Ein Kreuz mit dem Kreuz
Über 250 Jahre stand das barocke "Heidelsheimer Wegkreuz" in Bruchsals Obervorstadt. Davon mindestens 100 Sommer und Winter am letzten Standort wenige Schritte ostwärts vom Schafgarten in der Württemberger Straße. Jetzt lagert es seit Ende 2008 in der Werkstatt der Karlsruher Restauratorin Silke Günther im Alten Schlachthof. Die rapid beschleunigte Schadensbilanz der letzten Jahre durch überlanges Zuwarten für eine Generalsanierung hat die Stadtverwaltung veranlasst, sich um das barockzeitliche Denkmal aus dem Jahr 1751 zu kümmern und es für die Zukunft zu erhalten.
Mehr als Worte sagen Fotos von den gravierenden Schäden am barockzeitlichen "Heidelsheimer Wegkreuz" aus. Auch deutliche Spuren von Restaurierungen mit falschen Materialien sind erkennbar. Auf der mit falschen Schriftzeichen erneuerten Inschriftplatte fehlt das die Aufstellzeit bestimmende Chronogramm. Die Bewahrung dieses kulturellen Erbes ist aufwändig und erfordert viel fachliches Können.
Von zwei Besonderheiten, die das Kunstwerk kennzeichneten, ist eine durch unsachgemäße Renovierung nicht mehr vorhanden, könnte aber wieder nachgearbeitet werden: Die Inschrift auf der Schrifttafel unten am Kreuzesstamm war vormals in lateinischen Lettern geschrieben und enthielt ein Zahlenrätsel im Text mit römischen Zahlzeichen, das die Jahreszahl der Entstehung oder Aufstellung verriet.
Die alte Kreuzinschrift:
IesV reDeMptor
qVI pro nobIs patIes
sangVIne effVso eX
spIrastI propItIVs
sIs peCCatorIbVs
So stand einst in lateinischen Lettern unter dem Kreuzesschaft am Heidelsheimer Wegkreuz zu lesen. Einfacher liest sich der Spruch ohne die irritierenden Großbuchstaben, die gleichzeitig als Zahlzeichen dienten: Jesu redemptor qui po nobis paties sanguine effuso exspirasti propitius sis peccatoribus.
Übersetzt lautet der Text etwa so: „Jesus, Erlöser, der du für uns leidest. Du hast dein Blut vergossen (und) bist gestorben (= hast dein Leben ausgehaucht). Gnädig sei uns Sündern."
Der Text enthielt also ein in barocken Zeiten sehr beliebtes sprachliches Zahlenrätsel, ein Chronogramm. Die durch Übergröße hervorgehobenen, lateinischen Großbuchstaben sind als römische Ziffern lesbar. Addiert man die römischen Zahlzeichen, so verraten sie das Entstehungs- oder Aufstelljahr 1751, just in Bruchsals barocker Hochblütezeit unter Fürstbischof und Kardinal Hutten (1743 bis 1770).
Anno 1981 wurde die Urschrift herausgeschlagen und eine Platte mit wunderschön goldgefärbter Inschrift ohne Chronogramm eingesetzt. Ein Blick in „Hans Rott, Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Bruchsal (Kreis Karlsruhe) Tübingen, 1913, Seite 81", hätte dies vermieden und bessere Erkenntnis gebracht. Dort lesen wir: „Kreuz vor dem früheren Heidelsheimer Tor, hinter Haus 97 der Württemberger Straße." Es folgt der obige, lateinische Text. (Die Nr. 97 ist heute die Gaststätte Graf Kuno". Das Kreuz stand 50 Meter stadtauswärts, hauptsächlich auf dem Vorgartenareal von Haus 103, das in den Jahren 1907/08 durch Pflästerermeister Stefan Karolus erbaut wurde.
Mehrere Restaurierungen unterschiedlicher Qualität erfolgten in den Jahren 1805, 1923, 1964 und 1981.
Aus einem Block herausgemeißelt
Gewiss künstlerisch noch bedeutsamer ist die Tatsache, dass Corpus, zugehöriger Schaftteil samt Querbalken des Kreuzes aus einem Steinblock heraus gemeißelt sind. Eine solch akribisch gearbeitete Skulptur samt ihrem „Unterbau" kann eigentlich nur in einer qualifizierten Werkstatt oder von einem bedeutenden Steinmetz geschaffen worden sein. Dies wird von fachlicher Seite ebenso gesehen. Aufgesetzt auf den Querbalken ist nur der kleine Quaderstein auf den die üblichen Kreuzinschrift INRI (bekannt als „Jesus Nazarenus Rex Judaeorum") aufgeputzt ist.
Den 2. Weltkrieg hat das Hochkreuz ohne Blessuren überstanden. Doch die nachfolgenden Jahrzehnte waren gekennzeichnet von immer stärkeren Beschädigungen durch Witterungseinflüsse: Nässe, Frost und Hitze setzten dem Werkstein schwer zu, so dass Rissbildungen entstanden und herausgearbeitete Teile und dünne Schichten des blassroten Schilfsandsteines abplatzten. Zwei dokumentierte Versuche in den 60er sowie 80er Jahren, das barocke Zeichen christlicher Frömmigkeit zu erhalten, waren von kurzer Erfolgsdauer und schadeten dem Kunstwerk langfristig mehr als zu nützen. Ein dünner Zementmörtelüberzug mit untauglicher Farbfassung verhinderte letztlich das "Atmen" des "lebendigen" Materials Buntsandstein. Zur Sicherung wurde 1985 eine Eisenstütze zwischen das sich rückwärts neigende Kreuz und die Hauswand eingefügt, die immer mehr unter Spannung geriet. Vielleicht auch durch die Erschütterungen des Schwerverkehrs auf der alten B 35 (bis 1952) und der heutigen L 618. Denn der Sockel bestand keineswegs aus massivem Sandstein, wie sich beim Abbau herausstellte. Vielmehr war eine rote Verblendplatte mit neobarocken Voluten als Unterbauverzierung vorgesetzt, dahinter war primitives Kalksteinmauerwerk mit dicken Mörtelfugen. Und dieser „antike"Mauerrest schmückt nun seit dem 11. Dezember 2008 den Vorgarten des Standortes. Geradezu ein Beweis für eine frühere Einbindung etwa in eine (Stadt)Mauer, wie sie rund 200 Meter stadteinwärts bestand.
Bei seinem Abbau und Abtransport nach Karlsruhe brach nicht nur der Kreuzesstamm, sondern auch der Christuskopf ab. Seine nunmehr fünf statt eigentlich drei Teile sollen wieder zusammengefügt werden, wenn die verwitterte, sandige Oberfläche chemisch verfestigt ist. Noch mehr zu investieren, erscheint kaum sinnvoll. Denn selbst nach einer aufwändigen Restaurierung wäre das historische Kleindenkmal, laut Restauratorin, am angestammten Platz im Freien nicht wieder aufstellbar. Doch eine gute Aufbaustelle ist noch nicht gefunden. Er hatte eine stilistisch passende Rotsandsteinverblendung, die ebenfalls abgebaut wurde.
Die schweren Schäden zu beheben wäre zwar mit enormem finanziellem Aufwand zu leisten. Eine Wiederaufstellung am bisherigen Standort käme aber dennoch nicht infrage. Das Kunstwerk darf auch hernach nicht mehr der Witterung ausgesetzt werden. Der Stein ist sehr porös. Das Kreuz muss auf jeden Fall unter Dach.
Der Sachlage ausreichend angemessen erscheint die favorisierte Variante einer "fachmännischen Sicherung des lädierten Ist-Zustandes" mit vorsichtiger Entfernung loser Antragsteile. Grundsätzlich solle das Kreuz nach diesen restauratorischen Sicherungsmaßnahmen wieder zusammengefügt und mit seinen Unterbauteilen (Aufsatz und Sockelfrontblende) vereinigt an einem öffentlich zugänglichen Ort „unter Dach" aufgestellt werden. Damit wäre das Kreuz grundsätzlich weg vom angestammten Platz. Was aber sollte, müsste, könnte dort geschehen?
Ansatz einer Lösung
Das beste, eleganteste Vorgehen wäre wohl, eine Replik des ursprünglichen Zustandes wie in der Entstehungszeit, also ohne jegliche Schäden, herzustellen und den bisherigen Standort damit zu schmücken. Die Zeit drängt etwas. Denn eine Nacharbeitung sollte sinnvoller Weise bald, vor Wiederaufstellung des geflickten Barockmonuments an anderer Stelle, vorgenommen werden Die neuen Anwohner von 103 hätten durchaus gern wieder das Kreuz am alten Platz im Vorgarten, war zu erfahren. Beim modernen Abgussverfahren für ein Duplikat könnten und sollten die ursprünglichen Formen wiederhergestellt und die abgeplatzten Teile ergänzt werden.
Einer guten Lösung steht eigentlich nur die Finanzierung entgegen. Zwar gibt das Landesdenkmalamt für eine Notkonservierung des alten Originals einen Beitrag, doch für Nachschöpfungen gibt es keine Zuschüsse. Ein erster Aufruf zur Mitfinanzierung der Restaurierung durch Bürger anno 2008 erbrachte erste 2.000 Euro, die der Stadtkasse zuflossen. Sie könnten für das Objekt oder das Duplikat verwendet werden. Denkbar wäre auch, Geld aus der Bürgerstiftung für die Bereicherung des Stadtbildes einzusetzen. Der Rest müsste aus Spenden und dem entsprechenden Haushaltstitel aufgebracht werden.
© für Beitrag und Fotos: Stefan Schuhmacher, Bruchsal
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Kommentare
Kreuzinschrift
Guten Tag,
derzeit kämpfen wir in unserer Heimat auch mit der Kreuzinschrift aus dem frühen 18. Jh. und versuchen verzweifelt, die groß gemeißelten Buchstaben als römische Zifern zu addieren. In Ihrem Beispiel komme ich allerdings nicht auf die Summe, die Sie ermittelt haben. Ich sehe hier:
IesV reDeMptor || 1+5+500+1000
qVI pro nobIs patIes || 6+1+1
sangVIne effVso eX || 6+5+10
spIrastI propItIVs || 1+1+1+4
sIs peCCatorIbVs || 1+200+1+5,
macht 1749, wenn ich richtig liege. Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch gerechnet habe, das hilft mir dann wahrscheinlich bei "unserem" Kreuz.
Liebe Grüße,
M. Lehmer
Heute würde man anders zählen
Die Rechnung stammt nicht von mir, sondern vom anerkannten Bruchsaler Historiker Roman Heiligenthal. Veröffentlicht in seinem 1913 erschienenen Sachbuch über Kunstschätze Badens.
"In Ihrem Beispiel komme ich allerdings
nicht auf die Summe, die Sie ermittelt haben.
Ich sehe hier:
IesV reDeMptor 1+5+500+1000
qVI pro nobIs patIes 6+1+1
sangVIne effVso eX 6+5+10
spIrastI propItIVs 1+1+1+4
sIs peCCatorIbVs 1+200+1+5, macht 1749."
Meine Erklärung: Die Zeile „spIrastI propItIVs" wurde als 1+1+1+1+ 5 gelesen und ergibt dann die Jahreszahl 1751.
Dann wäre meines Erachtens die Zeile „qVI pro nobIs patIes" nicht als 6+1+1 zu lesen sondern als 5+1+1+1.
Heute würde man anders zählen IV = 4 , VI = 6, wie Sie es tun.
Mit freundlichen Grüßen
Stefan Schuhmacher