Das Kernkraftwerk, die Schweißnaht, der Schulausflug und der TÜV Süd

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Wie mit der Sicherheit der Bürger ein gefährliches politisches Spiel gespielt wird
Dienstag, 20. Juli 2010 - 16:45
Bus

© Manfred Mazi / PIXELIO

Stellen sie sich einmal vor, sie hätten Kinder und eines dieser Kinder würde ihnen erzählen, dass es demnächst einen Schulausflug mit dem Bus nach - sagen wir mal - Konstanz machen wird. Ein Schulausflug mit dem Bus, das ist ja nichts wirklich Außergewöhnliches. Nun erfahren sie aber, dass das Busunternehmen, welches von der Schule zur Beförderung ihres Kindes als günstiger Anbieter ausgewählt wurde, zum Teil sehr alte Busse im Einsatz hat. Sie haben auch schon von Vorfällen in der Zeitung gelesen, bei welchen es zu Unfällen mit diesen Bussen kam, weil die Fahrzeuge eben schon älter sind. Als verantwortungsbewusste Eltern fragen sie beim Busunternehmer deswegen mal genauer nach und erfahren, was es denn genau mit der Problematik auf sich hat.

Das Problem der alten Busse liege nicht nur, aber hauptsächlich an den Bremsen der Fahrzeuge. Zwar gebe es auch manchmal Schwierigkeiten mit den Sitzen, der Heizung und den Scheibenwischern, aber die Bremsen, ja, die seien das eigentliche Problem. Es gebe eine Studie, erstellt von einem unabhängigen Sachverständigenteam, die das Problem analysiert hat und die zu dem Schluss kam, dass die Hauptbremsleitung an einer nur sehr sehr schwer zugänglichen Stelle brechen kann, was den Totalausfall der Bremsen zur Folge hätte. Verantwortlich hierfür sei eine Schlauchverbindung der Bremsleitung, die jedoch nur dann genauer untersucht werden könne, wenn der komplette Motor des Busses ausgebaut werden würde. Die Studie empfahl daher, das Bremssystem generell einer genaueren Überprüfung zu unterziehen, und insbesondere eine Inspektion der besagten Schlauchverbindung vorzunehmen - auch wenn dies sehr aufwendig ist.

Der Busunternehmer versichert ihnen, dass er die Studie zur Kenntnis genommen habe und seinerseits eine Untersuchung und Beurteilung des Busses, mit welchem ihr Kind fahren wird, durch den TÜV Süd veranlasst habe. Diese Studie des TÜV Süd kam nun zu dem Schluss, dass das Bremssystem alle 4 Jahre einer intensiven Prüfung unterzogen werden sollte, während der Bus als solches jährlich einer Gesamtprüfung unterzogen werden muss. Eine jährliche Prüfung der Bremsen und insbesondere ein Ausbau des Motors, um an die problematische Schlauchverbindung heranzukommen, sei hingegen nicht erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit des Ausfalls der Bremsen wegen des Bruches der Schlauchverbindung sei auch bei diesen wirklich sehr alten Bussen so gering, dass dieses Problem zu vernachlässigen sei. Ihr Kind, so der Busunternehmer, sei also völlig sicher unterwegs.

Meine Frage ist nun: Würden Sie ihr Kind mit diesem Bus in den Schulausflug schicken?

Würden Sie Ihr Kind auch schicken, wenn sie wüssten, dass erstens der TÜV Süd eine Kapitalgesellschaft ist, deren Hauptgesellschafter der TÜV Süd e.V. ist und zweitens hinter dem TÜV Süd e.V. wiederum als Beteiligte die Herstellerfirma des Busses, der Busunternehmer, mit welchem ihr Kind in den Schulausflug fahren soll, und zahlreiche seiner Mitbewerber stehen, die ebenfalls Exemplare der problembehafteten Busse in ihrer Flotte haben.

Ich würde es nicht tun, denn dieses Risiko möchte ich nicht eingehen.

Bliebe die Anfrage an den Lehrer, der den Ausflug organisiert: „Würden Sie nicht vielleicht doch mit der Bahn fahren, was zwar etwas teurer, aber wohl sicherer ist, da alle Vergleichsangebote im ähnlichen Preisrahmen die „Problembusse" nutzen?"

Und nun zurück zur Überschrift dieses Artikels:

Was beim Busbeispiel die Schlauchverbindung ist, ist bei Kernkraftwerken des Typs, der in Philippsburg als Block 1 am Netz ist, eine Schweißnaht.

Eine Schweißnaht, die den Reaktordruckbehälter des Kernkraftwerkes „zusammenhält" und die, wenn sie bricht, einen GAU, den größten anzunehmenden Unfall zur Folge hätte. Radioaktivität würde in großem Umfang freigesetzt und weite Gebiete um das Kernkraftwerk Philippsburg wären radioaktiv verstrahlt.

Atomkraftwerk

© Bernd Boscolo / PIXELIO

Nochmals, das Problem ist wissenschaftlich aufgearbeitet und bewiesen und das Risiko Schweißnaht kann nur durch eine regelmäßige und intensive  Überprüfung derselben kontrolliert werden. Eine solche Untersuchung der Schweißnaht wird jedoch nicht vorgenommen, da dies mit immensen wirtschaftlichen  Einbußen für die Betreiber verbunden wäre. Der TÜV Süd empfiehlt lediglich eine Überprüfung des Gesamtsystems Reaktordruckbehälter alle 4 Jahre, verlangt aber keine Untersuchung der Schweißnaht. In der Realität stehen hinter dem TÜV Süd der TÜV Süd e.V. dessen Mitglieder die Betreiber und Eigentümer der betroffenen Kernkraftwerke sind.

Wenn dies nicht Anlaß zur Sorge ist, dann weiß ich nicht mehr weiter. Aus meiner Sicht muss hier die Politik eingreifen und zum Wohle und zur Sicherheit der Bürger aufsichtsrechtliche Maßnahmen ergreifen. Oder war die Lobbyarbeit der Kernkraftwerklobby schneller und erfolgreicher und all das ist ein abgekartetes Spiel?

Stört es uns Bürger wirklich nicht weiter, wenn mit unserer Sicherheit in solch eklatant fahrlässiger Weise gezockt wird und dabei Unsummen verdient werden?

Stört es uns wirklich nicht, wenn gesponserte Gutachten uns ein Sicherheitsgefühl vermitteln sollen, obwohl in Wahrheit große Risiken bestehen - insbesondere bei alten Kraftwerken des fraglichen Typs?

Stört es uns nicht, dass die Aufsichtsbehörde von den durch sie beauftragten Kontrollorgane vorgeschrieben bekommt, was sie sagen darf?

Warum wehren wir uns nicht? Muss erst etwas passieren?

Nochmals die Frage: Würden sie ihr Kind mit diesem Bus fahren lassen?

Im Anhang finden Sie den Bericht aus der Sendung "Kontraste" im Transskript zum Herunterladen und an dieser Stelle finden sie den Link zum Filmbericht. Nehmen sie sich die ca. 5 Minuten und lesen sie den Artikel in seiner Gesamtheit, dann wird ihnen klar werden, welche Ungeheuerlichkeiten hier ablaufen.

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Kommentare

Sehr guter Vergleich

Freut mich, dass sich nun doch Einige den Kontrastebericht lesen und anschauen.
Es ist einfach ungeheuerlich (gelinde ausgedrückt), dass die TÜV Süd AG, als Auftragnehmer dem Auftraggeber, also der staatlichen Kontrollbehörde, das Wort verbieten kann / darf!

Gutes Thema, Schlechter Link

Gutes Thema, und daher heißt es, ABSCHALTEN, und zwar WELTWEIT!

KLARMACHEN ZUM ÄNDERN!

Es kann nicht sein, dass Biostromerzeuger ihren Strom teuer verticken, um billigen Nuklearstrom einzukaufen. WEG DAMIT!

Apropos Kontraste: Dieses 'Verbrauchermagazin' ist mir in Zusammenhang mit unseriösen, reißerischen Berichten zum Thema Ego-Shootern, vulgo 'KILLERSPIELEN' bekannt. Daher habe ich dieses Medium als solches ignoriert!

Suche nach einem Sündenbock

So ein klein bischen muss ich auch den TÜV in Schutz nehmen. Die Sachverständigen prüfen ja nach bestimmten Vorgaben. Ich denke sie werden sich schwer an die Ihnen vorliegenden Prüfvorgaben halten.
Nur wer erstellt diese ??
Das sollte man sich mal fragen.

Vielleicht sollte man auch mal Nachdenken das Herr Mappus und Frau Gönner besser ihren Hut nehmen sollten.
Ich hoffe nur, die Menschen in Baden - Württemberg wissen was sie am 27.3 wählen müssen.

Hier kann sich jeder selbst ein Bild machen

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.akw-akten-greenpeace-zeigt-tanj...

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.atomkraftwerke-im-land-ueber-pa...

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