Kommentar zu: „Die Globalisierung reicht bis zum Brombeerstrauch"

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Artikel in der Bruchsaler Rundschau vom 11. Januar 2011
Mittwoch, 26. Januar 2011 - 22:12
Globalisierung

Die Bruchsaler OGA besteht darauf, dass alle bei ihr abliefernden Landwirte im Besitz des QS bzw. des Global G.A.P. sind. Nebenerwerbslandwirte sind hierbei chancenlos, da sie die Kosten der Zertifizierung nicht stemmen können oder einfach keine Lust haben, sich dieser Bürokratie auszusetzen. Zu Recht befürchtet der Bühler Oberbürgermeister Striebel den Verlust landschaftlicher Vielfalt, wegen Brachfallens landwirtschaftlicher Flächen. Dies berichtete die „Bruchsaler Rundschau" am 11. Januar. Am gleichen Tag war ein weiterer Artikel im Blatt, der sich unter der Überschrift: „Strengere Regeln sollen weiteren Skandal verhindern" mit dem Futtermittel-Dioxin-Skandal befasst.

In beiden Fällen geht es im Kern um das Gleiche: Um eine Landwirtschaft, die schon längst nicht mehr den bäuerlichen Idealen der Vergangenheit entspricht, sondern die sich in rasendem Tempo der Vollindustrialisierung nähert.

Die Erzeuger sind zunehmend anonym und ihre erzeugten Produkte werden in große Warenströme eingespeist, die keiner individuellen, sondern nur noch einer stofflichen Laborbetrachtung zugänglich sein sollen. So operiert die globale Industrie, so operiert der Bürokratieapparat der EU, dem sich die supranationalen Handelsketten aus wohlverstandenem Profitinteresse anpassen. Es ist nachzuvollziehen - wer findet einen faulen Apfel in einem Berg Äpfel? Weg mit allen Äpfeln: das kann und will sich niemand leisten. Je grösser die Warenberge werden, die gemeinsam operationalisiert werden, desto grösser potentielle Schäden, desto weniger zählt der Einzelne.

Ein Blick in die Supermarkt-Regale lehrt: Lebensmittel sind auch immer seltener Naturprodukte, immer häufig jedoch aus den Stoffen der Lebensmittelindustrie zusammengemixte „naturidentische" Fertigprodukte. Die bedürfen allerdings der stofflichen Kontrolle, denn an ihrem Zustandekommen ist ein Netz von globalen Stoff-Fertigern beteiligt Der bäuerliche Erzeuger, in der Regel nur noch alter Nebenerwerbslandwirt, ist in diesem System ein Auslaufmodell und mit ihm die uns noch wohlbekannten vielfältigen natürlichen Landschaftsstrukturen.

Ein Blick in die Zukunft bietet die Produktpalette des Agrarmaschinengiganten John Deere, die der industriellen Landwirtschaft optimale Produktionsbedingungen zu bieten bestrebt ist. Es geht um sekundengenauen Einsatz der Produktionsmittel - Zeit kostet Geld. Einen anderen Focus gibt es nicht mehr. Runter mit den Kosten - raus mit der Natur.

Auf der Strecke bleibt, unbemerkt von allen beteiligten Behörden, der Naturkreislauf, ohne den unser Wirtschaften - dauerhaft - auf Erden nicht denkbar ist. Verbundenheit mit Heimat und Natur ist nur noch ein Folkloreelement für friedliche Urlaubstage und kein Gegenwartsbestandteil mehr. Den Preis zahlen wir mit der absehbar vollständigen Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, weil der Mensch (und die EU) keine Naturkreisläufe künstlich herstellen kann.

Die moderne Nahrungsmittelerzeugung gehorcht nur noch Labor-Grenzwerten (wenn wir Glück haben) und kennt keinen Naturbezug mehr. Da helfen auch die Bemühungen anderer EU-Bürokratie-Abteilungen, in denen die Umwelt geschützt werden soll, nichts. Im Zweifel ersticken alle im Dickicht der täglich neuen Verordnungen.

Zur OGA sei gesagt: Die Lebensmittelketten werden aus Furcht vor ökonomischen Verlusten wegen möglicher „Grenzwertüberschreitungen" demnächst nur noch laborkontrolliertes Industrie"futter" in ihren Regalen haben und die OGA kann diesen riesigen, weil vereinheitlichten / monopolisierten Absatzmarkt nicht aufs Spiel setzen.

Ich empfehle der OGA aus Verbundenheit zur Region eine zweite Linie aufzubauen mit Obst und Gemüse, das aus definiert regionaler Herkunft stammt. Damit lässt sich die Vernichtung unseres Lebensraumes zumindest verlangsamen. Denn wenn nicht alle daran mitwirken, diesen Komplett-Industrialisierungsprozess zu verlangsamen, wird uns diese Hybris den Kopf kosten.

Es sei angemerkt, dass die Streuobstinitiative die ihr zuliefernden Landwirte biozertifiziert hat und damit die EU-Vorgabe erfüllt. Wenigstens etwas Positives. Fragen Sie bitte nicht nach dem Aufwand und den Kosten.

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