Leserbrief zur Berichterstattung zur vermuteten Wahlfälschung in Bruchsal
Sehr geehrter Herr Streib (zugleich Antwort an Rainer Kaufmann),
Dem Samstagskommentar (12.12.09) kann man zustimmen, wenn es darin heißt, dass manche Kommunalpolitiker das Ganze am liebsten als Lappalie abtun würden und ferner, dass es keine Rolle spiele ob der Betroffene ein netter und anständiger Kerl sei oder nicht. Ersteres trifft sicher zu – Dr. Scherbel will einfach zu jedem nett sein. Peinlich ist die Angelegenheit auch – nicht für die ganze politische Klasse, sondern für den bzw. die Verantwortlichen.
Bei Kommunalwahlen ging es Bruchsal stets um die (absolute) Macht des barock regierenden Doll. Das erklärt auch manche Verbissenheiten in der Vergangenheit, zu der man noch die Kommunalwahl 2009 zählen darf. Das hat sich seit der OB-Neuwahl sicher geändert – in Bruchsal wird seitdem fair nach der jeweils richtigen Lösung gesucht.
Die Causa Scherbel zeigt auch, dass Kommunalwahlen entgegen einem verbreiteten Missverständnis keine reinen Persönlichkeitswahlen, sondern Listen- = Parteienwahlen sind. Dies erhellt der Umstand, dass in der Causa Scherbel die CDU als Partei den mutmaßlich verloren gehenden Sitz Dr. Scherbel im Gemeinderat (nach althergebrachter politischer Denkweise: damit mit Machterhalt verbunden) neu besetzen und damit die Stimmen von Dr. Scherbel behalten darf.
Verschwurbelt wird es, wenn die Bruchsaler Rundschau, wie Kaufmann, Peinlichkeiten im Ablauf des Geschehens diagnostizieren.
Zum Einen ist es nicht Sache z. B. der SPD nach Art eines Spürhundes den (mutmaßlich echten) Wohnsitz des CDU-Konkurrenten Dr. Scherbel aufzuspüren. Das kann sie nicht und darf sie nicht. Denn noch schützt das Grundgesetz den Wohnbereich des Bürgers – das bleibt auch hoffentlich so. Das trifft auch auf den Unterzeichner zu. Streib und Kaufmann möchte ich mal sehen, wenn der politische Gegner ums Haus streicht und die Beleuchtungseinrichtungen prüft.
Aber Aufgabe der Stadtverwaltung unter Führung des Alt-OB Doll (CDU) war es zu prüfen, ob die sich zur Wahl stellenden Kandidaten die dafür erforderlichen Voraussetzungen erfüllen. Abgesegnet wird das Ganze vom Kommunalwahlausschuss unter Leitung des Oberbürgermeisters – im Falle der Kommunalwahl 2009 vertreten durch den Rechtsamtsleiter des Rathauses, weil Doll verhindert (!) war. Nur dieses Gremium wird mit der Kandidatenaufstellung befasst und kann natürlich auch keine eigenen Erhebungen anstellen. Es nimmt die Darstellung der Verwaltung zur Kenntnis und wird nichts dagegen einwenden, wenn es keine entsprechend präsentierten Fakten gibt.
Das bekannte Ergebnis war, dass Dr. Scherbel kandidieren durfte - andere Erkenntnisse wurden dem Gremium nicht vorgelegt. Offenkundig hatten sowohl der Regierungspräsident Dr. Kühner (CDU), wie OB Doll andere, weitreichendere, Erkenntnisse, sonst hätte die Wahl „nicht auf der Kippe“ gestanden, wie diese nach dem Bericht des Blattes unisono aussagten. Das ist mehr als nur peinlich – es zeigt, dass diese beiden CDU-Mitglieder ihren Parteifreund ins offene Messer haben laufen lassen.
Offenkundig dreist ist es zudem und aufschlussreich, wenn Alt-OB Doll vor der Kommunalwahl öffentlich (!) dröhnt, er habe die Absetzung der Kommunalwahl, die der Regierungspräsident Dr. Kühner ursprünglich wollte, verhindert und damit Dr. Scherbel die Suppe eingebrockt, die dieser jetzt alleine auslöffeln muss.
Dies dem netten Kandidaten Dr. Scherbel nicht vermittelt zu haben und ihn möglicherweise in eine Straftat hineinlaufen zu lassen, ist das eigentliche politische Problem. Man kann durchaus vermuten, dass man die Stimmen des Kandidaten für die eigene Liste wollte, nicht hingegen den Kandidaten selbst.
Jürgen Schmitt
Auch auf bruchsal.org:
- Das Strafverfahren gegen den CDU Gemeinderat Dr. Scherbel
- Scherbel verliert Sitz im Bruchsaler Gemeinderat
- Die Entscheidung des Regierungspräsidiums Karlsruhe in Sachen Dr. Scherbel – zu spät und undemokratisch
- SWR4 Badenradio berichtete aus dem Bruchsaler Gemeinderat zum Thema Scherbel
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Kommentare
Dies dem netten Kandidaten Dr. Scherbel nicht vermittelt zu
Dies dem netten Kandidaten Dr. Scherbel nicht vermittelt zu haben ......
Das kann und darf ja wohl nicht wahr sein! Herr Scherbel dürfte sich sehr wohl seines Tuns bewußt gewesen sein und die Regularieren gekannt haben -.
Herr Scherbel hat sich bisher nicht geäußert und das dürfte seine Gründe haben. Kein Opfer, sondern Mittäter!
reinhard spiegler
Der nette Dr. Scherbel
Ich bleibe dabei: Dr. Scherbel ist "nett". Manchmal ist Nettigkeit allerdings ein Fehler, dann nämlich, wenn die sich dadurch ergebende Anerkennung nicht mehr auf ihren Kern untersucht wird.
Warum ein Akademiker, wie Dr. Scherbel (immer die Richtigkeit der StA-Ermittlungen unterstellt), nicht erkennt, in welches Risiko er sich mit seiner Handlung begibt, ist nur noch tiefenpsychologisch zu erklären.
Das allerdings ist nicht Sache einer öffentlichen Diskussion.
Hier kommt es auf die politische Bewertung an - diese ist einer öffentlichen Diskussion zugänglich.
nett
Ob er nun "nett" ist oder nicht, ist vollkommen irrelevant und beschönigt nichts.
Was soll das?
reinhard spiegler
Blauäugiger Dr. Scherbel
Hallo Jürgen,
wie kommst Du auf die Annahme, Herr Dr. Scherbel hätte das Risiko nicht erkannt? Ich bin in meinem Kommentar "Verbitterte Empörung" vom 13.12.09 gerade zu der gegenteiligen Annahme gelangt, denn es ist nicht vorstellbar, daß ein Akademiker vorher nicht abwägt (immer vorausgesetzt, die Vorwürfe treffen zu), ob er ein solches Risiko eingeht oder nicht. Wenn er trotzdem das Risiko eingegangen ist, und danach sieht es aus, muß er vorher auch abgewogen haben, ob es sich lohnt, das Risiko einzugehen. Es scheint lohnend gewesen zu sein.
Und wenn er als "Stimmenfänger" zu diesem Schritt "überredet" wurde, so müßte meines Erachtens nicht nur Dr. Scherbel ins Messer laufen, sondern auch der oder die "Überreder". Wie war das nochmal? Der Anstifter wird genau so bestraft wie der Täter? Dann darf man ja gespannt sein.
Macht es einen Unterschied,
Macht es einen Unterschied, ob ich von einem "netten" Mann betrogen werde?
Macht es einen Unterschied, ob das "Risiko" entsprechend bekannt war?
Man sollte schon wissen, wo man Nachts schläft und wo man sich aufhält, wenn man "zu Hause" ist. Wenn man dann "glaubt" eine andere Adresse angeben zu müssen auf die entsprechende Frage, dann tut man dies Bewusst. Ob einem die "Konsequenzen" dann klar sind oder nicht, hat nun wirklich eine Relevanz von < 0
Netter Dr Scherbel
Liebe Waldemar,
es kann keine Rede davon sein, dass die Regeln der Demokratie mißachtet werden dürfen. Geschadet hat dies in erster Linie (Kommunalwahl 2009) den anderen Listen, also auch der SPD. Wäre die Nicht-Wählbarkeit Dr. Scherbels vor der Wahl 2009 festgestellt worden, hätte dies Einfluss auf die Zusammensetzung des Gemeinderates gehabt. Die SPD-Liste (Kernstadt) beispielsweise, umfaßte 2004 nur 19 Namen anstatt 20 möglichen Kandidaten, da ein Kandidat hier mangels Wohnsitz nicht antreten konnte - korrekterweise.
Ich versuche nur eine Anamnese des Vorgangs - nicht mehr und nicht weniger.
Denn: Dr. Scherbel ist als "Kommunalpolitiker" nicht in Erscheinung getreten. Darauf liegt sein Focus offenkundig nicht.
betr.:Jürgen Schmitt: "Ich versuche nur eine Anamnese u.s.w.
Lieber Herr Schmitt,
der Konjunktive ist es nun genug und Waldemar hat recht mit der Annahme, daß Herr Scherbel sehr wohl gewußt hat was er tut. Ob die SPD nun 19 oder 20 Kandidaten aufgestellt hatte, ist ja nun wirklich kein Thema.
Lassen Sie die Anamnese ruhen und nach einem juristischen (nicht moraischen) Urteil, kann man das Geschehen erneut beurteilen.
reinhard spiegler
Opfer?
Herrn Dr. Scherbel hier als Opfer darzustellen finde ich schon ganz schön weit aus dem Fenster gelehnt. Herr Dr. Scherbel sollte als Akademiker doch so viel Grips haben um zu wissen, was genau er da tut. Da kann er noch so nett sein, eine Wahlfälschung bliebe es dann trotzdem.
Mindestens genauso schlimm (politisch) wiegt hier jedoch meines Erachtens die Tatsache, dass Doll & Co. wohl von der Problematik wussten und alles daran setzten, eine Absetzung der Wahl zu verhindern. Ist in meinen Augen so etwas wie "Beihilfe zur Wahlfälschung", sollte sich alles als wahr erweisen.
Einspruch, Herr Jürgen Schmitt!
"Aber Aufgabe der Stadtverwaltung unter Führung des Alt-OB Doll (CDU) war es zu prüfen, ob die sich zur Wahl stellenden Kandidaten die dafür erforderlichen Voraussetzungen erfüllen. Abgesegnet wird das Ganze vom Kommunalwahlausschuss unter Leitung des Oberbürgermeisters – im Falle der Kommunalwahl 2009 vertreten durch den Rechtsamtsleiter des Rathauses..." - so Jürgen Schmitt in seinem Leserbrief-Kommentar vom 16.12.09.
Der Gemeindewahlausschuss hat nicht "abzusegnen" Herr Schmitt, oh nein -
"Der Gemeindewahlausschuss leitet die Gemeindewahlen... und stellt das Wahlergebnis fest."
Und entsprechend, Herr Schmitt, sollte er auch besetzt sein.
Aber wer waren denn die Kandidaten der Parteien und Gruppierungen im Gemeinderat? Gerade angesichts der allgemein bekannten drohenden Scherbeleien?
Mich wundert schon lange, dass noch niemand hier auf die Merkwürdigkeiten der diesjährigen "Gemeindewahlauschuss-Wahlen" hingewiesen hat!
Der Gemeindewahlausschuss leitet die Wahl und stellt das Wahlergebnis fest.
Ex-OB Doll: Wahl-Kippe verhindert - warum?
"... wenn Alt-OB Doll vor der Kommunalwahl öffentlich (!) dröhnt, er habe die Absetzung der Kommunalwahl, die der Regierungspräsident Dr. Kühner ursprünglich wollte, verhindert..." so Jürgen Schmitt oben.
Dies wiederholt Doll auch lt. BNN vom 11.12.09 und diese fügt hinzu, das Regierungspräsidium habe dies bestätigt.
Allerdings, so das Regierungspräsidium lt. BNN "sei der Erkennnisstand damals ein anderer gewesen, als es sich nach dem Abschluss des Ermittlungsverfahrens darstelle..."
Da wird man doch nachdenklich und fragt sich, warum das Regierungspräsidium damals trotz noch laufender Ermittlungen gegen Dr,. Scherbel die Wahl bereits absagen wollte und gleichzeitig (angeblich) ständig erklärt, eine Wiederholung der Wahl komme heute - nach Abschluss der Ermitllungen und doch wohl weitaus detaillierteren Erkenntnissen - jedoch keinesfalls in Frage.
Und in welcher Eigenschaft verhandelte der damalige OB Bernd Doll denn seinerzeit mit dem Herrn Regierungspräsidenten? Als OB? Oder als Vorsitzender des Gemeindewahlausschusses, der er ja - siehe oben! - war? Hat er den in Wahlangelegenheiten entscheidenden Gemeindewahlausschuss in diese "Verhandlungen" über diese Erkenntnisse informiert? Wohl nicht.
Was macht eigentlich der Scherbelhaufen?
Der Betreff ist die Kernfragte die ich mir stelle. Alles eingeschlafen, oder was?
Sorry für meine Ungeduld.