Mazzen vom Bäcker Betz

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Aus der Reihe: Bruchsaler Histörchen
Mittwoch, 17. Februar 2010 - 9:00

Mazzen oder Matzen sind bekanntlich Brotfladen aus Weizenmehl und Wasser ohne Zusatz von Sauerteig. Das ungesäuerte "Brot des Elends" essen fromme Juden während der ganzen Passahzeit zur Erinnerung an den Auszug des Volkes aus Ägypten.

Nicht jeder deutsche Bäcker konnte oder wollte die Matzen originalgetreu herstellen. Der Bäcker Betz in der Bruchsaler Kaiserstraße (gegenüber Möbel Fuchs) aber backte schöne runde, knusprige Brotfladen zum Wohlgefallen seiner vielen jüdischen Kunden. Denn Anfang der Dreißiger Jahre wohnten noch viele jüdische Mitbürger in der Nähe der Bäckerei. Etwa in der Schillerstraße (heute Franz-Bläsi- Straße), der Schloss- oder in der unteren und mittleren Kaiserstraße und im alten Stadtzentrum. Ob die Oppenheimers von der Bahnhofstraße dort auch einkauften oder einkaufen ließen - sie hatten ja als betuchte Handelsleute Personal auch im Haushalt - ist nicht bekannt. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür.

Matzen

Für die Herstellung dieses Brotes braucht es nur geringe Backhitze. Die rechte Temperatur hatte der Betz'sche Ofen in der Kellerbackstube immer erst am Sonntagmorgen. Denn noch am Samstag wurden bis zur Mittagszeit knusprige Laugenbrezeln, die Markenzeichen der Bäcker, als letzte Portion an Backwaren jeder Wochenproduktion aus dem Ofen geholt.

Natürlich war es nicht erlaubt, am Sonntag zu backen. Und so nimmt es nicht Wunder, dass das sonntägliche Treiben des Bäckermeisters den Braunhemden hinterbracht wurde. Es gab immer „liebe" Nachbarn, die aus welchen Gründen andere bereitwillig denunzierten. Auch Branchenneid gab es im gut katholischen Bruchsal. Folglich kreuzte just während des Matzenbackens sonntags früh ein Trupp der Braunhemdgesellen beim Betz auf und verlangte Rechenschaft über sein frevlerisches Tun.

Der indes rechtfertigte sich zunächst als Fachmann gegen die Vorwürfe, er backe Judenbrot und das gar noch sonntags. Die Fladen könne er nur dann backen, wenn die Ofenhitze schon abgeklungen sei. Dies sei erst am Sonntag der Fall. Solches aber war dem Anführer zu wenig einleuchtend. Auf seine erneuten Vorhaltungen erboste sich der Bäckermeister und hängte nun den Geschäftsmann heraus. Wenig mundfaul erklärte er: "Ohne die jüdischen Kunden könnte ich den Laden gleich zumachen. Wer, glauben sie, kauft während der ganzen Woche Brot, Backwaren und Kuchen bei mir? Wer lässt bei mir backen? Die Juden sind meine besten Kunden. Ich verliere sie, wenn ich keine Matzen mehr backen darf."

Das musste einleuchten. Gegen solch wirtschaftliche Erwägungen war selbst ein brauner Truppführer machtlos. Und so kam der Bäcker, abgesehen von einer Standpauke mit verbalen Drohungen, ungeschoren davon.

Dennoch verlor er seine Matzen-Kunden. Wer von seinen jüdischen Nachbarn es sich leisten konnte, kehrte dem Dritten Reich alsbald und rechtzeitig den Rücken. Aber denen, welche aus finanziellen Gründen nicht weg konnten oder bleiben wollten, wurde das fürchterlichste Geschick bereitet.

(Mündlich berichtet vom Bäckersohn Arthur Betz 1991.)

Stefan Schuhmacher

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