Eine kleine Geschichte übers Eheglück und von einem Backfisch
Die Sematingers
Die Sematingers wohnten über Krenzles und waren stille Mieter. Das Ehepaar ging morgens Arm in Arm zur Arbeit und kam abends Arm in Arm nach Hause. Sie erschienen immer wie unzertrennlich, und das erschien mir interessant.
Herr Sematinger sah aus wie ein Ober in einem vornehmen Hotel, trug dunkle Anzüge mit korrektesten Bügelfalten, im schwarzen Pomadenhaar den korrektesten Seitenscheitel und grüßte zwar nie freundlich, aber stets korrekt. Seine braune Hornbrille ließ ihn wichtig erscheinen und er schritt gewichtig mit seiner Frau Gemahlin die Treppen hoch, während ich scheu zur Seite trat und grüßte. Herr Sematinger wäre nie die Stufen gesprungen oder gehopst, wie es manchmal Herr Sailer tat. Nein, er betrat die Treppen bedächtig wie der Bundespräsident und geleitete seine Gattin zur Wohnungstür. Ich glaube, er war irgendwo ein Angestellter und seine Frau war ebenso Angestellte in einem größeren Betrieb.
Frau Sematinger hatte ewig neue Dauerwellen, ein gepflegtes Äußeres, ein schmales Lächeln und sie konnte mit Kindern nicht viel anfangen. Wenn wir im Hof Fangen spielten und im Eifer vor das Ehepaar hüpften, erschraken wir, entschuldigten uns und hopsten auf der entgegengesetzten Seite weiter.
Sematingers waren nicht lieblos, aber sie wirkten irgendwo leblos, wenn ich sie sah.
Einmal im Jahr, nämlich in den großen Ferien, kam die Nichte von Frau Sematinger aus Mannheim, und manchmal ließ sich das hübsche Mädchen herab, indem sie zu uns spielen kam.
Sie war süße fünfzehn, hatte bemalte Lippen, Fingernägel und Fußnägel, tolle Dauerwellen und bepuderte Haut. Ich staunte dieses Mädchen an und getraute mich kaum Marianne zu ihr zu sagen. Mama sagte, dass man sich in dem Alter noch nicht parfümierte und puderte, und dass das alles schrecklich unfein wäre, aber ich fand es fein, Marianne betrachten und bewundern zu dürfen.
Marianne machte keine Straßenhopsspiele, sie schielte zu den Jungen hinüber, obwohl sie gerade stehende Augen hatte. Wie albern kamen mir meine Schnittlauchlocken vor, und ich versteckte meine Fingernägel, die Spuren von Sand und Erde bargen. Marianne verbarg keinen ihrer Vorzüge und wippte mit den Petticoat-Kleidern und ging ohne Knapsen im Hof auf und ab. Sie warf bunte Gummiringe, und die Buben warfen sich ihr zu Füßen und waren so verwirrt wie meine Sprungseile.
Ach, Marianne war unerreichbar schön, und ich glaube, sie war so ästhetisch, dass sie niemals mit dem Finger in der Nase popelte.
Mama sah es gar nicht gerne, dass ich mit dem Mädchen sprach, aber eigentlich sagte sie mir ja gar nichts.
Manchmal machten Sematingers mit ihr eine Ausfahrt, und dann stand ich bei der Einfahrt und sah den Dreien nach und malte mir in der Phantasie die wundervollsten Reisen aus. Am andern Tag erzählte dann Marianne von den Ausflugszielen und zielte mit jedem Wort nach Bewunderung.
Bei Herbstesanfang verschwand dann die Halbwüchsige wieder aus meinem Blickfeld, und ich hatte komischerweise nie Heimweh nach dem hübschen Backfisch. Ich vergaß die roten Lippen, die rosaroten Finger- und Fußnägel und stieg zufrieden mit verschmutztem Gesicht und trauerumränderten Fingernägeln die Treppen hoch, um die allabendliche Waschprozedur über mich ergehen zu lassen.
Die beiden Sematingers hielten sich weiterhin treu bei den Händen, liefen untergehakt zur Arbeit, gingen eng zusammen wieder heim, gingen gemeinsam Einkaufen, liefen zusammen ins Kino, er grüßte korrekt, sie lächelte schmal, und doch verlor ich das Ehepaar nie aus dem Gedächtnis. Es war soviel Treue in ihrem ganzen Verhalten, so ein Selbstverständnis ihres Verstehens, dass ich nur hoffen kann, dass diese Gemeinsamkeiten bis in ihr Alter sie begleiteten.
Selten gibt es Ehepaare, die sich so zusammenfügen und eine Einheit bilden. Namenszug und Charakterzug zweier Menschen ist meist zweierlei. Wie heißt es in einem sinnigen Spruch so schön? :
Ich weiß wer du bist,
doch ich weiß noch nicht w e r!
Bloß, wenn ich's erfahr',
dann bist du's nicht mehr! ...
© Barbara Mitteis
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