Meine Erfahrungen mit unserem Sozialstaat

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Dienstag, 17. Mai 2011 - 10:04

Meine Erfahrungen mit unserem Sozialstaat Ich bin eine 36-jährige Frau und bekomme seit 2005 eine Erwerbsunfähigkeitsrente aufgrund einer psychischen Erkrankung. Das klingt jetzt fast wie ein Geständnis. Ist es auch auf eine Art.Da ich es fast aufgegeben habe meinen Mitmenschen zu erklären warum ich nicht wie jeder" anständige " Bürger arbeite oder wenigstens auf Arbeitssuche bin. Ja, ich gestehe das ich mich dafür schäme berentet zu sein. Menschen die mich näher kennen und sich mit mir auseinandersetzen verstehen vielleicht aufgrund entgegengebrachter Sympathie meine Lage. Andere nicht. Das fängt beim Sozialamt an, (da ich nur eine kleine Rente erhalte bekomme ich noch ergänzend Sozialhilfe),wo ich mich für ansteigende Nebenkosten rechtfertigen und mir sagen lassen durfte das ich mein Verbraucherverhalten änders soll und geht weiter bei den Frauen in der Bücherei die mir einen komischen Blick zuwerfen wenn ich den Rentennachweis vorzeige um nachzuweisen das ich den Jahresbeitrag erlassen bekomme. Verstehen sie mich nicht falsch- ich bin dankbar für die Leistungen die ich von unserem Staat bekomme, wirklich. Nur möchte ich mir endlich mal Luft machen und es wagen meine Sicht der Dinge wie ich sie tagtäglich erlebe darzustellen. Von einer Bekannten weiß ich beispielsweise das sie sich wegen der Erlassung der Jahresgebühr in der Bücherei , erklären lassen mußte das diese Ermäßigung ja eigentlich für Mütter und Familien gedacht sei und nicht für Arbeitslose. Viele werden da vielleicht zustimmen. Ich frage mich da ob wir vielleicht 1942 stehengegeblieben sind . Eine als Lehrerin arbeitende Bekannte meinte mal zu mir sie wäre ja ein Fan von Arbeitstherapie. Ja, Heureka. Ich auch. Nur, wer bekommt heutzutage noch eine Arbeitstherapie finanziert? Sich selbst etwas zu suchen ist mit so vielen bürokratischen Hürden verbunden und wird immer schwieriger je länger man zuhause ist. Dazu muss man wissen das lange Arbeitslosigkeit zu nachgewiesenen psychischen Problemen führen kann. Beispiel: Ich hatte mal einen großen Freundeskreis, nach fast sechs Jahren berentung traue ich mich kaum noch aus dem Haus-Stichwort Vereinsamung! Die Lebenswege meiner Freunde sind mittlerweils so unterschiedlich von meinem Weg das es schwierig ist Freundschaften aufrechtzuerhalten. Ganz abgesehen davon das ich es mir nicht leisten kann sie mit der Bahn zu besuchen oder abends auszugehen ect.Und welche Freundschaft macht das mit wenn man alle Einladungen absagen muss? Als Hilfeempfänger ist man finanziell fast von allen kulturellen Bereichen ausgeschlossen. Kino,Theater,Schwimmbad,Museumsbesuche,Konzerte, eine Fahrt nach Karlsruhe,ein Kaffee mit Freunden in einem schönen Cafe um mal rauszukommen- das alles ist nicht drin und wenn doch muss ich es woanders einsparen. Das mag nicht so schlimm erscheinen und man solle doch froh sein überhaupt Geld zum Leben zu bekommen. Bin ich ja auch. Nur lebt der Mensch ja nicht vom Brot allein. Ich erwarte ja nicht das mir der Staat meinen Internentanschluss finanziert, wohl aber das ich meine Stromrechnung zahlen kann um warmes Wasser zum waschen und kochen zu haben um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. So wie es derzeit mit steigenden Nebenkosten wie Strom und Wasser aussieht und gleichbleibenden Sätzen in den Sozialsätzen ist es aber nur eine Frage der Zeit bis dies kritisch wird! Ich will hier nicht näher auf meine Krankengeschichte eingehen, aber ich kann allen versichern das ich mir ein anders Leben gewünscht hätte als vom Staat abhängig zu sein und darf wohl auch für die meisten Erwerbsunfähigkeitsrentner und Hartz IV Bezieher sprechen wenn ich dies sage. In den Medien wird da meist ein ganz anderes Bild vermittelt. Aufgrund meiner Erfahrungen kann ich sagen das es in unserer Gesellschaft mit soviel Statusverlust und Scham verbunden ist arbeitslos zu sein, das ich niemanden kenne der dies freiwillig ist oder sich auf Kosten des Staats ausruhen würde. Es mag Einzelfälle geben und auch Menschen die ein dickeres Fell haben als ich und mit der Situation anders umgehen( Zuschriften erwünscht). Da wären wir schon beim nächsten Thema: Die Hartz IV Debatte. Ist Ihnen bekannt das der Regelsatz für Nahrungsmittel, Alkohol,Tabak getrichen wurde? Das entspricht einer Kürzung des Regelsatzes um 16,14 Euro. Dabei sollte man berücksichtigen das der bishergezahlte Regelsatz eh so knapp berechnet ist,so das die 16,14 meist für andere Dinge beansprucht wurden als für Genußmittel- um den Kritikern vorweg den Wind aus den Segeln zu nehmen!Insgesamt wirdder Harzt IV Regelsatz um 28,99 gekürzt. Einen interesanten Beitrag dazu habe ich hier gelesen: http://hartz-nordhausen.blog.de/2010/10/02/hartz-iv-regelsatz-28-99-euro... Dort wird nochmals ausführlich dargelegt in welchen Bereichen gekürzt und geatrichen wurde. Die Erhöhung von 5 Euro ist also sogesehen Augenwischerei. Grund meines Schreibens ist das ich anfang des Monats aufgefordert wurde mit einem sogennannten Nachprüfbogen meine Einnahmen und Ausgaben durch Belege wie z. Bsp. Kontoauszüge, dem Sozialamt nachzuweisen. Die finanzielle und private Situation wird also vom zuständigen Sachbearbeiter durchleuchtet. Platz für Privatsspähre bleibt da keine und für Sozialschmarotzer übrigens auch nicht. Oder die stellen sich alle viel schlauer an als ich . Andererseits ist mir bewußt das Sozialamt oder Arbeitsagentur ein Recht daraufhaben zu wissen ob man die Leistungen berechtigt erhält. Abschließend möchte ich sagen das es mir ein großes Anliegen ist meine Mitmenschen um mehr Solidarität und Verständnis zu bitten. Arbeitslose sind keine Sozialschmarotzer und Menschen mit psychischen Krankheiten keine Drückeberger!

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Kommentare

@KIRIMO

In Ihrer Situation ist es tatsächlich schwer, am gesellschaftlichen Leben teil zu haben wie jeder gesunde Mensch. Wenn sich Ihr Freundeskreis derart reduziert hat, auf Grund Ihrer Krankheit, dann waren es keine "echten" Freunde. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Da ist es am Besten einen Schlussstrich zu ziehen und sich in anderen Kreisen einen neuen Freundeskreis aufzubauen. Sicherlich ist es auf Grund Ihrer Situation nicht sehr einfach, ich drücke Ihnen aber beide Daumen.
Unsere Tochter war mit 16 Jahren an einer scheren AML (Leukämie) erkrankt. Von daher kann ich Sie gut verstehen, wie man sich fühlt, um alles den Bittsteller zu machen. Nach 9 Monaten waren meine Frau und ich reif für die Insel. Und dann mussten wir wieder betteln um der Gesundheit Willen. Mittlerweile sind wir so hart geworden gegenüber unserem Sozialstaat, dass wir uns nichts mehr gefallen lassen. Den zuständigen Sachbearbeitern auf den Ämtern werden von uns nicht mehr die Füße geküsst. Die haben zwar ihre "Anweisungen", aber mit sachlichen Argumenten und ohne persönlich zu werden können wir mitlerweile gut umgehen.
Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft alles erdenklich Gute und lassen Sie sich nicht unterkriegen.
Zitat unbekannt: "Nächstenliebe findet man zum Beispiel bei Menschen,
die Dienstvorschriften nicht einhalten..."
Seien Sie herzlichst gerüßt

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