Medizinalrat Dr. Schmich rettet Barbara Ihle vor der Vergasung

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Samstag, 23. Juni 2012 - 14:14

Das Euthanasieprogramm der Nazis sollte auch im Kreis Bruchsal verwirklicht werden. Die Familien mit nervenkranken Angehörigen bekamen mit, dass in den Heilanstalten Wiesloch oder Hub ein Vergasungsaktion angelaufen war. Angst und Schrecken verbreitete sich deshalb.

Barbara Ihle, 1895 - 1979, war aufgrund ihrer Krankheit laufend zur Behandlung in der Heilanstalt Wisloch stationär gewesen. Sie war im übrigen die Cousine der Bruchsaler Heimatdichterin Babette Ihle, 1871 - 1943. Beide alleinstehende Frauen lebten nebeneinander in zwei Bauernhäusern in der Württemberger Straße. Barbara lebte im Hause ihres Vaters und hatte kein eigenes Einkommen. Hausarbeit, Feldfrüchte und Kleinvieh sicherten ihren kargen Lebensunterhalt. Fürsorge oder Sozialhilfe gab es zu ihrer Lebzeit noch nicht. Der Vater war Eisenbahner gewesen, sodass sie eine kleine Waisenrente erhielt. Die arme Frau konnte jedoch das Leben bestehen und über die Runden kommen. Verwandte luden sie des öfteren zum Essen ein. Sie verkehrte auch im Haushalt meiner Familie. Ihr Gedächtnis war blendend. 

Es war im Jahr 1938, als sie wieder zur Behandlung nach Wiesloch gehen sollte. Bei der routinemäßigen Konsultation in der Praxis von Dr. Schmich erhielt sie von diesem nur eine einzige Warnung, die ihr genügte. Dr. Schmich sagte ohne weiteren Kommentar: "In der heutigen Zeit geht man nicht nach Wiesloch!" Mehr brauchte dieser Arzt nicht hinzuzufügen. Die Bruchsaler wussten, dass er kein Nazi war, sondern ein guter Katholik und Zentrumsanhänger.  In seinem Warteraum hing ein Bild, das gewissermaßen eine notwendige Reverenz vor dem Regime sein sollte, welches Reichspräsident von Hindenburg bei der Eidesleistung des neuen Kanzlers Adolf Hitler zeigte. Wäre die Warnung von Wiesloch in der Öffentlichkeit bekannt geworden, hätte diese für Dr. Schmich eine Verhaftung bedeutet. Die Verfolgung der Juden und auch die Eliminierung der Geisteskranken waren kein Staatsgeheimnis, sondern den Bruchsalern wohl bekannt.

Ich erinnere mich noch an ein Bild, welches ich niemals vergessen werde. In Gochsheim besuchte ich mit meinem Onkel, Karl Geckler, ein Bauernhaus am Unteren Riegelberg. Es war im Jahr 1940. Im Kuhstall des Anwesens war ein junger Mann mit einer Kette an den Futtertrog gebunden. Er trug nur ein Nachthemd. Die Familie konnte ihn nicht in der kleinen Wohnung aufnehmen, weil er geisteskrank und ein Bettnässer war. Eines Tages wurde er in einer Aktion von Kreisleiter Epp und NSDAP-Ortsgruppenleiter Lindacker abgeholt und nach Wiesloch gebracht. Von hier erhielt die Familie später kommentarlos eine Urne mit den sterblichen Überresten.

Nach 1945 haben die verantwortlichen Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch einen Großteil der Akten verbrannt. Meines Wissens nach gab es nie eine polizeiliche Ermittlung oder Strafverfahren gegen die Verantwortlichen.

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Kommentare

Stimmt net, Herr Doktor!

Diese Barbara Ihle, seinerzeit wohnhaft in der Württemberger Str. 102, war die Nichte der Heimatdichterin Babette Ihle und nicht ihre Cousine - so, wie Ihre Frau, Herr Dr. Geckler, eine Nichte dieser Barbara Ihle ist.
Sie lebte dort mit ihrem 1951 verstorbenen Vater Anton Ihle bis zu ihrem Tode.
Die Heimatdichterin wohnte im übernächsten Haus, Württemberger Str. 106.
Also - uffbasse!

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