Modell einer Guillotine wird in Freiburg gezeigt
Bruchsal (pa.) Es ist ein düsteres Objekt, und es steht sinnbildlich für einen durchweg makaberen „Kulturaustausch“ im deutsch-französischen Verhältnis: Das Städtische Museum im Bruchsaler Schloss verfügt über das maßstäbliche Modell einer Guillotine, das vor rund hundert Jahren von Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt angefertigt wurde – zu einer Zeit also, in der noch ein echtes Hinrichtungsgerät dieser Art in gelegentlichem Gebrauch war. Durch Überlassung gelangte das Modell schließlich von der JVA ins Museum und trat nun eine vorübergehende Reise nach Freiburg an. Dort nämlich wird die Bruchsaler Guillotine im nächsten halben Jahr in der Großen Landesausstellung „Liebe Deinen Nachbarn: Beziehungsgeschichte im Dreiländereck“ zu sehen sein, die am 27. April durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Augustinermuseum eröffnet wird.
Eine Guillotine als Ausstellungsstück, wenn es um eigentlich doch eher positive „Beziehungsgeschichten“ gehen soll? Durchaus. Dass Deutschland und gerade Baden seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Fallbeil als Hinrichtungsgerät verwendete, hängt eng mit der Nachbarschaft zu Frankreich zusammen. Aber auch die anfänglichen Vorbehalte gegen diese Form der Urteilsvollstreckung rührten genau daher – denn die Guillotine war zugleich Sinnbild der französischen Revolution und der Auslöschung unzähliger Aristokraten des Ancien Régime, ja gar des französischen Königspaares selbst. Kein Wunder, dass die adeligen Regierungen im biedermeierlichen Deutschland diesem Hinrichtungsgerät mehr als reserviert gegenüberstanden. Wie es dann doch „über den Rhein“ gelangte – eben dies ist eine der „Beziehungsgeschichten“ in der Freiburger Ausstellung, die vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg zum 60. Landesjubiläum konzipiert und gestaltet wurde.
Ausstellungskuratorin Grit Keller vom Haus der Geschichte nahm im Städtischen Museum das außergewöhnliche Objekt persönlich in Empfang. Vorausgegangen waren die erforderlichen Vereinbarungen über Leihbedingungen und Transportsicherung auf der Fahrt nach Freiburg, wo die Guillotine bis einschließlich 30. September in einer eigens gestalteten Nische zu sehen sein wird. Weitere Informationen zur Großen Landesausstellung 2012 unter www.liebedeinennachbarn.de
Foto von Übergabe entfernt. R. Schmitt
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Kommentare
Geschichtsklitterung
Wie kann man nur so eine Geschichtsklitterung betreiben.
"Das Städtische Museum im Bruchsaler Schloss verfügt über das maßstäbliche Modell einer Guillotine, das vor rund hundert Jahren von Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt angefertigt wurde – zu einer Zeit also, in der noch ein echtes Hinrichtungsgerät dieser Art in gelegentlichem Gebrauch war." Vor 100 Jahren, das war 1912. Wikipedia schreibt:
Die badische Guillotine
In Baden wurde zwischen 1848 und 1932 an 37 Männern und zwei Frauen das Todesurteil vollstreckt. Seit 1856 wurde die Vollstreckung mittels der von der Firma Johann Mannhardt in München für 1.000 Gulden hergestellten Guillotine durchgeführt. Der Standort der Guillotine war in Bruchsal, wobei die Messer stets getrennt aufbewahrt wurden. Zum Transport der Guillotine (mit der Eisenbahn) an die verschiedenen Hinrichtungsorte in Baden wurde die Guillotine zerlegt und in Kisten verpackt. Die badische Guillotine gelangte, da seit 1937 die badischen Hinrichtungen in Stuttgart– also in Württemberg – durchgeführt wurden, im Februar 1937 nach Berlin zur Strafanstalt Berlin-Plötzensee." http://de.wikipedia.org/wiki/Guillotine
Zur Strafanstalt Berlin-Plötzensee sei dieser wikipedia-Eintrag empfohlen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gedenkst%C3%A4tte_Pl%C3%B6tzensee. Aus dem dort veröffentlichten Text:
"Zwischen 1933 und 1945 wurden im Gefängnis Plötzensee 2.891 Todesurteile vollstreckt, unter anderem an Mitgliedern der Roten Kapelle, Teilnehmern des gescheiterten Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 und an Mitgliedern des Kreisauer Kreises. Darunter waren auch über 300 Frauen. Hinrichtungen erfolgten zunächst mit dem Handbeil auf dem Gefängnishof. Am 14. Oktober 1936 ordnete Adolf Hitler an, dass die Todesstrafe mit der Guillotine vollstreckt werden sollte. Aus der Strafanstalt Bruchsal wurde daraufhin 1937 eine Guillotine nach Plötzensee geschafft und in einer früheren Arbeitsbaracke aufgestellt."
Verharmlosung
Entschuldigung, liebe Freunde von der städtischen Museums- und Pressefront, das ist doch schon mehr als nur Verharmlosung, was Ihr mit dieser Pressemitteilung treibt. Vor 100 Jahren soll ein echtes Gerät dieser Art in "gelegentlichem Gebrauch" gewesen sein. Waren die 64 Köpfe, die 30 Jahre später in der Psycha gerollt sind, Ausflüsse eines "gelegentlichen Gebrauchs"? Hää???
Die 1944/45 in der Psycha zum "gelegentlichen Gebrauch" aufgestellte Guillotine stammte übrigens aus Straßburg, mitthin aus Frankreich. Geköpft wurden auf ihr u.a. auch Vetreter des elsässischen Widerstands gegen die Nazis. Wird in dieser Ausstellung auch auf diesen deutsch-französischen Zusammenhang hingewiesen oder werden solche Themen in großzügiger Verharmlosung übersehen? Die Guillotine als folkloristisches Überbleibsel der französischen Revolution.
Die vor der NS-Zeit in Bruchsal als mobiles Gerät der badischen Justiz stationierte Guillotine wurde vom Fuhrunternehmer Fuchs/Seilersbahn bei der Verreichlichung der Justiz nach Berlin-Plötzensee gebracht, wo sie dann für einige Zeit wohl auch nur gelegentlich in Gebrauch geriet.
Zu dieser Form von historischer Harmlosigkeit passt dann auch wirklich das herrliche Foto vom Versand der Modell-Guillotine. Einfach nur noch peinlich, sich so fotografieren zu lassen.
Rainer Kaufmann
Rübe ab!
@rolf schmitt
Auch das Bild ist äusserst befremdlich, deplatziert bis bizzar.
Der sehr geschätzte Thomas Adam sowie Frau Keller vermitteln (sicherlich unfreiwillig) den Eindruck, man verschicke gerade Weihnachtsspielzeug.
Ein Frage der Zeit...
... bis das Stadtmarketing aufgreift, dass aus Bruchsal neben Spargel, Segelflugzeugen, Elektroantrieben etc. neuerdings auch (wieder?) Guillotinen exportiert werden?
Es mag zusammenhanglos erscheinen, aber die "Meldung" kam bei mir grade am Vorabend von "Führer's Geburtstag" - wie das mal hieß, in dessen Namen das Original in Bruchsal prononciert zum Einsatz kam, besonders unpassend an.
Keine Geschichtsklitterung!
Diese Stellungnahme zur Berichterstattung "Modell einer Guillotine wird in Freiburg gezeigt" wurde soeben von der Pressestelle der Stadt Bruchsal an bruchsal.org gesandt. Vorausgegangen war ein längeres Telefonat der Pressestelle der Stadt Bruchsal mit mir, in dem ausführlich über das Zustandekommen der Pressemitteilung und deren Intention berichtet wurde. Ich persönlich hege keinerlei Zweifel an der Aufrichtigkeit des Bedauerns, es war ganz sicher keine Geschichtsklitterung in irgendeiner Form beabsichtigt. Die Angelegenheit sollte abgelegt werden unter dem Stichwort „Shit happens!“.
Die Stellungnahme im Wortlaut:
"1.) Zunächst das Bild: Im Kontext der Berichterstattung ist das Bild mit jovialem Lächeln unglücklich. Hintergrund war der: Das verkleinerte Modell der Guillotine wird ausgeliehen für die Große Landesausstellung in Freiburg über die Geschichte des deutsch-französischen Nachbarschaftsverhältnisses in den letzten 200 Jahren. Das Foto ist in einer Situation entstanden, wo über die verschiedensten Themen und Aspekte des Projekts insgesamt gesprochen wurde. So entstand vor diesem völlig anderen Hintergrund neben dem Modell der Guillotine das Foto mit dem Kontext: "Gerne übergeben wir unser Objekt für diese besondere Ausstellung". Der Kontext "Guillotine" und alles, was damit zusammenhängt, stand in diesem Augenblick nicht im Vordergrund. Dadurch entsteht ein völlig falscher Eindruck.
2.) Das Wort "gelegentlicher Gebrauch": Diese Formulierung ist allein bezogen auf die Situation im Großherzogtum Baden um das Jahr 1910, als das Modell der Guillotine entstand - um das es eben bei dieser Pressemeldung geht. Gemeint ist einzig die Entstehungszeit des Objekts an sich, das nur ein verkleinerter Nachbau ist. Wir alle wissen, welche grauenvollen Dimensionen die Exekutionen im Nationalsozialismus wieder erreicht haben. Die Ausstellung im Städtischen Museum, wo das Modell sonst seinen Platz hat, dokumentiert auch die weitere unselige Geschichte der wirklichen Guillotine und den Vollzug der Todesstrafe im Dritten Reich - nicht jedoch dieser presseübliche 40-Zeilen-Artikel über die Leihgabe, die allein im Kontext der Großen Landesausstellung in Freiburg steht.
Wir bedauern, dass das Bild- und Textmaterial eine Deutung zulassen, die zu keinem Zeitpunkt intendiert war."
Thomas Adam hat sich auch bei
Thomas Adam hat sich auch bei mir ausführlich gemeldet und Körpersprache und Eindruck des Bildes glaubwürdig bedauert. Damit sollte man den Mann auch aus der weiteren Haftung für das Bild, das seiner bisherigen beruflichen Bilanz nicht gerecht wird, entlassen. Shit happens, einverstanden. Nicht entlassen darf man aber eine Pressestelle, die, wenn sie professionell geführt würde, ein solches Bild niemals zur Veröffentlichung freigeben darf. Daran wäre zu arbeiten.......
Rainer Kaufmann
Liebe deinen Nachbarn
Heute ist der obige Bericht auch in den BNN. Allerdings ohne das kontroverse Mitarbeiter-Bild.
Übrigens, das offizielle Motto der Ausstellung, zu der Bruchsal passenderweise die Guillotine nach Freiburg sendet:
"Liebe Deinen Nachbarn"