergewaltigung seiner Schwester. Das war gleichsam das Todesurteil für den nichts ahnenden Josef Makusch im fernen Dachau. Mit dieser falschen Anschuldigung wurde die junge Frau wieder frei und kehrte im Sommer1942 in ihre Heimatgemeinde zurück. Körperlich am Ende musste sie ins Krankenhaus Bruchsal eingeliefert werden, um überhaupt wieder zu gesunden und ihre körperlichen Kräfte zu erlangen.

Auf Josef Makusch, dem Vater ihres Kindes, hingegen wartete der Tod in Helmsheim. Die Henker lechzten bereits nach Blut. Sie wollten auch in der Heimatfront nicht zurückstehen, sondern sich bewehren und dem Beispiel ihrer Kameraden folgen, welche bereits das Leichentuch über ganz Europa gespannt hatten. Nach dem Kriege allerdings wollten sie damit nichts zu tun gehabt haben.

 Am 16.07.1942  wurde der  Häftling aus dem KZ Dachau entlassen und von der SS in das Gefängnis von Bruchsal gebracht. Er dachte zunächst, er käme zurück in das Haus der Familie Eißler, wo sein Kind und deren Mutter auf ihn warten würden. Aber er war nicht in Polen, sondern in Deutschland im Lande der Mörder und Henker. Ausgezehrt und körperlich am Ende musste er zunächst einige Nächte  im Gefängnis in Bruchsal verbringen.

In der Zelle traf er den Bäckergesellen Bauer aus Heidelsheim, welcher wegen Verstoß gegen das Heimtückegesetz inhaftiert war. (Dieser Bäckergeselle von der Bäckerei Clor  hatte beim Vorbeimarsch der SA in den Straßen von Bruchsal verächtliche Bemerkungen geäußert und war denunziert worden). Der Heidelsheimer wollte gleich von dem ehemaligen KZ- Insassen wissen, was sich im einzelnen in dem KZ Dachau abgespielt hatte, wovon man ja außerhalb so vieles munkelte und im Grunde nur Unheimliches ahnte. Der Pole sagte jedoch, er sei zum Schweigen verpflichtet worden, und meinte im übrigen, er käme zurück zur Arbeit im Dorf. Das war jedoch nicht der Fall.

Am 4.August 1942, an einem Sonntag morgen, kam der grüne Gefängniswagen und fuhr mit dem Gefangenen durch Helmsheim. Außerhalb im Gewann Heuert war ein Steinbruch. Dort hatten sich über 150 polnische und russische Zwangsarbeiter aus dem gesamten Umkreis versammeln müssen. Der junge Mann wurde auf einen offenen Pritschenwagen gestellt, der von zwei Pferden gezogen wurde. Der Wagen gehörte dem örtlichen Kohlenhändler Hermann Kohler. An einem Baum wurde der Pole aufgehängt. Dann fuhr die Rolle auf Befehl los. Und der Todeskampf setzte ein. Ein Landsmann namens Julian hatte die traurige Aufgabe, die Leiche abzuhängen.

Der Eintrag des Standesamtes Helmsheim für den amtlichen Totenschein lautet folgendermaßen:

„Der polnische Zivilarbeiter Josef Makuch, katholisch, wohnhaft in Helmsheim, ist am 4. August 1942 um 8 Uhr 12 im Gewann Rätzen verstorben. Eingetragen auf mündliche Anzeige des Gestapobeamten  Oskar Schlagmüller, Kriminalassistent, wohnhaft in Karlsruhe. Der Anzeigende hat sich durch Dienstausweis ausgewiesen. Er erklärt, daß er aus eigener Wissenschaft von dem Sterbfall unterrichtet sei“.

 Bei den älteren Mitbürgern von Helmsheim heißt dieses Gewann heute noch „Henkerswäldle“.

Auch Hilda Eißler war gezwungen worden, anwesend zu sein. Als Abschreckungsmaßnahme für die Dorfbewohner wurde die arme hilflose junge Frau durch das ganze Dorf getrieben. Es war für sie gleichsam ein Spießrutenlaufen, den ganzen Weg von der elterlichen Wohnung zum Hinrichtungsplatz zu gehen, nur begleitet von Karlsruher Gestapobeamten. Kein Dorfbewohner oder Geistlicher begleitete die arme und im Stich gelassene Frau, welche jetzt noch die Hinrichtung ihres geliebten Mannes und Vater ihre gemeinsamen Kindes mit ansehen sollte. Die erlebte Hölle von Ravensbrück war noch in ihrem Kopf unauslöschlich eingebrannt. Und nun das neue Unheil!

Ein großes Aufgebot von Gestapoleuten  und uniformierten SA-Männern war deshalb erschienen, um die Macht des NS-Staates zu dokumentieren und um Angst und Schrecken zu verbreiten. Bekanntlich gab es von Heinrich Himmler einen ausdrücklichen Erlass, welcher allen Polizeidienststellen im Reich bekanntgemacht worden war. Danach sollten alle Liebesbeziehungen zwischen einer deutschen Frau und einem polnischen oder russischen Fremdarbeiter mit drakonischen Maßnahmen bestraft werden. Das sah im Einzelfall so aus, dass eine größere Anzahl von ausländischen Fremdarbeitern und auch deutsche Bürger der öffentlichen Hinrichtung zur Abschreckung beizuwohnen hatten.

Kreisleiter Emil Epp und Bürgermeister Stein nahmen ihre Chancen wahr, den Dorfbewohnern zu demonstrieren, welche Machtmittel das NS-Regime zu bieten hatte und welche persönliche Bedeutung sie selber besaßen, um auch in der „Heimatfront“  für das Großdeutsche Reich zu kämpfen. Sie hielten Ansprachen im bekannten Nazijargon. Beide begrüßten ausdrücklich das Todesurteil mit Erhängung als gerechte Strafe für die begangene Rassenschande. Gleichzeitig warnten sie die versammelten Zwangsarbeiter, Ähnliches zu tun und die deutsche Herrenrasse zu missachten. Ein großer Teil der Einwohner nahm an diesem makabren Schauspiel der öffentlichen Erhängung teil. Es kam zu keiner Empörung oder zu einem Ton der Missbilligung. Man nahm dies alles schweigend hin und ging der täglichen Arbeit nach. Bis 1945 standen die Einwohner geschlossen hinter dem NS- Staat. Nur wenige äußerten nach Kriegsende ihre Abscheu. Und dann wollte man alles Geschehene vergessen. Niemand erhob jemals eine Anklage irgendwelcher Art.

Von welchen Gefühlen und Hassinstinkten die Mörder in Helmsheim erfüllt waren, äußert sich an dem makabren Geschehen nach der erbarmungslosen Erhängung.  Die Leiche wurde an die Anatomie der Universität Heidelberg verkauft. Den Erlös für den Verkauf vertranken der NS-Bürgermeister Engelbert Stein, Kreisleiter Emil Epp und weitere NS-Kameraden anschließend in dem Bruchsaler Restaurant „Zur Scheffelhöhe“ in einem speziell dafür arrangierten Zechgelage.

 Nach diesem schrecklichen Verbrechen ging die Leidenszeit für die junge Mutter und ihr Kind Irene aber weiter. Das ganze Dorf verharrte in Feindschaft und Ablehnung. Neben dem unmenschlichem Vorwurf der „Rassenschande“ kam der Makel der unehelichen Geburt.

Hier ist besonders zu erwähnen, dass der evangelische Ortspfarrer Ludwig Ochs, welcher aus Heidelsheim die evangelische Nachbarkirche in Helmsheim betreute und die ihm anvertraute evangelisch getaufte Familie Eißler kannte, und die gesamte evangelische Kirchengemeinde Helmsheim in keiner Weise christliche und menschliche Hilfe und Solidarität erwiesen haben. Auch von der Luther-Kirche in Bruchsal kam keine Hilfe. Man schloss sich der allgemeinen NS-Haltung an. Dieser unheilige Zeitgeist herrschte in ganz Deutschland, dies war nicht auf diese kleine Gemeinde Helmsheim beschränkt.

Auch der evangelische Amtsbruder des Pfarrers Ochs, der rhetorisch versierte Vikar und NS-Mitglied Kramer von der Lutherkirche in Bruchsal, betete z.B. jeden Sonntag voller gläubiger Inbrunst in seinem Gottesdienst „zu unserem Herrn Jesus Christus, damit dieser unserem geliebten Führer Adolf Hitler in seinem Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus beistehen möge“.(Diese Äußerungen des Nazipfarrers habe ich selbst als Kind gehört und deshalb in bleibender Erinnerung, weil mein Vater, ein einfacher Arbeiter, deswegen bis zu seinem Tode nie wieder seine Lutherkirche aufsuchen wollte. Die Zerstörung dieser Kirche am 1.März 1945 durch einen Fliegerangriff sah er als die gerechte Strafe Gottes an, weil ein Hassprediger hier ungehindert hatte wirken können).

Der katholische Ortspfarrer Eckert kümmerte sich weder bei der Hinrichtung um die Opfer noch danach. Der junge Pole war ein gläubiger Katholik gewesen und hätte eine kirchliche Beerdigung verdient gehabt. Sogar noch nach Kriegsende kam nie eine seelsorgerische Hilfe für die hinterbliebenen geschundenen Menschen. Die uneheliche Geburt des armen hilflosen Kindes Irene war ja der „christliche Makel“ oder wie es die damaligen Christen nannten „die öffentliche Schande“ für das christliche Dorfgemeinde.

Polen und Russen galten ohnehin als slawische Untermenschen. Diese Propaganda wurde vielfach geglaubt und akzeptiert. Ich selbst sah mit eigenen Augen, wie die russischen Fremdarbeiter bei dem Bruchsaler „Bauernführer“ Franz Wolf in der Badstraße,  Bruchsal, anfänglich ihr Essen mit bloßen Händen aus dem Schweinetrog herausholen mussten. Zum Übernachten waren sie in den  Stall verbannt oder in den Heuboden gezwungen. Erst später, als dieser einfache an sich gut katholische Bauer mental mitbekam, dass hier Menschen waren und keine Tiere, ließ er ihnen einen bessere Behandlung zukommen.

Obwohl im Nazireich auf Abtreibung hohe Strafen standen, sollten Schwangerschaften bei den ausländischen Zwangsarbeiterinnen nicht ausgetragen werden. Im benachbarten Gochsheim mussten ukrainische Fremdarbeiter in der Ziegelei Bott  Fronarbeit leisten und waren dort in Steinbaracken untergebracht. Als eine Ukrainerin nun tatsächlich schwanger geworden war, musste sie in Begleitung der Aufseherin die 15 km Entfernung zum Krankenhaus Bruchsal zu Fuß zurücklegen. Dort wurde  - ohne Einspruch der Ärzte oder des Krankenhauspfarrers – die Abtreibung vorgenommen. Anschließend musste die gequälte ukrainische Frau den langen Fußmarsch zurück auf sich nehmen, während die Aufseherin mit dem Fahrrad neben ihr herfuhr und sie noch zur Eile antrieb.

Eigentümer der Ziegelei war die katholische Familie Bott. Die Seniorchefin, aus einer an sich wohlhabenden Familie stammend,  war den Bruchsalern deshalb1938 aufgefallen, weil sie im Gasthaus “Zum Löwen“ als Ersteigerin von jüdischem Hausrat, insbesondere von Gemälden, auftrat. Die beiden Töchter heirateten die Brüder Dr. Hans und Karl Jäger. Dr. Jäger von Beruf Staatsanwalt war der Juniorchef der Ziegelei Bott.

Karl Jäger war ein Günstling des Kreisleiter Epp und konnte gleich nach 1933  das jüdische Wellpappenwerk Weil arisieren. Vom Einzug in die Wehrmacht wurde der Parteigenosse und Wehrwirtschaftsführer 1939 verschont. Ende 1944 wurde von jedem Betrieb in Bruchsal eine Arbeitskraft zu Schanzarbeiten ins Elsass abkommandiert. Von dieser Zwangsmaßnahme wurde der Betriebsinhaber ebenfalls verschont. Dafür musste mein 30 Jahre ältere Vater, welcher im Wellpappenwerk beschäftigt war, die gefährliche Reise an die Front antreten.

Gleich zu Beginn des Krieges wurden dem Betrieb über 50 polnische und ukrainische Frauen zur Zwangsarbeit zugeteilt. Einen Arbeitslohn erhielten sie nicht. Das Anwesen durfte nicht verlassen werden, auch nicht an den Wochenenden. Besuche von Zwangsarbeitern aus den umliegenden Betrieben waren weiterhin nicht erlaubt. Im Keller unterhalb der Fabrik mussten die armen rechtlosen Frauen hausen. Heizung im Winter gab es nicht, fernerhin keine ärztliche Versorgung. Die katholische Familie Bott/Jäger  dachte auch keineswegs an eine seelsorgerische Betreuung ihrer Arbeitssklaven.

In den neunziger Jahren verstarb Frau Jäger mit dem kirchlichen  Segen von Hofpfarrer Neidinger versehen, welcher ihr am Grab mit Gottes Hilfe eine  Wiederauferstehung versprach.  Angesprochen auf eine materielle Entschädigung für die Zwangsarbeiter ließ mir die Familie Jäger mitteilen, dass sie dazu keine Veranlassung sähe. Schließlich hätten die Deutschen von jenseits der Oder und Neiße auch ihre Heimat verloren. Dass die als rassisch minderwertig angesehenen Mädchen und Frauen aus Polen und der Ukraine ohne Lohn unter harten Bedingungen hatten arbeiten müssen, während der Ertrag ihrer Arbeit in das Privatvermögen der Sklavenhalterfamilie Karl Jäger floss, war demnach kein Thema der reuigen Anerkennung von Schuld und Sühne auch nicht in der Zeit nach Erlangung von Recht und Ordnung in dem neuen Deutschland.

Vergleicht man allerdings das Los der Millionen Zwangsarbeiter im gesamten Imperium der Nazis mit den Bruchsaler Verhältnissen so waren die Verhältnisse anderswo weit grauenhafter. In den besetzten Ländern, namentlich in Osteuropa, oder  in den unterirdischen Rüstungsanlagen sowie bei großen deutschen Unternehmen galt die Devise der physischen Auslöschung der rassisch minderwertigen Ostmenschen  durch Fronarbeit und Hungerrationen.

Dass in Helmsheim durchaus die Möglichkeit gegeben war, in jenen finsteren Tagen der Liebe eine Chance zu geben, beweist das Schicksal zweier junger Mädchen, welche noch keine fünfzehn Jahre alt, aber körperlich früh entwickelt waren. Beide waren gute und vertraute Freundinnen. Die eine war eine relativ wohlhabende Bauerntochter und entstammte der Sägemühle Röthinger. Sie hatte ein Verhältnis mit dem polnischen Fremdarbeiter, welcher bei den Eltern arbeitete. Das junge Mädchen wurde schwanger und gebar ein Kind, es ließ die Eltern im unklaren, wer der  Kindesvater war. Vielleicht ahnten die Eltern den wahren Sachverhalt. Aber die ganze Familie hielt zusammen, und man konnte  den Zusammenbruch des Hitlersystems ungefährdet überleben. Danach heiratete das junge Paar und wurde eine glückliche Familie. Die andere Jugendfreundin hatte ein Liebesverhältnis mit einem deutschen Soldaten gehabt und gebar auch ein Kind. Der evangelische Ortspfarrer Ochs allerdings weigerte sich indessen,  die beiden jungen Mädchen zur Konfirmation zuzulassen, weil sie uneheliche Kinder geboren hatten.

In diesem Zusammenhang muss man sich vor Augen halten, in welcher geistigen Schizophrenie die damaligen Deutschen lebten. Obwohl die überwiegende Mehrheit kirchentreue Mitglieder ihrer Kirchen waren, fand man nichts dabei, 1939 das katholische Polen mit einem brutalen Vernichtungsfeldzug zu überziehen. Möglicherweise trug zu dieser Geistesverwirrung die Haltung führender deutscher Bischöfe bei. Erzbischof Conrad Gröber aus Freiburg war bereits 1933 Ehrenmitglied der SS geworden und trat nie wieder aus dieser Organisation der Mörder aus. In einem Hirtenbrief an seine Soldaten aus seiner Erzdiözese im Jahre 1939 schrieb er folgenden Satz: „Deutsche Soldaten, Ihr kämpft für deutschen Boden und deutsches Blut. Der Soldatentod ist die höchste Auszeichnung auch für einen wahren Christen. Miesmacher und Meckerer sind schlimmer als der Franzmann, der mit dem Gewehr auf uns zielt“. Also für Widerstandskämpfer wie die Geschwister Scholl hatte dieser Oberhirte im Grunde nichts übrig.

Vor diesem Hintergrund aus betrachtet, kann man sehen, dass das Leben für Hilda Eißler in ihrer kleinen Gemeinde weiterhin eine tägliche Hölle war. Sie blieb allein,verfemt und ohne jede Hilfe und Unterstützung in ihrer Umgebung. Das Kind Irene wurde nicht einmal in den evangelischen Kindergarten aufgenommen. Andere Kinder zogen sich von ihr zurück, wenn ihre Eltern von dem Umgang mit dem Polenkind erfuhren.

Der Tod der Großmutter Karoline 1949 beraubten Mutter und Kind noch der letzten Stütze und Vertrauensperson. So war das Leben nach 1945 weiterhin sehr mühsam. Krank von der Tortur in der Hölle von Ravensbrück,  traumatisiert, war  sie ein Leben lang arbeitsunfähig und damit ohne Einkommen. Hilda und ihr Kind waren auf Gnade und Barmherzigkeit einzelner und weniger Einwohner angewiesen. Sie blieb vereinsamt, isoliert und ausgeschlossen. Das ging so bis zu ihrem Sterbejahr 1978. Selbst auf dem Friedhof am Grab der gemarterten Frau gedachte man mit keinem Wort des Bedauerns ihres erlittenen Schicksals.

Sie hatte niemals eine menschliche Solidarität aus ihrer Umgebung erfahren können. Das ganze Dorf zeigten Mutter und Kind stets die kalte Schulter. Es war gleichsam so, als hätten die Opfer eine schwere Schuld begangen. Dabei war der junge Mann aus dem fernen Polen in ein bis dahin wohl geordnetes Land gekommen, in eine kleine Gemeinde, in deren Mittelpunkt eine Dorfkirche stand, wo Christenmenschen lebten, die getauft und konfirmiert worden waren und sonntags gläubig und friedlich in ihrem Gotteshaus der Verkündigung des Wortes jenes Gottes lauschten, zu welchem sie vorgaben zu beten. Was für ein unbekannter Gott muss das gewesen sein, dass ihre Herzen und Seelen so kalt blieben, als man ihre Mitschwester Hilda grausam und gleichgültig allein ließ in einer Situation, die man keinem Menschen zumuten konnte. Dies ist die wahre Tragik jener Ereignisse. Hilda und Josef mussten dieses Martyrium bis zum Ende ihres Lebens jeder ganz allein auf sich gestellt auf sich nehmen und tragen.

Bis heute hat sich noch niemand bemüßigt gefühlt, diese furchtbare Katastrophe, welche ein einfaches und braves Par und ein unschuldiges Kind traf, zu würdigen und zu bezeugen. Die Angehörigen des polnischen Fremdarbeiters erfuhren nie vom Schicksal ihres Landsmannes.

Mehrmals ersuchte Hilda Eißler ab dem Jahre 1955 um eine Hilfe durch das Amt für Wiedergutmachung in Karlsruhe. Alle ihre Anträge wurden abgeschmettert. Ihr Fall sei keine politische Angelegenheit gewesen. So lauteten die abschlägigen Bescheide auf ihre wiederholten Anträge und Gesuche durch die Behörde in Karlsruhe. Sogar der Bürgermeister Schwedes und seine Gemeinderäte lehnten in ihren Stellungnahmen an die Wiedergutmachungsbehörde die Ansprüche von Hilda Eißler und ihrem Kinde Irene entschieden ab. Am 27.09.1956 teilt das Landesamt für Wiedergutmachung in seinem Bescheid an Hilda Eißler mit: „Der Antrag wird abgewiesen. Berufung auf das Gesetz v. 29.06.1956. Nach diesem Gesetz haben nur politische Gegner des NS-Regimes, parteilich Verfolgte und Vertriebene Anspruch auf Wiedergutmachung. Obwohl Ihnen Unrecht geschehen ist, konnte Ihren Anträgen nicht stattgegeben werden. Die gesetzlichen Voraussetzungen sind nicht erfüllt“. Gez .i .V. Hafner

Damit blieb die Familie sogar  nach dem Kriege ohne eine Versorgung. Obwohl wieder Demokratie und Ordnung in Deutschland zurückgekehrt waren, hatte sich für die geschundenen Opfer nichts geändert. Für die Hitlersoldaten gab es indessen Kriegsopferrenten oder für deren Hinterbliebene Witwen- und Waisenrenten. Wer für den Führer gewesen war, wurde nachträglich noch belohnt, und wer gegen ihn gewesen war, der sollte anscheinend bestraft werden. Diese Situation galt im übrigen für ganz Deutschland. Liebe war keine politische Handlung. Siehe hierzu: Heinrich Thies: „Wenn Hitler tot ist, tanzen wir“, Verlag Hoffmann und Campe, 2004.

Es ist bemerkenswert zu berichten, dass ein ehemaliger SS-Angehöriger namens Steiner aus Helmsheim nach dem Kriege eine leitende Stelle in der Stadtverwaltung Bruchsal bekleiden konnte, er fand ebenfalls keinen Anlass, den Opfern irgendwie beizustehen. Irene Eißler war ja aus der Gemeinschaft der Dorfbewohner durch ihre verbotene Liebesbeziehung mit einem Angehörigen des Feindstaates Polen ausgetreten. Insofern hatte sie sich schuldig gemacht. Wieso sollte sie für ihren Verrat belohnt werden.

Nach dem Kriege konnten sich die überlebenden SS-Verbrecher zu einer Hilfsvereinigung der HIAG zusammen schließen und ihre „Versorgungsrechte“ geltend machen. Die Träger von Adolf Hitlers „Ritterkreuz“ bildeten voller Stolz eine Ordensgemeinschaft und trafen sich sogar genau an jenem makabren Platz in Bruchsal, wo das Fallbeil der Naziguillotine jahrelang gewütet hatte,  von der neuen politischen Prominenz und Vertretern beider Konfessionen wohlwollend und mit Beifall begrüßt. Dass am  ersten März 1945 die Stadt Bruchsal durch einen verheerenden Bombenangriff zu über 80 % zerstört worden war und beinahe 1.000 Menschen ums Leben kamen, weil Adolf Hitlers Eiserne Garde nicht kapitulieren wollte, die man jetzt willkommen hieß, zeigt die moralische Niedertracht und die nach wie vor bestehende Verbundenheit der Lobredner beim Empfang der auf ihren „Führer“ eingeschworenen Kriegsverlängerer.
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Wie sah dagegen das Schicksal der Täter aus nach dem Kriege?

Der fanatische Ortsbürgermeister Engelbert Stein hatte selbst kurz vor dem Einmarsch der Franzosen die Bürger seiner Gemeinde zum „Kampf bis zum letzten Stein“ aufgerufen. In Helmsheim und in der Umgebung gab es noch heftige Kämpfe und einige Tote, weil die verschworene NS-Volksgemeinschaft an das unvermeidliche Ende ihrer Herrschaft nicht glauben wollte.  Bürgermeister Stein versäumte nicht, einige wichtige Akten aus dem Rathaus zu schaffen. In der gegenüberliegenden Bäckerei Feldmann ließ er die ihn möglicherweise kompromittierenden Schriftstücke im Backofen verbrennen.  Dann flüchtete er nach Bayern. 1946 kam er still und leise zurück.

Wie es damals so üblich war, ließen sich die ehemaligen Nazis „Persilscheine“ ausstellen, um wieder als „Entlastete“ oder als harmlose „Mitläufer“ zu gelten. Besonders die Kirchen taten sich hier in christlicher Nächstenliebe hervor. So soll die evangelische Schwesternstation aus Helmsheim gegenüber Engelbert Stein lt. Spruchkammerakten sehr hilfreich gewesen sein. Er erhielt lediglich eine Geldstrafe von RM 100,- . Weiterhin soll er dann mit Unterstützung des damaligen Landrates Leo Weiß zum Leiter der neu geschaffenen Obstmarktgroßhalle Bruchsal eingesetzt worden sein. Dort bestimmte er die Preise für die Obst- und Gemüsebauern seiner Gemeinde, so dass diese schwiegen. (In den sechziger Jahren gehörte er zu den Mitbegründern der NPD, deren Wiederaufstieg er mit seinen alten Kameraden gebührend feierte).

Kreisleiter Epp wurde von der Anklage wegen Beihilfe zum Mord später freigesprochen. Er konnte in den Folgejahren völlig ungeschoren ein Speditionsunternehmen betreiben. Der Bruder Johann, welcher den Verrat an seiner Schwester begangen hatte, beging nach 1945 in Oberacker Selbstmord. In den Unterlagen des Standesamtes von Oberacker ist das Datum des Todes nur mit dem Jahr 1945 angegeben, der genaue Tag konnte nicht ermittelt werden.

Vor ca. 20 Jahren suchte ich den damaligen Gemeindevorsteher Eißler auf und fragte diesen nach einem Gedenkstein für den ermordeten Polen. Er antwortete mir, dafür würden die Einwohner kein Verständnis haben. Auf der Kriegertafel der gefallenen (Hitler)Soldaten sei kein Platz für einen Zwangsarbeiter, der Rassenschande betrieben und ein uneheliches Kind gezeugt habe.

Ich bin daher der Meinung, dass nunmehr endlich eine Rehabilitierung der Opfer stattfinden soll. Josef Makusch und Hilda Eißler wollten in einer Zeit der Unmenschlichkeit gegenseitig Liebe, Freundschaft und Menschlichkeit zeigen und leben, während ihre Umgebung Verbrechen und Mord in Deutschland und Europa zum Ziel hatte. Ihr Schicksal, ihr ungeheures Leiden und ihre erlittenen Torturen dürfen und können nicht vergessen werden. Wir alle müssen und sollen ein ehrendes Gedenken bewahren.

Es stellt sich weiterhin die Frage nach einer materiellen Entschädigung der  Opfer für erlittenes Leid. Diese ist ja von der Gemeinde Helmsheim systematisch verhindert worden. Durch die Eingemeindung nach Bruchsal ist dies eine Aufgabe für unsere Stadtverwaltung.

In diesem Zusammenhang darf ich auf einen offensichtlichen Skandal bzw. auf eine amtliche Fälschung aufmerksam machen. Wie ich feststellen konnte, wurde bei der Eintragung in das offizielle Standesamtsregister der Stadtverwaltung Bruchsal als Todesursache für den ermordeten Polen Josef Makuch der Vermerk „verstorben“ angegeben. Richtig müsste es dagegen heißen: „ermordet“.
 
P.S. 1956 stellte ich bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe Strafantrag gegen Kreisleiter Emil Epp wegen Beihilfe zum Mord. Dieser hatte ja als Mittäter die Verhaftung der Opfer eingeleitet und die Hinrichtung aktiv und mit seiner Ansprache billigend begrüßt. Da unsere Justiz zwischenzeitlich wieder weitgehend von früheren Nazijuristen besetzt war, ließ man die Anklage fallen. Der ermittelnde Kriminalist Heinrich Lohr, SPD-Gemeinderat, teilte mir mit, dass er für eine materielle Entschädigung von Frau Hilda Eißler und für das Kind Irene sorgen wolle. Dies geschah jedoch nicht. Auch der damalige Landrat Dr. Friedrich Müller, SPD-MdL, setzte sich in keiner Weise für das Opfer aus seinem Wahlkreis ein, obwohl er dazu viele Möglichkeiten gehabt hätte.

Nachbemerkung:

Für die heute lebende und für die nachfolgenden Generationen soll doch noch von einem Zeitzeugen wie mich etwas Erläuterndes gesagt werden, damit die Dramatik des o.a. Geschehens in vollem Umfang verstanden werden kann:

Das NS-Terrorsystem setzte sofort ab 1933 die rechtsstaatliche Ordnung aus, es gab keine Menschenrechte mehr. Durch den Ausbau des Polizeiapparates, verstärkt durch die Gestapo und das Reichssicherheitshauptamt der SS, des SD und mit Hilfe neu etablierter Konzentrationslager im gesamten Reich war flächendeckend das Volk unter Kontrolle der staatlichen Macht gebracht worden. Die NSDAP als einzige Staatspartei, die Verbrecherorganisationen von SA und SS verstärkten das System. Ein weiteres Machtinstrument wurde die neue Wehrmacht mit der zweijährigen Wehrpflicht. Hier war bedingungsloser Kadavergehorsam vorherrschend. Aus einem Individuum wurde dort ein willenloses Kollektivwesen, welches zu unbedingten Gehorsam eingeschworen wurde.  Die neu eingeführte Militärjustiz fällte allein bis 1945 über 50.000 Todesurteile. Und die Militärrichter waren gnadenlos. Zusammen mit dem einjährigen Reichsarbeitsdienst führte dies zu einer Militarisierung der Gesellschaft.

Um alle Volksschichten zu erfassen, wurden neue Organisationen geschaffen: Hitlerjungend, NS-Frauenschaft, BDM, NSKK etc. Jedermann sollte in der Partei oder in irgendeiner Organisation sein. Private Vereine und freie Organisationen gab es nicht mehr. In der Presse und im Rundfunk konnte man nur eine gleichgeschaltete Propaganda auf primitivstem Niveau vernehmen. Feindbilder wurden dem Volk vorgehalten.

Die Unterdrückung der Geistesfreiheit führte zu einer unglaublichen Zensur des Denkens und der Manipulation der Gehirne in jeder Hinsicht. Die permanente Erziehung zum Bösen war die dauernde Staatsaufgabe. Der Antisemitismus hatte sogar zur Folge, dass allein über fünf Millionen jüdische Mitbürger in Europa getötet wurden. In Deutschland ging gleich zu Beginn die Ausraubung der jüdischen Mitbürger vor sich. Das breite Volk konnte und sollte sich hier seinerseits an diesem Raub bedienen, um seine Zustimmung zu geben. Ein Leichentuch breitete sich über ganz Europa aus.  Nach Beginn des Krieges ging die Ermordung und Beraubung in den eroberten Nachbarländern im großen Stile weiter. Generalfeldmarschall von Manstein genierte sich z.B. nicht, die von den ermordeten Juden geraubten goldenen Taschenuhren für sich und seine  Offiziere an sich zu nehmen. Von der Ausplünderung ganz Europas lebte im übrigen sogar die Wehrmacht, wie überhaupt das besetzte Ausland gegen alles Kriegsrecht zur Finanzierung des Feldzuges der deutschen Barbaren beitragen musste.

Widerstand im großen und im kleinen konnte es in einem solchen System nicht geben. Das Motto der Barbaren lautete ja: „Ein Reich, ein Volk, ein Führer“. Nach diesem Grundsatz wurde gehandelt. Moralische Skrupel gab es keine mehr. Wehrmacht, Justiz und auch die Universitäten befolgten diesen Grundsatz mit absolutem Gehorsam. Es waren nur ganz vereinzelte tapfere Menschen, die sich wehrten. Diese büßten dann dafür mit ihrem Leben oder mit ihrer Gesundheit. Oder sie waren als „Vaterlandsverräter“ ausgegrenzt. Sogar noch nach Kriegsende! Deserteure und ihre Angehörigen erhielten keine Kriegsopferversorgung.

Weil die deutschen Volksgenossen  durch diese Manipulation und die damit erzielte Veränderung ihrer ganzen Persönlichkeit und Mentalität weitgehend mit dem NS-System eins wurden, stellte sich die unglaubliche Lage ein, dass der Diktator – welcher im übrigen ein Leben lang von einem krankhaften Wahn getrieben war -  zum geliebten Führer seines Volkes werden konnte. Anders ist es nicht zu verstehen, dass das gesamte deutsche Volk an der Front und in der Heimat in der Rüstungsproduktion mit einer bis heute nicht mehr erreichten Energie und einem unglaublichen persönlichen Einsatz für das Regime eintrat. Klaglos verbrachte man die Bombennächte in den Kellern. Man nahm bis zum bitteren Ende 1945 den Verlust von Hab und Gut oder der Heimat hin. Man opferte sogar seine eigene Gesundheit und sein Leben, um dem „geliebten Führer“ zu dienen. Desertionen an der Front waren selten. Man zog den Heldentod vor. Keiner hatte überhaupt ein  Unrechtsbewusstsein bei der Ermordung der Kriegsgefangenen oder bei der Ausbeutung und Tötung der Millionen Zwangsarbeiter.

Die deutschen Bischöfe, vor allem die evangelischen, welche völlig frei und ungehindert  ihres Amtes walteten und kraft ihres Amtes ein mahnendes Wort hätten sagen müssen, schwiegen alle und gratulierten von sich aus freiwillig und ohne Zwang mit Hingabe dem Führer des KZ-Staates bis 1945 jährlich zu seinem Geburtstag und wünschten ihm jedes Mal hierzu noch Gottes Segen. Dieser Gott war jedenfalls nicht der Gott der ermordeten Juden und der vielen Millionen anderer Opfer aus ganz Deutschland und Europa.

Papst Pius XII verurteilte weder ex pressis verbis noch durch aktive Diplomatie den mörderischen Überfall auf Polen 1939 noch das beginnende Morden in den osteuropäischen Ländern. Das Auslöschen des europäischen Judentums nahm er völlig passiv zur Kenntnis. Der ehemalige Staatssekretär im Ribbentrop- Ministerium gehörte mit seinem Kollegen Dr. Luther, ebenfalls Staatssekretär im AA,  zum Täter- und Mitwisserkreis der berüchtigten Wannseekonferenz. Mit seinem Wissen über die bevorstehende Judenvernichtung ging er nach Rom.und wurde Botschafter beim Vatikanstaat. Hier lernte Ernst von Weizsäcker durch seine Besuche im Vatikan die Führungskreise des Weltkatholizismus kennen. Mehrmals traf er den Papst in Privataudienzen und fernerhin eine Vielzahl von Kardinälen. Hiermit wurde er in die Lage versetzt, auf Grund seiner erworbenen persönlichen und intimen Kenntnisse über die Person des Papstes Eugenio Pacelli und der  Haltung des Vatikanstaates zur Judenfrage in die Mordzentrale nach Berlin berichten zu können, dass die deutsche Staatsführung wegen der Liquidierung der Glaubensbrüder von Jesus Christus mit keiner Intervention durch die Führung der Katholischen Kirche zu rechnen brauche. Diese entscheidend wichtige  Information war damit letztlich das endgültige Todesurteil. Ernst von Weizsäcker war übrigens ein Duzfreund  von Heinrich Himmler, Generalleutnant der SS ehrenhalber, und hatte bereits als Staatssekretär im Außenministerium die Aufgabe gehabt, die ausländischen Juden in den besetzten Staaten aus deren nationaler Staatsangehörigkeit zu lösen, damit  sie dann von den deutschen Besatzungsbehörden zum Abtransport in die Vernichtungslager gebracht werden konnten.

Der evangelische Christ von Weizsäcker machte sich weder um die ausländischen Fremdarbeiter noch um die Juden irgendwelche Gedanken, denn sein Martin Luther hatte bekanntlich die Juden schon viel früher ins Abseits zur Eliminierung gestellt und zur Verbrennung der Thorabücher und der Synagogen aufgerufen.

Das Verbrechen in Helmsheim ist daher hingenommen worden, weil niemand Widerstand leisten und helfen wollte. Was für die Juden galt, war mutatis mutandi auch für die „Untermenschen“ aus dem Osten der Fall. Dieses kleine Dorf war mithin nur ein unbedeutendes Rädchen in der Mordmaschinerie der deutschen Henker.

Wirklich schlimm und enthüllend ist jedoch, dass auch nach Beendigung der Schreckensherrschaft der braunen Barbaren keiner da war, um der Opfer aus dieser kleinen und überschaubaren Gemeinde zu gedenken und sie zu würdigen. Vergebens haben die Angehörigen des ermordeten Polen auf eine Nachricht über das Schicksal ihres Familienmitgliedes bis heute gewartet. Nie erhielten diese jemals eine mitfühlende trauernde Anteilnahme von den Bewohnern des Ortes, wo das grausame Verbrechen stattfand. Welche Gefühle hatte wohl die Mutter des Ermordeten in dem kleinen und armen Polen, wenn sie voll Sehnsucht auf die Rückkehr ihres in dem großen Lande der Barbaren ermordeten Sohnes wartete, von dessen Schicksal sie nie etwas erfahren durfte. Denn die Mörder und deren Umwelt pflegten die Omerta, das Gesetz des Schweigens und Vertuschens.

1945 ließen die US-Besatzungsbehörden in der ganzen Stadt Bruchsal Plakate aufhängen, um Augenzeugen über den Synagogenbrand von 1938  zu ermitteln. Kein Bruchsaler meldete sich, um zu helfen, die Brandstifter zu ermitteln. Warum wohl? Die Bevölkerung war ja als Kollektiv mit dem NS- System so verbunden und eingeschweißt gewesen, dass man sich mehr mit den Nazis und deren Welt des Unrechts solidarisch empfand und immer noch verbunden fühlte. Die Maßstäbe von Moral und Recht, die in einem langen Prozess der kulturellen Menschheitsgeschichte von großen Philosophen und vorbildlichen Menschen entwickelt und erkämpft worden waren, waren doch tatsächlich der Mehrheit des deutschen Volkes verloren gegangen.

Heute erfahren wir zu unserem Entsetzen, dass sogar die Massenmörder aus der Mordzentrale des Reichssicherheitshauptamtes  der SS und des SD sowie der Gestapo in Berlin nahezu vollständig reaktiviert worden sind, das Bundeskriminalamt BKA errichtet haben und auch in weiteren Bundesbehörden tätig geworden sind. Das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof, wo die braunen Seilschaften ebenfalls fortwirkten, lehnten alle Entschädigungsansprüche der Opfer, z.B. Zwangsarbeiter, entschieden ab.

Diese Rechtspraxis unserer höchsten Gerichte kommt nicht von ungefähr. 2008 verstarb der Vizepräsident des Bundesgerichtshofes Professor Dr. h.c. Stimpel im Alter von 91 Jahren. In  einer  Todesanzeige in der FAZ erwähnten die Familienangehörigen voll stolzer Trauer, dass dieser Bundesrichter Träger des „Ritterkreuzes“ war. Aus der Hand des geliebten Führers Adolf Hitler hatte dieser die Auszeichnung für seinen heldenhaften Einsatz, der letztlich zur Erhaltung des KZ- und Verbrecherstaates von Großdeutschland diente, erhalten. Daher braucht man sich nicht wundern, dass neben solchen Kriegshelden kein Platz für deren Opfer  bleibt. Dies ist die Moral in Deutschland auch 60 Jahre nach Hitlers Tod. Nicht nur die Angehörigen des Vizepräsidenten hielten das Gedenken an den verstorbenen Hitler-Ritterkreuzträger hoch, sondern auch die Mehrzahl der Kollegen des Bundesgerichtshofes  und des Bundesverfassungsgerichtes solidarisierten sich mit dem ehemaligen Kämpfer aus Adolf Hitlers Eisernen Garde, denn auch die neue junge Richtergeneration, welche mit dem Nazisystem nichts zu tun hatte und daher unbelastet bezeichnet werden kann, distanzierte sich in keiner Weise von ihrem Kollegen „Ritterkreuzträger“. Bei den Entschädigungs- und Wiedergutmachungsprozessen  herrschte weitgehend der alte Nazigeist.

Wie Rainer Kaufmann in seiner Untersuchung über die Bruchsaler Nazijustiz - “Seilersbahn – Ein Weg Geschichte“ - beschreibt, wurden im Areal des dortigen Wehrmachtsgefängnisses im Fließbandverfahren Hunderte von Menschen verschiedener Nationalitäten durch das Fallbeil geköpft. In ganz Deutschland waren es über 50.000 Opfer, die durch die deutsche Justiz, Staatsanwälte und Richter von Zivil- und Militärgerichten, zu Tode gebracht worden sind. Die Mehrzahl dieser Juristen konnte nach 1949 wieder zu Amt und Würde gelangen. Marinerichter Dr. Hans Filbinger konnte sogar Ministerpräsident werden, obwohl er elsässische Deserteure und deutsche Marinesoldaten zum Tode verurteilen ließ.

In der Gemeindeverwaltung Helmsheim kümmerte man sich folglich in keiner Weise um die hilflosen Opfer. Das gleiche war bei der Stadt Bruchsal der Fall. Der dortige Oberbürgermeister Bläsi setzte sich dagegen vehement für die Begnadigung eines in Frankreich wegen Geiselerschießung zum Tode verurteilten Bruchsaler Soldaten namens Hans ein. Erzbischof Gröber wurde hinzugezogen, bis die Begnadigung erreicht wurde. Dieser famose Erzbischof zeichnete sich besonders dadurch aus, dass er im Fließbandverfahren „Persilscheine“ für ungezählte Nazis ausstellen ließ. Für die polnischen Zwangsarbeiter, die in seiner Erzdiözese zwangsweise leben mussten und alle katholisch getauft und in der Mehrzahl religiös waren, hatte er die ihm von Jesus Christus als Oberhirte aufgetragene Aufgabe der religiösen Betreuung in keiner Weise wahrgenommen. Er folgte hier dem Beispiel des Vatikanstaates, welcher  hochrangigen NS-Verbrechern wie Eichmann und Stangl etc. Reisepässe und Reisetickets verschaffte.

Die US-Besatzungsmacht verteilte in großzügiger Weise  Care-Pakete an Politiker und Kirchen. Dort verblieben sie oder wurden an deren Freunde weitergereicht. Die geschundene Frau Eißler und ihr Kind erhielten nichts.

Schon Friedrich Nietzsche entlarvte das Christentum als eine Religion ohne Menschlichkeit. Die geschundene Familie Eißler durfte diese Erkenntnis des großen Philosophen realiter selbst erleben und brauchte hierzu kein Studium der Philosophie und der Menschheitsgeschichte.

Der Vernichtungsfeldzug der braunen Barbaren bleibt demnach in Deutschland auch heute noch ungesühnt. Es hat hier immer die Fähigkeit zum Trauern gefehlt. Es ist daher kein Wunder, dass der große Albert Einstein es bis zu seinem Tode abgelehnt hat, in das Land der Massenmörder zurückzukehren.

Rückblickend auf die Geschehnisse in dem kleinen Dorf Helmsheim könnte man mit dem Philosophen Arthur Schopenhauer sagen, „es ist eine Verruchtheit an das Gute im Menschen zu glauben“. Allerdings sollte man nicht verkennen, dass es sich in diesem konkreten Falle im großen und ganzen um einfache Menschen und ihr bescheidenes Leben handelte, die eben nach Law and Order der nach Martin Luther von Gott eingesetzten Obrigkeit zu gehorchen hatten, im Guten wie im Schlechten. Und man sollte nicht vergessen, die gesellschaftlichen und kulturellen Vorbilder und Meinungsführer, welche über einen entsprechenden Bildungsgrad verfügten und aus gut bürgerlichen Familien mit hohen Bildungsansprüchen entstammten, waren ihrerseits dem braunen Regime mit Haut und Haar verfallen. Was blieb dem „kleinen Mann“ anderes übrig, zu tun?

Hier gab Albert Einstein wiederum den Deutschen einen Rat, als man in seiner Geburtsstadt Ulm nach 1933 einen Straßennamen, der nach ihm benannt worden war, geändert hat und dann nach 1945 erneut nach ihm bezeichnen wollte. Er sagte: „Am besten ist es, wenn die Deutschen die Straße gleich als „Windfahnenstraße“ dokumentieren würden,  dann hätte man bei jedem Gegenwind die richtige Wahl getroffen“.

© Dr. Edmund Geckler

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Kommentare

Mord von Helmsheim 1942

Sehr geehrter Dr. Geckler
Als in Helmsheim lebender Mitbürger war (bin) ich sehr erschüttert über
Ihre Veröffentlichung. Ich wußte darüber nicht bescheit.
Möchte Ihnen aber auch schreiben,daß es auch anders geht.
Mein verstorbener Schwiegervater stammt ebenfalls aus Polen
und wurde 1941 als 17jähriger mit seinen Eltern nach Deutschland
in die Nähe von Totnau(Schwarzwald) auf einen Bauernhof eingewiesen.
Laut seinen Aussagen verbrachte er dort eine schöne Kindheit .Mit dem
gleichaltigen Sohn der Bauernfamilie verband ihn eine feste Freundschaft
die bis in die heutige Zeit (er verstarb 2011) galt.
Nach dem Kriege mußte er mit der Familie wieder zurück nach Polen,
heiratete später und kam dann,weil er eine Schlesierin heiratete, 1964
wieder nach B-Württemberg.
wie gesagt, es geht auch anders.

G.S.

Es erschreckt mich

immer wieder, wenn ich von der Rolle der Kirchen in der NS-Zeit, aber auch in der Zeit davor, lese. Widerstand der Kirchen gegen das NS-Regime? Nichts davon. Wenn einzelne Geistliche Widerstand geleistet haben, ist dies auch nichts anderes, wie der Widerstand einzelner Menschen in der Bevölkerung.
Die Juden waren das ausgestoßene Volk, das den Erlöser getötet hat (Paulus). Was sich die Kirchen hier geleistet haben, war Volksverhetzung in Vollendung. Wen wundert da, was geschehen ist, vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit?

Für das Vaterland zu sterben, war ehrenvoll und unterscheidet sich kaum von japanischen oder islamischen Religionsvorstellungen: der Lohn befindet sich in allen Fällen im Jenseits und wird in den höchsten Tönen gepriesen. Wie anders motiviert man Menschen zu Kriegszügen?

Was die Kirchen in Bezug auf Wissenschaft, Forschung und Lehre geleistet haben, wird m.E. oft überschätzt. Vielleicht hätte manche Entwicklung länger gedauert, aber sie hätte trotzdem stattgefunden, man denke nur, wie weit Wissenschaft und Philosophie in Griechenland entwickelt waren (ohne Staatsreligion).

Was die moralischen Vorstellungen der Kirchen angerichtet haben, kann man sich meist gar nicht vorstellen. Sie sind nicht nur für den Antisemitismus mit verantwortlich, nein, sie haben hinein bis in die Familien Angst und Schrecken verbreitet.

Nur um ein kleines Beispiel zu nennen: „Das Sechste Gebot“. Als Kinder hat man uns im Religionsunterricht das sechste Gebot eingebläut: „Du sollst nicht Unkeuschheit treiben“. Jeder Gedanke an ein Mädchen war schon Unkeuschheit! (Bayern, in den 50er Jahren). Jede Beichte wurde bei den Nachfragen des Pfarrers zur Qual. Und der hat nachgebohrt! Heute weiß ich, warum, genügend Geschädigte haben sich gewehrt. Dabei heißt das Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen“. Aber in unserem Katechismus stand etwas anderes, Unkeuschheit. Resultat waren verklemmte Kinder und Erwachsene.

Wenn ich meiner Großmutter zu erklären versuchte, dass das Blaue da oben nicht „der Himmel“ sei, sondern die Lichtbrechung der Atmosphäre und darüber, eisiger dunkler unendlicher Weltraum, nein, das wollte sie nicht verstehen, das war Gotteslästerung.
Ist jemandem ein Unglück widerfahren, hieß es: „Das ist die Strafe für…“. War es aber ein so genannter Gottesfürchtiger, dann sagte man: „Wen Gott liebt, den prüft er“. Tja, damit kann man  jeden Fall erklären.

Der Mensch ist ein Produkt seiner Erziehung und der vorliegenden Informationen. Was die Kirchen als moralische Instanz den Menschen eingebläut haben, hat nicht zuletzt ihre Handlungsweisen bestimmt.
Und wer nicht glaubt, wie leicht man die Moral und die Handlungsweise beeinflussen kann, lese hier http://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment.

Auf dem rechten Auge blind

1986 leistete ich als 19 jähriger  meinen Wehrdienst bei der Bundeswehr. Ich war das ganze Jahr in Koblenz stationiert.  Zu meinen Aufgaben als Ordonanz im Offiziersheim des Stabs III Korps gehörte es unter anderem  Offizieren und deren Angehörigen die jeweilige Festlichkeiten auszurichten und zu bewirten. Teilweise wurden auch Persönlichkeiten aus Politik und befreundeten Militärs bewirtet. (Nato-Generalsekretär und damaliger Verteidigungsminister Manfred Wörner, US Außenminister Colin Powell, damals Lieutenant General und Kommandeur über das V. US-Armeekorps in der Bundesrepublik Deutschland.)

Durch die Nähe nach Bonn war dieses Offizierskasino schon eines der gehobenen Treffpunkte der damaligen militärischen Elite Deutschlands.

Damals machte ich mir keine Gedanken darüber, dass allmonatlich ein Treffen der Ritterkreuzträger in diesem Offizierskasino stattfand. In meinen Augen waren das alles alte Kammeraden, die mir schon damals etwas senil rüberkamen. Die meisten mussten wir mit Dienstgrad anreden. Am 20 April 1986 gab es ein außergewöhnliches Treffen, das durch unseren Oberleutnant besonders vorbereitet wurde. Ich als geschichtlich nicht besonders gewandter junger Mann machte mir deshalb keine besonderen Gedanken. Doch als ich an diesem Abend auf Hitlers Geburtstag anstoßen sollte, wurde mir schlecht. Mein Bild von einer demokratischen Grundordnung in der Bundesrepublik Deutschland ist seit dem sehr angekratzt.

Ich hatte nie wieder Dienst, wenn diese Treffen stattfanden.

Muss man sich da wundern, dass der Verfassungsschutz heute noch auf dem rechten Auge blind ist?

Unrühmliche Wahrheit

Sehr geehrter Herr Dr. Geckler,
zweifellos kann nie oft genug an das unbeschreibliche Leid erinnert werden, dass unsere Vorfahren an unschuldigen Mitmenschen verübt haben. Umsomehr, wenn dies in unmittelbarer Nähe unserer Heimat passiert ist und dem bis heute unverständlicherweise nicht gedacht wird.
Es mag überraschen, trotzdem scheint es mir berichtenswert, dass vor wenigen Wochen der aktuelle Vorsitzende des katholischen Pfarrgemeinderates in Helmsheim in ähnlicher Betroffenheit von diesen Vorkommnissen berichtet hat. Bedauernd erzählte er, bereits mehrfach die politische Gemeinde angefragt zu haben, am Friedhof oder in der ehemaligen Arrestzelle eine Inschrift anzubringen.

Erlauben Sie mir eine Bemerkung. Wäre bei aller ihrer wohltuenden Detailverliebtheit in ihrem Artikel nicht auch Platz für eine differenzierte Würdigung gewesen ?
Wenn Sie mit Nietzsche der kompletten Christenheit die Menschlichkeit abzusprechen versuchen sehen Sie die Welt mit einer Reduktion auf eine Schwarz/weiß-Sicht, die der Wirklichkeit nicht gerecht wird und die ihren wichtigen Ausführungen nicht gut zu Gesicht steht.
Menschen wie Dietrich Bohnhöffer und Pater Maximilian Kolbe, stellvertretend für Tausende wegen ihres Glaubens von den Nazis ermordet, müssen erwähnt werden, da Sie den Gegenentwurf zu den von Ihnen zurecht angeprangerten Kirchenfunktionären darstellen.
Einer ernstzunehmenden Auseinandersetzung mit diesem Thema darf auch abverlangt werden, zwischen Christentum und Kirche zu differenzieren, auch wenn dies im aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurs - aus nachvollziehbaren Gründen - nicht gerade en vogue zu sein scheint.
In diesem Zusammenhang ist es immer wieder erhellend sich mit der Ethik Jesu Christi auseinanderzusetzen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies der Welt eine Hilfe sein könnte. Naheliegenderweise könnte man in Rom damit beginnen.
Abschließend nochmals herzlichen Dank, dass Sie dieses Thema so ausführlich und prominent aufbereitet haben.
Es bleibt zu hoffen, dass man nun aufwacht.

"Die politische Gemeinde" angefragt?

Er kann nur eine Vertreterin oder einen Vertreter der "politischen Gemeinde" angefragt haben - und wer war das, wann war das und wie waren die Reaktionen?

Wikipedia

Beim Lesen des Kommentars von Carusino oben "Auf dem rechten Auge blind" habe ich auf den Wikipedia-Link zu Manfred Wörner geklickt und - wieder einmal - festgestellt, daß nicht alles korrekt ist, was in Wikipedia steht (meine Tochter hat mich mal darüber aufgeklärt, daß es verpönt sei, in wissenschaftlichen Arbeiten Wikipedia zu zitieren, so nach und nach ist mir auch klar, weshalb).
Mein Kommentar bezieht sich also nicht auf den eindrucksvollen Beitrag von Herrn Dr. Geckler, sondern befaßt sich mit Herrn Wörner und Wikipedia. Dort kann man über Manfred Wörner, "Herkunft und Beruf" folgendes lesen:

"Ab Sommer 1966 erwarb er auf Wehrübungen beim Jagdbombergeschwader 34 in Memmingen als Kopilot auf dem Starfighter den Flugzeugführerschein für Strahlflugzeuge". Das trifft natürlich nicht zu, denn es gab gar keinen "Ko-Pilotenschein" für den Starfighter, diesen durften nur voll ausgebildete Piloten fliegen mit der Berechtigung zum Führen strahlgetriebener Kampfflugzeuge (wie gesagt, Ko-Piloten für den Starfighter als einsitzigem Kampfflugzeug gab es nicht), und dazu hätte es einer langjährigen, ununterbrochenen Ausbildung in den USA bedurft. Die diesbezüglichen Ausführungen in Wikipedia sind lediglich Teil einer Legendenbildung, an der Herr Wörner kräftig mitgewirkt hat.

Tatsache ist, daß Herr Wörner einem Hobby frönte, dem Segelfflug und später auch dem Motorflug. Als Wehrexperte der CDU sah Wörner die Möglichkeit, seine fliegerischen Ambitionen auszudehnen. So wurde in Karlsruhe unter etwas merkwürdigen Umständen ein "Reservistenverein" gegründet, der sich aus Luftwaffenbeständen ein altes Düsenschulflugzeug
"Fouga Magister" beschaffte, mit dem Herr Wörner dann zum Privatvergnügen unter Aufsicht ehemaliger Luftwaffenfluglehrer herumdüsen durfte. Die Maschine war auf dem damaligen Flugplatz Karlsruhe-Forchheim, heutiges Messegelände, stationiert.

Auf ebenso undurchsichtige Weise wie sie beschafft wurde, soll sie eines Tages in die Dritte Welt verkauft worden sein, der Reservistenverein wurde aufgelöst, was aber nicht das Ende der "Spaßfliegerei" für Manfred Wörner bedeutete, denn dieser wurde (natürlich auf sein Betreiben), sozusagen zum "Ehren-Reserveoffier" ernannt, was ihm die Möglichkeit eröffnete, seinem Hobby nun bei der Truppe zu frönen.

Aufgrund seiner Erfahrung mit der Fouga Magister durfte er in Fürstenfeldbruck nun tatsächlich die Berechtigung für das Düsenflugzeug Fiat "G-91" machen, allerdings auch nur quasi "ehrenhalber" mit der Auflage, daß er nicht alleine mit dem Einsitzer fliegen durfte, sondern nur, unter Überwachung eines Fluglehrers, im Doppelsitzer, auch keine militärischen Einsätze, sondern lediglich "Rundflüge".
Daß dies eine kluge Entscheidung war zeigte sich, als Herr Wörner und sein Fluglehrer, Hauptmann Z., eines Tages wieder einmal unterwegs waren und ein Vogel in das einzige Triebwerk geriet. Die Maschine verlor an Leistung und es ging abwärts.
Der Fluglehrer übernahm und machte auf dem nächsten Platz eine Notlandung - Herr Wörner hätte das nicht alleine gepackt. Danach ließ dessen Begeisterung für derartige Flüge deutlich nach, d.h. er stellte sie denn auch ein.

Aber Herr Wörner wollte seine "fliegerische Laufbahn" unbedingt mit einem Mitflug auf dem Starfighter krönen. Er erwarb in Memmingen nun die Berechtigung, als Passagier im hinteren Cockpit des Starfighter-Doppelsitzers mitzufliegen, die sog. "Red Card". Natürlich machte sein Mitflug im Starfighter im Bundestag die Runde, und bald ging das Gerücht um, er sei auch "Starfighterpilot". Herr Wörner tat von sich aus nichts, um diesem Gerücht entgegenzuwirken, galt er doch unter den Bundestagsabgeordneten quasi als "Held" und es tat seinem Ego gut. Und nun steht dieses Gerücht als "Tatsache" in Wikipedia.
Habe die Verantwortlichen mal darauf aufmerksam gemacht, bin gespannt, ob eine Änderung erfolgt.

Wenn ich auch

Ihren Tatsachenbericht für zu detailliert halte und ich denke, dass man so manche Begebenheiten von damals auch heute noch wissen sollte, z. B. auch wenn man wie ich 1974 geboren ist (auch die noch jüngeren sollten es wissen....) nun ja, wie auch immer....

Dennoch habe ich mal ein Buch gelesen, dass mich sehr erschüttert hat und zwar folgendes: Die Männer von Brettheim. Hier mal die dazugehörige Internetseite:

www.brettheimmuseum.hohenlohe.net/

Dort hat an einem Tag mehrmals die Front gewechselt, so dass Leute die sich den Amerikanern ergeben haben, später wieder von Denunzianten an die SS verraten wurden und dann ebenfalls erhängt oder erschossen wurden. Eine Frau, die den Amerikanern Einlass in ihr Haus gewährte wurde als Prostituierte beschimpft und ebenfalls noch Stunden vor Kriegsende hingerichtet.....

Wirklich schlimm, was unsere Vorfahren erleben mussten oder teils selbst angestellt haben....

Zur Passage „Ortsbauernführer Franz Wolf“

im vorliegenden Artikel möchte ich wie folgt Stellung nehmen:

Der Verfasser behauptet dort, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie die russischen Fremdarbeiter ihr Essen mit bloßen Händen aus dem Schweinetrog herausholen mussten. Zum Übernachten wären sie in den Stall verbannt oder in den Heuboden gezwungen worden.

Dies entspricht nicht der Wahrheit.

Auf dem Bauernhof Wolf waren keine russischen Zwangsarbeiter, sondern entweder eine polnische Frau oder ein polnischer Mann als Zwangsarbeiter beschäftigt.
Diese Zwangsarbeiterhaben immer am Tisch der Familie Wolf mitgegessen. Im Stall oder in der Scheune hat nie jemand schlafen müssen. Die männlichen Zwangsarbeiterwaren im Städt. Gutshof untergebracht, die Frau hatte einen privaten Wohnraum auf dem Gehöft, in welchem sie schlief.

Im Übrigen befand sich das Anwesen der Familie Wolf nicht in der Badstraße, sondern in der Hans-Thoma-Straße.

Wie der Verfasser solche Behauptungen aufstellen kann, ist nicht nachvollziehbar. Auf direkte Nachfrage bei Herrn Dr. Geckler stellte sich heraus, dass er nicht wusste, wo sich der Schweinestall überhaupt befand.
(Der Autor war im Jahre 1940 etwa 6 Jahre alt. Sein Vater hatte –wie viele andere Menschen damals auch- auf demBauernhof Wolf bei Bedarf mitgearbeitet und wurde in Form von Naturalien (Kartoffeln etc.) entschädigt.)

Weiterhin muss noch erwähnt werden, dass mit der Tochter einer der weiblichen Zwangsarbeiterinnen lange nach dem Krieg sogar Briefverkehr stattfand, nachdem ihre Mutter als ehemalige Zwangsarbeiterin in Bruchsal aufgrund der Aussage der Familie Wolf entschädigt wurde.

P. Wolf

Schwierige Nachforschungen?

Das scheint ja nicht einfach zu sein, festzustellen, wer da wen gefragt und was die/der geantwortet hat.

Gerhard Holler Botschaftsrat a.D.

Sehr geehrter Herr Dr. Geckler!

Ihren Artikel in Bruchsal - org vom 28.01.2012 habe mit grossem Interesse gelesen. Endlich fanden Sie Gelegenheit über  den "Mord von Helmsheim" zu berichten, dank bruchsal - org. Das bittere Leiden von Hilda Eißler und ihrem Familienschicksal hat mich seit einigen Jahren ebenfalls sehr bewegt.

In diesem Brief möchte ich mich nur bei Ihrer Berichterstattung auf das Helmsheimer Geschehen beziehen.

Die Angelegenheit Wellpappenwerk Bruchsal mit dem Geschäftsführer Jäger als Wirtschaftsberater des NSDAP Kreisleiter Epp sollte m.E. in der Kernstadt Bruchsal dringend aufgearbeitet werden, solange es noch Zeitzeugen gibt.

In der früheren Historischen Kommission habe ich mich des öfteren um Aufklärung in der Angelegenheit Helmsheim bemüht. Auch habe ich Herrn Oberbürgermeister Doll und Hauptamtsleiter Ihle angesprochen und um Unterstützung gebeten, ohne dass sie tätig wurden.

Auch habe ich mich in einigen Gesprächen mit Ortschaftsratsmitglieder aus Helmsheim in der Sache auseinandergesetzt. Man hat mir dort abgeraten, um den Ortsfrieden nicht zu stören, in der Sache "NICHT" tätig zu werden. Trotzdem habe ich um ein objektives Bild zu erhalten, Einsicht in die Entnazifizierunsakten des Bürgermeisters Stein einschliesslich seiner Beziehung zu dem NSDAP-Kreisleiter Epp und seinem Wirtschaftsberater Kalr Jäger bemüht.

Von Seiten des Innenministerium Baden-Württemberg erhielt ich auch die Genehmigung Fotokopien über die Aktenlage zu machen. Diese liegen bei mir vor.

Mit dem verstorbenen kath.Pfarrer Kallebach habe ich stundenlang über den Fall "Mord in Helmsheim" gesprochen. Er befürchtete ebenfalls Unruhe im Dorf.

Anlässlich einer Führung durch unseren Juden-Friedhof mit einer kath.Jugengruppe aus Helmsheim in Begleitung eines Kirchengemeinerates habe ich zu einem Informationsgespräch eingeladen, was auch stattfand. Die jungen Leute zeigten grosses Interesse, der Kirchengemeinderat war über die Vorgänge gut informiert.

Von koperten Entnazifizierungsakten habe ich ein Teil der Gruppe mitgegeben, soweit sie damals der Öffentlichkeit freigegeben waren.

Meine Bitte war am Ende unserers Gespräches, weitere Recherchen in Helmsheim im Rahmen eines historischen Projektes oder Dokumation zu erstellen.

Längere Zeit habe ich nichts mehr von dem Leidensweg der Familie Eißler und des Täters Stein gehört.

Sehr geehrter Herr Dr.Geckler, als Sie mich vor 2 Jahren zum Journalistengespräch eingeladen hatten, habe ich ebenfalls umfangreiches Dokumetation über den Mord und Leidensweg vorgelegt.

Soweit zu meinen sicherlich unzulänglichen Bemühungen in dieser Sache und ich möchte mich recht herzlich bedanken für Ihre erneute Initiative.

Ihren Vorschlag in Helmsheim eine Gedenktafel anzubringen, begrüsse ich.

Den Vorschlag eines Ortschaftsratsmitglied, die Angelegenheit an die Kern-Stadt Bruchsal abzugeben, halte ich nicht für sinnvoll. Sofern weitere objektive Informationen und Nachweise notwendig werden, bin ich gerne bereit, Sie dabei zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen

Gerhard Holler

Helmsheim - still ruht der See

Die Ermittlungen und Überlegungen in Helmsheim scheinen langwierig und schwierig zu sein.
Gibt es da eigentlich auch eine grüne oder rote Jugend, die sich trauen würde, da mal etwas zu stöbern?

Helmsheim - rechts blind und ansonsten?

Ansonsten taub und stumm. Oder auch oder nur feige?

Mord in Helmsheim

Lieber Hr. Dr. Gericke,

ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, dass diese unsägliche Geschichte nun wenigstens mal dokumentiert ist.

Ihre Beschreibung hat einiges in mir aufgerührt.

Als Helmsheimer Junge habe ich im sog. Henkerswäldchen mitunter Räuber und Gendarm gespielt. Man war da völlig ungestört, denn das schlechte Gewissen hat den Erwachsenen wohl doch etwas zu schaffen gemacht. Niemand ging dahin.

Erst einige Jahre später habe ich die Einzelheiten der NS-Mordgeschichte erfahren, und noch viel später wurde mir erst klar, dass ich in einem besonderen Nazi-Dörfchen aufgewachsen bin (es gibt ja dafür mehrere Indikatoren, z.B. auch die NSDAP-Wählerquoten in den 30-er Jahren).

Später, als Student in Frankfurt, habe ich zusammen mit meinem Bruder Überlegungen angestellt, wie man dieses Unrecht mit dem Mord an dem jungen Polen an die Öffentlichkeit bringen könnte. Obwohl Bruchsal die einzige Stadt Deutschlands war, in der laut Lenin eine Einheitsfront zwischen SPD und DKP gegen die braune Bewegung zustande kam, hatten wir dreißig Jahre später keine politisch-erfahrene Unterstützer in dieser Sache. Wir waren damals ja auch Außenseiter, wir waren diese „Langhaarigen“…..

Es gab in der Zeit der braunen Gesellschaft im alten deutschen Staatsgebiet etwa 11 000 Todesurteile (ohne Judenmorde und Militärgerichte einzubeziehen).Ich gehe davon aus, dass die Mehrzahl davon unrecht-mäßig war – also Mord, von Seiten der Gestapo oder den Justizbehörden begangen.

Die Frage, die sich da vor allen anderen stellt – und die prominent auch Rolf Hochhuth der deutschen Nachkriegsgesellschaft gestellt hat - ist, warum die bundesdeutsche Justiz sich der Sache nicht systematisch angenommen hat. Ist es vielleicht doch so, dass ein „Volk der Täter“ juristisch nicht gegen sich selbst ermitteln wollte - oder es gar nicht konnte??

Immerhin hat es auch etwa ein halbes Jahrhundert gedauert, bis unter erheblichem bundesdeutschem Lärm die Reemtsma –Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht stattfinden konnte. Sie konnte erst dann stattfinden, als die Täter entweder tot oder – nicht nur im übertragenen Sinne - doch ziemlich alt und zahnlos waren…

Was hat die Täter in Helmsheim und Bruchsal geschützt? War es die damals dem krankhaften Rassenwahn verfallene Tätergesellschaft. Oder war es - damit verbunden - der gefährdete Dorffriede? Den muss man dann zehntausend Mal multiplizieren…. Wer hat sich denn eigentlich um diesen Frieden zwischen 1933 und 1945 gekümmert? Und wenn es der gefährdete Friede war - wem hat dieser Friede die letzten 65 Jahre genützt?

Oder war es vielleicht der Respekt - oder sogar die Angst - der Helmsheimer vor offensichtlich gewaltbereiten Einzelnen (früher: „Autoritätspersonen“) im Hintergrund ein Motiv? Ich wurde als Kind beispielsweise von einem Alt-Nazi auf der Straße wegen einer Belanglosigkeit geschlagen und in der sonst beschaulichen Volksschule wurde in den 50-igern und 60-igern noch regelmäßig geprügelt. Das sass, zumindest für einige Jahre oder Jahrzehnte!

Der Alt-Nazi und Bürgermeister von Helmsheim in der Zeit des „Tausendjährigen Reiches“ (wie kann ein halbwegs intelligenter Mensch ein solches Wort wirklich laut aussprechen?) hat auch – so erzählt es zumindest meine neunzigjährige Mutter - seine Frau regelmäßig geprügelt. Sie suchte dann Schutz im benachbarten Kindergarten oder versteckte sich hinter der Kirche. Doch etwas krank...!

Am Telefon ist meine Mutter heute der Meinung, dass der Nazi-Bürgermeister auf jeden Fall im Gefängnis hätte landen müssen. Sie ist aber auch der Meinung, man sollte die Sache nicht aufrühren – um den Frieden der letzten lebenden Betroffenen nicht zu stören. Da haben wir wieder diese Ambiguität. Es handelt sich dabei um eine ältere, kranke Frau. Sie ist das Kind aus jener deutsch-polnischen Beziehung aus der Nazizeit im früheren Nazi-Dorf Helmsheim bei Bruchsal!

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