Den Kaufmann retten? Nein, danke.

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Sehr persönliche Anmerkungen zur Bruchsaler Schlachthof-Diskussion in Magazinen und an Stammtischen
Samstag, 15. Oktober 2011 - 0:09
Rainwurf

Wer den Schlachthof-Verein unterstützt, unterstützt nicht den Kaufmann. Der Kaufmann hat am 30. November fertig und liefert an diesem Tag sein letztes Kabarett in Bruchsal ab. Wer den Schlachthof-Verein unterstützt, hilft, dass es in diesem einmalig schönen Kultur-Denkmal auch weiter Kultur geben kann, und zwar Kultur für viele und nicht nur SchickiMicki oder Mainstream.

1. Die Zeit der Schlachtfeste

Ein kurzer Rückblick tut Not angesichts dessen, was an Stadtgesprächen zu mir durchgedrungen ist: Als vor etwa 15 Jahren das Thema Bruchsaler Schlachthof auf der Tagesordnung stand, der damals nur noch eine Fleischzerlegung war und in einem baulich völlig heruntergekommen Zustand, hatte ich mit einigen Freunden im damaligen „Kulturverein Schlachthof“ versucht, wie andernorts eine Umwidmung als Kulturzentrum politisch durchzusetzen. Im Bruchsaler Rathaus hatte man damals sogar den Abriss des Schlachthofs als eine durchaus realistische Alternative bedacht. Das Denkmalschutzamt musste eingreifen, unglaublich eigentlich, aber wahr.

Mit zwei einwöchigen Zeltfestivals, „Schlachtfeste“ genannt, hatte der „Kulturverein Schlachthof“ auf dem Schlachthof-Areal die ersten Kleinkunst-Festivals in Bruchsal veranstaltet. Mit großem Erfolg. Die nicht unerheblichen Defizite dieser Festivals sowie aller anderen Aktivitäten des Kulturvereins Schlachthof haben damals meine Familie und ich über eine private GmbH getragen, nicht etwa der Verein und seine Mitglieder. Das Motiv war, über den Publikumserfolg dieser Festivals nachzuweisen, dass es in Bruchsal und der Region einen Bedarf für eine kulturelle Alternative zur noblen BÜZ-Edelholzkultur gibt. Und dass es Bürgerinnen und Bürger gibt, die sich für eine solche Alternative auch finanziell einbringen würden. Unser Konzept hatte von Anfang an keine politische Chance, obwohl ich für die anstehenden Investitionen sowohl über nennenswerte Eigenmittel verfügte als auch die Unterstützung finanzkräftiger Kreise in der Bürgerschaft erwarten durfte. Meine Eigenmittel habe ich in der Folgezeit in Georgien investiert, wo seit 15 Jahren mein Arbeitsschwerpunkt und auch heute noch mein Brot- und Buttergeschäft ist.

Bürgerschaftliches Engagement wurde abgeschmettert

Denn leider hat der damals politische Mainstream der Stadt dieses Angebot aus der Bürgerschaft nicht angenommen und im Schlachthof-Areal eine Planung verwirklicht, die hinter den Kulissen des Gemeinderats von der SEPA und einem einschlägig bekannten Gemeinderat und Immobilien-Makler ausgeheckt worden war. Dabei gab es auch in der Stadtverwaltung Planungsentwürfe, die das Konzept des Kulturvereins wohlwollend aufgegriffen hatten. Eine Planskizze befindet sich noch in meinem Besitz. Der Gemeinderat hat aber als mehrheitlich willfähriges Abnickungsorgan dem Schäfer-SEPA-Vorschlag zugestimmt statt eigene Konzepte zu entwickeln oder die anderer wenigstens anzuhören und zu diskutieren. Doll. Das Ergebnis, eine städteplanerische Katastrophe, ist hinreichend bekannt.

Nach den zwei Schlachtfesten am Schlachthof war es erneut der damalige „Schlachthof-Kulturverein“, der über die GmbH als Veranstalter mehrere Kleinkunstevents in unterschiedlichen Lokalitäten der Stadt anbot, u.a. im BÜZ oder im Weingut Klumpp. Dann folgte das allererste Festival im Atrium des Bürgerzentrums, ein Platz, dessen Potenzial als Spiel- und Veranstaltungsstätte der Kulturverein Schlachthof entdeckt hatte, nicht etwa die dafür bezahlten städtischen Kulturverwalter im BÜZ.

Erst das zweite Schlachtfest im BÜZ hatten wir dann gemeinsam mit einem allseits bekannten Bruchsaler Medienunternehmen gemeinsam veranstaltet. Dieses hat dann in den Folgejahren, nachdem ich mich überwiegend meinem georgischen Engagement widmen musste, mit dem „Bruchsaler Sommer“ die Tradition der Schlachtfeste in einem anderen Konzept fortgesetzt. Daraus erwuchs dann die Kleinkunstreihe „Willi, die Bühne“.

Das persönliche Fazit darf ich mir erlauben: Ohne die Schlachtfeste am Schlachthof und im BÜZ-Atrium wären „Bruchsaler Sommer“ und „Willi, die Bühne“ kaum denkbar. Damit habe ich kein Problem, im Gegenteil: Das damals am Schlachthof ausgepflanzte Pflänzchen „Kleinkunst in Bruchsal“ wuchs und gedieh. Erfreulicherweise. Der Erfolg sei seinen Machern gegönnt. Aber ich erwarte ein klein wenig Verständnis dafür, wenn ich mich gegen den Versuch zur Wehr setze, mit subtilen und kryptischen Kommentaren die Schlachthof-Geschichte zu klittern und für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Der Schlachthof als Kulturstätte wurde nicht im Jahr 2006 entdeckt, das stimmt. Das war vor mehr als 15 Jahren. Aber dazu bedurfte es schon etwas mehr als einer gut gemachten Postkarte…

2. Fünf Jahre „Kaufmanns Schlachthof“

Im Sommer 2006 erhielt ich in Georgien mehrere Anrufe von den „Willi, die Bühne“-Machern. „Willi, die Bühne“ hatte sich damals mit seinen Veranstaltungen über Jahre hinweg in der Kneipe des Bruchsaler Schlachthofs etabliert. Die Botschaft an mich: Der bisherige Pächter hat kurz nach der WM 2006 pleite gemacht. Und „Willi, die Bühne“ hatte sein Herbst-Winter-Frühjahr-Programm schon gebucht und wusste nicht, wo dieses Programm veranstaltet werden sollte. „Du hast doch immer gesagt, dass Du zurück kommen wirst, wenn der Schlachthof frei wird!“

Stimmt, das hatte ich oft genug gesagt. Und deshalb habe ich mich auch nach ein paar vorbereitenden Gesprächen mit dem Verpächter bereit erklärt, einen fünfjährigen Mietvertrag mit vollem persönlichem und unternehmerischem Risiko abzuschließen und dafür mein Georgien-Geschäft für fünf Jahre aus der Ferne zu organisieren. Wer wie ich immer vorlaut A ruft, muss dann auch mal B sagen und darf sich nicht um Verantwortung und Risiko drücken, wenn sie denn eingefordert werden.

Schlachthof - ein vergessenes Juwel

Das Ziel dieses Engagements war, der Bruchsaler Öffentlichkeit, der Politik und dem Besitzer den Beweis zu liefern, dass der Schlachthof eine Kulisse darstellt, in der eine kulturell-gastronomísche Nutzung dringend notwendig und auch umsetzbar ist. Das auch vor dem Hintergrund, dass das Vertragsende des längst geschlossenen Supermarktes bekannt war und für die Zeit danach eine erweiterte kulturell-gastronomische Teilnutzung des Areals hätte vorbereitet werden können.

Das Bruchsaler Medienunternehmen, das mich durchaus auch aus eigenem Interesse gerufen hatte, stand anfänglich dankenswerterweise mit seiner vollen Werbepower hinter mir, stieg aber nach der zweiten Saison in „Kaufmanns Schlachthof“ aus. Die öffentliche Begründung, das unzureichende Platzangebot, ist nachvollziehbar. Gleichzeitig wurden aber auch erhebliche atmosphärische Störungen inszeniert, vermutlich weil ich aus strategischen Gründen mit meinem bescheidenen Werbebudget auch ein anderes Printmedium bedenken musste. Dieser Hintergrund wurde mir damals von mehreren Insider-Quellen bestätigt. Ich habe ihn nie öffentlich gemacht, jetzt bleibt mir nichts anderes übrig.

Alle Versuche, entweder über einen Umbau des jetzigen Restaurants oder die vor drei Jahren mögliche Zupachtung der Leerstandsflächen den entsprechenden Platz für „Willi, die Bühne“ und andere Interessenten (Exiltheater, Ausstellungen, MuKS und andere) bereitzustellen, wurden negativ beantwortet. Angebote meinerseits gab es so viele wie Gespräche, die alle im unverbindlichen Jein versandeten. Und seit „Willi, die Bühne“ ím Bürgerzentrum Unterschlupf finden musste, gab es auch mir gegenüber immer wieder Signale, nach einer möglicherweise erfolgten Sitzplatz-Erweiterung des Schlachthof-Restaurants wieder in den Schlachthof zurückzukehren. Signale, viele Wenns und Abers, aber nicht einmal eine klare Entscheidung: Ja, das machen wir jetzt gemeinsam.

Kulturelle Kleingärtnerei

Ähnlich erging es dem Schlachthof mit vielen anderen in der Stadt, denen ich immer eine völlig problemlose und offene Zusammenarbeit angeboten hatte. Aber statt zu erkennen, dass es dieses Gebäude wert wäre, zusammen zu stehen, um es in der Zukunft gemeinsam bespielen zu können, machten persönliche Eitelkeiten und Befindlichkeiten immer wieder einen Strich durch die Rechnung. So gießt in dieser Stadt halt jeder für sich alleine sein kleines Kultur-Kressebeet, statt im architektonischen Juwel Schlachthof gemeinsam einen großen Kulturgarten abzulegen. Kleinkariertes Konkurrenzdenken und selbstverliebte Eigenbrötelei statt gemeinsamer und damit machtvoller Interessensvertretung aller Kultur-Freaks der Stadt.

Den Gipfel leistete sich ausgerechnet die Leiterin der öffentlich-rechtlichen MuKS mit der Forderung an mich, keine privaten Musikschulen im Schlachthof auftreten zu lassen, nachdem der Schlachthof den Peter-Pan-Figuren der MuKS nach deren Straßen-Laternen-Show ein öffentliches Dauer-Asyl gewährte. Es könne nicht sein, so die öffentlich bestallte Dame an den Privatunternehmer Kaufmanns Schlachthof, dass die MuKS die Kulisse liefere, in der sich dann ihre privatwirtschaftliche Konkurrenz produziere. Soviel Hirnriss und unverfrorene Arroganz war selten. Aber am Ende war dann immer der Kaufmann schuld, wenn’s mit einer Zusammenarbeit nicht klappen sollte. Auf weitere Beispiele interner Debatten und veritabler Bühnenkräche will ich verzichten. Kleinstadt-Boulevard ist nur eines: noch langweiliger als der Boulevard der großen, weiten Welt. Der nimmt sich wenigstens nicht wichtig!

Willi-Kommentar verletzend

Vor diesem gesamten Hintergrund bin ich über Inhalt des Willi-Kommentars persönlich enttäuscht und, was den Stil angeht, auch entsetzt. Es tut mir einfach weh, wenn über das Engagement vieler Menschen, die den Schlachthof als ihr Event-Lokal erhalten wollen, in einem journalistisch höchst fragwürdigen Leitartikel in einem Medium, das sich journalistisch definiert, derart zynisch und verletzend hergezogen wird. Und das von jemandem, der vor fünf Jahren mit einem gebuchten Jahresprogramm vor einem geschlossenen Schlachthof stand, um Hilfe rief und diese Hilfe auch dankend entgegennahm. Wer selbst Aktien in einem „Geschäft“ hat, darf sein eigenes Medium nicht so skrupellos einsetzen und andere Menschen der Lächerlichkeit preisgeben: Vereinsmeier… Wer trägt denn „Willi – die Bühne“? Ein Verein, natürlich. Ein Schuft, der überhaupt noch dabei denkt……

Kleine Frage am Rande: Was passiert eigentlich mit Leserzuschriften auf diesen Kommentar, sollten sie eingehen? Darf ich im „Willi“ auf einer ganzen Seite meine Meinung dagegen setzen? Auf dem Internet-Portal, für das ich diese ausführliche Stellungnahme verfasst habe, ist eine freie Diskussion möglich. Wer hier seine Meinung kund tut, setzt sich schonungslos den Meinungen anderer aus. Hier kann nicht aus der sicheren Hecke eines Medienverbundes geschossen werden. Und das ist gut so. Das will i gern ertragen. Das andere will i net.

Vielleicht bekomme ich jetzt für meine sicher kabarettistisch überzogene Spontanreaktion, Uli Konrad nach seinem nahezu unterirdischen Kommentar wieder das Sie anzubieten, wenigstens das Maß an Verständnis, das Herr Pofalla für seinen zeitgleichen Ausraster sicher nicht beanspruchen kann. Auch ich spiele gelegentlich meine kleine Nebenrolle im großen Provinztheater…

3. Die Zeit nach Kaufmanns Schlachthof

Am 30. November ist endgültig Schluss. Eine Nachspielzeit im Dezember wird es wohl nicht geben. Und was im nächsten Jahr wird, muss der Verein im Benehmen mit dem Besitzer entscheiden.

Bis Ende November werden wir allein in diesem Jahr in zehn Monaten (August war geschlossen) über 150 öffentliche Musik- und Kleinkunstveranstaltungen angeboten haben, 14 kulinarische Events und 23 Privat- oder Vereinsveranstaltungen. Also mindestens 18 Veranstaltungen im Monat. Natürlich ist das mit einer verstärkten Medienpräsenz verbunden, die andere mit 8 – 10 Veranstaltungen pro Jahr nun einmal nicht haben. Besonders lautes Trommeln wird das genannt. Ab Dezember sind dann die anderen Trommler wieder unter sich und ungestört. Das wollen sie doch.

Schlachthof – ein politisches Zukunftsthema?

In den letzten fünf Jahren wurde zumindest eines erreicht: Der Schlachthof ist als Event-Adresse in der ganzen Region und weit darüber hinaus bekannt und hat auch wieder das Interesse der Bruchsaler Politik und Gesellschaft gefunden. Anders sind die vielen Aktivitäten vor und vor allem hinter den Kulissen, die sich derzeit um die „Zukunft Schlachthof“ bekümmern, nicht zu verstehen, was auch immer dabei herauskommen mag. Der Schlachthof ist aus seinem SEPAröschenschlaf aufgeweckt worden. Dies wurde erreicht durch eine – freiwillige – Selbstausbeutung größeren Ausmaßes und durch zusätzliches Subventionieren des Betriebes durch meine Familie und mich. Darüber klage ich nicht, es war unsere Entscheidung, wir wollten auch die vereinbarten fünf Jahre mit Anstand durchziehen und nicht vorher die Segel streichen. Die dafür notwendigen privaten Ressourcen standen für fünf Jahre zur Verfügung. Es hat also nicht nur der Verpächter durch Pachtverzicht, es hat auch der Pächter durch „persönliche Entreicherung“ dazu beigetragen, dass es unzählige unvergessliche Events im Schlachthof gab, dass der Schlachthof wieder ein politisches wie gesellschaftliches Zukunfts-Thema in Bruchsal ist und nicht nur irgendeine Immobilie irgendeines Bauunternehmers, die man besser beizeiten abgerissen hätte.

Dabei habe ich immer Wert darauf gelegt, nicht nur kommerziell rentablen Mainstream zu veranstalten und mich im Glanze von TV-bekannten Gesichtern zu sonnen, sondern auch – im Vorgriff auf eine schon länger angedachte spätere Vereinslösung mit einem Sponsorenpool im Hintergrund – Veranstaltungen zu ermöglichen, die sich nicht rechnen (müssen). Dass ich für diese Politik jetzt vor allem Spott ernte, ertrage ich gerne. Es ist jedermanns Sache, wem er erlaubt, ihn zu beleidigen. Die vielen Newcomer-Bands, die im Schlachthof-Format „Musik auf Hut“ teilweise sogar erste Bühnenerfahrung sammeln konnten, sehen das ganz anders als manch ein Berufsspötter der Kraichgau-Metropole.

Natürlich habe ich, haben wir auch viele Fehler gemacht. Nur wer nichts unternimmt, macht keine Fehler außer einem einzigen, dem nämlich, nichts zu tun. Der größte Fehler war vermutlich, mich auf den Schlachthof und auf das Bruchsaler Millieu, das nicht nur ihn umwabert, eingelassen zu haben. Aber nach fünf Jahren weiß ich auch, was ich lieber vorher hätte wissen sollen: Es ist angesichts der mehr als dürftigen Infrastruktur des Restaurants, der Lage und der Gesamtkonzeption des Hauses mit all seinen weiteren aktuellen und potentiellen Nutzern und Untermietern nicht möglich, ein Event-Gastro-Konzept unter den derzeit obwaltenden Umständen zu realisieren. Aber: In einer für das ganze Haus stimmigen Gesamt-Neu-Konzeption, für die ich einige interessante und realisierbare Vorschläge vorbereitet und intern vorgetragen habe, wäre ein dauerhafter kultureller Nutzen für die Stadt und die Öffentlichkeit zu erträglichen Kosten und hinreichenden Mieten für den Besitzer realisierbar. Dass der Vermieter bereit ist, sich auf ein solches Konzept einzulassen, sofern es eine gewisse Nachhaltigkeit nachweisen kann, weiß ich aus vielen Gesprächen mit ihm. Da ist mehr Kooperationsbereitschaft vorhanden, als ihm immer wieder unterstellt wird. Denn auch der Vermieter weiß, dass er dank SEPA-Fehl-Planung heute eine rechte Problem-Immobilie besitzt.

Bürgerschaft als ihr eigener Mäzen

Deshalb habe ich zum Vertragsende zur Gründung eines Fördervereins aufgerufen. Dieser Verein hat, um es noch einmal zu sagen, nicht die Aufgabe, den Kaufmann zu retten. Das macht der, sollte er überhaupt mit dieser Notwendigkeit konfrontiert werden, ganz alleine. Der Verein hat die Aufgabe, wenigstens einen Teil des Schlachthofs, ein Gebäude, um das uns die ganze Region beneidet, für eine öffentliche, kulturell-gastronomische Nutzung zu retten, die jenseits von Kommerz und Mainstream angesiedelt werden kann. Wenn Kultur zuerst danach gefragt wird, ob sie sich auch rechnet, sind geistiger Einheitsbrei und kulturelle Magerkost Marke Mario Barth die Folge. Denn der rechnet sich, und wie. Kultur war schon immer ein Objekt von Mäzenatentum. Nur selten hat sich Kultur selbst gerechnet.

Wenn jetzt die öffentliche Hand als Mäzen ausfällt, dann bleibt es eben an der Bürgerschaft, diese Aufgabe selbst in die Hand zu nehmen. Was für eine Chance und Vision: Die Bürgerschaft als ihr eigener Mäzen ohne den Umweg über die Zuteilungsmechanismen von Verwaltungen unter der Oberaufsicht des allentscheidungsmächtigen, politischen Allparteien-Establishments. Welche Sachkompetenz diese Verquickung aus Verwaltung und Politik gebiert, diese Nebenbemerkung sei erlaubt, ist seit 25 Jahren am und im Bürgerzentrum zu beobachten. Avanti Dilletanti. Nur: Diese Herrschaften müssen für ihre Fehlentscheidungen nicht gerade stehen. Die lassen sich ungeniert immer wieder retten. Von einem speziellen Verein, dem der Steuerzahler. Vereinsaustritt unter Strafandrohung verboten.

Zugegeben, hinter all dem steckt auch ein bisschen Aufmüpfigkeit, ein kräftiger Schuss Heckertum oder etwas vom Geist der 68-er. Traditionen, die unterzugehen drohen in einer Welt, in der nur noch Investoren vor-rechnen, mit welchem Angebot der Verbraucher hinterher noch rechnen darf. Das mag in allen Konsumbereichen seine wirtschaftliche Berechtigung haben. Klar. Aber die Kultur ist das denkbar schlechteste Terrain für solche Geschäftsmodelle. Es liegt an uns allen, ob wir das ändern oder als gesetzmäßig hinnehmen und damit der geistigen Verblödung Vorschub leisten.

Sollte es gewünscht werden, werde ich bei dieser Zielsetzung im Verein aktiv mitwirken. Aber nur bei dieser Zielsetzung. Und nur im Ehrenamt. Und nur, wenn viele, die das auch wollen, ihr Scherflein dazu beitragen und auch mitmachen. Es besteht die große Chance, den Verein mit der notwendigen Power an Mitgliedern und Sponsoren auszustatten, die er braucht, um seine Ziele für Bruchsal und die Region zu erreichen. Sollte mein Name ein Hindernis sein für viele, dem Verein beizutreten - kein Problem, ich übergebe gerne. Ich kann loslassen….

Was bleibt sind Erinnerungen an unzählige Konzerte mit Local Heroes wie internationalen Größen, mit arrivierten Musikern und Newcomern, mit Gästen aus Nah und Fern (schöner Gruß an das Stadtmarketing: Bitte nicht aufwachen, bitte weiterschlafen!!!!), herrliche Kabarett-Abende (wenigstens für uns Akteure), die Mehrfach-Besteigung des HockHerBerges, die Fußball-EM und WM, als der Schlachthof zum Zentrum der Fans wurde, leider nur bei den Männer-Turnieren. Auch viel Lob für manch ein ausgefallenes Buffet bei Privat- oder Firmenevents, auch das gab es. Mit Bruchsaler Stammtisch-Weisheiten, was die Alltags-Gastronomie im Schlachthof angeht, können wir leben. Da ist die eine oder andere Kritik sicher berechtigt. Sicher ist aber auch, dass gerade in Bruchsal recht schnell der kollektive Stammtisch-Daumen gesenkt wird und kaum einer kann erklären, warum. Und manchmal erhebt sich gar einer zum Ober-Gastro-Kritiker, der in seiner Karriere als Kneipenkunde noch selten etwas anderes bestellt hat als Schni-Po-Sa. Auch das sei ihm vergönnt, seine Leibspeise und seine Kritik.

OB-Wahl: Zentrum der Bürgergesellschaft

Was vor allem bleibt, ist der OB-Wahlkampf, bei dem sich alle Parteien im Schlachthof zur offenen Diskussion trafen, sich dieses Gebäude als eigentliches Zentrum einer sich richtig verstehenden Bürgergesellschaft bewährte und den traditionellen Politik-Oberen ihr Regie-Monopol aus der Hand nahm. Welch Potenzial könnte diese Stadt im Schlachthof abrufen, wenn sie nur wollte. Nicht die Stadtverwaltung ist gemeint, die Stadt als ganzes. Aber die macht sich an den Stammtischen ja hauptsächlich Gedanken darüber, ob sie gewillt ist, den Kaufmann zu retten. Dabei geht es nur darum, den Schlachthof zumindest teilweise für die Bürgerschaft zu retten. Schicki-Micki und hippe Konzepte, die derzeit hinter den Kulissen angedacht werden, bringen der Bürgerschaft nichts, vielleicht einem Teil, dem nämlich, der es sich leisten kann, hipp zu sein und jedem Mode-Hype hinterher zu rennen. Mein Schlachthof-Konzept hatte immer eine andere, eine breitere Zielgruppe. Es kommt schon auf den Begriff von Kultur an, den man hat.

Es geht darum, die letzte Chance zu nutzen, eine der größten kommunalpolitischen Fehlentscheidungen der Ära Doll zu korrigieren. So jedenfalls habe ich die letzten fünf Jahre im Schlachthof verstanden. Mission impossible? Vielleicht. Aber manchmal muss man auch das Unmögliche versuchen. Gelegentlich gelingt s ja auch. Meistens dann, wenn viele, die an demselben Strang ziehen, nichts dagegen haben, das Etikett Vereinsmeier angeklebt zu bekommen.

Zum Abschied: Noch einmal Stadtkabarett

Ein paar persönliche Anmerkungen zum Schluss: Meinen beruflichen Schwerpunkt sehe ich ab sofort wieder in Georgien, wo nach der wirtschaftlichen Lethargie der letzten drei Jahre Aufschwung angesagt ist. Es gibt für mich dort mehr als genügend zu tun. Um meine persönliche Existenz und die meiner Familie braucht sich also niemand Gedanken zu machen. „Es tut so gut, auch anderswo daheim zu sein“ heißt es in einem meiner Kabarett-Songs. Das ist jetzt erneut angesagt und ich bin wirklich nicht unglücklich über den kleinen persönlichen Luxus, neben Bruchsal eine weitere Heimat zu haben. Heimat ist für mich dort, wo man gebraucht wird. In den letzten 40 Jahren musste ich nie meinen Lebensunterhalt in Bruchsal verdienen. Auch nicht in den letzten fünf Jahren. Das hat mir eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt, die mir gelegentlich auch als Arroganz ausgelegt wurde. Das kann ich sogar nachvollziehen. Dabei verstehe ich auch jeden, der diese Unabhängigkeit nicht so ausleben kann wie ich mir das gelegentlich leisten konnte. Und weiter leisten will.

Am 29. November lade ich noch einmal alle, die sich zu kommen trauen, ein, mit mir und HarryOKE meinen Geburtstag zu feiern. Auf diese Party freue ich mich, denn mit meinem Geburtstag vor fünf Jahren hat das zweite Abenteuer Schlachthof angefangen. Und am 30. November werde ich mich mit einem wirklich letzten Kabarett-Programm aus dem Schlachthof verabschieden. Vielleicht auch aus Bruchsal, wer weiß…

Allen, die in den letzten Jahren mitgeholfen haben, danke ich gerne, vor allem meiner Familie, die das tapfer und loyal mitgetragen hat. All denen, die das kritisch begleiteten, natürlich auch. Und das ist ehrlich gemeint. Ebenso all denen, die Zielscheibe meiner gelegentlichen Kratzbürstigkeit waren und diese zu ertragen hatten. Und letztlich bei allen, die sich bis hierher durch dieses Pamphlet gekämpft haben.

Die fünf Jahre im Schlachthof waren alles andere als sinnlos, wenngleich möglicherweise vergebens. Komme mir jetzt aber keiner mit der Binse von der Tragik des Lebens

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Kommentare

Dies ist der Kommentar von Ulrich Konrad im "Willi":

Überall ist Schlachthof


Das jedenfalls behaupten die Vereinsmeier, die einen Schlachthofverein gegründet haben und Schlachthöfe ganz allgemein als Heimat für kulturelle Veranstaltungen für geeignet halten. Weshalb ausgerechnet Schlachthöfe dafür prädestiniert sein sollen, hat sich mir nie so recht erschlossen. Selbst wenn man sich frei macht von den Gedanken, die schreiende zur Schlachtbank geführte Viecher auslösen.

Ja sicher, der Tod gehört zum Leben. Das Tier als Feinkostlieferant. Irgendwo auch Kultur. Geschöpfe, ordentlich gekillt ist ja allemal humaner, als in Massenhaltung schon vor der Schlachtbank zu Tode gequält.

Aber es stimmt einfach. Schon oft wurden aus den Killerburgen Kulturtempel gemacht. Ob aus Überzeugung oder aus der Not heraus, weil keine andere Verwendung für solch historisch belasteten Baudenkmäler möglich waren? Egal. Es ist wie es ist. Ich kann damit leben.

Nun hat auch Bruchsal seinen Schlachthof entdeckt und die Kultur gleich mit, als gäbe es sonst keine. Und wo ein Lebensmittler nicht reich wurde, soll nun ein Kulturreich reich machen. Nein nicht im monetären, eher im übertragenen Sinn. Aber weshalb sollte wirtschaftlich sein, was sich auch bisher nicht rentiert hat? Die Vereinsgründer werden es wissen (wollen).

Allein kann man die Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Und der Wirte gibt es viele: Da ist eine Anwohnerschaft, die „in Ruhe“ wohnen will. Ein Verein, der es auch mal krachen lassen will. Ein Eigentümer, dem eher die Einnahmen am Herzen liegt. Und nicht zuletzt eine Oberbürgermeisterin, die am liebsten gerne alles hätte: allen Wohl und keinem Wehe aber nichts auf der hohen Kante hat.

Gleichwohl werden sich einige Interessen daran reiben. Ob am Ende rauskommt, was ein jeder will? Hoff entlich kein Hornberger Schießen nach langen Diskussionen. Ich kanns abwarten. Und die 5 Euro Mitgliedsbeitrag sollten auch kein Hindernis sein, die „Mission Impossible“ zu begleiten.

Nicht vergessen sollte man bei aller Euphorie über so viel Engagement die vielen Bruchsaler Kulturveranstalter, die ebenfalls seit vielen Jahren mit viel Engagement ein kulturelles Angebot bieten, nur nicht so laute Trommler haben. Denn bei aller Sympathie fürs kulturelle Engagement: erfunden wurde es im Schlachthof nicht neu. Und so sollte man trennen zwischen Inhalt und Verpackung.

In jedem Fall wird uns die Geschichte viel Unterhaltung bescheren. Im Spannungsfeld zwischen Besitzstandswahrung, Kulturbanausentum, Gutmenschen, Rechtsanwälten, Sachverständigen, Politikerfähnchen, Unternehmermuskeln und allen, die beim Generalplan „Bruchsal goes Culture“ ins Boot springen werden. Ein Abenteuer für den Verein bei dem Ende hoff entlich nicht steht: außer Spesen, nichts gewesen!

U. Konrad
Vereinsmeier

Schmerztabletten

Hoffentlich hat es nach diesem hirnmasturbatorischen Versuch wenigstens zu einer satten Migräne gereicht.

"Musik ist das stärkste Element des Zusammenkommens....

Weil sie keine Zunge hat sondern nur Geist", meint Stéphane Hessel, der Autor von "Empört euch!" Diese ganze Debatte um provinzielle "Kulturhoheit" ficht mich nicht an. Der Versuch ist, war und bleibt es wert. Kleinbürgerliche Machtkämpfe sind mir fern - wir sind längst in der Globalisierung angekommen mit allen Nachteilen, aber auch immensen kulturellen Vorteilen. Wer das nicht kapiert, soll sich einsalzen lassen. Den kulturellen Reichtum, den uns die Globalisierung bietet und der teilweise im Schlachthof aufgezeigt wurde und hoffentlich weiterhin aufgezeigt wird, müsste und sollte auch ein Bruchsaler Publikum wertschätzen. 

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