Die Modelleisenbahn im Pfarrhaus von St. Peter zu Bruchsal
Ich war noch nicht mal fünf Jahre alt, als mein Vater für mich das Hobby Modelleisenbahn entdeckte. Wobei ich mit zunehmendem Alter immer mehr den Verdacht hege, dass ich für meinen Vater ein willkommenes „Opfer“ war, um seine unerfüllten Kindheitsträume nach einer „Eisenbahnanlage“ zu erfüllen.
Sehr, sehr lange ist es schon her. Ich kann mich jedoch immer noch an die gemeinsamen Gänge zum Märklinhändler in der Marktstraße der Kleinstadt erinnern, in der wir vor vielen Jahren wohnten. Je ein Schaufenster links und rechts, von Säulen aus Sandstein flankiert, dazwischen eine Ladentüre aus Holz. Wir gingen die drei Sandsteintreppenstufen hoch, mein Vater öffnete die Türe, eine Ladenglocke, die noch „bingeling“ machte, meldete sich – und dann standen mein Vater und ich im Lädchen, vor einem Verkaufstresen – und im Regal dahinter Gleise, Weichen, Trafos, Bäumchen, Häuschen und ganz, ganz viele Loks sowie Güter- und Personenwagen.
Die Kostbarkeiten von Märklin waren samt und sonders in graubraunen Kartons im damaligen Märklinlook verpackt, mit roter Farbe bedruckt mit einem Muster von stilisierten Eisenbahnen, dem Schriftzug "Märklin" und dem damaligen Märklin-Logo, aussehend wie ein Fahrrad mit Flügeln.
Mein Vater redete mit dem Verkäufer, seinerzeit standen meist noch die Ladeninhaber selbst hinter dem Ladentisch, sie redeten „Fachchinesisch“; als kleiner fünfjähriger Knirps habe ich nicht viel vom Gespräch verstanden.Nach dem ausführlichen Gedankenaustausch griff der Verkäufer in das Regal hinter ihm und holte ein Holzkistchen heraus, vielleicht 30 cm lang, 6 cm hoch und 5 cm breit, schob den Deckel, dieser sauber mit einer Feder in der Nut an der Oberseite des Kistchens eingelassen, zurück, griff hinein und holte eine imposante kohlschwarz-knallrote Dampflokomotive heraus.
Sicher blieb mir vor Staunen der Mund offen stehen – und auch mein Vater war wohl geraume Zeit vor Begeisterung sprachlos. Diese Dampflok muss für damalige Verhältnisse sündhaft teuer gewesen sein - mein Vater leistete sie sich dennoch.Wie einen Schatz hütete mein Vater diese Tenderlokomotive. Die später dazu gekauften Personenwagen durfte ich schon auf meinen Gleiskreis setzen, da war er doch sehr großzügig. Die Lok durfte ich jedoch nur aus der Ferne bestaunen.
Am besten gefällt mir jedoch bis heute der Schienenbus. Gegenüber von dem Haus, in dem wir damals wohnten, war der Bahndamm, wo wir Kinder oft spielten – und uns dadurch den Unwillen unserer Eltern zuzogen, die sich um unsere Unversehrtheit sorgten. Denn der Bahndamm war weder durch Zaun noch sonst wie vor unbefugtem Zutritt gesichert. Dort fuhr mehrmals täglich ein roter Schienenbus, bestehend aus „Schienenbus mit Steuerwagen“ (diese genaue Bezeichnung habe ich eben auf der Homepage von Märklin nachgeschlagen) an uns spielenden Kindern vorbei.
Im Keller hüte ich heute noch einen Karton mit einem Teil der „Zutaten“ zu meiner Eisenbahnanlage aus meiner Kindheit: Zwei Lokomotiven, ein paar Wagen, Häuser, Autos, Bäumchen und natürlich Gleise, Weichen und Trafos. Und als „Schmankerl“ einen „uralten“ Märklin-Drehkran aus den 50er Jahren mit einem Elektromagneten zum Verladen von Eisenteilen.All die Jahre hatten Modelleisenbahnen für mich eine immense Anziehungskraft; sei es in Schaufenstern, in Bahnhöfen (Bitte 50 Cent einwerfen) oder bei Bekannten.
So kann man sich vielleicht vorstellen, wie mich die Information elektrisierte, dass der Peterspfarrer, Dr. Jörg Sieger, im Pfarrhaus von St. Peter eine richtig stattliche Modelleisenbahn aufgebaut habe. Nach einigem Zögern telefonierte ich mit ihm, er sagte, dass ich selbstverständlich seine Modelleisenbahn anschauen könne und so ging ich beim Pfarrhaus in der Peter-und-Paul-Straße vorbei.
Herrlich! So hatte ich mir meine Modell-eisenbahnanlage immer gewünscht. Sicher fünf Meter lang, insgesamt drei lange Dioramen, die miteinander verbunden sind, unzählige Figuren, Menschen und Tiere, eine mittelalterliche Stadt und eine Burg, und, wie es sich wohl für die Modelleisenbahnanlage eines Pfarrers gehört, kirchliche Szenen: Eine Kapelle mit Friedhof, wo gerade eine Beerdigung statt findet, eine ökumenische Hochzeit und eine Wallfahrtskapelle, mit einem davor sitzenden Liebespaar. Die ca. 10 bis 12 Millimeter hohen Figuren bemalt Pfarrer Sieger selbst. Eine Fisselesarbeit, die ohne eine kräftige Lupe nicht zu machen wäre.Die Modellbahn von Herrn Sieger hat nur einen klitze-, klitzekleinen Fehler: Die Spurweite der Gleise ist N (9 mm) und nicht H0 (16,5 mm)! Der richtig traditionelle Modelleisenbahnfan setzt auf H0 und auf Märklin. ;-) Nichtsdestotrotz: Eine richtig spannende, ganz toll gemachte Anlage mit jeder Menge Einzelheiten, die auf der Homepage von Pfarrer Dr. Jörg Sieger sehr detailliert beschrieben und gezeigt werden:
Modelleisenbahn im Pfarrhaus von St. Peter
Zufälligerweise hatte ich meine Taschen-Videokamera bei meinem Besuch bei Pfarrer Dr. Jörg Sieger dabei und konnte so spontan ein kleines Filmchen von der Modelleisenbahnanlage drehen - mit einem manchmal recht selbstvergessen bastelnden Pfarrer.
© Rolf Schmitt
Modelleisenbahn im Pfarrhaus von St. Peter
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Kommentare
Seufz...
...wenn die Welt doch auch so schön heil wäre...
Modelleisenbahn
Alte Knaben haben genauso ihr Spielzeug wie die jungen, der Unterschied liegt lediglich im Preis.
(Benjamin Franklin)
Videoantwort zur Modellbahn im Pfarrhaus St. Peter
http://www.youtube.com/watch?v=OwK8mOZsTN4