Mandaubahn
Da es mich interessierte, wo der Wagen herkam und wo er vorher eingesetzt war, habe ich mich im Internet erkundigt:
Im Jahr 2002 schrieb der Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien den Schienennahverkehr auf der Strecke Zittau - Mittelherwigshof - Seifhennershof Eibau öffentlich aus,
woraufhin sich eine Bietergemeinschaft, bestehend aus dem Verein Hochwaldbahn e.V., zusammen mit der Böhmischen Nordbahn und der Sächsisch-Oberlausitzer Eisenbahngesellschaft bildete.
Im Juli 2002 wurde dieser Bietergemeinschaft der Zuschlag erteilt, und von dieser die Sächsisch-Böhmische Eisenbahngesellschaft mit Sitz in Zittau gegründet und der Verkehr am 15.12. 2002 erfolgreich aufgenommen
Bald wurden jedoch die Anteile der Böhmischen Nordbahn und der Sächsisch-Oberlausitzer Eisenbahngesellschaft von der Hochwaldbahn e.V. übernommen. Dadurch konnte das Spektrum der Bahn erweitert werden, außer dem Personennahverkehr konnten jetzt Schnellzüge bis nach Prag und Planzüge bis Liberec angeboten werden. Der Nahverkehr wurde mit den Triebwagen VT 42 (Schienenbus Uerdinger Bauart) und VT 43 aufgenommen, unten ein Bild des VT 42 nach seiner Neulackierung:
Und so stellt sich heute der "Bruchsaler" VT 43 dar:
Der Verkehrsvertrag wurde zweimal bis einschließlich 2010 verlängert. 2008 haben die Auftraggeber beschlossen, den Vertrag nicht nochmals über das Jahr 2010 hinaus zu verlängern, sondern neu auszuschreiben. In der letzten Vertragsrunde konnte die Sächsisch-Böhmische Eisenbahngesellschaft nicht mehr teilnehmen, da die Teilnahmebedingungen für Großunternehmen bzw. Konzerne zugeschnitten waren und die Sächsisch-Böhmische Eisenbahngesellschaft die geforderten Sicherheiten als mittelständisches Unternehmen nicht aufbringen konnte. Der Auftrag wurde deshalb an die Vogtlandbahn vergeben.
So wurde ein gut florierendes Unternehmen zur Aufgabe gezwungen und im Jahre 2011 liquidiert. Wahrscheinlich hat die DB den Triebwagen billig übernommen, und so fährt er heute als Bauwagen durch die Gegend und kündet in ganz Deutschland von der ehemaligen "Mandaubahn".
Nachfolgend die Rede des Geschäftsführers der Mandaubahn anläßlich der Übergabe an die Vogtlandbahn (Trilex):
"Heute geht in Zittau ein Stück deutsche Eisenbahngeschichte zu Ende. Nach genau 60 Jahren und 5 Monaten scheiden die Schienenbusse der Uerdinger Bauart endgültig aus dem Planverkehr aus. Sie sind damit die bislang am längsten im Nahverkehr eingesetzten dieselgetriebenen Eisenbahnfahrzeuge in Deutschland.
Außerdem endet nach 8 Jahren die Geschichte der Sächsisch-Böhmischen Eisenbahn SBE. Alle Mitarbeiter sind gekündigt. Die Gesellschaft stellt heute Nacht um 00.13 ihren Geschäftsbetrieb endgültig ein.
Ein Anlass, noch einmal auf die Geschichte der SBE zurückzuschauen. Im Januar 2002 rief mich ein langjähriger tschechischer Geschäftsfreund an und berichtete von einer Ausschreibung für SPNV in Ostsachen. Es solle mit Schienenbussen gefahren werden und ob man dieses Projekt nicht gemeinsam angehen sollte. Die Hochwaldbahn hatte zu dem Zeitpunkt 11 Jahre Erfahrung mit dieser Bauart und einen eigenen Fuhrpark von 12 Fahrzeugen. Es begann eine hektische und schwierige Anlaufphase, in der die ursprünglichen drei Partner nicht ganz zusammenfanden, so dass die SBE letztlich 2003 eine 100%ige Tochter der Hochwaldbahn wurde.
Das Produkt nannten wir die MANDAUBAHN.
Bei allen Höhen und Tiefen ist es uns meiner Meinung nach 8 Jahre lang gut gelungen, einen sicheren, pünktlichen und zuverlässigen Eisenbahnbetrieb anzubieten.
Als besondere Erfolge verbuchen wir für uns, dass wir das erste Unternehmen waren, welches durchgehend von Seifhennersdorf nach Liberec gefahren ist. Ab 2003 wurden gut nachgefragte Sonderzüge nach Prag angeboten. 2005 erwarben wir aus eigenem Antrieb 2 modernere Triebwagen für den Einsatz auf der Mandaubahn. 2006 gelang es uns, den Verkehrshalt in Varnsdorf zu realisieren.
Seit 2004 gehört uns das Bahnbetriebswerk in Zittau mit einer ISO-zertifizierten Eisenbahnwerkstatt, die auch für andere Unternehmen arbeitet. Vom Mutterunternehmen wird diese Werkstatt nach dem Ende der SBE weitergeführt.
Wir glauben, dass wir die Mandaubahn über die Zeit gerettet haben.
2008 beteiligten auch wir uns an der Folgeausschreibung. Wir konnten ein konkurrenzfähiges und solides Angebot vorlegen. Leider wurden wir aus der Vergabe ausgeschlossen, weil wir keine Millionenbürgschaften erbringen konnten – für mittelständische Unternehmen ist das völlig unmöglich. Eines der letzten inhabergeführten Unternehmen der Branche geht somit heute Nacht vom Markt.
Wir hätten hier gerne weiter gemacht und uns weiter engagiert. So standen beispielsweise die Errichtung weiterer Haltpunkte in Hainewalde, Großschönau, Varnsdorf und Seifhennersdorf auf der Liste unserer Ziele.
Besondern Dank möchte ich dem ZVON und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die angenehme und kollegiale Zusammenarbeit aussprechen.
Außerdem möchte ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Loyalität und das weit überdurchschnittliche Engagement danken.
Für die SBE ist heute ein trauriger Tag, für die Region ist es ein Feiertag. Es wird ein sinnvolles und zukunftorientiertes europäisches SPNV Konzept umgesetzt. Ein beeindruckendes Modell für ganz Europa. Wir freuen uns für die Region und wünschen dem Trilex alles Gute und allzeit gute Fahrt."
Tja, sowas stimmt einem als Eisenbahnfreund etwas traurig.
Günstig Tanken
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Kommentare
Es ist nicht alles Gold
Zwei Passagen in der Rede des "Geschäftsführers" machen stutzig. Die Aussage: "Außerdem möchte ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Loyalität und das weit überdurchschnittliche Engagement danken.", bedeutet fast immer: schlechte Bezahlung, schlechte Arbeitsbedingungen.
Und: "für die Region ist es ein Feiertag. Es wird ein sinnvolles und zukunftorientiertes europäisches SPNV Konzept umgesetzt.", kann man deuten als: Es war nix, oder als: Der Geschäftsführer hat schon einen neuen Posten bei der übernehmenden Gesellschaft.
In jedem Fall sind die loyalen, überdurchschnittlich engagierten Mitarbeiter die gelackmeierten.